Harro Zimmermann über den Gegenaufklärer Friedrich Gentz

(Rezension aus Sezession 53 / April 2013)

von Uwe Ullrich

Durch seine Übersetzung von Edmund Burkes Betrachtungen über die Französische Revolution hatte der junge Friedrich Gentz...

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

weit­hin auf sich auf­merk­sam gemacht. Jahr­zehn­te­lang dient er als Beam­ter und Publi­zist dem König­reich Preu­ßen, tritt 1802 in kai­ser­li­che Diens­te. In Wien gilt Fried­rich (von) Gentz (1764–1832) als bedeu­ten­der außen­po­li­ti­scher Bera­ter, zuletzt unter Met­ter­nich, dem ideo­lo­gi­schen Reprä­sen­tan­ten der »Hei­li­gen Allianz«.

Gentz pola­ri­siert als Strei­ter gegen die Fran­zö­si­sche Revo­lu­ti­on und deren Hege­mo­ni­al­po­li­tik. Napo­le­on Bona­par­te haßt Gentz und läßt den Gegen­auf­klä­rer streck­brief­lich ver­fol­gen. Sei­ne Wor­te zäh­len bei den Mon­ar­chen sei­ner Zeit, die ihn dafür fürst­lich hono­rie­ren. Gegen den Anspruch der bür­ger­li­chen Gesell­schaft, der Staat sei ein Erzie­hungs­in­sti­tut, setzt Gentz die Eman­zi­pa­ti­on des Rechts­in­sti­tuts Staat vom Gemein­we­sen aller Pri­vat­leu­te. Daß er gegen Ende sei­nes Lebens­we­ges ande­re, sogar libe­ra­le, Posi­tio­nen favo­ri­siert, ent­springt sei­ner rea­lis­ti­schen Zeit­dia­gnos­tik: »Die von der Wie­ner Hof- und Staats­kanz­lei ver­kör­per­te Ord­nung besitzt nur Gewalt zum Zer­stö­ren, aber kei­ne, durch­aus kei­ne zum Wie­der­auf­bau­en.« Gentz, bür­ger­li­cher Abkunft, stu­diert bei Imma­nu­el Kant, been­det jedoch das Stu­di­um nicht. Der Staat bie­tet ihm in Ber­lin ein ange­mes­se­nes Amt, Gentz greift zu. Er ver­kehrt in den ange­se­he­nen Krei­sen der Resi­denz­stadt, knüpft Bezie­hun­gen. Wer ihn pro­te­giert, wird vom Bio­gra­phen nicht her­vor­ge­ho­ben. Wie der Beam­te zu sei­nen (gut­be­zahl­ten) Bezie­hun­gen nach Eng­land kam und des­sen unein­ge­schränk­ter Inter­es­sen­ver­tre­ter wur­de, teilt er uns nicht mit.

Fried­rich Gentz führt ehe­bre­che­ri­sche Ver­hält­nis­se, macht Spiel­schul­den, ist stän­di­ger Gast auf Emp­fän­gen. Neben­bei leis­tet er immense schrift­stel­le­ri­sche Arbeit, über­setzt Bur­ke, ver­faßt Tex­te für die von ihm her­aus­ge­ge­be­nen Zeitschriften.

Sein His­to­ri­sches Jour­nal ist kein kurz­at­mi­ges Kampf­blatt, son­dern legt es mit fun­dier­ten Geschichts­ab­hand­lun­gen dar­auf an, den Mei­nungs­plu­ra­lis­mus jener Zeit zu dele­gi­ti­mie­ren. Wert legt Gentz dar­auf, daß der Staat zwar nicht gerecht, aber immer recht­mä­ßig und recht­lich ver­bin­dend sein soll. Im sei­nem Ver­ständ­nis kön­nen weder Mon­ar­chie noch Repu­blik exis­tie­ren, ohne die poli­ti­sche Ungleich­heit der Bür­ger in einem Fun­da­men­tal­ar­ti­kel auf­zu­zei­gen. Ein Affront gegen die Auf­klä­rungs­kul­tur sei­ner Gegen­wart! Damit ent­wi­ckelt sich der Autor zum Dorn im Auge preu­ßi­scher Staats­be­am­ter. Hin­ter den Kulis­sen rumort es. Fried­rich Wil­helm III. beschließt die Been­di­gung der Finanz­hil­fe für das Blatt.

Weil er wei­te­res Fort­kom­men in preu­ßi­schen Diens­ten gefähr­det sieht, gelangt Gentz, obwohl Kai­ser Franz ihn lebens­lang nicht mag, durch minis­te­ri­el­le Pro­tek­ti­on in ein Beam­ten­ver­hält­nis am Hof in der Donaumetropole.

Als nach den Schlach­ten bei Jena/Auerstedt fran­zö­si­sche Arme­en deut­sche Lan­de ver­hee­ren, ist Gentz im Pra­ger Exil, aus dem er 1809 nach Wien zurück­ge­holt wird. Öster­reich unter­liegt Napo­le­on, die Frie­dens­be­din­gun­gen des des­po­ti­schen Kor­sen sind völ­ker­rechts­wid­rig. Der neue Außen­mi­nis­ter Met­ter­nich klagt ver­geb­lich gegen die Will­kür. Bevor fran­zö­si­sche Trup­pen Wien beset­zen, flieht Gentz erneut nach Prag. Napo­le­on hat­te ihn für vogel­frei erklärt. Nach den Befrei­ungs­krie­gen – Gentz ver­ur­teilt die Mobi­li­sie­rung des Volks­wil­lens zwi­schen Teu­to­ma­nie und Jako­bi­nis­mus – ver­su­chen auf dem Wie­ner Kon­greß alle betei­lig­ten Regie­run­gen ein Opti­mum aus der Kon­kurs­mas­se her­aus­zu­ho­len. Auch die Neu­ord­nung Deutsch­lands steht auf der Tages­ord­nung. Eng­land, Ruß­land und Öster­reich ver­fol­gen eige­ne Zie­le. Letz­te­res könn­te ers­ter deut­scher Staat sein. Kein gemein­sa­mes deut­sches Reich könn­te es je mehr geben, ein Stre­ben danach wäre desas­trös. Für die euro­päi­schen Ver­hält­nis­se wäre eine fest­ver­bun­de­ne Anzahl unab­hän­gi­ger deut­scher Staa­ten das bes­te. Fried­rich Gentz wird Pro­to­koll­füh­rer des Kon­gres­ses und betreibt an Met­ter­nichs Sei­te Regie­rungs­po­li­tik im Sin­ne der anwe­sen­den Macht-eli­ten: Eine Rück­kehr zu den frü­he­ren Ver­hält­nis­sen gibt es nicht, das mon­ar­chis­ti­sche Prin­zip wird gestärkt, Sou­ve­rä­ni­täts- und Kon­sti­tu­ti­ons­for­de­run­gen des anwach­sen­den Libe­ra­lis­mus wer­den jedoch zurück­ge­drängt. Es folgt eine lan­ge Friedensperiode.

Gentz bleibt poli­tisch aktiv, ist in diplo­ma­ti­sche Diens­te ein­ge­bun­den, sein Rat wird geschätzt. Wer sucht, wird die hin­ter­las­se­nen publi­zis­ti­schen Spu­ren hin­ter­fra­gen, die noch heu­ti­ge euro­päi­sche Ver­hält­nis­se erklären.

Har­ro Zim­mer­manns Bio­gra­phie ver­mit­telt ein dif­fe­ren­zier­tes Bild die­ser wir­kungs­mäch­ti­gen Per­sön­lich­keit in der Habs­bur­ger Mon­ar­chie. Neben Ver­wei­sen auf pri­va­te Ver­hal­tens­wei­sen und dem publi­zis­ti­schen Umgang mit Freund und Feind ver­mit­telt der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler und Kul­tur­re­dak­teur ein umfas­sen­des Per­so­nen­por­trait. Wir lesen ein breit­ge­fä­cher­tes Zeit­ge­mäl­de, wel­ches nicht nur (anti-)-»revolutionäre« Geis­tig­keit nahe­bringt, son­dern über Tat­sa­chen und Ereig­nis­se argu­men­tiert. Sprach­lich mäan­dert der Autor im Wort­ge­brauch der Gentz-Epo­che: wohl­tu­end! Zwar stört ein gele­gent­lich ein­ge­floch­te­nes gro­bes Deng­lisch den Lese­genuß, min­dert aber kaum das intel­lek­tu­el­le Niveau des Textes.

Har­ro Zim­mer­mann: Fried­rich Gentz. Die Erfin­dung der Real­po­li­tik, Pader­born: Fer­di­nand Schö­ningh 2012. 344 S., 39.90 €

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