Vergeßt nicht Uhland! – Der Hausgeist des deutschen Volkes

(Rezension aus Sezession 53 / April 2013)

Es steht zu vermuten, daß die vorliegende Wirkungsgeschichte Ludwig Uhlands (1787–1862) in Zitaten das Leben der Germanistenzunft bereichert.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Das sicher! Hin­ge­gen braucht es weder Fach­kun­de noch eine spe­zi­el­le Vor­lie­be für den Dich­ter und Poli­ti­ker Uhland, um an die­sem Kom­pen­di­um rei­chen Lese­genuß zu fin­den. Man darf, ohne der wis­sen­schaft­li­chen Leis­tung Abbruch zu tun, sagen: Ein rudi­men­tä­res, womög­lich gar bou­le­var­des­kes Geschichts­in­ter­es­se ist hin­rei­chend, um in die­sem Fun­dus des eme­ri­tier­ten Lite­ra­tur­pro­fes­sors (Uni­ver­si­tät Toron­to) Hart­mut Frösch­le einen vor­treff­li­chen Schmö­ker zu finden.

Zu Leb­zei­ten war Uhlands Pro­mi­nenz gleich­ran­gig mit der Schil­lers und Goe­thes. Schall und Rauch! In den 1980er Jah­ren ver­merkt ein Jour­na­list, daß die »meis­ten Lehr­lin­ge« dem Namen des gro­ßen vater­län­di­schen Dich­ters ahnungs­los gegen­über­ste­hen. »Unse­re neu­en Lern­ziel­pro­gram­mie­run­gen« hät­ten Uhland aus den Lese­bü­chern getilgt, klag­te man bereits 1974 in der FAZ. Frösch­le beschei­det in sei­nem knap­pen Vor­wort denn auch tro­cken, daß »vie­len dem Zeit­geist Ver­haf­te­ten«, die Deutsch­land glück­lich im »post­na­tio­na­len Zustand« sehen, das Buch nicht gefal­len werde.

1993 trau­te der Bun­des­prä­si­dent (es war von Weiz­sä­cker) dem bis heu­te gän­gi­gen Trau­er­lied vom »Guten Kame­ra­den« nicht. Er ließ einen Mit­ar­bei­ter anfra­gen, woher der Text stam­me und wel­che »Auf­füh­rungs­tra­di­ti­on« das Lied habe. Ob es noch in die zeit­ge­nös­si­sche »poli­ti­sche Gedenk­kul­tur« pas­se? Ja. Uhland hat über­lebt. Dies zu sichern dien­te auch eine jüngst zum 150. Todes­tag in Tübin­gen kura­tier­te Aus­stel­lung, die gleich im Titel den Patrio­ten Uhland als »Links­ra­di­ka­len« (Pauls­kir­chen­par­la­ment!) auf­zu­fas­sen bemüht war. Immer­hin ist der­zeit nur eine Stra­ßen­um­be­nen­nung zuun­guns­ten Uhlands zu ver­mer­ken: Im nami­bi­schen Wind­huk muß­te Uhland einer Ken­neth-Kaun­da-Stra­ße wei­chen, mit­hin jenem Mann, der Sam­bia ein Vier­tel­jahr­hun­dert lang abge­wirt­schaf­tet hat. Jün­ge­re Debat­ten (die Anthro­po­so­phen immer­hin attes­tie­ren Uhlands Wer­ken eine tie­fe »Heil­sam­keit«) machen nur einen Bruch­teil des Buches aus. Bereits die Zeit­ge­nos­sen hat­ten es nicht immer leicht mit dem lite­ra­ri­schen »Haus­gott« (Gus­tav Frey­tag) der Deut­schen. Oft geht die Rede von der Schweig­sam­keit des Tübin­gers, ja, von sei­ner Miß­mu­tig­keit, sei­ner »nach­pu­ber­tä­ren Aus­trock­nung« und sei­nem »wider­wär­tig schwä­beln­den Akzent«. Und den­noch, letzt­lich schätz­ten sie alle, ob Goe­the, Hoff­mann von Fal­lers­le­ben oder Fried­rich Engels »die­sen Bron­nen deut­scher Kraft und Kunst« (de la Mot­te Fou­qué), den man­cher gar einen »kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­tio­när« nen­nen woll­te. Heißt? Mal wie­der die­sen Haus­geist aufrufen!

Hart­mut Frösch­le: Haus­geist des deut­schen Vol­kes. Eine Wir­kungs­ge­schich­te Lud­wig Uhlands in Zita­ten, Würz­burg: Königs­hau­sen und Neu­mann 2012. 388 S., 39.80 €

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Verein für Staatspolitik e.V.
DE86 5185 0079 0027 1669 62
HELADEF1FRI

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.