Sterben wollen sollen – Prägnantes zur “Sterbehilfe”

0-4219684(Rezension aus Sezession 53 / April 2013)

von Harald Seubert

Bei manchen Fragen geht es buchstäblich um Leben und Tod: so bei der Frage der Sterbehilfe. Dies zeigt ein eindrucksvolles kleines Bändchen.

 Gastbeitrag

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Einer der Bei­trä­ger ist der Medi­zi­nethi­ker Axel W. Bau­er. Er argu­men­tiert zurück­hal­tend und abwä­gend, doch stellt er dabei unmiß­ver­ständ­lich den Zusam­men­hang her zwi­schen zu erwar­ten­der demo­gra­phi­scher Alte­rung bei sin­ken­dem Wohl­stands­ni­veau, stei­gen­den Pfle­ge­kos­ten und objek­ti­ven Ver­tei­lungs­pro­ble­men. Bau­er erin­nert an den hip­po­kra­ti­schen Eid. Ein Arzt, so hat­te Hufe­land im 18. Jahr­hun­dert gesagt, der sich an der Tötung eines Pati­en­ten betei­li­ge, wer­de zum »gefähr­lichs­ten Mann im Staa­te«. Bau­er schärft den Blick dafür, daß seit den 1990er Jah­ren das Selbst­be­stim­mungs­recht des Pati­en­ten in der medi­zi­nethi­schen Debat­te ver­ab­so­lu­tiert wurde.

Der Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung vom Beginn des Jah­res 2013 ist vor die­sem Hin­ter­grund auf­schluß­reich nicht so sehr in den Punk­ten, die er regelt, als viel­mehr in den ande­ren, über die er schweigt. Inkri­mi­niert wird in der Neu­fas­sung des Para­gra­phen 217 ledig­lich die »Gewinn­erzie­lungs­ab­sicht«. Jede nicht vor­der­grün­dig kom­mer­zi­el­le Sui­zid­be­glei­tung wer­de durch die­ses Schwei­gen des Geset­zes privilegiert.

Sui­zid­nei­gun­gen beru­hen zumeist auf Depres­sio­nen. Sie erfor­dern Beglei­tung; in nicht weni­gen Fäl­len kann Abhil­fe geschaf­fen wer­den. Völ­lig ver­fehlt ist es hin­ge­gen, eine Auto­no­mie zu defi­nie­ren, die über die Vor­ge­ge­ben­heit des mensch­li­chen Lebens, sei­ne phy­si­sche Grund­la­ge selbst, befin­den möch­te. Frei­lich: Der Kon­struk­ti­vis­mus der Gen­der-Ideo­lo­gie argu­men­tiert eben­falls mit der Ziel­set­zung einer Außer­kraft­set­zung der Wur­zeln der Natur. Ist der Sui­zid auf Kran­ken­schein nur die logi­sche Fol­ge? Sol­che Lini­en zieht Andre­as Krau­se Landt in einer Pole­mik, deren sprach­lich rhe­to­ri­sche Kraft den Ver­gleich mit einem Karl Kraus nicht scheu­en muß. Die soge­nann­te »Ster­be­hil­fe« ist für ihn Mit­wir­kung am Sui­zid, ideo­lo­gi­scher Höhe­punkt einer neu­en Dik­ta­tur des Ega­li­ta­ris­mus, die auch vor dem Tod nicht halt­macht. Mit gele­gent­lich über­dehn­ten heroi­schen Meta­phern cha­rak­te­ri­siert Landt den Selbst­mord als äußers­ten und letz­ten Akt. Doch unheim­lich und zugleich nied­rig ist die impli­zi­te Alter­na­ti­ve zwi­schen tota­ler Inklu­si­on und dem Tod. Ein­drück­lich zeigt Landt, daß die Ant­wort auf das Unbe­ha­gen am Leben nur die blei­ben­de Affir­ma­ti­on auf Glau­be, Lie­be und Hoff­nung sein kann.

Damit ist auf den wun­der­vol­len, wie­der­ab­ge­druck­ten Text von Rein­hold Schnei­der, »Über den Selbst­mord« (aus dem Jahr 1947), ver­wie­sen, der aus der Erfah­rung von Depres­si­on und Ver­zweif­lung einen inne­ren Bezug zum äußers­ten Akt hat­te. Schnei­ders Maxi­me war aber: »Las­sen wir uns nicht täu­schen mit den Wor­ten unse­res Bezirks über einen Bezirk, von dem wir nichts in Erfah­rung brin­gen!« Ob man der Auf­lö­sung des tra­gi­schen Abgrun­des in Schnei­ders urchrist­li­chem Bekennt­nis zum Erlö­sungs­glau­ben fol­gen kann oder nicht – die­se Schwel­le soll­te nicht über­schrit­ten wer­den, im Den­ken nicht und nicht im Handeln.

Andre­as Krau­se Landt u. a.: Wir sol­len ster­ben wol­len. War­um die Mit­wir­kung am Sui­zid ver­bo­ten wer­den muß, Waltrop/Leipzig: Edi­ti­on Son­der­we­ge 2013. 200 S., 14.90 €

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