29. Januar 2014

Unkorrumpierbar: Hans Bergel

von Götz Kubitschek / 8 Kommentare

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

052794377-das-spiel-und-das-chaosDer Schriftsteller Hans Bergel wird in zwei Jahren 90 Jahre alt. Er ist bis heute produktiv geblieben. Begonnen hat diese schriftliche Entladung, als Bergel vom siebenbürgischen Hermannstadt aus Botengänge für antikommunistische Partisanen und versprengte Wehrmachtsangehörige in die Südkarpaten übernahm und den Geist des Widerstands aufsog:


Zettel, Zeitungsränder, Kartonstücke boten Raum für Notizen; Bergels Schwester sammelte die Fragmente und schrieb sie ins Reine. Fürst und Lautenschläger heißt diese erste Erzählung, ich konnte sie in Rumänien aus der Bibliothek eines dort verbliebenen Siebenbürger Sachsen entleihen und lesen. In Bergels jüngstem Essayband ist nun die Entstehungsgeschichte dieser großartigen, antiquarisch unauffindbaren Widerstandsparabel niedergelegt.


Dieser autobiographische Text allein lohnt die Lektüre, und der Literaturwissenschaftler George Gutu hat recht, wenn er in seinem Vorwort Das Spiel und das Chaos als gewichtigste der Essaysammlungen Bergels bezeichnet. Es verdichtet sich darin, was Bergel – der früh in der von Armin Mohler geleiteten Siemens-Stiftung vortrug – zu einem unkorrumpierbaren Kopf gemacht hat: die Erfahrung des Grauens im Lagersystem des kommunistischen Rumäniens; die Erfahrung der Schwierigkeit, in diesem System oder in der BRD »deutsch« zu bleiben; und die Fähigkeit, sich durch verzweifelte äußere Umstände nicht den Blick auf die Literatur, das Schöne, das Unversehrte, das »Hebende« nehmen zu lassen.

Zwei Beispiele aus dem vorliegenden Band: Bergel war einer der wenigen, die den Sammelband Die selbstbewußte Nation (1994) ausführlich und positiv rezensierten und die Legitimität dieses rechten, demokratischen Aufbruchs hervorhoben. Dieser Text ist unter dem doppelsinnigen Titel »Deutsche Bedenken« aufgenommen und zeugt von großem Unmut über die verweigerte Debatte mit den klugen Beiträgern (u. a. Karlheinz Weißmann) dieses Buchs so kurz nach der Wende.

Zeitlos erscheint dagegen Bergels Beschäftigung mit Goethe, Kleist und Schiller – aber das täuscht: Die beiden Eingangstexte sind Zeugnisse fruchtbarer (nicht bildungsbürgerlicher!) Kenntnis der Klassiker, die tot wären, rüsteten sie ihre Leser nicht. Wo Goethe an der Ordnung festhielt, war Kleist moderner, ohne Illusion – der eine wie der andere je eine Linie auf dem »Psychogramm der Deutschen«.

Bergel selbst ist auch eine solche Linie, ein Zwei-Kulturen-Mensch, ein Rumäniendeutscher, ein großer Erzähler. Noch pflügt er.

Hans Bergel: Das Spiel und das Chaos. Essays und Vorträge, Berlin: Edition Noack&Block 2013. 195 S., 18 €

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Kommentare (8)

Andrenio
29. Januar 2014 22:20
Es ist Götz Kubitschek zu verdanken, dass ich auf Hans Bergel stieß. Aber nicht nur auf ihn: Der in der Sezession veröffentlichte Briefwechsel rekurriert auf andere Werke, die -eines nach dem anderen gelesen- ein plastisches Bild vom Denken des Briefschreibers gibt.
Hans Bergel ist wirklich eine Entdeckung! Brillianter Stil und ein Gefühl für unvergeßlich Szenarien. Eine Art von rumäniendeutscher Solschenyzin. Gerade liegt ein eher unbekanntes Buch neben mir auf dem Schreibtisch: ...und Weichnacht ist überall, zwölf ungewöhnliche Weihnachtsgeschichten.
Wolltes eigentlich während der Feiertage lesen, kam aber nicht dazu. Trotzdem freue ich mich auf die ihm eigene Prosa.
Hoffentlich pflügt er weiter, mit ein wenig Glück sind ihm so viele Jahre gegönnt wie Ernst Jünger. Auch er mit dem "Abenteuerlichen Herz" ein großer Gewinn aus der Liste der wichtigsten Bücher von G.K.
Weltversteher
30. Januar 2014 08:13
Auch ich bin sehr dankbar für die Empfehlung Hans Bergels, der mir unbekannt war. Hatte bereits die älteren Siebenbürger verschlungen. Habe mich so nach Jahren wieder an ein Buch "aus der Gegenwart" gewagt und war ergriffen von der edlen Art dieses Schreibers.
Die Siebenbürger Sachsen scheinen mir eine besonderer Stamm gewesen zu sein. Sie haben, bei ähnlich guter Veranlagung wie im Reich, auch die formende Umgebung gehabt, die alles Lockere immer wieder verdichtet hat. Auch scheint die Proletarisierung sie viel weniger erfaßt zu haben.
So kann man an den noch Lebenden oft einen innerlichen Hochstand erleben, der hier längst vorüber ist.
S. Pella
30. Januar 2014 15:56
Auf Empfehlung Götz Kubitscheks legte ich mir den "Tanz in Ketten" zu: Opferbereitschaft und Heldenmut fernab jedweder Idealisierung!
Danke für diese Erweiterung des rechtsintellektuellen Horizontes.
Inselbauer
31. Januar 2014 12:26
Stück für Stück legt Kubitschek gute nationale Prosa vor, das freut mich. Der konservative Zug ist dabei natürlich ehrenwert; toll wäre es, jetzt langsam auch ein wenig wilden Nationalbolschewismus zu bekommen, z.B. eine forsche NSU-Komödie (...) wir brauchen jetzt alle was zu lachen, die Zeiten werden eisig, und die prosaische Geste braucht ein Gegenstück.
Strogoff
31. Januar 2014 14:17
Ich stimme S.Pella uneingeschränkt zu. Der Tanz in Ketten ist ein Roman der mich tief beeindruckt hat. Mein Dank an Kubitschek für den Hinweis. Jetzt erschließe ich mir Stück für Stück das Bergel-Werk, jedenfalls den Teil, dessen man habhaft werden kann.
Bergel erschafft Szenerien, nicht nur im Tanz der Ketten, die man nicht mehr vergisst.
Hoffentlich lebt und schreibt er noch lange.

Herr Kubitschek, ist die Veröffentlichung eines weiteren Teils des Briefwechsels zwischen Ihnen beiden in Planung?

Weltversteher, welche älteren Siebenbürger meinen Sie?
Weltversteher
02. Februar 2014 19:04
Danke der Nachfrage.
Zillich, Meschendörfer und Wittstock fallen mir gerade ein. Von letzterem beachtenswert finde ich besonders "Januar 45 oder die höhere Pflicht", Bukarest 1998. Nicht von ihm druckfertig gemacht, daher etwas unförmig, aber mit umso mehr Ausstrahlung.
Die Siebenbürger beeindrucken allgemein durch ihre im besten Sinne bürgerliche Haltung. Unspektakulär, aber für uns ein Relikt.
t.gygax
09. Februar 2014 12:32
Vielen Dank für den Hinweis auf den mir bis dahin unbekannten Hans Bergel. Gestern las ich in einem Zug "Tanz in Ketten" durch.
Bedrückend, was den Inhalt betrifft, und beeindruckend, was die literarische Verarbeitung dieser schrecklichen Inhalte betrifft.
Das ist ein Schriftsteller von Format. Nachher Suche im Kindler, herausgegeben von Walter Jens: alle möglichen Leute sind da drin, aber Bergel nicht.
Julius
10. Februar 2014 15:31
Auch ich möchte danken.

Soeben habe ich festgestellt, dass der Wikipedia-Eintrag über Hans Bergel mit folgender Feststellung beginnt:

Der Vater Erich Bergel sen. war Grundschullehrer, und während der NS-Zeit „Kreisdienststellenleiter Burzenland“ und „verdientes KdF-Mitglied“.


Wie so oft sagt dieser holprige Satz (genauer gesagt der offensichtlich nachträglich hinzugefügte zweite Satzteil) über den Besprochenen fast nichts, über Autor(en) und Medium aber fast alles aus.

So als ob es auf der Welt um nichts anderes ginge. Noch absurder in derselben Richtung übrigens der Wikipedia-Eintrag über den nicht unbedeutenden Historiker und bis in die 50er Jahre sehr beliebten Schriftsteller Egon Caesar Conte Corti: Ein paar Zeilen, die sich auf seine (sehr oberflächliche) Verwicklung in den NS beschränken, mehr nicht. "Vae victis" kann man nur sagen.

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