22. März 2013

Die Schuhe des Fischers (2) – Von Anthony Quinn zu Jean Raspail

Martin Lichtmesz / 13 Kommentare

So manche der aktuell um Papst Franziskus I. herumwimmelnden Vorstellungen und Erwartungen erinnern mich an einen 45 Jahre alten amerikanischen Film und an einen 40 Jahre alten französischen Roman. Zuerst der Film: "In den Schuhen des Fischers" (In the Shoes of the Fisherman, 1968) nach einem Roman von Morris L. West war und ist eine in all ihrer Absurdität aufschlußreiche liberale Phantasie.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Es lohnt sich, diesen Film gerade jetzt wieder anzusehen - seine Ideen sind nicht abwegiger als jene, die heute im Westen eine allumfassende Hegemonie innehaben.

Die Handlung: In der nahen Zukunft stehen China und die Sowjetunion an der Schwelle zu einem verheerenden nuklearen Krieg. Diese Krise wurde durch eine Hungernot in China ausgelöst, die wiederum auf das Konto der, wie es im Film heißt, "kapitalistischen" Politik des Westens, namentlich der USA geht. Am Desaster ist also indirekt die Gier des Westens schuld, dessen politische Vertreter im Film seltsamerweise nicht auftreten.

Um die Katastrophe abzuwenden, sieht der verzweifelte, am Ende seiner Weisheit angelangte sowjetische Staatschef (Laurence Olivier) keinen anderen Weg mehr, als ausgerechnet einen seit Jahrzehnten in einem sibirischen Arbeitslager inhaftierten Quasi-"Heiligen", den ukrainischen Erzbischof Kiril (Anthony Quinn), zu befreien und in den Vatikan zu schleusen.

Dort hat man einen Mann von seinem Format vom "anderen Ende der Welt" (ähnlich wird nun auch Bergoglio tituliert) sehnsüchtig erwartet. Er wird flugs zum Kardinal ernannt, und gewinnt durch seine "Einfachheit", "Bescheidenheit" und "Demut" rasch die Herzen der Kurie. Als der Papst überraschend stirbt, wird Kiril ebenso überraschend zu seinem Nachfolger gewählt. Die "Avantgarde" der Wähler bilden die farbigen Kardinale, die die anderen schließlich mit sich reißen.

Kiril nimmt die Wahl nur zögerlich und mit beschämten Stirnfalten an; er gibt indessen auch gleich eine Kostprobe seiner "Bescheidenheit", indem er seinen eigenen Taufnamen wählt, als "Erster" natürlich, was seit ca. 1000 Jahren in der Kirche nicht mehr üblich und daher eben eben kein Ausdruck von "Bescheidenheit" mehr ist.

In einem Gespräch mit den Kardinalen äußert er recht unorthodoxe, quasi-"befreiungstheologische" Ansichten:

Kiril: Der Marxismus in Rußland ist sehr konservativ, die Revolution taugt heute allenfalls für den Export. Wir sollten die authentische christliche Revolution bewerkstelligen: Arbeit für alle, Brot für alle, Würde für alle.

Ein Kardinal: Aber ohne Gewalt!

Kirill: Entschuldigen Sie bitte, aber Gewalt ist eine Reaktion gegen eine Situation, die unerträglich geworden ist.

Er erzählt, daß er im Lager Brot gestohlen, und einmal beinahe eine Wache getötet hätte, als es darum ging, einen Mithäftling zu schützen.

Kardinal: So hätten Sie als Bischof den sozialen Aufruhr befürwortet?

Kiril: Ich wäre womöglich gezwungen gewesen, ihn als Preis für soziale Veränderung in Kauf genommen. ... Wir leben in einer brutalen Welt, und wenn wir die Kinder Gottes beschützen und kämpfen müssen, dann werden wir auch kämpfen.

Dieser ehemalige GULag-Häftling ist also am Ende ein radikalerer Kommunist als seine Peiniger. Gegen Ende des Films kommt es zu einem Treffen Papst Kirils mit den Führern Chinas und der Sowjetunion. Vor dem Treffen legt er seine weiße Papsttracht ab und kleidet sich in Hemd und Krawatte. Auch dieser Akt wird als Geste der "Bescheidenheit" hingestellt: "Wir werden uns besser ineinander einfühlen können, wenn wir ähnlich aussehen."

So erscheint der Papst im Outfit eines amerikanischen Präsidenten zum Treffen mit den Führern zweier riesiger kommunistischer Imperien. Auch der Russe trägt einen Anzug, während der chinesische Parteivorsitzende in grauer Mao-Uniform erscheint und einen geradezu erpresserischem Tonfall anschlägt. Er verlangt ein Opfer, einen grundlegenden Einsatz von Kiril.

Und nun das Ende des Films: nach der in allem ihrem kinotauglichem Pomp und "eye candy" ausführlich gezeigten Weihezeremonie empfängt Kiril auf der Benediktionsloggia die Papstkrone. Er nimmt sie eigenhändig vor den Augen der Massen am überfüllten Petersplatz ab, und erklärt, daß er sich als der oberste Schatzmeister der Kirche all ihres Geldes, "all unserer Besitztümer und Ländereien, all unserer Gebäude und großen Kunstwerke" entledige, "um unseren hungrigen Brüdern zu helfen".

Gerührt verfolgen die chinesischen und sowjetischen Staatschefs diesen Übergabeakt auf riesigen Bildschirmen; gerührt über den jäh einsetzenden Jubel der Massen und seinen eigenen Edelmut ist nun auch der Papst selbst,  und in der mit pathetischer Musik unterlegten Großaufnahme sieht Anthony Quinn Heiner Geißler wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich. Zuvor haben ihn die Kardinäle gewarnt, daß sein Vorhabe ruch- und verantwortungslos sei - er grabe der Kirche die materiellen Ressourcen ab, die wichtig für ihren Erhalt seien.

Der Film ist, wie gesagt, vor allem wegen seiner wirren, aber offenbar schier unwiderstehlichen Ideen bemerkenswert.  Der Papst handelt in Wirklichkeit gerade in dem Moment, in dem er die Tiara eigenmächtig ablegt und sich über sein Amt hinwegsetzt, unendlich hochmütig, quasi-protestantisch und gar bolschewistisch. Die Besitztümer des Vatikans, die ihm nicht gehören, sollen nun also offenbar kurzerhand nach China geschickt werden, um die Hungersnot abzuwenden, um den Atomkrieg abzuwenden. Damit ist die ganze Existenz der Kirche als Institution dauerhaft aufs Spiel gesetzt, ohne daß damit die Armut insgesamt dauerhaft aus der Welt geschafft wäre.

Die Massen wiederum jubeln ähnlich unerwartet und unglaubwürdig wie bei Charlie Chaplins Schlußrede im "Großen Diktator",  feiern ein materielles Opfer, das sie nicht selbst erbringen müssen und dessen Ertrag sie selbst nicht nötig haben. (Aber würden sich Abermillionen Katholiken nicht verlassen fühlen, wenn die Kirche sich als Institution abschaffen, ihre Dome und Kathedralen schließen, ihre Kunstwerke veräußern würde? Verehren Sie den Papst wirklich,wei er ein Mensch "wie alle anderen" ist? Wären Sie nicht zutiefst enttäuscht, würde sie ihren Pomp ablegen, um durch einen Akt der Fernstenliebe Menschen am anderen Ende der Welt zu füttern, die morgen und übermorgen wieder Hunger haben werden?).

Wie gesagt, hier ist nicht der Platz, um die Frage nach der Armut theologisch zu erörtern oder die unermeßliche materielle Not auf der Welt zu erörtern.  Die Armut Christi und seiner Jünger wie die des aus einer wohlhabenden Familie stammenden Franz von Assisi war jedenfalls nach dem überlieferten Zeugnis eine selbstgewählte und hatte den Zweck der asketischen Züchtigung und Ausrichtung auf Gott und sein Reich, das "nicht von dieser Welt" ist.

Die Abgabe des Reichtums hat im Neuen Testament niemals den Sinn einer "gerechten Umverteilung" oder ähnlicher sozialer Wohltätigkeit (dies wird explizit als ein Irrtum des Judas gekennzeichnet). Im Zentrum des Gleichnisses vom frommen reichen Jüngling, den Jesus auffordert, all seine Besitztümer abzugeben, steht primär nicht das leibliche Wohl der Armen, sondern das Seelenheil dieses einen Reichen. Hier wäre zu fragen, wie sich Franziskus I. seine "arme Kirche für die Armen" konkret vorstellt - mit dem Hinweis auf den schillernden katholischen Berserker Léon Bloy wird die Frage nicht geklärt sein.

In unserem Zusammenhang aber noch wichtiger ist die Frage, wie sich die ihm applaudierenden Meinungsmacher nun diese "arme" Kirche "für die Armen" denn vorstellen. Von ihnen selbst ist jedenfalls anzunehmen, daß sie sich wie der reiche Jüngling enttäuscht abwenden würden, wenn sie selbst dazu verpflichtet würden, ihren Wohlstand den Verdammten dieser Erde zu opfern.  In Wahrheit träumen sie einen bürgerlichen Traum von einer globalen Umverteilung, in der am Ende alle den gleichen Wohlstand genießen, sie selbst als Hohepriester dieser Menschheitsordnung und "Weltgemeinschaft" allerdings womöglich mehr als andere.

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All diese Fragen beschäftigten auch Jean Raspail in seinem 1973 erschienenen Roman "Das Heerlager der Heiligen", eine düstere Prophetie um die grausame Realität globaler Verteilungskämpfe zwischen "erster" und "dritter Welt", in der die "christlichen Nächstenliebe" sich nicht nur "als ohnmächtig erweisen wird" (Raspail), sondern geradezu zur mentalen Todesfalle werden kann.

In diesem prophetischen Buch, das vielleicht sogar teilweise als sarkastische Antwort auf "In den Schuhen des Fischers" konzipiert wurde, ließ er einen Papst namens Benedikt XVI. auftreten; dieser hat allerdings größere Ähnlichkeit mit dem aktuellen Franziskus I.

Auch er stammt aus Südamerika, in diesem Fall aus Brasilien, und auch er wünscht eine "arme Kirche" . Ein Vorhaben, mit der er radikal ernst macht. Er verkauft seine Tiara und "seinen Cadillac", veräußert die Besitztümer des Vatikans, führt ein ärmliches, bescheidenes Leben. Bald sitzt er im "Dachgeschoß des Vatikans", verzehrt "mit einer eisernen Gabel eine Büchse Ölsardinen": "Ein sympathischer Papst, der seine Zeit für sich gewonnen hatte. Und eine gute Titelfigur für die Zeitungen!"  Was mich an eine Bemerkung Alexander von Schönburgs in der Welt erinnert:

Für einen Boulevardjournalisten (wie mich) ist der neue Papst ein Gottesgeschenk. Die Symbolik des von ihm gewählten Namens, der ihn in die Nachfolge des größten Revoluzzers der Kirchengeschichte stellt! Der Verzicht auf die auf ihn nach seiner Wahl wartende Mercedes-Limousine und dann die Fahrt im Autobus mitsamt den Kardinälen! Tags darauf die überraschende Geste, selbst im Wohnheim "Domus Paolo VI." aufzutauchen, dort sein Gepäck abzuholen und die Rechnung zu zahlen! Die Weigerung, bei der Huldigung durch die Kardinäle in der Sixtinischen Kapelle auf dem "Papstthron" zu sitzen und die Glückwünsche stattdessen stehend entgegenzunehmen … Seine Gesten – das macht ihn schon jetzt zum Popstar – sind fotografisch lückenlos dokumentiert und haben via Facebook und Twitter (#papabus) längst millionenfach den Globus umrundet.

Als im apokalyptischen Finale des Romans die hungrigen, leprösen und rachsüchtigen "Verdammten dieser Erde" einen morbiden und physisch wie psychisch wehrlosen Westen überschwemmen, verschwindet er, und mit ihm das Papstum, still und leise von der Bildfläche:

Man erzählt sich, er habe sich, ins Gebet versunken, freiwillig in seine Wohnung unter den Dächern des Vatikans eingeschlossen und sei nie wieder erschienen.

Eine Hauptfigur des Buches, ein französischer Professor, erinnert ihn kurz vor der Invasion so:

Der Professor hatte vor einiger Zeit seine Schränke und Truhen, sowie Keller und Speiseschrank abgeschlossen. Er erinnerte sich noch sehr gut daran, da am gleichen Tag der Papst den Vatikan geleert hatte. Tresore, Bibliothek , Bilder, Fresken, Tiara, Möbel und Statuen hatte er unter dem Beifall der Christen verkauft, von denen diejenigen, die vor Rührung am meisten ergriffen und wie von einer Epidemie befallen waren, sich fragten, ob sie ihn nicht nachahmen und arm werden sollten. Mit einer geradezu lächerlichen Geste angesichts der Ewigkeit hatte der Papst alles in ein Faß ohne Boden geworfen. Mit dem Ergebnis hatte man noch nicht einmal den Landwirtschaftsetat von Pakistan ausgleichen können. Moralisch gesehen hatte er nur seinen Reichtum enthüllt. Die Dritte Welt machte ihm daher auch schnell Vorwürfe, und er verlor jede Glaubwürdigkeit.

Seitdem war Seine Heiligkeit infolge selbst gewählter Mittellosigkeit in Ihrem öden, schäbigen Palast herumgeirrt und schließlich in einer leeren Wohnung auf einem eisernen Bettgestell zwischen einem Küchentisch und drei Strohstühlen wie ein armer Landpfarrer gestorben.

Die "selbstlose" Aufgabe der Kirche führt aber auch zur Aufgabe von Christus selbst. An einer anderen Stelle läßt Raspail den "Mistkäfer", einen "halbnackter Paria" aus einem indischen Slum, "Berufskotfahrer, Kotstampfer und Former von Kotbriketts" auftreten, der sich zum Endzeitpropheten der hungernden Massen erhoben hat und eine arm- und beinlose Mißgeburt auf den Schultern trägt. Er erzählt folgende Parabel:

"Buddha und Allah" - die Menge brummte - "Schiwa, Wischnu, Garuda, Krischna, Partawi, Indra, Deruga, Surija, Bhairaw, Rawana und Kali haben beraten und besuchten den kleinen Gott der Christen. Sie haben ihn vom Kreuz heruntergeholt, haben ihm das Gesicht getrocknet und ihn mit heiligem Balsam gepflegt. Sie haben ihn geheilt und zwischen sich gesetzt. Sie haben ihn begrüßt und zu ihm gesagt: Jetzt verdankst Du uns Dein Leben, was gibst Du uns dafür?"

"Ökumenischer als der Papst", dachte Ballan (ein fanatischer atheistischer Philosoph. -M.L.), der eifrig zuhörte. "Der Kotsammler schlägt die Christen auf ihrem eigenen Feld. Er hat die Ökumene der ganzen Erde."

Der Mistkäfer fuhr fort: "Dann rieb der kleine Gott ohne Kreuz seine steifen Glieder, bewegte Arme und Beine, drehte mehrmals seinen Kopf und sprach: 'Es ist wahr. Euch verdanke ich mein Leben, daher schenke ich Euch mein Reich. Die Zeit der tausend Jahre erfüllt sich. Jetzt versammeln sich die Völker an den Enden der Erde. Ihre Zahl ist so groß wie der Sand am Meer. Sie werden auf die Breite der Erde heraufziehen und das Heerlager der Heiligen und die geliebte Stadt umringen..."

"Schau mal an", dachte Ballan, "das ist doch unglaublich. Das ist ja die Offenbarungsgeschichte, Kapitel 20, Vers 8 und 9!"

Trotz einer am Ufer des Ganges dicht gedrängt sitzenden Menge von fünfhunderttausend Menschen, zu denen auf allen Zugangsstraßen zum Hafen noch weitere hinzuströmten, war es unglaublich still, als der Mistkäfer seine Rede fortsetzte.

"So sprach der kleine Gott der Christen. Dann führten ihn Allah und Buddha, Schiwa, Kali, Krischna und Wischnu um das leere Kreuz herum. Hierauf machten sie sich zusammen an die Arbeit. Mit dem Holz aus dem Kreuz bauten sie ein großes Boot, das Meere und Ozeane befahren konnte. Und sie sammelten ihre Halsketten ein, ihre Diademe, Armbänder und Ringe und sagten zum Kapitän: 'Es ist angebracht, daß Du bezahlt wirst. Nimm das alles, und da Du die Seewege der Welt kennst, so führe uns heute ins Paradies.'

Als das Schiff die offene See erreicht hatte, gefolgt von Tausenden von weiteren Schiffen, lief der kleine Gott der Christen auf seinen weißen, ungeschickten Beinen am Ufer entlang und rief: 'Und ich! Und ich! Warum habt ihr mich im Stich gelassen?' Buddha und Allah antworteten ihm durch ein Sprachrohr: 'Wenn Du Gottes Sohn bist, dann laufe über das Wasser und komme zu uns.' Mutig betrat der kleine Gott das Wasser. Als es ihm bis zum Mund und dann zu den Augen ging, ertrank er.

Die Reise war lang und gefährlich. Viele starben unterwegs. Neue Menschen wurden geboren und ersetzten jene. Dann hörte die Sonne auf zu brennen. Die Luft wurde mild und schmeichelnd, als das Paradies im Westen auftauchte. Man sah Brunnen, aus denen Milch und Honig flossen, sah fischreiche Flüsse und Felder, die bis zum Horizont überreiche Ernten versprachen. Aber man entdeckte keine Menschen, was nicht verwunderlich schien, da der kleine Gott der Christen gestorben war."

Der Traum vom Paradies gebiert Monstren und das Fieber der Utopie. Diese heischt ab einem bestimmten Punkt immer nach Blut; die Vorstellung von "friedlichen Umverteilungen" wird immer eine Illusion bleiben. Der Koran sagt es deutlich:

Wisset, daß das Paradies im Schatten der Schwerter liegt!

Bilder:"In den Schuhen des Fischers", USA 1968.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


Kommentare (13)

Biobrother
22. März 2013 09:49

Evita Peron meinte einmal sinngemäß, dass sie sich gerade für ihre Armen in Diorkleider hülle. Bei der katholischen Kirche und ihrem Pomp ist das vermutlich ähnlich: auch sie wendet sich wohltätig den Armen zu, behält dabei aber - als Institution - bewusst ihren auch optisch herausgehobenen Status bei. Vermutlich ist das auch gerade das, was die Armen von ihr erwarten: Eine mächtige Institution, die sich ihnen leutselig und wohlmeinend zuwendet, ohne sich dabei aber insgesamt auf ihr Niveau herab zu begeben. Außerdem soll diese Form des „Eye Candy“ (hübsches Wort) ja nicht nur Macht und Tradition versinnbildlichen, es soll auch ein „Abglanz des Himmels“ sein. Würde die katholische Kirche ihr in der Tat nicht unbeträchtliches Vermögen weggeben, würde sie damit höchstens sehr begrenzt und kurzfristig helfen können, vielleicht sogar noch den Zorn der Armen auf sich ziehen („So reich ist diese Kirche also gewesen“) und hätte sich aller Symbolik und zukünftigen Gestaltungsmöglichkeiten beraubt. Dass das kein zukunftsweisendes Konzept wäre, hat ja schon Esther Vilar in ihrem faszinierenden Buch "Die Antrittsrede der amerikanischen Päpstin" dargelegt. Insofern dürfte bei dem neuen Papst trotz seiner Sympathie für die Armen auch ein Stück wohldosierter Pose dabei sein. Dass die katholische Kirche zukünftig auf ihre Besitztümer und allen offiziellen Prunk verzichten wird, ist insofern wohl eher nicht zu erwarten.

Rumpelstilzchen
22. März 2013 10:22

Eine geniale Synopse, Herr Lichtmesz.

Dann hoffen wir mal, daß Franziskus die Kirchengüter nicht verschleudert (siehe Zypern), um den Euro zu retten und zur EU-Sozialunion beizutragen.

Die andere Vision:
1. der Jesuit Bergoglio bezieht sich auf die katholische Soziallehre des Jesuiten Oswald von Nell-Breuning und nicht auf die Vorstellung einer friedlichen Umverteilung.
2. Der Guardini Leser Bergoglio schafft Europa nicht ab, sondern will, dass
"Europa werde".
3. Der Buntschuh-Verweigerer Bergoglio hat wirklich das Gemüt eines italienischen Landpfarrers.
4. Der Frauenküsser Bergoglio umarmt Erdogans Frau Emine in Konstantinopel. Diese wirft daraufhin ihr Kopftuch ab und trocknet dem Papst die Füße.

Usw. Usw.

M.L.: 5. Der Verkünder der alleinseligmachenden Lehre Franz I. pilgert wie weiland sein Namenspatron höchstpersönlich zu den Sarazenen, um sie zu bekehren oder sich den Kopf abschlagen zu lassen... DAS wäre mal wirklich revolutionär!

Hesperiolus
22. März 2013 13:44

Zweifellos unterliegt die Demut in der großen Geste ihrer Deklaration einem performativen Widerspruch. Sollte Franziskus tatsächlich die Mozetta mit den Worten zurückgewiesen haben, daß der Karneval vorbei sei (https://www.faz.net/aktuell/politik/die-wahl-des-papstes/papst-franziskus-kraft-und-zaertlichkeit-12121010.html), wäre das eine grandiose Taktlosigkeit, gegenüber seinem Vorgänger und anmaßend gegenüber altehrwürdiger Tradition. Eine typisch "westliche" Ignoranz und gradezu Verächtlich- und Lächerlichmachung zeremonieller Ausdrucksformen, die als ein zeitwiderständiges Kulturerbe doch genauso wie die gefällig im Munde geführte "Ökologie" und "Natur/Schönheit" bewahrenswert sind. Muß der über die rote Beschuhung des Papstes feixende Spiegel- oder Focus-Leser zum Weltmaßstab gemacht werden? Ein gebildeter Japaner sähe das schon ganz anders, unvorstellbar, daß der sich über vergleichbare Details eines Shinto-Rituals solchermaßen borniert mokieren würde. Nicht hollywoodträchtige Anbiederungs-Bescheidenheit an die Weltmedien wünsche ich mir von einem Papst, sondern existenzielle Demut, mit der er nicht zuerst, aber möglicherweise doch zuletzt auch den vatikanischen Symbolschatz vor seinen effeminierten Schranzen rettet. Statt eitler Demut, das auch in der Gestalt einer Mozetta demütig getragene Amtsjoch! Wenn er dann den homophilen Klüngel, sollte es ihn geben, hinausfegt und meinetwegen Cristina Fernández de Kirchner mehr als herzlich küsst, hätte er meine volle Sympathie.

Joseph von Sternberg
22. März 2013 22:14

Der Wahnsinn geht weiter - Gründonnerstag nicht in der Stationskirche, sondern im Knast!

https://kath.net/news/40642

Stil-Blüte
23. März 2013 01:38

Eine hervorragende Analyse!

Spielt Franziskus den Film nach? Hat er wirklich gesagt, dass der 'Karneval' nun ein Ende hat?

Ist die Entwertung, die 'Verweltlichung' - wie Benedikt sagen würde - der katholischen Heiligtümer nicht schon ein seit langem eingesetzter (eingeleiteter?) Prozess? Der Tourismus mit dem Aufblitzen der Handys in der Dämmerung der Gotteshäuser, die Übereignung sakraler Gegenstände, Bilder, deren Kostbarkeit nicht mehr verortet im Sakralen, sondern im Materiellen gesehen wird, in die museale Aufbewahrunganstalten der zu Museen mutierten Kirchen. Wer einmal Marienstatuen, Chorgestühl, Altarkelche in Museen auf einem Haufen gesehen hat, weiß um die Inflationierung. Die Entmachtung des Heiligen und Deklarierung zum Kunstgegenstand., ein permananter Auflösungsprozess.

Das 2. Vatikanische Konzil hat es vorgegeben. Seitdem schreitet die Sekularisierung des Katholischen unbarmherzig voran und hat nun auch den Papst selbst erreicht. 'In den Schuhen des Fischers' - als sei der Film die Vorlage für Franziskus I.

Die gesellschaftsfähige Tugendhaftigkeit der Französischen Revolution als Recht der Schwachen ohne das persönliche Ritual von Beichte, Buße, Reue, Trost fällt mir ein. Die Assoziation zu Heiner Geißler ist naheliegend.

Distelherz
23. März 2013 08:41

Mir mißfällt die Vehemenz, mit der einige führende rechtskonservative Publizisten wie die sonst von mir außerorderntlich geschätzten Lichtmesz und Kleine-Hartlage vorverurteilend Gericht über den neuen Papst halten. Geben Sie dem Mann doch erst einmal eine Chance. Ich kann Mosebachs Begeisterung über Franziskus bislang jedenfalls durchaus teilen und hoffe inständig, daß ich mich nicht täusche.

M.L.: Ich halte kein "Gericht" über den Papst, und ob ich ihm eine "Chance" gebe, kann ihm und dem Vatikan ja auch leidlich egal sein. Ich versuche nur, Dinge zu beschreiben, die ich sehe, und die, wie mir scheint, andere übersehen. Und ich bin eben auch gerade dank Mosebach feinspürig für die "Häresie der Formlosigkeit" (Franz ist angeblich ein Feind der lateinischen Messe -ob M.M. davon schon erfahren hat?). Wohin die Reise geht, und was wirklich hinter den Kulissen geschieht, kann ich nicht wissen. Alles was mir zur Verfügung steht, ist der Kaffeesatz der Medienberichte. Wenn ich mich täusche - umso besser.

Rumpelstilzchen
23. März 2013 09:42

@ML
Punkt 6
Ich dachte es doch, dieser Papst ist tollkühn

Der chaldäische Patriach hat den Papst in den Irak eingeladen. Franz ist erschüttert von der Verfolgung der Christen.
Der Exorzist Gabriele Amorth hat Franziskus vor einem schnellen Tod gewarnt.

@ Stilblüte
Die Entwertung der katholischen Heiligtümer geht in Frankreich und Deutschland schon lange voran. Massenhaft Profanierungen von katholischen Kirchen. Das ist trotzdem kein Grund zur Besorgnis:
"Vielleicht ist Gott unserer frostigen Zeit näher als dem Barock mit der Pracht seiner Kirchen, dem Mittelalter mit der Fülle seiner Symbole, dem frühen Christentum mit seinem jungen Todesmut; nur empfinden wir es nicht. Er aber erwartet, daß wir nicht sagen: >wir fühlen keine Nähe, also ist kein Gott> - sondern daß wir Ihm durch die Ferne hin die Treue halten. Daraus könnte ein Glaube erwachsen, nicht weniger gültig, ja reiner vielleicht, härter jedenfalls, als er in den Zeiten des inneren Reichtums je gewesen ist." (Romano Guardini)

ene
23. März 2013 10:37

Der Unterschied zwischen deutschsprachiger und italienischer Presse ist bemerkenswert.

"Vom Tag seiner Wahl an läßt Papst Francesco keine Gelegenheit aus, an seinen "verehrten Vorgänger" zu erinnern. Völliger Gleichklang zwischen beiden.
Aber die Medien konstuieren einen Gegensatz."---

(Für Interessierte: Il Blog degli amici di Papa Ratzinger).

Rumpelstilzchen
23. März 2013 16:54

@ Distelherz @ ML

Einen sehr feinen Beitrag zum neuen und alten Papst findet man in kathnet.
Das Kompositionsprinzip von Gottes Römischer Symphonie
von Andreas Püttmann
Er beschreibt sehr anschaulich, wie Kontrast verbindet und Wiederholung trennt.
Sozusagen eine Synthese der hiesigen Beiträge. Lesenswert.
Schönen Palmsonntag.

Rumpelstilzchen
23. März 2013 17:23

"Auch dieser Papst, wenn er nur lange genug regieren kann, wird es den Deutschen schließlich wieder nicht recht machen können, weder den immer nur fordernden Protestanten, noch den Atheisten und auch nicht den zeitgeistsynchronisierten „Reformkatholiken“. „Die Hunde bellen, die Karawane zieht weiter“, wird die Schar der Treuen sich sagen müssen und erleichtert sein dürfen, dass der „graue Nörgelton“ (Heinz-Joachim Fischer) nun wenigstens nicht mehr aus dem Heimatland des Papstes kommt. Die Argentinier zeigen uns, wie man mit einem Kirchenoberhaupt aus den eigenen Reihen umgeht. Ihre Präsidentin Cristina Kirchner, deren Canossagang nach Rom zu den erbaulichen Nebeneffekten dieser Papstwahl gehört, wird sich hüten, den Papst und Landsmann öffentlich zu maßregeln wie einst Kanzlerin Angela Merkel.

Franziskus aber wird in den Schuhen des Fischers ebenso unbeirrbar von jeglichem Störfeuer wandeln wie Benedikt XVI. Dessen Vision einer „entweltlichten“ Kirche wird er konkretisieren, zum Verdruss des deutschen Funktionärskatholikenbiotops ebenso wie zum Unbehagen mancher Konservativer, die die Substanz der Frohen Botschaft leicht aus den Augen verlieren vor lauter kirchlichem Statusdenken, liturgischem Ästhetizismus, selbstgerechtem Ordnungsdenken und höfischem Getue um Bischofsstühle herum. " Andreas Püttmann, kathnet

Carolus
23. März 2013 19:05

Zur Info: https://www.katholisches.info/2013/03/22/bnai-brith-gedenkliturgie-in-kathedrale-von-buenos-aires-mit-kardinal-bergoglio/

FFlecken
23. März 2013 19:18

Ich finde es durchaus angebracht, daß die Vorgänge in und um den Vatikan in den letzten Wochen, gerade von rechter/konservativer/reaktionärer/traditonaler Seite, aus einer anderen Warte zur Sprache gebracht werden, als dies in den meisten öffentlichen Artikeln in diversen Organen zuletzt der Fall war. Von daher sind die beiden bisherigen Beiträge Martin Lichtmesz` wichtig.
Mir war da in den vergangenen Wochen eher zu viel schnell dahergesagter ,,Respekt`` und Verständnis rund um den epochalen Papst-Rücktritt zu vernehmen. Eine katechontische Funktion, wie von einem Diskutanten ausgeführt, kann bei Benedikt XVI nun wahrlich nicht mehr ausgemacht werden - eine sehr subjektive Entscheidung des Kämpfers gegen den Relativismus. Die Spekulationen über den vermeintlichtlich unmäßigen Durck außer- und innerkatholischer Kreise auf seine Person als Grund des Rücktritts, empfinde ich in Anbetracht der existentiellen Nöte und Gefährdungen diverser Vorgänger als reichlich grotesk.
Finde diesen Vorgang viel einschneidender, als z.B ein kirchenrechtliches Ende des verpflichtenden Zölibats. Der Schritt war menschlich, ja allzu-menschlich. Wie sich diese Kriterien allerdings auf eine transzendente Brückenfunktion (oder steht man nur noch symblisch mit einer Überwelt, hier einem persönlichen Gott, in einem wie auch immer gearteten Kontakt?), des angetretenen Amtes übertragen lassen, bleibt mir schleierhaft.
Die Fülle, sicherlicher relativ profaner, Traditionsbrüche durch Franziskus, rechtfertigt durchaus die prüfend-kritische Betrachtung Lichtmesz`. Das bisherige Erscheinungsbild des neuen Papstes (sehr extrovertierte Bescheidenheit), samt Rhetorik in der Nähe der Armutspornographie, gibt auch zu diversen Fragen Anlaß. Und zum heutigen medial inszenierten Gipfeltreffen in Brüderlichkeit erübrigt sich jeder Kommentar. Die nächsten Twitter-Botschaften kommen bestimmt.

Stil-Blüte
23. März 2013 19:34

@ Rumpelstilzchen
Da geisterte ein Foto durch alle Medien: Franz hat ein Kind in Augenhöhe emporgehoben und es brüllt ihn vor Entsetzen an. Ungerührt lächelt Franz zurück. Gut gemacht, kleines Kerlchen, denn was will der Fremde von dir. Das ist das Gegenteil - und läuft für mich unter 'falscher Flagge' - von 'Lasset die Kindlein zu mir kommen...'. 'Dieses Kind-empor-Heben erinnert mich an die 'unreine' Herrschergeste im Totalitarismus, die sich volksnah gibt. Franz benutzt unbekümmert dieses Symbol, entleert, ja entehrt es aber zugleich, sagt mir das Foto. Sollte das 'reiner vielleicht, härter jedenfalls', also evtl. auch unreiner, schmutziger, jedenfalls aber brutaler, gnadenloser sein?

Was ist ein 'Funktionärskatholikenbiotop'?
Gibt es eine zerstrittenere Katholiken als in unserem Land?

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