Die Notwendigkeit der Reformation der Kirche

pdf der Druckfassung aus 18/Juni 2007

sez_nr_185von Karl-Hermann Kandler

Reform - Reformation - Revolution. Drei Begriffe, die wir erst einmal klären müssen. Unter Reformation verstehen wir heute etwas anderes als eine Reform. Dieser Begriff ist gegenwärtig ziemlich in Verruf geraten. Überall spricht man von Reformen und daß sie nötig seien. Aber das ist ein mühsames Geschäft. Ich denke nur an die Gesundheitsreform. An sich ist von Anfang an - schon im Lateinischen - mit Reform eine positiv gewertete Umgestaltung gemeint, sei es eine Wiederherstellung eines früheren Zustandes, sei es eine Verbesserung der Verhältnisse ohne Rückgriff auf Vergangenes. Der dritte Begriff - Revolution - meint eine (ganz wörtlich übersetzt) Umwälzung bestehender Verhältnisse oder Prozesse, meint einen Systemwandel. Heute versteht man darunter eine Bewegung, die eine neue Gesellschaftsordnung schaffen und durch die eine bestimmte Gruppe, etwa eine Klasse, an die Macht kommen will. Die Marxisten behaupten, auch die Reformation sei eine Revolution gewesen, zusammen mit dem Bauernkrieg wurde sie als „Frühbürgerliche Revolution" bezeichnet. Das geschah, weil Marxisten nur innerweltlich denken können und für sie die Reformation nur als ein innerweltlich ausgerichtetes Geschehen Bedeutung haben konnte. Marx bezeichnete die Revolutionen als „Lokomotiven der Geschichte". Er konnte sich Revolutionen nicht ohne Gewaltanwendung vorstellen und war davon überzeugt, zuerst müsse die Machtfrage geklärt werden. Die gewaltlosen Revolutionen von 1989 haben den marxistischen Revolutionsbegriff eindeutig widerlegt. Doch das ist nicht unser Thema.

 Gastbeitrag

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Dar­um nun: Was ist Refor­ma­ti­on? Wir ver­ste­hen heu­te unter Refor­ma­ti­on aus­schließ­lich die Bewe­gung, die im sech­zehn­ten Jahr­hun­dert, genau am 31. Okto­ber 1517, durch Mar­tin Luther und sei­ne fünf­und­neun­zig The­sen gegen den Ablaß aus­ge­löst wur­de. Das war nicht immer so. Lan­ge Zeit wur­den Reform und Refor­ma­ti­on nicht unter­schie­den. Im fünf­zehn­ten Jahr­hun­dert erschien die Schrift Refor­ma­tio Sigis­mun­di, sie ent­hielt Vor­schlä­ge für eine Reichs­re­form. Sie soll­te eine Refor­ma­ti­on „an Haupt und Glie­dern” sein, eben eine posi­tiv gewer­te­te Umge­stal­tung. Aber die­se Refor­ma­ti­on wur­de ver­stan­den als eine Umge­stal­tung ohne Ände­rung des Wesens der Kir­che in der Leh­re, im Kult und in der Dis­zi­plin. Wenn ich von Refor­ma­ti­on spre­che, mei­ne ich aber nicht eine sol­che Refor­ma­ti­on, die doch nur Refor­men woll­te, son­dern eben das, was heu­te all­ge­mein als Refor­ma­ti­on bezeich­net wird, die Refor­ma­ti­on der Kir­che Jesu Chris­ti, ihre Umge­stal­tung, ihre Erneue­rung gera­de in ihrem Wesen gemäß der Hei­li­gen Schrift.

Inso­fern ist sie auf etwas aus der Ver­gan­gen­heit Stam­men­des bezo­gen, was die Vor­sil­be „re” erken­nen läßt. Refor­ma­ti­on will das Ursprüng­li­che wie­der­her­stel­len. Es geht aber, eben­so wie bei Reform und Revo­lu­ti­on, nicht um etwas Rück­wärts­ge­wand­tes, son­dern um etwas auf die Zukunft Gerich­te­tes. Hans Sachs ver­glich sie mit der Mor­gen­rö­te und dem Auf­gang eines neu­en hel­len Tages, der von der „Wit­ten­ber­gisch Nach­ti­gall” Mar­tin Luther ver­kün­det wur­de. Refor­ma­ti­on muß klar von einer Revo­lu­ti­on unter­schie­den wer­den. Das war – auch inner­halb der Kir­chen – nicht immer so. 1968 wur­de auf der Welt­stu­den­ten­kon­fe­renz in Tur­ku durch den refor­mier­ten Theo­lo­gen Jür­gen Molt­mann behaup­tet: „Wir leben in einer revo­lu­tio­nä­ren Situa­ti­on”. Dadurch sei das Chris­ten­tum in eine fun­da­men­ta­le Iden­ti­täts­kri­se gera­ten. Es sei, mit Karl Marx, gebo­ten, „alle Ver­hält­nis­se umzu­wer­fen, in denen der Mensch ein ernied­rig­tes (…) Wesen” ist. Das sei das neue Kri­te­ri­um, an dem der Glau­be zu mes­sen sei. Der Kampf um eine neue Erde kön­ne nur vor­an­kom­men, wenn man begrei­fe, „daß auch der Him­mel der Reli­gi­on alt und repres­siv gewor­den” sei. Letzt­lich han­delt es sich dabei wie­der­um nur um ein inner­welt­li­ches Gesche­hen. Wenn Jesus aber in der Berg­pre­digt sagt: „Trach­tet zuerst nach dem Reich Got­tes und nach sei­ner Gerech­tig­keit, so wird euch das alles zufal­len” (Mt 6, 33), so ist eben kei­ne inner­welt­li­che Gerech­tig­keit gemeint, son­dern Got­tes Gerech­tig­keit. Um die ging es vor allem in der Reformation.
Luther war nicht mit der Absicht her­vor­ge­tre­ten, die Refor­ma­ti­on her­bei­zu­füh­ren. Er hat­te kein Pro­gramm. Das fünf­zehn­te Jahr­hun­dert war viel­leicht die frömms­te Zeit, die es gab. Regel­mä­ßi­ger Kirch­gang, Gebet, from­me Übun­gen aller Art waren selbst­ver­ständ­lich. Man woll­te sich damit das ewi­ge Heil, das Reich Got­tes, das ewi­ge Leben bei Gott ver­die­nen und sichern. Zugleich war das Jahr­hun­dert geprägt von einem tie­fen Sün­den­be­wußt­sein und einer gro­ßen Angst vor dem Letz­ten, dem Jüngs­ten Gericht Jesu Chris­ti, vor dem ein­mal am Ende der Zeit alle wür­den erschei­nen müs­sen. Chris­tus wur­de als Rich­ter gese­hen, als stren­ger Rich­ter. Um vor sei­nem Gericht bestehen zu kön­nen, woll­te man sich auf die unter­schied­lichs­te Wei­se absi­chern. Das Wort Got­tes wur­de vor allem als Gesetz ver­stan­den, als ein ver­ur­tei­len­des Gesetz, vor dem man ohne Hil­fe und Bei­stand hilf­los war.
Nicht zuletzt war es die Leh­re vom Fege­feu­er, die sol­che Angst ein­jag­te. Im drei­zehn­ten Jahr­hun­dert aus­ge­bil­det, sprach sie davon, daß es nach dem Tod eine Art Zwi­schen­zu­stand gäbe, der der nach­träg­li­chen Läu­te­rung die­ne. Je nach­dem, wie­viel einer in sei­nem Leben gesün­digt hat­te, wür­de die Stra­fe im Fege­feu­er aus­fal­len. Dan­te hat in sei­ner Gött­li­chen Komö­die davon eine ein­dring­li­che Dar­stel­lung gege­ben. Nun kam es dar­auf an, sich auf alle mög­li­che Wei­se davor zu schüt­zen oder doch wenig stens die Zeit im Fege­feu­er zu ver­kür­zen. Auf viel­fäl­ti­ge Wei­se ver­such­te man, dem zu begeg­nen. So etwa die Bet­tel­mön­che (Fran­zis­ka­ner, Domi­ni­ka­ner, Augus­ti­ner-Ere­mi­ten), sie leb­ten von erbet­tel­ten Almo­sen. Bei­des, Almo­sen­ge­ben und Bet­teln, wur­de als gutes Werk verstanden.

Dem dien­te auch der Ablaß. Auf­grund der guten Wer­ke der Hei­li­gen, glaub­te man, sie könn­ten einem hel­fen, ein­mal dadurch, daß man zu ihnen bete­te und sie um Ver­mitt­lung bat, ein­mal dadurch, daß die Kir­che, die den Schatz ihrer guten Wer­ke ver­wal­te­te und dar­über ver­füg­te, ihn aus­teil­te. Sie tat das durch den Ablaß. Er bedeu­te­te den Nach­laß von Sün­den­stra­fen, die die Kir­che ver­häng­te, nicht Ver­ge­bung der Sün­den, aber als sol­che wur­de der Ablaß oft ver­stan­den. Die Sün­den­stra­fen waren zumeist mit Geld ver­bun­den, Almo­sen, Spen­den aller Art wur­den gefor­dert, aber auch Wall­fahr­ten und so wei­ter. Ande­re Stra­fen oder Auf­la­gen konn­ten mit Geld abge­löst wer­den. So gab es etwa die „But­ter­brie­fe”. Wäh­rend der Fas­ten­zeit soll­te kei­ne But­ter geges­sen wer­den. Aber zahl­te man eine bestimm­te Geld­sum­me, dann war man von die­ser Auf­la­ge befreit. Dar­über hin­aus muß­te für alles und jedes gezahlt wer­den, so für Beru­fun­gen in kirch­li­che Ämter. Die päpst­li­che Kurie war zu einem gro­ßen Bank­haus geworden.
Die Geld­mit­tel wur­den nun weit­ge­hend für sehr äußer­li­che Din­ge ver­wandt. Wir ken­nen das Wort Goe­thes aus dem Faust: „Die Kir­che hat einen guten Magen.” Von die­sen Geld­mit­teln wur­den Kir­chen gebaut. Die herr­li­chen Dome und Kathe­dra­len des Spät­mit­tel­al­ters sind zum Teil mit sol­chen Gel­dern finan­ziert wor­den, so der Frei­ber­ger Dom von dem, was durch die „But­ter­brie­fe” her­ein­kam, oder in Rom der Peters­dom. Es wur­den Paläs­te für die hohen Kle­ri­ker errich­tet, ja sogar Krie­ge wur­den vom Ablaß­geld finan­ziert. Eben­so trat die Kir­che als der bedeu­tends­te Mäzen der Kunst auf. Von Papst Leo X., mit eigent­li­chem Namen Gio­van­ni de’ Medi­ci, wird der Satz über­lie­fert: „Laßt uns das Papst­tum genie­ßen, da Gott es uns ver­lie­hen hat.” Leo war der Papst, unter dem die Refor­ma­ti­on begann. Das Pri­vat­le­ben vie­ler Päps­te war skan­da­lös. Die meis­ten von ihnen hat­ten Kin­der – von ver­schie­de­nen Frau­en. Alex­an­der VI. (Rodri­go Bor­gia) hat sei­ne Kin­der skru­pel­los pro­te­giert. Es sei an sei­nen Sohn Cesa­re und an sei­ne Toch­ter Lukre­zia erin­nert. Der­sel­be Papst hat offen­bar auch nicht vor Gift­mor­den an sei­nen Geg­nern zurück­ge­schreckt. Leos Nach­fol­ger Hadri­an VI. muß­te ein­ge­ste­hen: „So sehr ist das Las­ter selbst­ver­ständ­lich gewor­den, daß die damit Befleck­ten den Gestank der Sün­de nicht mehr merken.”
Vor allem die Deut­schen wand­ten sich gegen die Aus­beu­tung sei­tens des Papst­tums und gaben dem Aus­druck in den Gra­va­mi­na der deut­schen Nati­on. Der Boden war damit berei­tet für den Ablaß­streit, der mit Luthers fünf­und­neun­zig The­sen begann. Zu den genann­ten Miß­stän­den kommt noch hin­zu, daß die Geist­lich­keit – ein­schließ­lich Non­nen und Mön­che – in einem denk­bar schlech­ten Ruf stand. Trotz des ver­ord­ne­ten Zöli­bats leb­ten die meis­ten in sexu­el­len Bezie­hun­gen. Und doch: Trotz allem waren die Men­schen fromm. Die­se Fröm­mig­keit basier­te aber nicht auf der bibli­schen Bot­schaft als Froh­bot­schaft, viel­mehr wur­de sie all­ge­mein als Droh­bot­schaft auf­ge­faßt. Die­se Ver­fäl­schung des Evan­ge­li­ums war der tie­fe­re Miß­stand. Denn das Evan­ge­li­um war in sein Gegen­teil ver­kehrt wor­den. War auch der Ablaß­streit der Aus­lö­ser für die Refor­ma­ti­on, ihr eigent­li­cher Kern war ein ande­rer. Es ging ihr um das Evan­ge­li­um, um die Recht­fer­ti­gung des Sün­ders allein aus Gna­den, es ging nicht um welt­li­che Gerech­tig­keit, son­dern um Got­tes Gerech­tig­keit, dar­um, daß Chris­ten Gott recht leb­ten, sei­nem Wil­len entsprechend.

Daß sich der Streit aber am Ablaß ent­zün­de­te, hing nun zwei­fel­los damit zusam­men, daß das Geld, wie so oft, eine ent­schei­den­de Rol­le spiel­te. Die Kir­che des Papst­tums sah durch die Kri­tik am Ablaß ihre finan­zi­el­len Quel­len gefähr­det, die nir­gends so wie in Deutsch­land spru­del­ten. Die For­de­rung nach einer Reform war hier so all­ge­mein, daß dadurch die unge­heu­re Reso­nanz, die Luthers Auf­tre­ten bei sei­nen Zeit­ge­nos­sen fand, zu erklä­ren ist.
Der bereits genann­te Papst Hadri­an VI. (1522–1523, eigent­lich nicht ein Deut­scher, son­dern ein Nie­der­län­der), erkann­te auch die Not­wen­dig­keit einer Reform der Kir­che. Sie wur­de als Gebot der Stun­de ange­se­hen. Hät­te Luther nur die­se gefor­dert, wäre vie­les anders ver­lau­fen. Noch immer wirft die römisch-katho­li­sche Kir­che Luther vor, sich nicht auf die For­de­rung nach einer Reform beschränkt zu haben. Was Luther sag­te, wird viel­fach heu­te auch von Rom aner­kannt. Joseph Lortz, ein römisch­ka­tho­li­scher Kir­chen­his­to­ri­ker, erkann­te schon 1939 die his­to­ri­sche Not­wen­dig­keit der Refor­ma­ti­on an, aber eben nicht als Refor­ma­ti­on, son­dern als Reform. 1980 erschien zum vier­hun­dert­fünf­zigs­ten Jah­res­tag der Ver­le­sung des Augs­bur­gi­schen Bekennt­nis­ses, des Grund­be­kennt­nis­ses der luthe­ri­schen Refor­ma­ti­on, ein Buch unter dem Titel Bekennt­nis des einen Glau­bens, ver­faßt von evan­ge­lisch-luthe­ri­schen und römisch-katho­li­schen Theo­lo­gen vor allem aus Deutschland.
Und Peter Manns, ein römisch-katho­li­scher Theo­lo­ge, nann­te Luther gar „Vater im Glau­ben”. Aber man wirft Luther wei­ter vor, daß er mit dem Papst­tum gebro­chen hat. Dabei wird jedoch über­se­hen, daß der Papst mit Luther gebro­chen hat, indem er ihn in den Bann tat, das heißt aus der Gemein­schaft der Gläu­bi­gen und damit fak­tisch aus der Kir­che aus­schloß. Nicht so sehr, daß Luther den Papst als Anti­chris­ten bezeich­net hat, nimmt man ihm übel, – das hat­ten vor ihm schon ande­re getan -, aber daß er nicht bereit war, sich dem als unfehl­bar gel­ten­den Urteil des Paps­tes zu stel­len und zu beu­gen. Dadurch sei es zur Kir­chen­spal­tung gekom­men, für die letzt­lich eben Luther die Ver­ant­wor­tung tra­ge. Und bis heu­te spricht die römisch-katho­li­sche Theo­lo­gie vom defec­tus ordi­nis der ordi­nier­ten Geist­li­chen der Refor­ma­ti­ons­kir­chen, das heißt vom Feh­len oder Man­gel der Wei­he, weil sie nicht in Über­ein­stim­mung mit dem Papst als dem Ober­haupt der Kir­che stün­den. Das bedeu­tet aber, daß die Sakra­men­te, die Gna­den­mit­tel letzt­lich nicht als gül­tig gespen­det aner­kannt wer­den. Die Nicht­an­er­ken­nung der kirch­li­chen Ämter in den Kir­chen durch die römisch-katho­li­sche Kir­che ist bis heu­te der tiefs­te Grund dafür, daß es nicht zur Ein­heit der Kir­chen kommt.

Refor­ma­ti­on ist zuletzt nicht nur eine Epo­che der Geschich­te, son­dern sie ist eine blei­ben­de Auf­ga­be. Um 1700 kam die Rede­wen­dung auf: „Eccle­sia sem­per refor­man­da”, das heißt die Kir­che ist immer zu refor­mie­ren. Das ist gewiß ein miß­ver­ständ­li­cher Satz. Nicht gemeint sein kann damit, daß es in der Kir­che nichts Gel­ten­des, nichts Bestän­di­ges geben dür­fe. Genau das Gegen­teil ist damit gemeint. Es geht dar­um, daß die Kir­che bei dem bleibt, was der Herr der Kir­che, Jesus Chris­tus, ihr ein für alle­mal anver­traut hat, näm­lich beim Evan­ge­li­um. Es kann nicht dar­um gehen, daß die Arbeit der Kir­che sich in sozi­al­ethi­schen Aktio­nen erschöpft, so wich­tig die­se auch sind. Dia­ko­nie, der Dienst an den Men­schen, die in Not sind, in see­li­scher Not eben­so wie in kör­per­li­cher, ist und bleibt eine zen­tra­le Auf­ga­be der Kir­che. Jesus Chris­tus hat sich, wie die Evan­ge­li­en zei­gen, um Men­schen geküm­mert, die sei­ne Hil­fe brauch­ten und damit gezeigt, daß mit ihm das Reich Got­tes ange­bro­chen ist. Jesus Chris­tus fand sich nicht ab mit dem Zustand der Welt, Chris­ten kön­nen sich nicht abfin­den mit dem heu­ti­gen Zustand der Welt. Sie sind gewie­sen an Kran­ke und Behin­der­te, an die Benach­tei­lig­ten, um ihnen nach Kräf­ten zu hel­fen. Aber damit wird das Leid in die­ser Welt nicht über­wun­den. Es wird gemil­dert – und das bedeu­tet schon viel -, aber es wird wei­ter­hin Leid, Unge­rech­tig­keit, ja, auch künf­tig Krie­ge geben.
Seit der Auf­klä­rung gibt es in den Kir­chen stän­dig Ver­su­che, mit dem Zeit­geist Schritt zu hal­ten. Man­che hof­fen, damit mehr Men­schen zu errei­chen, indem sie bibli­sche Wer­te und Nor­men umdeu­ten mit der Begrün­dung, sie sei­en doch heu­te sonst nie­man­dem mehr zu zumu­ten. Wenn aber dadurch der Ein­druck ent­steht, die Kir­che sei belie­big wie irgend­ein ande­rer Ver­ein, dann ist sie über­flüs­sig geworden.
In den sozi­al­ethi­schen Aktio­nen kann sich der Dienst der Kir­che nicht erschöp­fen, so wich­tig sie sind. Aber die­se kön­nen auch vom Roten Kreuz wahr­ge­nom­men wer­den. Selbst wenn davon zu reden heu­te nicht oppor­tun ist, die zen­tra­le Auf­ga­be der Kir­che ist es, das Reich Got­tes zu ver­kün­di­gen, das Evan­ge­li­um zu bezeu­gen, die Recht­fer­ti­gung des Men­schen durch das, was Jesus Chris­tus mit sei­nem Ster­ben am Kreuz und mit sei­ner Auf­er­ste­hung zu Ostern getan hat. Wer an den gekreu­zig­ten und auf­er­stan­de­nen Chris­tus glaubt und von ihm sei­ne Ret­tung erhofft, der hat die Gerech­tig­keit Got­tes erlangt. Das ist – mit weni­gen Wor­ten – das Evan­ge­li­um, die fro­he Bot­schaft. Sie ist uns in der Bibel, in der Hei­li­gen Schrift der Chris­ten, gege­ben. Die­se ist das Fun­da­ment unse­res Glaubens.

Es steht fest, ein für alle­mal. Es kann nicht den Zeit­um­stän­den ent­spre­chend geän­dert wer­den. Die Bibel kann nicht umge­schrie­ben wer­den, wie es manch­mal unsin­ni­ger­wei­se gefor­dert wird. Die Bibel ist ja Got­tes Wort. Wenn sie geän­dert, umge­schrie­ben wür­de, wäre sie nur noch Men­schen­wort. Das ist auch gegen die kürz­lich erschie­ne­ne Bibel in gerech­ter Spra­che zu sagen. Wir haben Got­tes Wort zunächst in den Spra­chen, in denen sie ursprüng­lich ver­faßt wur­de, in Hebrä­isch (das Alte Tes­ta­ment) und Grie­chisch (das Neue Tes­ta­ment). Sie ist jeweils in die heu­te gespro­che­nen Spra­chen zu über­set­zen. Es sind heu­te über 2.400 Spra­chen, in die die gan­ze Bibel oder doch wenigs­tens ein Teil von ihr, über­setzt ist. Uns Deut­schen hat Mar­tin Luther sie über­setzt – von ande­ren Über­set­zun­gen ins Deut­sche ein­mal abge­se­hen. Es kommt beim Über­set­zen dar­auf an, sie so genau wie mög­lich zu über­set­zen und dabei doch so, daß sie ver­stan­den wird. Mar­tin Luther hat selbst mit sei­nem Send­brief vom Dol­met­schen den Maß­stab allen Über­set­zens gelegt: So genau und so ver­ständ­lich wie mög­lich. Aber das kann nicht hei­ßen, die wider­spens­ti­gen Pas­sa­gen, die heu­te als nicht kor­rekt emp­fun­de­nen Wen­dun­gen dem Zeit­geist ent­spre­chend wie­der­zu­ge­ben, also aus Rück­sicht auf die Frau­en Gott auch als Frau zu bezeich­nen oder um der Ver­bre­chen, die Deut­sche an Juden began­gen haben, die Juden zu scho­nen, wo die Bibel kri­tisch von ihnen redet. Die Bibel kann nur bild­haft von Gott reden, Gott ist kein Mensch und auch kein Mann. Sie redet, so sag­te ich, bild­haft. Sie kann Bil­der gebrau­chen, die Gott in müt­ter­li­cher Lie­be zu uns Men­schen zeigt: „Ich will euch trös­ten, wie einen sei­ne Mut­ter trös­tet” (Jes. 66, 13) oder gar so: „Ich habe dei­ne Kin­der ver­sam­meln wol­len, wie eine Hen­ne ihre Küken ver­sam­melt unter ihre Flü­gel” (Matth. 23, 37). Damit ist Gott aber weder Mut­ter noch eine Hen­ne. Und wenn vom Hei­li­gen Geist die Rede ist, dann ist zu beden­ken, daß das Wort Geist im Hebräi­schen weib­lich, im Grie­chi­schen neu­trisch und im Deut­schen männ­lich ist.
Mir – und nicht nur mir – kommt es manch­mal so vor, als ob heu­te wirk­lich eine neue Refor­ma­ti­on nötig wäre, die der Ver­fäl­schung des Evan­ge­li­ums end­lich ein Ende macht. Frei­lich, das liegt nicht in unse­ren Hän­den. Es gibt eine Rei­he von Vor­schlä­gen, neue fünf­und­neun­zig The­sen sind mehr­fach aus­ge­ar­bei­tet wor­den und lie­gen vor. Aber sie haben nicht ein­ge­schla­gen. Und daß sie ein­schla­gen, ist letzt­lich Werk des Hei­li­gen Geis­tes. Kürz­lich tag­te in Wit­ten­berg ein soge­nann­ter Zukunfts­kon­greß der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land. Voll­mun­dig wur­de von der „Kir­che der Frei­heit” gespro­chen. Zwölf „Leucht­feu­er” wur­den benannt unter der Über­schrift „Auf Gott ver­trau­en und das Leben gestal­ten”. Aber es ist viel zu wenig davon die Rede, daß wir dabei nur Werk­zeu­ge des Hei­li­gen Geis­tes sein kön­nen und den Erfolg nicht in unse­ren Hän­den haben, wenn es etwa heißt: „Im Jah­re 2030 ist die evan­ge­li­sche Kir­che nahe bei den Men­schen” Ob und wie sie das ist, kann nur Fol­ge ihrer Ver­kün­di­gung sein, näm­lich ob sie beim Wort Got­tes bleibt, wie es uns in der Hei­li­gen Schrift, in der Bibel, gege­ben ist. Damit wer­den wir in die Zukunft gehen.

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