Sezession
21. März 2013

Die Schuhe des Fischers (1)

Martin Lichtmesz / 26 Kommentare

Inzwischen hat sie wohl jedermann gesehen, die von den Massenmedien mit auffälliger Lautstärke hervorgehobenen "schlichten" schwarzen Schnürschuhe von Papst Franziskus I., die sich so deutlich von der edlen, leuchtend roten Fußbekleidung seines Vorgängers abheben. Diese wurde schon vor Jahren gelegentlich Gegenstand von Presseberichten, unter anderem von dem Gerücht begleitet, der Papst "trage Prada" - wohl mit dem Ziel, ihn in den Ruch des unangemessen Luxuriösen zu bringen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Des "Papstes Schuster" erläuterte im Mai 2010 der Süddeutschen Zeitung die Bedeutung der Farbenwahl:

Das päpstliche Schuhwerk ist seit Jahrhunderten rot. Die Farbe soll an die Kreuzigung und das Blut Christi erinnern. Nur der Farbton ändert sich manchmal. Benedikt XVI. hat sich für ein schönes Feuerrot entschieden.

Und auch die BILD-Zeitung weiß zu berichten:

Seit dem 15. Jahrhundert tragen Päpste die rötlichen Schuhe. Die rote Farbe, heißt es, soll an die Kreuzigung und das Blut Christi erinnern.

Aus nämlicher Zeitung erfahren wir auch, daß der Namenspatron des Papstes, der Hl. Franz von Assisi, "tierlieb" gewesen sein soll und "Einfachheit vorgelebt hat".  „Wie gern ich eine arme Kirche für die Armen hätte“, wird Franziskus zitiert. Dieser fahre mit Bus, Bahn und Taxi, wirke "wie ein einfacher Priester". Er "verzaubere" die Christen mit "Demuts-Gesten" wie der "spontanen" Segnung eines Blindenhundes. Und auch die Schuhe seien Ausdruck seines "schlichten, demütigen Stils":

Er weigerte sich, sein schlichtes Eisenkreuz gegen eines aus Gold zu tauschen. Er trägt schwarze statt rote Schuhe, weil er sich nicht in den Mittelpunkt stellen möchte: „Christus ist das Zentrum der Kirche, nicht der Nachfolger Petri“, sagt er.

Auf diese und ähnliche Weise wird zur Zeit unablässig das Mantra von der vorgeblichen "Demut", "Schlichtheit" und "Bescheidenheit" des neuen Papstes auf allen nur erdenklichen Ätherwellen gesungen, sekundiert von Refrains wie "Aufbruchsstimmung", "Neuanfang" und ähnlichem, mit all der Einstimmigkeit, die inzwischen ebenso üblich wie unheimlich geworden ist. Inmitten dieser Flut aus stromlinienförmigem Info- und Desinfotainment frage ich mich unaufhörlich, ob ich wirklich der einzige Mensch auf der Welt bin, dem auffällt, wie penetrant die Dauerrede von der "Bescheidenheit" des neuen Papstes stinkt. (Ich bin es glücklicherweise nicht:  hier Alexander von Schönburg in der Welt).

Hier ist immerhin von einem Mann die Rede, der sich nicht nur zum ersten Mal in der Kirchengeschichte überhaupt einen "neuen" Namen gab: "Johannes Paul I." kombinierte lediglich zwei häufig benutzte Namen, und alle bisherigen "Ersten", deren letzter Lando I. (Pontifikat 913/4) war, traten ihr Amt unter ihrem Taufnamen an. Nein, er hat sich noch zusätzlich "bescheidenerweise" den Namen eines der populärsten Heiligen der Kirchengeschichte, Franz von Assisi, der weltweit, auch außerhalb der römischen Kirche, als eines der bedeutendsten religiösen Genies verehrt wird, die je gelebt haben.  In der Tat wurde nicht nur ich augenblicklich stutzig, als ich von dieser Namenswahl erfuhr - wer genauer hinhört, mag darin gar eine "Drohung" mitschwingen hören. Einbildung? Übertriebenes Mißtrauen?

Verstärkt wird dieser Eindruck allerdings noch durch eine gehäufte Fülle weiterer grob ins Auge stechender Traditionsbrüche, die jene Kreise zu verantworten haben, die Jorge Mario Bergoglio auf den Heiligen Stuhl gesetzt haben: er ist der erste lateinamerikanische Papst überhaupt, der erste Jesuit überhaupt, der erste nicht-europäische Papst seit dem 8. Jahrhundert. Dagegen nimmt sich der Traditionsbruch der schwarzen Schnürschuhe in der Tat "bescheiden" aus: diese Geste scheint mir allerdings nur so "bescheiden" wie die Turnschuhe, in denen Joschka Fischer 1985 den Amtseid im hessischen Landtag ablegte, und die ebenfalls den Einbruch eines "neuen Stils" in der Politik signalisierten.

Noch schwerer wiegt allerdings, daß dem Amt Bergoglios ein noch einschneidenderer Traditionsbruch vorausgegangen ist. Zum zweitenmal in der 2000jährigen Kirchengeschichte hat ein Papst sein Amt zu Lebzeiten niedergelegt, und zum ersten Mal seit 1294.  Dante verdammte Coelestin V. dafür in die Hölle der "Lauwarmen". Für einen solchen hat Benedikt XVI. bisher niemand gehalten, und daß gerade dieser Papst  diesen gravierenden Bruch vollzogen hat, hat viele Katholiken geradezu schockiert. War das nur ein "dumpfes Gefühl", mehr nicht? Es braucht in der Tat keinen "Blitz im Vatikan" mehr, um hier ein schlechtes Vorzeichen zu sehen.

Selbst wenn sich alles Mißtrauen konservativer Katholiken gegen Franziskus I. als unbegründet herausstellen sollte: dieser Schatten über seinem Pontifikat ist untilgbar. Er wird nicht gerade kleiner dadurch, daß er, wie nun erst bekannt wurde, bereits im Konklave von 2005 in einem nur knapp verlorenen Kopf-an-Kopf-Rennen gegen Josef Ratzinger ausgespielt wurde. Es gab also offenbar innerhalb der Kirche schon seit langem starke politische Bestrebungen, Bergoglio als Papst durchzusetzen.

Daß ausgerechnet der "Anti-Ratzinger" das unter außergewöhnlichen Umständen abgetretene Amt seine Vorgängers übernimmt, wird ein etwaiges Mißtrauen jedenfalls kaum mildern. Noch weniger, daß der offenbar schon lange feststehende Kandidat bisher von der internen Politik des Vatikan bis zur Unsichtbarkeit abgeschirmt wurde: die im Vorfeld der Papstwahl ständig in den Medien auftauchenden Gesichter farbiger Papabiles (die Linksliberalen konnten sich vor Speichelfluß kaum mehr retten) erscheinen im Nachhinein wie gezielt eingesetzte Nebelwände.

Schuhe

Was (oder wer) auch immer Benedikt XVI. zu diesem Schritt bewogen hat, eines ist er im Gegensatz zu seinem Nachfolger bisher gewiß gewesen: nämlich "bescheiden". Dies ist eine Sache, die sich nun tatsächlich in der Namenswahl mit ihrer hohen "Nummerierung" ausdrückt. Benedikt hat stets das Über- und Unpersönliche seines Amtes, seinen Posten als sozusagen "erster Diener seiner Kirche" betont.

Martin Mosebach hob dies in der FAZ hervor - wenn man genau hinhört, mit einem leise anklingenden, entschuldigenden Unterton:

Selten sind die Bescheidenheit und Demut Benedikts XVI. gewürdigt worden. Dieser Papst ist ein erklärter Feind jedes Personenkults - schon in seinem Papstnamen als sechzehnter deutete er an, dass er sich als einen sah, der in einer langen Reihe stand. Mit Coelestin V. hat er eine Neigung zur Zurückgezogenheit in Kontemplation und Arbeit gemeinsam, die er allerdings länger zu unterdrücken hatte.

Im Gegensatz dazu hat gerade die ausgestellte "Bescheidenheit" Franziskus' und seine offensichtliche Mißachtung des Dienstes an der Kirche den Effekt, seine Person jenseits des Petrus-Amtes recht deutlich hervortreten zu lassen. Der Beifall kommt natürlich von genau jener Seite, die bisher auf die tatsächliche Demut Benedikts (gegenüber seiner Amtswürde und den Statuten der Kirche) gereizt reagiert hat, und die in den "Demuts-Gesten" des Franziskus - ob zu Recht oder nicht, sei dahingestellt - ein Aggiornamento und eine Konzession an ihren Nivellierungsanspruch sieht. All dies ist im Endeffekt banalerweise tatsächlich nur ein paar Grade von der Genugtuung über Joschka Fischers Turnschuhe und rüpelhaftes Benehmen entfernt.

Dabei ist den zumeist egalitär gesinnten Meinungsmachern nicht nur der Habitus der Erhabenheit der kirchlichen Würdenträger ein Dorn im Auge.  Feindspürig nehmen sie wahr, daß dieser eben auch eine Relativierung ihres eigenen Herrschaftsanspruchs zum Ausdruck bringt. Thorsten Hinz hat bereits 2009 die eigentlichen Triebfedern für die Angriffe auf den Papst trefflich auf den Punkt gebracht:

Der Zusammenstoß des Papstes mit Presse und Politik in Deutschland war von Benedikt XVI. nicht gewollt, er war bloß unvermeidlich. Denn erstens stellt die Institution der katholischen Kirche noch im Stadium ihrer politischen Machtlosigkeit die leibhaftige Provokation für die moderne Massendemokratie dar. Alles, was sie ist und repräsentiert: Tradition, Hierarchie, Askese, Dienst an einem ferneren Ziel, das dem Einzelnen unerreichbar ist, die Ablehnung innerer Demokratie usw., steht konträr zum massenhaften Bedürfnis, die materiellen, ideellen, sexuellen Gelüste schnell und umstandslos zu befriedigen. Da sie die Offenbarung auf ihrer Seite zu haben meint, kann die Kirche auch den Majoritätswillen gelassen als Irrtum abtun. Sie hält es für wichtiger, das einzelne Gewissen zu schärfen und das Individuum gegen die Allmacht der demokratischen Mehrheit zu stärken, welche die Menschenrechte nach Belieben gewährt oder entzieht.

Es ist dieses stille, zähe Bestreiten ihrer Allmacht, der stete, stumme Verweis auf ihren relativen Charakter, der die Vertreter der Massendemokratie so sehr in Zorn versetzt. Das Durchschnittliche und Gewöhnliche, das in der aktuellen Kirchenkritik an die Oberfläche kommt, will keinesfalls bei seinem Namen genannt werden, sondern beansprucht, das Allgemeinmenschliche, die Aufklärung, wenigstens aber den Fortschritt zu verkörpern.

Und es sind nun genau diese üblichen Verdächtigen, die der Hoffnung sind, mit Papst Franziskus würde eine "Reform" in ihrem Sinne einsetzen. Alexander von Schönburg konkretisierte diesen Verdacht:

Erwähnenswert ist das überhaupt nur, weil all die von uns bejubelten Demutsgesten des neuen Papstes selbstverständlich sehr viel mehr sind als nur Demonstrationen eines neuen, bescheidenen "Stils". Sie sind Vorzeichen einer inhaltlichen Revolution. Sie künden von einer Neudefinition des Papstamtes, somit auch der Neudefinition des Bischofsamtes und damit natürlich letztlich auch des Priesteramtes.

Das zentrale Anliegen all jener "Modernisten", für die das Pontifikat Benedikts XVI. eine widerwillig zu erduldende Wanderung durch die Wüste bedeutete, war und ist: die mittelfristige Abschaffung des Weihepriestertums. Die Grundprämisse nämlich, dass sich Priester durch Weihe von den gewöhnlichen Laien unterscheiden, ist für Modernisten und Egalitaristen ein Graus.

Manfred Kleine-Hartlage schreibt:

Man muss sich nur anschauen, wer die Leute sind, die sich jetzt freuen, und aus welchen Gründen sie sich freuen: Der DLF-Journalist Peter Kapern, der heute abend – selbstverständlich, möchte man sagen – keinen einzigen Konservativen interviewte, hat uns in seinen Interviews schon einmal eine kleine Auswahl präsentiert: den Hamburger Weihbischof Jaschke ("Ich als katholischer Bischof habe ein Interesse daran, dass Muslime in Deutschland ihren Glauben behalten"), einen aus der Riege jener Bischöfe, die durch die Medien tingeln, ohne zu erklären, was Katholizismus ist (vermutlich, weil sie es selber nicht wissen); die CDU-Politikerin Julia Klöckner, Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, die den üblichen liberalen Reformwunschzettel abspulte; ein Fuzzi von "Wir sind Kirche".

(...)

Überhaupt ist es bezeichnend, mit welchem Scharfblick gerade die Feinde der Kirche die Zeichen eines Verfalls erkennen, den viele Katholiken sich immer noch schönzureden versuchen. Beim Rücktritt Benedikts waren es ebenfalls die üblichen Verdächtigen, zum Beispiel die Freimaurer, die diesen Schritt genau deshalb bejubelten, weil er ein weiterer – und zwar großer – Schritt zur "Entmystfizierung", zu deutsch: zur Profanisierung und Banalisierung der Kirche war.

Ähnlich drückte es der katholische Publizist Mathias von Gersdorff im Blog der Jungen Freiheit aus:

Seit mehreren Wochen ereifern sich unzählige Zeitungen, dem deutschen Publikum zu erklären, wie es innerhalb der katholischen Kirche aussieht und welche Reformen dringend notwendig sind. Es ist schon erstaunlich, welche Mühe sich dabei manche Journalisten geben, die wahrscheinlich der Meinung sind, die Katholische Kirche sollte gar nicht existieren. Trotzdem tun sie so, als ob sie genau wissen würden, wie es innerhalb der Kirche aussieht, welche die wichtigsten Probleme sind und wie man sie aus der Welt schaffen kann.

Für einen praktizierenden Katholiken wirkt die große Mehrheit dieser Texte seltsam unwirklich, als ob sie in einer Parallelwelt verfaßt worden wären. Viele Zeitungen sind durchaus in der Lage, viele Detailinformationen über Geschichte, Traditionen und Gebräuche der katholischen Kirche abzudrucken, doch irgendwie treffen sie nicht den Kern des betrachteten Objekts. Die meisten Redakteure in den deutschen Tageszeitungen erfassen offenbar das Wesen der Kirche nicht und beschreiben sie, als ob sie von einem Verein oder eine politische Partei sprechen würden. Dementsprechend klingen die Forderungen nach Reformen, die tausendfach jeden Tag reproduziert werden: Zölibat abschaffen, Sexualmoral lockern, Haltung gegenüber Abtreibung und Homosexualität ändern und so weiter. Selbst in einigen sogenannten „Qualitätszeitungen“ sind die Kommentare über Kirche und Papst längst zu Formeln verkommen, die man ohne Reflexion wiederholt.

Dementsprechend wird das Pontifikat des Franziskus nun mithilfe unklar herumschwirrender, ideologisch-emotional aufgeladener Begriffe angepriesen. Franz von Assisi eignet sich hier bestens als sentimentalisierungsfähige Projektionsfläche, während der tatsächliche Heilige, etwa mit seiner radikalen Leibfeindlichkeit und Askese, in vieler Hinsicht der heutigen Zeit ebenso fremd und antipodisch gegenüber steht wie das ganze 13. Jahrhundert überhaupt.

Bergoglio entstammt zudem einem Orden, der nicht gerade für seine franziskanische "Einfachheit" bekannt ist. Bei den Jesuiten waren seit jeher die Macchiavellisten, Militanten und Intellektuellen zuhause; heute sind sie geradezu berüchtigt für ihren starken Linksdrall.

Zu diesen Begriffen gehören mit Franz von Assisi assoziierte Themen wie "Ökologie", "Umweltschutz" und vor allem "Armut", die auf den Zungen der Meinungsmacher eben einen gewissen Geschmack bekommen, auf den noch einzugehen ist. Jedenfalls läuft die zuweilen etwas krampfhaft betriebene "Obamisierung" des Papstes auf Hochtouren.

Ich greife zwei willkürliche Beispiele aus der österreichischen Presse heraus.  Die als "bürgerlich-konservativ" geltende Presse vom 15. März etwa wertete die Wahl Bergoglios als "Niederlage für Kurie und Konservative"; der österreichische Kardinal Schönborn,schon physiognomisch einem Wackelpudding ähnlich, wird direkt und indirekt zitiert:

Eine Mehrheit der Kardinäle sei sich einig gewesen, daß eine Reform der vatikanischen Kurie unumgänglich erscheint. ... Eine Abkehr von der extremen Ausprägung des vatikanischen Zentralismus also? Schönborns diplomatische Antwort auf diese Frage: "Insgesamt ein besseres Miteinander zwischen Papst und den kontinentalen und nationalen Episkopalen." ... Das heißt konkret: Bischöfe sind nach diesem Verständnis nicht nur eine Art Filialleiter Roms, sondern nehmen unter der Leitung des Papstes an der Führung der katholischen Kirche teil. ... "Wir hoffen alle, daß es zu einer tiefgründigen Säuberung des kommen wird." Der gute Ruf des Vatikans müsse wieder hergestellt werden, verlangte Schönborn.

"Der gute Ruf des  Vatikan", in wessen Augen? Hier sprach Schönborn wohlgemerkt nicht über "Mißbrauchsskandale" und ähnliches; in der Tat blieb er auffallend vage, worauf sich diese "dringenden Aufräumarbeiten" denn beziehen würden - mangelnde Diskretion gegenüber der Presse wird es wohl kaum sein.

Die Stoßrichtung der Dezentralisierung (und damit Enteuropäisierung) Roms bekräftigte auch die als "katholisch-konservativ" geltende Furche. Diese titelte: "Ein Papst für die Welt", ohne zu erläutern, in welchem Sinne ein lateinamerikanischer Papst nun mehr ein Papst "für die Welt" sein soll als irgendein anderer - glaubensdogmatische Gründe kann es jedenfalls nicht haben.

Ähnlich unklar fiel der Leitartikel von Rudolf Mitlöhner aus, der selbstredend das Mantra vom "demütigen" und "bescheidenen" Auftreten des Papstes wiederholte. Darin hieß es, die Wahl des Franziskus sei ein "Hoffnungszeichen in schwieriger Zeit". Das erinnert an die berüchtigten "Hope"- und "Change"-Blasen der Obamawahl. Warum "Hoffnung"? Worauf? Für wen? Inwiefern ist unsere Zeit "schwierig"? Ähnlich vage auch der Rest:

Urbi et orbi – der Stadt und dem Erdkreis, also der ganzen Welt, gilt der päpstliche Segen, der am Anfang jedes Pontifikats steht und der schon demnächst, am Ostersonntag, erneut gespendet werden wird. Bei dem Mann aus Südamerika hat dies einen besonderen, neuen Klang. Als vor acht Jahren Joseph Kardinal Ratzinger zu Benedikt XVI. avancierte, wurde an dieser Stelle versucht zu argumentieren, warum es gut sei, dass der neue Papst aus Europa komme: weil hier, im „alten“, von Aufklärung und Säkularisierung geprägten Kontinent, die Nagelprobe für das Christentum liege; hier habe sich die Kompatibilität des christlichen Glaubens, katholischer Provenienz zumal, mit der Moderne zu erweisen. Benedikt hat dann dazu, wie schon zuvor als Theologe, Bischof und Kardinal, Wesentliches gesagt. Nun aber scheint die Zeit reif gewesen zu sein für eine zusätzliche, in einem neuen Sinn globale Perspektive.

Wieder die Frage: warum? Und warum "globale Perspektive" (die die Kirche im Anspruch ja immer schon hatte) im "neuen Sinn"? Welcher "neue Sinn"? Man ahnt es:

Ein Perspektivenwechsel steht an,von dem auch Europa profitieren kann.... Das heißt nun nicht, dass die europäische Herausforderung bewältigt wäre oder ad acta zu legen sei. Jorge Mario Bergoglio, Sohn italienischer Einwanderer nach Argentinien, ist wohl Europäer genug, um diese nicht aus dem Blick zu verlieren. Aber vielleicht tut es ja Europa gut, sich selbst ein wenig zu relativieren, will heißen: sich in Bezug zu setzen zu anderen Kontinenten, als Teil einer Weltgemeinschaft zu begreifen – gerade auch in kirchlich-religiösen Dingen. Solcherart müsste Europa den Perspektivenwechsel nicht einfach nur hinnehmen, sondern könnte dadurch gewinnen. Wer ein paar Schritte zurücktritt, sieht mehr vom Ganzen – da verändern sich Proportionen und Prioritäten. Vor allem aber: wer loslässt, steht möglicherweise nachher wieder sicherer. Garantie gibt es keine – aber wer nur festhalten will, verliert am Ende immer.

Nun klingt die Melodie schon bekannter: die Reise soll also in eine Überführung der Kirche - und mit ihr Europas - in eine wie auch immer geartete "Weltgemeinschaft" gehen. Diese wird, wie alles und jedes heutzutage, mit der Sprache des "guten Geschäfts" verkauft. Übersetzt in den üblichen Jargon: diese Überführung ist zwar erstens ein "Risiko", von dem kein Mensch weiß, ob und wie es sich "bezahlbar" macht, zu dem man aber "Mut" haben muß,  zweitens ist sie ohnehin alternativlos, dafür aber "eine Chance", und wer obenauf schwimmen will, muß sowieso mitziehen. Mit anderen Worten: Was hier zum Ausdruck kommt, ist einmal mehr die globalistische Utopie und Ideologie der "Neuen Weltordnung".

Dieser entsprechen auch die Tendenzen zur Entortung Roms: es ist nämlich in keiner Weise einzusehen, wieso das Auftreten eines aus Lateinamerika stammenden Papstes die "Perspektive" nach Lateinamerika oder in die sonstige Welt verschieben oder umkehren soll. Die Kirche funktioniert eben (noch?) nicht nach einem demokratischen Repräsentationsprinzip, und vermutlich hätten auch viele im Wortsinne "katholisch" gesinnte "Ultramontane" ihre Schwierigkeiten damit, wenn man etwa den Vatikan nach Rio de Janeiro oder Bangladesh verlegen würde, wenn es dort einmal zahlenmäßig mehr Gläubige gäbe als in Italien.

Bisher war der Anspruch der Kirche jedenfalls genau umgekehrt: die Welt soll sich nach Rom ausrichten, und damit eben indirekt Richtung Europa (dessen Kultur und Geschichte auf eine engere und entscheidendere Weise mit der Kirche verknüpft ist, als die irgendeines anderes Erdteiles, weshalb, von vielen "Anti-Universalisten" kritisiert, die Christianisierung der Welt bis zu einem gewissen Grade auch immer ihre Europäisierung bedeutet). Und wenn nun ein Erdteil katholisch wird, muß sich eben auch seine Kompaßnadel nach Rom richten (wobei sich die römische Kirche inzwischen vielleicht schon überdehnt hat wie einst das römische Imperium, und damit wie dieses auf ihren Zerfall zusteuert. Wer weiß, was für Nationalkirchen und Neo-Protestantismen ihrer Dezentralisierung folgen werden.)

Aber dieser Zusammenhang soll offenbar zerstört werden. Plötzlich soll es umgekehrt sein, und Rom und die Christenheit ihr Zentrum verlieren - und das nicht nur geographisch. Schon wird die Rede vom nun angeblich "demütigeren" Auftreten Roms (im idea-Artikel in Anführungsstriche gesetzt) mit der Suggestion verknüpft, daß diese "Demut" sich auch in einer begrüßenswerten Relativierung des kirchlichen Wahrheitsanspruchs zeige. Dabei irritiert besonders der Gruß des neuen Papstes „vor allem" an "die Muslime, die den einen lebendigen und barmherzigen Gott anbeten“.

Das Augenmerk sollte hier vor allem auf den "lebendigen" Gott gelegt werden: wenn es sich nicht um eine diplomatische Schmeichelei handelt, ist diese Aussage eine blanke Häresie. Franziskus selbst hat es mit Léon Bloy gesagt: wer sich nicht zu Jesus Christus bekennt, bekennt sich zum Satan.  Es ist jedenfalls auch in diesen Worten an die Muslime keine "Demut" zu finden: es handelt sich um ein drastisches und eigenmächtiges Sich-Hinweg-Setzen des Papstes über die ihm aufgetragene Glaubenslehre. Worte wie diese würden jemals niemals über die Lippen eines beliebigen orthodoxen Moslems mit Selbstachtung kommen. Für die tausenden verfolgten Christen im Orient müssen sie wie Hohn klingen. Der historische Franz von Assisi hatte immerhin noch versucht, die moslemischen Sultane auf eigene Faust zu bekehren.

Mitlöhner vergißt nun nicht, seiner Leserschaft die "konservative" Beruhigungstablette zu reichen:

Umgekehrt sollte sich eigentlich von selbst verstehen, dass die Zuwendung der Kirche den Armen gelten muss. Die – letztlich politische – Frage ist nur, wie den Armen am besten geholfen wird. Dass diese Option für die Armen mit marxistischer Theorie und Praxis nicht kompatibel ist, haben bereits die beiden Vorgänger von Franziskus hinreichend deutlich gemacht. Man darf hoffen, dass auch der Papst aus Lateinamerika sich gegen Vereinnahmungen von sozialutopistischer oder -populistischer Seite entschieden verwahrt.

Ohne nun komplizierte theologische und exegetische Fragen aufrollen zu wollen: es sollte sich aber auch "von selbst verstehen", daß die "Zuwendung der Kirche" allen, "Armen" und "Reichen" "gelten muß", und zwar primär in Form der Verteilung der religiösen Heils- und Sakralgüter und nicht etwa der karitativen Zuwendung. Die angesprochenen "Vereinnahmungen" werden aber mit Sicherheit erfolgen, und zwar von der Seite, die sie am politisch wirksamsten einzusetzen weiß. Beispielsweise muß nur die Behauptung verbreitet werden, daß "den Armen am besten geholfen" sei durch "globalistische Theorie und Praxis" und die Eingliederung der Kirche und Europas in die "Weltgemeinschaft" - und wie diese auszusehen hat, wird dann auch nicht die Kirche zu entscheiden haben.

Fortsetzung folgt.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Kommentare (26)

Simon Hambacher
21. März 2013 13:50

Ich wuerde nicht sagen, dass die Herkunft des neuen Papstes einer Abkehr von Rom und Europa gleichkommt. Seit die "neue Welt" durch die Europaeer entdeckt wurde ist sie doch nichts anderes als eine Ausweitung von Europa auf einen neuen Kontinent. In Amerika gibt es "das Andere" - in Form der westafrikastaemmigen Nachkommen der Sklaven in den USA, der Karibik und Nordbrasilien und den Nachkommen der amerikanischen Ureinwohner, von den First Nations in Kanada, bis zu den indigenen Gruppen in den Anden zumeist mit mehr oder weniger gemischt europaeisch-indigener Herkunft. Es gibt aber auch die Gegenden die europaeischer sind als jede heutige westeuropaeische Großstadt. Die Italiener sind dabei eine besonders traditionalistisch eingestellte Gruppe, die sich bis heute in den USA noch nicht so stark in die angelsaechsische weiße Mehrheitsidentitaet assimiliert haben wie manch andere Gruppen. Und Argentinien ist ein Land das besonders wenig von "diversity" betroffen ist, es fehlen die ehemaligen Sklaven, und die indigenen Gruppen sind auch nur sehr schwach vertreten. Kurz: Bergoglio der Argentinier der erst zweiten Generation ist so italienisch wie man ueberhaupt nur italienisch sein kann.
Im Uebrigen ist das einmal mehr ein hervorragender Artikel, sowas findet man im Netz sonst nicht

Rumpelstilzchen
21. März 2013 13:59

Zunächst mal ein großes Kompliment für Ihre umfassende Analyse und Einschätzung des neuen Papstes.
Auch ich bin über die Namensgebung sehr überrascht und weiß noch nicht, was ich davon zu halten habe. vielleicht sollten wir noch etwas abwarten.

Den Beitrag von Alexander von Schönburg habe ich auch gelesen und war etwas verwundert. Bis jetzt erkenne ich nicht, wieso "Bescheidenheit" im äußeren Auftritt ( ich hielt Benedikt auch für bescheiden) Vorzeichen einer inhaltlichen Revolution sein soll, die auf die Abschaffung des Weihepriestertums hinausläuft. Es gilt doch umgekehrt, dass ein geweihter Priester seinem Herrn folgt und nicht der Welt. Weshalb es völlig bedeutungslos ist, dass Frauen das Priesteramt anstreben. Das Priesteramt ist keine Machtposition , sondern der Priester hat zu dienen.
Der neue Papst steht gewiß nicht für Reformen, die den Zölibat abschaffen, die Sexualmoral lockern usw. ( seine Ausagen zur Homoehe sind deutlich).
Einen Linksdrall sehe ich auch nicht unbedingt.
Vielleicht ist es die große Chance der katholischen Kirche, der Linken ihre Pseudothemen zu entreissen, die Ökologie , bei der Linken eine Ersatzreligion, die soziale Frage, die die Linke bis zur Unkenntlichkeit mißbraucht hat.
Ich sehe bis jetzt auch keine Relativierung des christlichen Wahrheitsanspruches. Was der Papst über den Islam und Muslime zu sagen hat, wird spannend.
Ratzinger hat den intellektuellen Vorstoß in seiner Regensburger Rede gemacht , doch dann auch einen Rückzug.
Die globalistische Utopie einer neuen Weltordnung sehe ich auch nicht so ganz. Der neue Papst ist sicher nicht Küngs Weltethos verbunden.
Zudem mag er Romano Guardini, dieser bezeichnete sich als " konservativ mit dem Blick nach vorne".
Warten wir die Entwicklung ab. Auf jeden fall bleibt es spannend.

Sara Tempel
21. März 2013 15:50

Danke für Ihre umfangreichen Recherchen und die Hinweise auf Intrigen um den Papstwechsel!
Das Thema neue „Weltgemeinschaft“ mit ihrer globalistische Utopie und Ideologie macht mir Angst...

Iustus Ionas
21. März 2013 15:51

Sehr geehrter Herr Lichtmesz, ich schätze Ihre Beiträge immer sehr, doch dieses Mal greifen sie etwas daneben. Wäre Franziskus Demut zur Schau getragen, dann würde im starken Kontrast dazu die Priester-, Bischofs- und Kardinalszeit Bergoglios stehen. Aber da er schon immer so war - auch bevor in das Zentrum der Medienaufmerksamkeit rückte - halte ich seine franziskanische (obgleich Jesuit) Prägung für mehr als authentisch.

M.L.: Zum einen ist "Authentizität" hier nicht die Frage. Zum zweiten kann der Würdenträger eines überpersönlichen Amtes ja nicht einfach machen, was für ihn privat "authentisch" ist. Zum dritten geht es hier um das Signal, das die mediale Verbreitung der Schuh-Story aussenden soll. Zum vierten sind die Schuhe gegenüber den anderen Anmaßungen und Traditionsbrüchen nur ein Detail.

Rote Schuhe und Mozetta sind nettes Eye-Candy, aber keine liturgische Kleidung. Johannes-Paul II hat auch keine roten Schuhe getragen. Diskussionen über solche Nebensächlichkeiten sind mehr als pharisäerhaft und gehen am Kern vorbei. Als ob es darauf ankäme. Wenn der heilige Vater ein authentischer Verkünder des Evangeliums ist und im Sinne Franz' von Assisi wirkt, dann wird er als Papst verehrt werden, auch ganz ohne päpstliches Blingbling. Es gibt kein Gesetz, was ein Papst anzuziehen hat. Benedikt hat sich auch über bestehende Konventionen hinweggesetzt, siehe benediktinisches Altararrangement.

Was zu bekritteln ist, ist lediglich die linkskatholische Jubelstimmung und die Vereinnahmung von Fraziskus' Demut für konzilsvergeistigte Experimente. Das war aber bei Benedikt anfangs nicht anders. Das böse Erwachen kommt noch, denn moral- und grundtheologisch unterscheidet Fraziskus nichts von Benedikt. Christozentrisch, Eucharistie als Kern des Katholizismus, Verdammung der Homoehe, Heiligkeit des Priesteramts, Ablehnung von Abtreibung, Pro Zölibat, starke Marienfrömmigkeit, Entweltlichung der Kirche usw. usw. Mir wird in der Debatte zuviel über Äußerlichkeiten, und zu wenig über Inhalte gesprochen. Das ist oberflächlich und stört höchstens den pomp-liebenden Kulturchristen.

MfG

Ein Tradi

mitles
21. März 2013 15:54

Boah, Joschkas Turnschuhe.. der war bitter!
Seis drum, ohne Hoffnung kann ich nicht und will ich nicht, auch wenn die Enttäuschung regelmäßig zuschlägt. Franziskus macht auf mich bisher einen sehr sympathischen Eindruck. Hübsche Szene, als er Cristina Kirchner einen Kuß auf die Wange schmatzt. Erinnert sich noch jemand, das vor 2 Wochen Achmadinejad wegen eines ähnlichen Vorfalls schwer unter Beschuss kam?
https://www.welt.de/politik/ausland/article114556805/Papst-Franziskus-trifft-Argentiniens-Praesidentin.html
Was den Islam angeht stellt sich die Frage, ob die Päpste bisher geschwiegen haben, um die Christen in den islamischen Ländern nicht noch mehr zu gefährden. Die Kirche kann sie nicht schützen. Immerhin hat Franziskus persönliche Erfahrungen mit Diktatur gemacht, vielleicht doch ein kleiner Hoffnungsschimmer.

Iustus Ionas
21. März 2013 16:10

Achja:

https://echoromeo.blogspot.de/2013/03/yours-im-marz-2013.html

;-)

Zadok Allen
21. März 2013 16:11

Wer ernsthaft glaubt, daß der hoch ehrenwerte Professor Ratzinger aus den von ihm öffentlich genannten Gründen von einem Amt zurücktritt, dessen Träger nach zweitausendjähriger Auffassung nur der Tod entbinden kann, der glaubt auch, daß Walter Ulbricht 1971 "aus gesundheitlichen Gründen" als Staatsratsvorsitzender der DDR und SED-Parteichef zurückgetreten ist.

In der Tat scheinen tektonische Verschiebungen innerhalb der römischen Kirche im Gange. Angesichts der historischen Entwicklungstendenz dürften diese bei keinem halbwegs kritischen Beobachter Optimismus auslösen.

Welche Intrige könnten die Finanzmafia des Vatikan oder die mehrfach erwähnten homosexuellen Seilschaften innerhalb der Kurie gegen Ratzinger gesponnen haben? Dieser war vielleicht der letzte Sperriegel in einer uralten, innerlich seit langem maroden Staumauer. Katechontische Qualitäten hatte er jedenfalls.

Luise Werner
21. März 2013 16:21

Dem linken Mainstream kommt es wohl zunächst gar nicht darauf an, ob sich die katholische Kirche "reformiert", bzw. in welche Richtung sie sich reformiert. Es scheint wohl viel wichtiger, in welchem Licht man sie darstellen kann. Es geht zumindest in Deutschland darum, die katholische Kirche als eine "Kirche im Aufbruch" oder als "reformwillig" darzustellen und der mit einigen Schlagworten abzuspeisenden Öffentlichkeit zu verkaufen. Die Nachricht soll lauten: Das Bollwerk wird geschleift; auch die Katholiken kommen zur Besinnung; es gibt Niemanden mehr, der die "schöne neue Welt" ablehnt. Diese Nachricht soll die Runde machen und allen soll klar sein, dass Widerstand von niemanden mehr geteilt und unterstützt wird.
Ob die Kirche dann dieser Nachricht auch entspricht, scheint zunächst zweitrangig. Wichtig ist erstmal die Botschaft.
Ich behaupte, egal was der neue Papst sagen und machen wird, es wird in den kommenden Monaten als Signal der Reform verkauft werden.
Soviel zum Mainstream.

Die Diskussionen um den neuen Papst selbst halte ich nur deshalb für halbwegs gerechtfertigt, weil sein Vorgänger auf so außergewöhnliche Weise gegangen ist. Ansonsten ist der Papst der Papst und sollte als solcher weitgehend außerhalb der Kritik stehen. So wie ich das immer für Benedikt gefordert hatte, so wünsche ich dies auch für Papst Franziskus dem I .

Johannes P.
21. März 2013 17:19

Dabei irritiert besonders der Gruß des neuen Papstes „vor allem“ an „die Muslime, die den einen lebendigen und barmherzigen Gott anbeten“.

Das ist lediglich ein Rückgriff auf eine Konstitution des 2. Vatikanischen Konzils:

Der Heilswille umfaßt aber auch die, welche den Schöpfer anerkennen, unter ihnen besonders die Muslim, die sich zum Glauben Abrahams bekennen und mit uns den einen Gott anbeten, den barmherzigen, der die Menschen am Jüngsten Tag richten wird. (Lumen Gentium, 16.)

M.L.: Ja, von Johannes Paul II. kennt man ja ähnliches. Trotzdem werde ich nie verstehen, wie das theologisch schlüssig ist.

Fabian Niklas
21. März 2013 17:36

In drei Tagen ist Palmsonntag. Die Zeitspanne vom "Hosianna" bis zum "Kreuzige ihn" am Karfreitag ist kurz.

Das letzteres bald kommen wird, dessen bin ich fast gewiss. Spätestens dann, wenn sich endgültig abzeichnet, dass auch der neue Papst in den ethischen Fragen keine Anstalten macht, die Positionen der an Anämie leidenden, deutschen, linksliberalen Nabelschau-Katholizismus zu übernehmen.

Ich interpretiere das ostentative Herausstellen des bescheidenen Stils Franziskus' in der Berichterstattung der Mainstreammedien im Übrigen durchaus nicht als Ausdruck genuiner Hoffnung auf Bestätigung der eigenen Positionen (in Sachen Homoehe, Zölibat, Frauenordination), sondern viel mehr als subtiles Nachtreten gegen Benedikt XVI, bei dem der Vorwurf mitschwingt Benedikts Stil sei im Vergleich von geringerem Wert. Wer dem auf den Leim geht, der verkennt die Weite der Möglichkeiten des katholischen Christentums.

Couperinist
21. März 2013 18:36

Gestern wurde im Ersten Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrats der BRD, konsultiert, ob die Muslime den neuen Papst akzeptieren werden. Man werde beobachten, so der Vorsitzende, ob der neue Papst sich als aufgeschlossener dem Islam gegenüber erweisen werde als sein Vorgänger.

Den Anfang hat er ja schon gemacht, werden also vorerst wohl keine Papst-Puppen brennen, wie vor ein paar Jahren. Damit dies hoffentlich so bleibt, müßte er alles daran setzen, die verleumdenden, völlig übertriebenen Gerüchte über verfolgte Christen in der muslimischen Welt aktiv zu bekämpfen und der Islamophobie in Europa den Kampf ansagen (wie schon vom türkischen Außenminister gefordert).

Auch sollte er Mohammed endlich die Prophetenschaft zuerkennen. Und diese Sache mit der Gottessohnschaft Jesu ist dem Dialog auf Augenhöhe sehr abträglich, beleidigt dies doch den lebendigen Gott, der im Koran seine letzte Botschaft an die Menschheit sandte und damit die verfälschten Schriften seiner Vorgänger abrogierte.

Amen.

M.L.: Amen, darauf läuft das alles logischerweise hinaus. Und diese Schritte werden in diesem Prozeß nur von einer Seite gemacht.

Rumpelstilzchen
21. März 2013 19:00

@ Johannes P

Danke für den Hinweis auf Lumen Gentium 1,16, hatte den Text im Hinterkopf, fand aber nicht die Stelle in den Konzilstexten.

@ML
die dogmatischen Konstitutionen sind in der Tat starker Tobak, aber es lohnt sich doch, die Konzilsgeschichte der Kirche mal zu betrachten.
Der besagte Text ist aus der Zeit zu verstehen, Vat II war von 62 - 65.
in Lumen Gentium wurde darum gerungen, ob die , die das " Evangelium noch nicht empfangen haben, auf das Gottesvolk hingeordnet sind".
Dies wurde zuvor verneint.
Es gibt die entsprechenden Passagen zum Judentum, zum Islam und zu anderen Religionen.
Die 1965 gewählte Formulierung stammt aus einer Zeit, als der Islam in Europa noch kein Thema war. Dieser Text müßte aus heutiger Sicht sicher ergänzt werden, damit es nicht zu einem Synkretismus kommt.
Gefahr: der Islam bedient sich am Christentum ( siehe das Buch Barmherzigkeit von Korchide) oder das Christentum gibt in Anbiederung an den Islam Positionen auf.
Die Konzilien waren immer ein Ringen um die wahre Lehre im christlichen Abendland.
noch mal zum Papst: zum ersten Mal seit dem Schisma 1054 kam ein orthodoxer Patriarch, Bartholomaios von Konstantinopel zur Amtseinführung nach Rom. Das ist sicher auch eine Ansage.

M.L.: Mir scheinen die konzilianten Konzilsformulierungen, so wie ich sie verstehe, sinngemäß darauf hinauszulaufen, zumindest höflich die gemeinsame Basis anzuerkennen: "Ihr meint zwar das Richtige, habt es aber noch nicht so richtig verstanden." Die Formulierung, die Moslems glauben an "einen lebendigen, barmherzigen Gott" wirft eine Menge Frage auf. Gibt es denn mehrere "lebendige" Götter usw. Derselbe, der Jesus Christus geschickt hat, kann derjenige, der Mohammed beauftragt hat, theologisch unmöglich sein.

Rumpelstilzchen
21. März 2013 19:17

Ergänzung: Positionen von Papst Franziskus von A wie Abtreibung bis R wie Relativismus gibt es auf kathnet und der Internetseite aleteia.org.

Stil-Blüte
21. März 2013 19:49

Vielen Dank für diesen Beitrag auf dieser Seite. Ich hatte schon gedacht, ich kann meinen Augen nicht mehr trauen.
Unbehagen seit dem ersten Moment als der 'selbsternannte' Franzikus, bevor er auf den Balkon tritt, die rechte Hand auf die linke Brust legt wie ein weltlicher totalitärer Herrscher (s. Lenin, Stalin, Trotzki, Napoleon). Der Papst hat ein Amt inne, und nur das rechtfertigt ihn, Stellvertreter Christi zu sein. Nun wird das Amt Schritt für Schritt, vom ersten Auftritt an aufgeweicht, beliebig, privat 'Guten Abend', 'Guten Appetit' statt 'Gott segne Euch', 'Gott sei mit Euch'. Hat Franziskus vor, sich wie Franziskus von der Welt zurückzuziehen? Nein. Hat er privates Kapital in Gemeineigentum übergeben? Nein. Da mag er noch so viele eiserne Kreuze, schwarze Schuhe, einen teils silbernen Ring tragen - ist das nicht eigentlich ein Verhökern des symbolischen Reichtums der katholischen Kirche/Tradition? Daß doch die Auflösung eines großen Reiches= Reichtums (hier des Katholischen) immer von innen kommen muß...

Und was ist das - 'ein Papst zum Anfassen'? Aller-Welts-Kirche?

Falls Benedikt mehr weiß bzw. wußte warum ist er, kraft seines Amtes nicht den Weg des Märtyrers gegangen? Diese Ansprache der Abdankung hätte auch eine andere sein können. Hier stehe ich und kann nicht anders.

Iustus Ionas
21. März 2013 20:09

Gehorsam beginnt dort, wo man nicht 100% auf einer Linie ist. Das sei am Ende noch dazu gesagt...

Biobrother
21. März 2013 20:32

Es ist wohl stets so, dass überlebensgroße Institutionen und Personen aufgrund ihrer Multiplikatorwirkung zu gigantischen Projektionsflächen werden, in die jeder machtlose Normalbürger etwas von sich selbst einbringen möchte. Den Vorwurf muss man der (oftmals recht penetrant agierenden) ultrakonservativen Seite also ebenso machen wie der linkskatholischen Seite. Insgesamt halte ich die Wahl dieses Papstes auch strategisch für einen ganz guten Griff, die Tatsache, dass er aus einer Weltregion mit vielen Armen und einigen wenigen extrem Reichen kommt, macht die eher soziale Ausrichtung verständlich, hinsichtlich der Reizthemen im Westen (Frauenordination, Zölibat, Homoehe, etc.) erwarte ich mir von ihm keine großen Veränderungen, diese Themen dürfte er aus seine Warte als Luxusproblemchen übersättigter Gesellschaften ansehen, vielleicht sogar zu Recht. Allerdings soll sein Umgangston hier etwas gefälliger und moderater sein als der seines Vorgängers. Ansonsten war der Ansatz von Benedikt XVI., den Glauben mittels der Ratio (Philosophie, Naturwissenschaft, Dialog mit dem Atheismus) neu zu beleben, sicher faszinierend, aber eben nicht massenkompatibel, dem einfachen Katholiken dürfte er stets als entrückter Intellektueller erschienen sein, und nur die unbekümmerte Jugend konnte diese unsichtbare Barriere etwas durchbrechen. Nun hat man quasi einen „Anti-Benedikt“ gewählt, der eher das Herz als das Hirn ansprechen möchte, in der Tat mit sehr viel Charme, der einen fast an einen alten italienischen Dorfpfarrer erinnert.

Zu den (ultra-)konservativen Katholiken noch die Anmerkung, dass ich Strenge aus echtem, tiefem Glauben heraus durchaus respektiere, das Bedürfnis einiger unter Weltekel leidender Konservativer, die Kirche zum Bollwerk gegen jede Form der Modernisierung zu machen, sie als Stütze der eigenen Identität zu missbrauchen oder sie auf die Rolle der blütenweißen Spenderin von spirituellem Trostbalsam zu beschränken, etwas problematisch und an der Sache vorbeigehend finde.

Wobei man bei Linkskatholiken und Ultrakonservativen ohnehin den Eindruck gewinnen kann, zwei verschiedene Organisationen vor sich zu haben, vom Umgangston mal gar nicht zu reden (so bezeichnete z.B. der brasilianische Befreiungstheologe und geschasste Priester Leonardo Boff den unlängst emeritierten Papst als das Schlimmste, was der Kirche passieren konnte und verlieh ihm den Ehrentitel eines "Würgeengels der Kirche". Nett, nicht?)

https://www.sueddeutsche.de/panorama/papst-franziskus-wider-die-buergerliche-froemmigkeit-europas-1.1625893

Rumpelstilzchen
21. März 2013 20:39

Papst Franziskus zum Relativismus:

"Jener Relativismus der es, unter dem Deckmantel des Respekts für Unterschiede, allen erlaubt, den Konflikt zu vermeiden, der mit dem reifen Mut verbunden ist, Werte und Prinzipien hochzuhalten. Der Relativismus ist seltsamerweise absolutistisch und totalitär. Niemand darf von seinem Relativismus abweichen. Im Grunde genommen heißt das ‚halt den Mund’ oder ‚misch dich nicht ein’. (25. Mai 2012)

Biobrother
21. März 2013 21:15

Zu besagtem Zitat von Leonardo Boff:
Siehe aktueller "Spiegel" oder auch

https://www.spiegel.de/spiegel/print/d-90049019.html

Unnötig zu sagen, dass der marxistisch inspirierte Herr Boff selbst ein recht merkwürdiger Heiliger ist.

Georg Mogel
21. März 2013 21:36

Fischers Schuhe

https://www.sueddeutsche.de/leben/die-roten-schuhe-des-papstes-schuster-1.19974

Joseph von Sternberg
21. März 2013 21:48

Hier ein Interview mit Pater Schmidberger im September letzten Jahres:

https://www.youtube.com/watch?v=s9Y3B75l1VA&list=PLNbNLuXIe7-K1J6kYWi9IUM_BHtAGGFgP&index=1

Damals kamen die Verhandlungen plötzlich ins stocken. Neben den katastrophalen Kardinalskreationen der letzten zwei Jahre fällt mir dabei folgendes auf:

Es wurden Schlüsselpositionen mit Leuten gerade im letzten Jahr besetzt, die ich für Feinde von Innen halte - die gerne auch von der Journaille das Etikett konservativ aufgedrückt bekommen, Modell Beckstein oder Schäuble halt...

In diesem Zusammenhang wäre das Petrusamt, die letzte und wichtigste Umbesetzung - und die Piusbruderschaft bleibt draußen... während alle Keime jetzt erst recht ungehinderten Zugang erlangen werden.

Ein Fremder aus Elea
22. März 2013 07:47

Da hat kein Blitz eingeschlagen. Er hätte das Kreuz auf der Kuppel getroffen, ohne Schaden anzurichten. Ist 'ne Fälschung, kann man auch erkennen, wenn man sich das Photo hier genauer ansieht: https://www.mirror.co.uk/news/world-news/pope-benedict-wild-conspiracy-theories-1706485

M.L.: Na, wenn's im Daily Mirror steht,muß es wohl stimmen.

Ein Fremder aus Elea
22. März 2013 08:42

Das meinte ich nicht, Herr Lichtmesz.

Auf diesem Bild können Sie den Blitzableiter des Kuppelkreuzes erkennen:

https://www.roma-antiqua.de/forum/galerie/data/501/28-4-08_Kuppel-Petersdom.jpg

Wie Sie sehen, endet er in der Spitze des Kreuzes, wohingegen der Blitz, welchen Sie auf dem Bild des Daily Mirror sehen (und auf allen anderen Bildern auch) rechts hinter dem Kreuz endet.

Meine Worten waren etwas schlecht gewählt, mir ging es darum, auf das Bild hinzuweisen, und daß es nicht "echt" aussieht. Gut, jetzt habe ich es überprüft, und es stimmt auch.

Rumpelstilzchen
22. März 2013 09:40

@Couperinist

Es ist völlig belanglos, ob ein islamischer Funktionär den Papst akzeptieren kann, genauso belanglos ist es, ob er für eine deutsche Kanzlerin Bedeutung haben kann. Entweltlichung heißt ja auch, Welt Welt sein lassen.

@ML
Sicher erkennen die Konzilstexte von 1965 höflich die gemeinsame Basis an.
Aus heutiger Sicht ein bedenklicher Text.
Das Trennende zwischen Islam und Christentum ist größer als das Gemeinsame. Der christliche Gott ist nicht der islamische Gott.
Das zeigt sich am besten, wenn man Jesus und Mohammed vergleicht.
Dieser Konzilstext richtet heute eher Verwirrung an, er wird von Christen und Muslimen gleichermaßen benutzt , um die Unterschiede zwischen Islam und Christentum zu verwischen.
Grundlage muß deshalb immer wieder das Glaubensbekenntnis von Nicäa/Konstantinopel ( 451) sein, das für alle Christen verbindliche Glaubensbekenntnis.

Ob der Papst im Hinblick auf den Islam höflich die gemeinsame Basis betont oder eher in die Ent-scheidung drängt, bleibt abzuwarten.
Benedikt hat das in Regensburg versucht. Immerhin.
ich weiß nicht, ob ich die Namenswahl des Papstes toll, kühn oder eher doch tollkühn finden soll.

Gottfried
22. März 2013 09:52

@ Biobrother

"die Kirche zum Bollwerk gegen jede Form der Modernisierung zu machen, sie als Stütze der eigenen Identität zu missbrauchen"

Das riecht denn doch ein wenig streng nach Sigismund Schlomo Freud. Eine m.E. viel zu wenig getadelte Seuche der Moderne - der Relativismus bekommt ja durchaus sein Fett ab - ist der ubiquitäre Psychologismus, der sich von der Psychoanalyse wohl über die Kritische Theorie der Frankfurter Schule bis zu den Kenntnissen eines Jedermanns über Seelenkunde durch gelegentliche Einsichtsnahme die bunten Blätter, die in den Zahnarztpraxen ausgelegt werden, ausgebreitet hat.

Das ungelöste Rätsel der Erkenntnis: Man findet nur Zugang zu etwas - wie z.B. zur Rückwärtsgewandtheit eines traditionellen Christentums - von dem man bereits Elemente in sich trägt.

Auch vor der ersten Lektüre Davilas war ich ein ewiggestriger Reaktionär, stieß dann auf dieses:

"Die Hölle ist der Ort, an dem der Mensch all seine Vorhaben verwirklicht findet."

"Der Liebhaber des Lächerlichen wird vom fortschrittlichen Klerus nie enttäuscht."

"Früher griffen die Narren die Kirche an. Heute reformieren sie sie."

Es gibt wirklich nichts Groteskeres als einen gänzlich effeminisierten Kirchenmann, der mit allen seinen Manövern im Grunde nur darum bettelt, am Rande der modernen Gesellschaft trotz seines verdächtigen Abweichlertums von den Ewigheutigen gerade so eben noch geduldet zu werden.

eulenfurz
22. März 2013 10:36

Aber vielleicht tut es ja Europa gut, sich selbst ein wenig zu relativieren. … Solcherart müsste Europa den Perspektivenwechsel nicht einfach nur hinnehmen, sondern könnte dadurch gewinnen.

Auch an anderer Stelle wird dieser Paradigmenwechsel propagandiert:

Das Überlegenheitsgefühl der Europäer gegenüber ihren ehemaligen Kolonien hat sich auch ins wissenschaftliche Denken tief eingegraben. Ziel ist nun, den Eurozentrismus endlich aufzubrechen und die Blickrichtung umzukehren: Betrachtet Europa als Provinz und die ehemaligen Kolonien als geistige Zentren!

Hartmut Lutz, Professor für Native American Studies in Greifswald: „Post-Kolonial bedeutet für mich, dass wir als Europäer uns unserer kolonialen Privilegiertheit, aber auch unserer kolonialen Verblendung bewusst werden.“

[hier]

Couperinist
22. März 2013 20:19

@Rumpelstilzchen

Religion, insbesondere das Verhältnis von Islam und Christentum, ist immer Politik. Der Islam sieht sich gegenüber dem Christentum dogmatisch in einer Position wie der Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus. Mittelbar ist der religiöse Kampf immer ein weltlicher Kampf, weil er Identitäten und gesellschaftliche Grundannahmen betrifft.

Wenn der Papst als Oberhirte der größten christlichen Konfession dogmatische Zugeständnisse an den Islam macht, ist das alles andere als Gedöns. Der Platz, den alle islamischen Rechtsschulen den Christen zuweisen ist genau der, den ich oben satirisch dargestellt habe: "Integrierte" Schutzbefohlene, die mit gewissen Rechten leben dürfen, wenn sie die Oberhoheit des Korans anerkennen. Man könnte sagen, der Papst integriert sich.

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