Sezession
18. März 2013

Muschelsammeln am Strand der Zeit (Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten, Folge 5)

Martin Lichtmesz

StrandEines Tages werde ich eine "Apologie der Nostalgie" schreiben müssen. Es ist mir gleichgültig, ob manche die Liebe zur Vergangenheit als Realitätsflucht oder "Rückwärtsgewandheit"  abtun. In einer Zeit, in der das "Aktuelle" im Ungeiste des schnellen Konsums hochfetischisiert wird, erscheinen mir dergleichen Einwände als witzlos.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Soll sich doch stattdessen einmal die Gegenwartsbesessenheit rechtfertigen! Bis dahin darf man ihr getrost die Gefolgschaft verweigern. Mehr noch: Gegen die "Totalherrschaft der Gegenwart" sind heute alle Mittel erlaubt. Und wer weiß nun, was für Träume für die Zukunft aus dem Blick in die Vergangenheit geboren werden? "The past is now part of my future, the presence is well out of hand," so sangen einst Joy Division.

Dieser Blick hat wie der mythische Januskopf zwei Richtungen: er stellt die Füße in den Fluß der Zeit, läßt ihr Wasser um die Knöchel spielen, und erinnert gleichzeitig daran, daß dieser Fluß nie derselbe und doch derselbe ist:

Am Grunde der Moldau wandern die Steine
Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.
Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

"Nostalgie" kann viele Dinge und Gemütszustände bedeuten. Idealerweise ist sie wie ein Spaziergang am Strand, an dem das Meer der Zeit Muscheln, bunte Steine und Unterseetiere angeschwemmt hat, die von einem anderen Leben in anderen Untiefen von Raum und Zeit künden. So manches Haifischgebiß ist dabei überaus interessant und hübsch anzusehen, wenn der Haifisch längst nicht mehr am Leben ist.

Drei solcher Muscheln habe ich letzten Samstag auf einem Sammelstrand par excellence, dem Flohmarkt nahe der Wiener Kettenbrückengasse, gleich gegenüber dem berühmten Naschmarkt aufgelesen. Die erste fand ich in einem Ramschkarton, der von einem türkischen Händler veräußert wurde. Sie paßte in meine wachsende Sammlung der ungezählten Bücher über Christus:  "Jesus von Nazaret, wie wir ihn heute sehen", von einem vergessenen Theologen namens Friedrich Daab. "Heute" das bedeutet in diesem Fall "vor über hundert Jahren", gedruckt in Düsseldorf Jahre 1907, zum Preis vom 1,80 Mark. Eingangs schreibt der Verfasser seine Rechtfertigung vor seinem damaligen Heute:

Jesus, wie wir ihn heute sehen! Jesus und wir - was haben sie noch miteinander zu schaffen: die Menschen von heute und der Mann von damals? Ist nicht Jesus ganz eine Erscheinung, die nirgend mehr passen will in unsre Zeit, ja deren Wesen unsrer Zeit im Widerspruch steht, die uns fremd ist und wir ihr? Oder kommt das vielleicht daher, weil er über die Gegenwart hinausragt? Und statt zu sagen: Sie  versteht ihn nicht mehr - muß es heißen: Sie versteht ihn noch nicht? Die Zeit muß erst werden und die Zukunft erst kommen, die anfängt ihn zu begreifen, zu suchen, zu - verwirklichen!

Ich bot dem Trödler einen Euro dafür an, er wollte zwei, denn immerhin hätte das Buch ja einmal "180"  Wasauchimmer gekostet.

Ein paar Stände weiter fand ich ein stark tendenziöses Buch über "25 Jahre Kampf und Vollendung" der Ufa, nämlich seit der Übernahme des Filmkonzerns durch den deutschnationalen Unternehmer Alfred Hugenberg im Jahre 1927. Nur zwei Jahre vor dem Untergang des Regimes blickt der linientreu nationalsozialistische Autor Otto Herrmann Kriegk triumphierend auf das zurück, was "heute" in Deutschland alles überwunden sei: Liberalismus, "Nihilismus" und Demokratie, amerikanischer Kapitalismus und "jüdischer Bolschewismus". Nun schreite man "dank Adolf Hitler" in eine "bessere Zukunft", verpflichtet zur "Bindung an das Schicksal des Volkes und an den Fortschritt der Menschheit".

Filme der Weimarer Republik wie "Metropolis" (1927), dessen emigrierter Regisseur Fritz Lang, einst des Führers Favorit, der "damnatio memoriae" unterworfen und nicht beim Namen genannt wird, werden einer scharfen Kritik unterzogen: alle sozialen Probleme, die dieses Machwerk in einem kruden, sentimentalen Brei aufbereitet hätte, seien "heute" gelöst:

Wir haben den Sozialismus entdeckt und sind auf die Quelle aller sozialen und wirtschaftlichen Konflikte gestossen. Wir sind heute zur Politik als der Lehre und der Erkenntnis vom Schicksal des Menschen mit allen Verflechtungen zwischen Rasse und Blut und vielen anderen Tatsachen und Gesetzen durchgedrungen.

Deutschland und Italien stünden als Avantgarde einer "Revolution" vor den Völkern Europas, die leider noch nicht auf dieser Erkennnisstufe angelangt seien, zum Teil aus "Dummheit und Bosheit". Als dieses Buch 1943 erschien, wanderten jedoch schon die Steine am Grunde der Moldau. Die Schlacht von Stalingrad besiegelte die Niederlage der Wehrmacht in Rußland, und bereits im Juli 1943 stürzte Mussolinis Regime.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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