Sezession
23. Oktober 2013

Harro Zimmermann über den Gegenaufklärer Friedrich Gentz

Gastbeitrag

gentz(Rezension aus Sezession 53 / April 2013)

von Uwe Ullrich

Durch seine Übersetzung von Edmund Burkes Betrachtungen über die Französische Revolution hatte der junge Friedrich Gentz weithin auf sich aufmerksam gemacht. Jahrzehntelang dient er als Beamter und Publizist dem Königreich Preußen, tritt 1802 in kaiserliche Dienste. In Wien gilt Friedrich (von) Gentz (1764–1832) als bedeutender außenpolitischer Berater, zuletzt unter Metternich, dem ideologischen Repräsentanten der »Heiligen Allianz«.

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Gentz polarisiert als Streiter gegen die Französische Revolution und deren Hegemonialpolitik. Napoleon Bonaparte haßt Gentz und läßt den Gegenaufklärer streckbrieflich verfolgen. Seine Worte zählen bei den Monarchen seiner Zeit, die ihn dafür fürstlich honorieren. Gegen den Anspruch der bürgerlichen Gesellschaft, der Staat sei ein Erziehungsinstitut, setzt Gentz die Emanzipation des Rechtsinstituts Staat vom Gemeinwesen aller Privatleute. Daß er gegen Ende seines Lebensweges andere, sogar liberale, Positionen favorisiert, entspringt seiner realistischen Zeitdiagnostik: »Die von der Wiener Hof- und Staatskanzlei verkörperte Ordnung besitzt nur Gewalt zum Zerstören, aber keine, durchaus keine zum Wiederaufbauen.« Gentz, bürgerlicher Abkunft, studiert bei Immanuel Kant, beendet jedoch das Studium nicht. Der Staat bietet ihm in Berlin ein angemessenes Amt, Gentz greift zu. Er verkehrt in den angesehenen Kreisen der Residenzstadt, knüpft Beziehungen. Wer ihn protegiert, wird vom Biographen nicht hervorgehoben. Wie der Beamte zu seinen (gutbezahlten) Beziehungen nach England kam und dessen uneingeschränkter Interessenvertreter wurde, teilt er uns nicht mit.

Friedrich Gentz führt ehebrecherische Verhältnisse, macht Spielschulden, ist ständiger Gast auf Empfängen. Nebenbei leistet er immense schriftstellerische Arbeit, übersetzt Burke, verfaßt Texte für die von ihm herausgegebenen Zeitschriften.

Sein Historisches Journal ist kein kurzatmiges Kampfblatt, sondern legt es mit fundierten Geschichtsabhandlungen darauf an, den Meinungspluralismus jener Zeit zu delegitimieren. Wert legt Gentz darauf, daß der Staat zwar nicht gerecht, aber immer rechtmäßig und rechtlich verbindend sein soll. Im seinem Verständnis können weder Monarchie noch Republik existieren, ohne die politische Ungleichheit der Bürger in einem Fundamentalartikel aufzuzeigen. Ein Affront gegen die Aufklärungskultur seiner Gegenwart! Damit entwickelt sich der Autor zum Dorn im Auge preußischer Staatsbeamter. Hinter den Kulissen rumort es. Friedrich Wilhelm III. beschließt die Beendigung der Finanzhilfe für das Blatt.

Weil er weiteres Fortkommen in preußischen Diensten gefährdet sieht, gelangt Gentz, obwohl Kaiser Franz ihn lebenslang nicht mag, durch ministerielle Protektion in ein Beamtenverhältnis am Hof in der Donaumetropole.

Als nach den Schlachten bei Jena/Auerstedt französische Armeen deutsche Lande verheeren, ist Gentz im Prager Exil, aus dem er 1809 nach Wien zurückgeholt wird. Österreich unterliegt Napoleon, die Friedensbedingungen des despotischen Korsen sind völkerrechtswidrig. Der neue Außenminister Metternich klagt vergeblich gegen die Willkür. Bevor französische Truppen Wien besetzen, flieht Gentz erneut nach Prag. Napoleon hatte ihn für vogelfrei erklärt. Nach den Befreiungskriegen – Gentz verurteilt die Mobilisierung des Volkswillens zwischen Teutomanie und Jakobinismus – versuchen auf dem Wiener Kongreß alle beteiligten Regierungen ein Optimum aus der Konkursmasse herauszuholen. Auch die Neuordnung Deutschlands steht auf der Tagesordnung. England, Rußland und Österreich verfolgen eigene Ziele. Letzteres könnte erster deutscher Staat sein. Kein gemeinsames deutsches Reich könnte es je mehr geben, ein Streben danach wäre desaströs. Für die europäischen Verhältnisse wäre eine festverbundene Anzahl unabhängiger deutscher Staaten das beste. Friedrich Gentz wird Protokollführer des Kongresses und betreibt an Metternichs Seite Regierungspolitik im Sinne der anwesenden Macht-eliten: Eine Rückkehr zu den früheren Verhältnissen gibt es nicht, das monarchistische Prinzip wird gestärkt, Souveränitäts- und Konstitutionsforderungen des anwachsenden Liberalismus werden jedoch zurückgedrängt. Es folgt eine lange Friedensperiode.

Gentz bleibt politisch aktiv, ist in diplomatische Dienste eingebunden, sein Rat wird geschätzt. Wer sucht, wird die hinterlassenen publizistischen Spuren hinterfragen, die noch heutige europäische Verhältnisse erklären.

Harro Zimmermanns Biographie vermittelt ein differenziertes Bild dieser wirkungsmächtigen Persönlichkeit in der Habsburger Monarchie. Neben Verweisen auf private Verhaltensweisen und dem publizistischen Umgang mit Freund und Feind vermittelt der Literaturwissenschaftler und Kulturredakteur ein umfassendes Personenportrait. Wir lesen ein breitgefächertes Zeitgemälde, welches nicht nur (anti-)-»revolutionäre« Geistigkeit nahebringt, sondern über Tatsachen und Ereignisse argumentiert. Sprachlich mäandert der Autor im Wortgebrauch der Gentz-Epoche: wohltuend! Zwar stört ein gelegentlich eingeflochtenes grobes Denglisch den Lesegenuß, mindert aber kaum das intellektuelle Niveau des Textes.

Harro Zimmermann: Friedrich Gentz. Die Erfindung der Realpolitik, Paderborn: Ferdinand Schöningh 2012. 344 S., 39.90 €


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