Sezession
3. April 2013

Berechnung und Bewegung

Gastbeitrag / 20 Kommentare

025_2von Heino Bosselmann

Es geht viel um „Europa“. Und obwohl der hochtransformierte Begriff noch nie so dauerpräsent gewesen sein dürfte, geht es dabei eingeschränkt um den Euro – etwas, das besser nicht wäre – und damit um all die Kassenstände und Prozentsätze. Das ist notwendig, weil sich mit der Einnivellierung und Gleichschaltung der Volkswirtschaften von oben und dem anschließenden Mehrfachbruch des schon in sich problematischen Maastricht-Vertrages folgerichtig eine Krise ergeben hat.

Sie könnte eventuell Südeuropa und vielleicht gar Frankreich politisch kippen. Ein Blick auf den allgemeinen Frust und die konkrete Statistik der Jugendarbeitslosigkeit offenbart, daß dort keine „Demokraten“ heranwachsen werden, auch keine „Europäer“.

Nur: Wenn immerfort Zahlen verglichen werden und die dem Süden wie apokalyptische Reiter erscheinende Troika um den Preis weiteren Pumps Kassenstürze vornimmt, ist damit noch nichts bewegt. Die große Illusion besteht gerade darin, daß sich mit anderen Saldi der Kontinent verändern würde. Er verändert sich aber nicht, weil er gerade durch EU und Euro ein so langweiliges und steriles Abstraktum geworden ist, wie es die Euroscheine in ihrer faden und langweiligen Ästhetik schon vermuten ließen.

Bei der Gründung der großen Reiche des Mittelalters ging es selbstverständlich um Macht, Einfluß und Reichtum – im Karolingerreich ebenso wie in Byzanz und im Arabischen Kalifat. Aber vor allem folgten diese Neuordnungen nach einer Phase der Unsicherheit großen und komplexen Ideen, die ganze Völkerschaften beseelten und deren Identität herausbildeten. Otto der Große kämpfte auf dem Lechfeld nicht allein gegen die damals räuberischen Ungarn, sondern vor allem für die Einheit im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation. Weder im Investiturstreit noch in der späteren Reformation stritt man allein um den Reibach. Die Humanisten der Renaissance leiteten ein europäisches Selbstverständnis noch marktfrei aus dem unermeßlichen, mittlerweile bald vergessenen Quellen des Geistigen und Sprachlichen her. Die Religionskriege wurden nicht aus Kassenlagen heraus geführt, ebensowenig wie sich der Absolutismus nur merkantilistisch erklären ließe. Hegel, Hölderlin und Schelling, damals als blutjunge leidenschaftliche Liberale unterm gemeinsamen Dach des Tübinger Stifts, hatten am 14. Juli 1793 auf einer Wiese vor der Stadt ihren Freiheitsbaum nicht errichtet, weil sie sich vom revolutionären Frankreich etwa Drittmittel erwarteten; und als Johann Gottlieb Fichte ab 1807 seine Reden an die deutsche Nation hielt, ging es ihm nicht um den Zaster, den Preußen gar nicht hatte, sondern um die Ausbildung einer Haltung der Nation, die ohne neues Selbstverständnis nicht zur Befreiung befähigt wäre.

Selbst das neunzehnte Jahrhundert des Kapitalismus in reiner Gestalt offenbart sich als Ära der Ideengeschichte und damit der großen Nationen. Bis in den Imperialismus hinein, der fatale Folgen hatte, aber ebenso unvorstellbare Kräfte mobilisierte. Auch gegen sich! Ist doch etwa die Arbeiterbewegung viel mehr gewesen als das würdelose Gefeilsche moderner Gewerkschaften um Urlaubs- und Weihnachtsgelder.

Noch die Nachkriegszeit kennt die Dynamik identitärer Bewegungen. Es mag im Wirtschaftswunder West nach langer Entbehrung um das große Fressen gegangen sein, um den VW-Käfer, Italienreisen und Rock’n’Roll. Vor allem aber um den Aufbau Deutschlands. Selbst die DDR nannte ihr Auferstehen aus Ruinen „Nationales Aufbauwerk“. Das war ganz im Zeitgeist eher patriotisch als demagogisch gemeint.

Mittlerweile gibt es viele seit den Achtzigern Geborene, die nie jemanden kennenlernten, der sie zu Ideen inspirierte. Außer vielleicht Steve Jobs. Und die als Kinder des Marktes und der Indoor-Spielplätze meinen, alles hinge an Kontoauszug und Kaufkraft.

Mitnichten! Es reicht nicht, seinen Kleinwagen mit Discounterwaren vollzupacken, um das nächste triste Wochenende in der Eigenheimsiedlung der immobilienverschuldeten Neu-Kleinbürger zu verleben. Es reicht jedenfalls nicht allein! Es braucht ein ideelles Mehr, um überhaupt nur gesund leben zu können, indem man Motiven folgt. Wenn es schon nicht die Sinngebung selbst ist, die man verspürt, dann wenigstens die Lust darauf.

Ja, wir wissen um die Gefährlichkeit des Ideologischen. Aber so wie menschliebe Liebe nun mal mehr ist als bloße zoologische Sexualität, bedarf es zum Bürgerbewußtsein und zum Stolz darauf, Deutscher und Europäer zu sein, mehr als der Rechnerei. Sie ist notwendige, nie jedoch hinreichende Bedingung für das Leben.

Wir verspüren ein Defizit, das die Regierenden und die Bundestagsparteien in der Verengung auf Haushaltsfragen und propagandistische „Europa“-Bekenntnisse weder beheben wollen noch können, nämlich den Mangel an Inspiration über das bloße hedonistische Kalkül hinaus. Diese politische Impotenz ist es, die uns all die tragikomischen Ablenkungen beschert: Inklusion, Schwulen- und Genderproblematik, Bildungsgerechtigkeit durch Niveauverlust, Gruselgeschichten von rechten Gespenstern (bei denen es sich entweder um Projektionen oder einfach um Kriminelle handelt), andererseits Toleranz, ja Selbstaufgabe um jeden Preis gegenüber Gegnern der europäischen Aufklärung und all die nachgereichten wohlfeilen wie pauschalen Schuldbekenntnisse für die Ururgroßväter.

Das nicht allein: Über den „Kampf gegen rechts“ hinaus kann man derzeit kaum ein Selbstverständnis der Bürger erkennen, für etwas voll und ganz einzutreten. Einzig die neue „Wahlalternative für Deutschland“ scheint dergleichen zu wecken. Gerade weil man solchen ehrenwerten Neuansätzen gegenüber schon seit drei Jahrzehnten viel zu skeptisch geworden ist, stellen sich Freude, gar Leidenschaft nur verhalten ein. Um so couragierter jene, die sich endlich aufraffen. Es erinnert an 1989: Nach der großen Lähmung im Angesicht des vermeintlich Übermächtigen und der Perplexität mit Blick auf die eigene Ohnmacht finden und ordnen sich die Kräfte der Kräftigen. Während alle anderen immer noch meinen, es ginge doch nicht anders …


 Gastbeitrag

  • Sezession

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Bitte überweisen Sie auf das Konto:

Verein für Staatspolitik e.V.
IBAN: DE86 5185 0079 0027 1669 62
BIC: HELADEF1FRI

Oder nutzen Sie paypal:

Kommentare (20)

Pit
4. April 2013 08:34

Als ob es um "Ideen" ginge.
Es geht um "Ethnie".
Aber "Ethnie" ist mit das größte Tabu unserer Zeit, das was keiner auszusprechen wagt, so auch der Autor Bosselmann.

Natürlich kann man dann "Ethnie", oder die "Nation", als eine Idee bezeichnen. Als ob sowas wie Abstammungsgemeinschaft oder Erweitere Familie einer Begründung bedürften, als ob es da verschiedene Möglichkeiten gäbe und man wählt aus irgendeinem Grund nun gerade die eine oder die andere. Natürlich gibt es hier überhaupt keine Frage und es hat sich auch keiner je eine solche Frage gestellt. Man steht für die Familie ein, man steht für die eigenen Kinder ein: und zwar weil man seine Gene befördern will, so simpel ist das, so simpel darwinistisch. Oh wie pös. Und dafür brauche ich keine Ideen und keinen Idealismus und keine Revolutionspamphlete, denn es ist schlicht und einfach der Kampf für das eigene Volk und wenn man sowas im Ernst begründen muß... dann weiß man, daß man´s mit Irren zu tun hat.

Ich habe jedenfalls genug von diesem Tabu, darüber nicht sprechen zu dürfen, das nicht benennen zu dürfen: daß es um Abstammungsgemeinschaft und Volk und Rasse geht, die jeder als seine Zugehörigkeitsgruppe empfindet. Wir werden permanent vergewaltigt in unserem Zugehörigkeitsempfinden und ich habe genug davon.

Solveig Liebaug
4. April 2013 08:55

Ich möchte mich nicht zu Ursachen der Krise oder zum Krisenmanagement äußern. Mich wundert nur, dass die "Finanzwelt" im Einklang mit der EZB etc. meint, die Veränderung von Zahlen zöge in Neuregelung von Haushalten usw. keine weiteren Veränderungen nach sich, außer jene, dass jeder artig "seine Hausaufgaben macht." Man nimmt ein paar neue Einstellungen vor, verändert die Inputs, tippt neue Terme ein, und alles Nachträgliche funktioniere maschinell und laufe wieder runder. Nein, es wird in Folge anstehender Verwerfungen Turbulenzen geben müssen – sozial, kulturell, politisch. Einerlei, was man davon halten mag. Dieses Europa bleibt nicht das alte, und es bleibt auch nicht das Europa der Euro-EU! Ohne es einzukalkulieren, haben die Protagonisten des Euro in ihrer Technokratenlogik genau das erreicht, was sie nicht wollten. Die Staaten und Völker geraten in Differenz und erklären sich wieder zu Nationen. Was oben steht, dürfte insofern stimmen, als dass die Menschen ihre eigene Geschichte machen. Sie sind nicht normier- und regelbar wie Geldströme. Die Marktlogiker haben starke rationale Argumente auf ihrer Seite, aber Menschen, Länder und Kulturen sind nicht allein Märkte. Und Marktlogik funktioniert nur mit dem Markt. Er ist viel, regelt eine Menge, aber nicht alles. Rechte und Konservative verstehen sich zu meiner Verwunderung oft rein marktliberal. Das ist wohl ein Ergebnis der letzten Jahrzehnte.

Demo Goge
4. April 2013 09:09

Die Idee von „Europa“ ist die Befreiung von der US-Hegemonie, was man aber aus außenpolitischen Rücksichten nicht offen propagieren kann und man sich daher hinter öko-und sozio Technizismen verbergen muß. (siehe dazu Claus Koch: 'Das Ende des Selbstbetrugs')
Was wir gerade erleben ist daher nicht nur "Einnivellierung und Gleichschaltung der Volkswirtschaften", sonden die Schaffung EINER europäischen Volkswirtschaft.
Das moderne Lechfeld wird die Pleite einer Bank sein bei der vor allem angloamerikanische Gläubiger ihr Geld verlieren werden.
Das zyprische Exempel an russischen 'Oligarchen' war (hoffentlich) nur die Generalprobe.

Rumpelstilzchen
4. April 2013 09:09

Selten eine so kurze und treffende Zustandsbeschreibung über das lethargische Deutschland gelesen.
Ich habe nur zweimal eine freudige Aufbruchsstimmung in Deutschland erlebt. Das war Fall der Mauer 1989 und die Fußball-WM 2006.
Möchte darüber auch nicht mehr theoretisieren.
Mein Gefühl läßt sich nur so beschreiben:

Das große Warten auf den Tag, an dem der Regen kommt.

Citizen Kane
4. April 2013 10:08

@Demo Goge

Die Idee von „Europa“ ist die Befreiung von der US-Hegemonie,

Wie Bitte?
Die Europäer, allen voran die Deutschen, lassen sich von den Amerikanern seit 70 Jahren die Kohlen aus dem Feuer holen, ruhen sich unter deren Schutzschirm aus. Europa ist zu verfault um seine Dinge in der Welt selbst zu regeln.
Das kommt den Amis in ihrem Weltmachtambitionen natürlich entgegen. Wer sollte ihnen das aber verdenken?

Gottfried
4. April 2013 10:51

@ Pit

"... und wenn man sowas im Ernst begründen muß… dann weiß man, daß man´s mit Irren zu tun hat...."

Jeder einzelne Buchstabe des Beitrages sei unterschrieben von meiner Wenigkeit.

Ergänzend: Dieser "Irre", der die Begründung verlangt, ist der Feind.
Und der Herr im Hause, der Balabos, der Dominus, der Eigner, der sich auf den Dialog mit dem Eindringling, Einbrecher einläßt und begründet, ist in genau dem Moment, zu dem er mit seinen Erklärungen beginnt, seine Besitzurkunde vorlegt, nicht mehr der Herr im Hause.

Oder der Einbrecher dringt genau dort ein, wo er weiß, dort wohnt so einer, der sich immer erklärt, Dialoge führt und alles begründet.

Mit anderen Worten: Wer sich auf den "herrschaftsfreien Dialog" einläßt mit dem Feind, ist ein "Irrer".

Demo Goge
4. April 2013 11:03

die Deutschen, lassen sich von den Amerikanern seit 70 Jahren die Kohlen aus dem Feuer holen, ruhen sich unter deren Schutzschirm aus

??? 'Die Deutschen' ???

Es gibt auch Deutsche, die sich - zumindest 40 Jahre lang - unterm sowjetischen 'Schutzschirm ausruhen durften'.

Seltsames Geschichtsbild haben Sie; immerhin war es das Deutsche Volk, daß in zwei Weltkriegen sein Interesse an einem eigenen deutschen Schutzschirm zum historischen Protokoll gegeben hat.

Demo Goge
4. April 2013 11:23

@ Citizen Kane

Nachtrag:
Abgesehen davon, daß vor 70 Jahren - diesmal tatsächlich - wir Deutschen selbst noch fleißig am Kohlen aus dem Feuer tragen waren, stellt sich doch die Frage, ob der gegenwärtige dekadente Zustand Europas nicht viel eher die Folge als die Ursache der amerikanischen Schutzschirmherrschaft ist.

JeanJean
4. April 2013 12:19

@Pit,

Sie haben durchaus recht. Die Euro Krise hat überdeutlich bewiesen, dass die relativ verwandten Ethnien Europas selbst unter der ideologischen Weltherrschaft des Konsums und der planwirtschaftlichen Versorgung der EU, sehr unterschiedliche Gesellschaften hervorbringen.

Es zeigt sich daran, dass ein aufgestülptes Herrschaftsmodell zwar in der Lage ist Bevölkerungen einzuschläfern und durch Wohltaten ruhig zu stellen, dass aber bei Erschütterungen das Naheliegende, die ethnische Zusammengehörigkeit zum Bezugspunkt wird.

Allein das reicht allerdings nicht dazu aus einen Rahmen zu schaffen, in dem diese Ethnie mehr als nur eine vergrößerte Bande ist. Wie wir in Griechenland und Zypern sehen, sind die Eliten in der Lage, das durchaus gesunde Empfinden der Bevölkerung in einen "antifaschistischen" Kampf mit den angesammelten, verstaubten Requisiten einer plupen anti Nazi Propaganda umzuformen und von Brüssel weg, auf eine Hitlerbärtchen tragende Kanzlerin umzulenken.

Mit diesem plumpen Propagandatrick ist es gelungen, die Griechen erneut in eine (zähnchenfletschende) Schafsherde zu verwandeln, die die Konsequenzen eigenen Handelns ebensowenig begreift, wie die planwirtschaftliche EU Herrschaft, deren Füllhorn das Konsumstrohfeuer ermöglichte, in dem unsere Nationen nun der Reihe nach in Schutt und Asche gelegt werden.

Bildlich gesprochen - so lange das Volk in einer Schlange steht und darauf wartet, dass jedem von Vater Staat die Plastikschüssel "verteilungsgerecht" mit Suppe gefüllt wird, kann es weder Würde noch Zukunft haben, selbst wenn es, wie Golden Dawn es vormacht, die ins Land geschleusten Fremden aus der Schlange schubst.

Über den nackten Verteilungskampf um Territorien und Ressourcen hinaus sind gemeinsame Ideen nötig, die in der Lage sind Grundlagen zur Beschreibung und Analyse des Bestehenden, wie auch Kritik, Selbstbild und gemeinsames Handeln über den Tag hinaus zu ermöglichen.

Davon ob Einzelne oder Gruppen dieses Kunststück vollbringen, wird es abhängen, ob Europa in Zukunft unter einem nur noch durch blanke Gewalt und Krruption zusammengehaltenen Regime der sich permanent bekämpfenden Rackets vegetiert, oder sich den Ehrentitel einer Zivilisation wieder verdient.

Heinrich Brück
4. April 2013 13:58

Die Lüge als Wahrheit verkaufen zu können ist doch eine ziemlich ansprechende Idee.
Der einfache Bürger kann der Überforderung nichts entgegensetzen. Die christlichen Religionen, also europäischen Kulturträger (denn aus jeder Religion entsteht eine andere Kultur) haben ihre Wahrheiten relativiert, und damit zugegeben daß sie nicht wahr sind, kulturell am besten sichtbar in der Architektur (modern und häßlich).
Wenn die Wahrheit verschwunden ist, was bleibt dann noch übrig.
Der Tod.

Ein Fremder aus Elea
4. April 2013 15:45

Demo Goge,

wenn's so wäre, würde die EZB direkt europäische Staatsanleihen kaufen, statt von Goldman Sachs. Und das ist nur ein Kristallisationspunkt.

Aber Frankreich hat ganz offensichtlich Ambitionen in Afrika, in just dem Bereich, welchen es früher in Form von Kolonien besaß. Ist das die Befreiung von Amerika, von welcher Sie sprechen?

Nur eignet sich das Bedürfnis, auf der faulen Haut zu liegen, nicht recht zur Gründung von Imperien.

Nichts von dem ganzen Quatsch hat Hand, noch Fuß. Nun gut, ich gehe mal davon aus, daß kein Deutscher an globalen Kursentscheidungen beteiligt ist. Wir arbeiten halt weiter und hoffen das Beste.

Demo Goge
4. April 2013 16:04

wenn’s so wäre, würde die EZB direkt europäische Staatsanleihen kaufen, statt von Goldman Sachs.

Ein Fremder aus Elea,

Politik ist eben die Kunst des Möglichen und auch Herr Draghi möchte wohl nicht so enden wie Herr Herrhausen.

https://www.youtube.com/watch?v=mn6HRKvqiNk

Citizen Kane
4. April 2013 17:05

@Demo Goge

Man sollte die Folgen seiner eigenen Zurückhaltung nicht anderen in die Schuhe schieben, und es Hegemonie nennen.
Man hat diese kostengünstige Variante der Hegemonie jedenfalls genossen.
Es gab Alternativen, wobei ich nicht beurteilen mag, ob ein anderer Weg der bessere gewesen wäre.

Die Ostdeutschen hatten keine Alternative.

Bin der Letzte, der die Entwicklung zum "Amerikanoiden" (Lichtmesz) gut heißen würde!

Und was vor '45 war, steht doch auf einem anderen Blatt.

Waldgänger
4. April 2013 17:24

Hallo Herr Bosselmann,

ich finde Ihren Text gut und zutreffend.

Das Fehlen von Ideen, von Idealen, die über die bloße Abwehr von Gefahren oder etwas so Profanes wie die Festigung der EU hinausgehen, ist schon auffallend.

Über die tieferen Ursachen nachzusinnen, mag lohnen.
Ich erinnere mich, wie Arnulf BARING um 1993 herum von der "ungeheuren geistigen Erschöpfung" gesprochen hatte, die er in Deutschland nach den vielen Jahrzehnten der politischen Leidenschaften, Kriege und enttäuschten Hoffnungen beobachte.

Ich denke, da ist etwas dran. Alle großen -ismen sind im 20. Jahrhundert verbraucht worden, sind verbrannt worden.
Somit dominieren heute egoistischer Zynismus, materialistischer Pragmatismus und geistige Müdigkeit.
Okay - es gibt Ausnahmen, wie z.B. hier die Gruppe um die Sezession herum.

Und der zweite Grund für den Mangel an Geist ist wohl, dass es der globalisierten Wirtschaft nicht recht sein kann, wenn sich unabhängig von ihr Ideen und Utopien entwickeln. Schließlich behauptet doch der aktuelle Liberalismus, selbst die perfekte Endstufe der Entwicklung darzustellen ...
Also legt sich auch noch der Mief des nackten Materialismus und der Veränderungsfeindschaft über den Geist.
Zielt doch im Grunde jegliches freie Denken auf die Möglichkeit von Zukunft und gegen die Totalherrschaft von Gegenwart.
Die Totalherrschaft der Gegenwart liegt aber im liberalen Interesse.

....

Trotzdem - nach Kenntnis der Menschheitsgeschichte glaube ich, dass auch das nur Episode bleiben wird.
Gewisse Merkmale des Menschen bleiben. Das Streben nach Eigenem, nach Aufbruch, neuer Form und leitenden Ideen zählt wohl zu den anthropologischen Konstanten des Menschen.
Also warten wir. Leider wird es dann für manches zu spät sein.

Keats
4. April 2013 17:48

Die AfD ist eine Wahlalternative für alle, die nicht an den Entscheidungen der nächsten Bundesregierung mitschuldig werden wollen. Ich schätze, sie könnte sogar auf 3 bis 4 Prozent kommen. Aber eine große neue, identitätsbildende Idee kann ich hier nicht einmal ansatzweise erkennen. Ein intelligenteres Europa als dieses entmündigende EU-Monster. Die Völker müssen wieder Herr im eigenen Land werden. Bankiers und Bürokraten müssen zu Dienstleistern werden. Und dann?

Den Europäern fehlen überzeugende Entwürfe für die Zukunft, Ziele, für die es sich zu arbeiten, zu kämpfen, zu leben lohnt. Sie brauchen ein höheres Ziel im Leben. Als solches wird ihnen der Globalismus verkauft, der die weltweit einheitliche, friedliche Menschheitsfamilie bringen soll, das Ende der babylonischen Verwirrung, das Paradies auf Erden. Eine Welt, eine Religion, eine Rasse, ein Führer - die Bündelung aller Menschheitszweige, der ultimative faschistische Traum.

Es ist eine satanische Religion, aber sie scheint der geschichtlichen Logik zu entsprechen. Die Gegenbewegungen sind viel zu defensiv, viel zu rückwärtsgewandt. Ja, wir brauchen eine alternative Zukunftsvision. Aber wo sind auch nur Ansätze dafür?

Hans
4. April 2013 18:09

Herr Bosselmann, sie haben doch in der DDR studiert und sind dabei ganz totalitär gezwungen worden, Marx zu lesen. Gebracht hat das wohl nichts. Vielleicht haben sie zu viel in der Mensa rumgesessen, oder der Grips reichte einfach nicht. Sonst hätten sie ja irgendwie mitbekommen können, dass die Geschichte nicht von großen Ideen gemacht wird, sondern von der "ökonomischen Scheiße" (Marx). Die Allmacht des Marktes ist nicht vor kurzem mit den Maastrichter Verträgen über uns hereingebrochen, sondern liegt im Wesen der Kapitalververwertung, einer ganz und gar europäischen Idee, geboren im späten Mittelalter, und seit der industriellen Revolution, von der die geistesgeschichtliche Aufklärung nur ein schwacher Widerhall war, nicht mehr einfach so per mentaler Anstrengung umzukehren. Und auch die Nationen und deren Staaten sind ein echtes Produkt dieser Entwicklung. Einfach mal auf alte Landkarten sehen oder die Stammbäume von Monarchien bis ins 20. Jahrhundert hinein ansehen. Das könnte helfen bei der Erkenntnis, dass es "identitär" nur in den Hirnen von bescheuerten Nationalisten, zu denen sie ja wohl auch schon länger gehören, zugeht. Inzest macht doof!

Heino Bosselmann
4. April 2013 18:49

@Hans: Ich denke andauernd über die „ökonomische Scheiße“ nach, meine aber ebenso, daß die Menschen ihre Geschichte nicht allein ökonomisch regeln. Wenn der Marxismus, dessen historisch-materialistische Analysefähigkeit ich zu schätzen weiß, sich etwa als eine „Idee“ verstand, „die zur materiellen Gewalt wird, wenn sie die Massen ergreift“, denn geschah dies für den „subjektiven Faktor“ nicht allein in der duplizierenden Durchschaltung eines Betriebssystems von Basis auf Überbau, sondern verlief diffiziler. Dies nicht so erwartet zu haben ist ein Grundproblem des herkömmlichen Marxismus und mündet in seinen schmerzlichen Utopieverlust oder die verzweifelten Wunschvorstellungen bei Lukacs und Bloch. Oder endet im Praktischen bei Stalin, Mao, Pol Pot. – Und was den Identitätsbegriff von Nationalisten mal abseits der pauschal negativen Konnotation des Wortes betrifft: Was wäre Ihre Alternative? Weltbürgertum des reinen Pragmatismus? – Zudem: Die als Begriff schwer zu fassende Aufklärung würde ich vor der eigentlichen Industrialisierung veranschlagen oder gar generell als kritisches und riskantes Nachdenken-über ansehen wollen. Urteilskraft klingt gut, muß aber ohne die letzte Sicherheit von Offenbarungsgewißheiten auskommen, auf die sich auch der politische Marxismus verengte. Im übrigen meine ich gleich Ihnen schon, daß die „Allmacht der Marktes“ zwar nicht erst mit Maastricht über uns kam, aber doch seitdem entscheidend forciert wurde. Wenn das der unausweichliche Lauf der Dinge ist, kann man immerhin darüber nachdenken und muß sich dazu verhalten. Für Ihre Polemik und Ihren Impuls bedanke ich mich. Auf einen groben Klotz wie mich mag ein grober Keil gehören. Dennoch korrespondierte ich gern offenen Visiers. Wenn wir schon gemeinsam in der Mensa saßen … Meine randständigen Texte hier sind keine Predigten, sondern Diskussionsbeiträge. Und mein Nachdenken ist – gleich Ihrem – nicht mit ein paar Sätzen zu Ende. Wer gönnt sich gleich uns diesen Luxus schon? –

Waldgänger
4. April 2013 19:11

@ Hans @ Bosselmann

Hans hat trotz seiner schlechten Manieren(!) im Prinzip einen interessanten Gedanken aufgeworfen, nämlich die Sache mit Überbau (Geisteswelt, Ideologie) und Unterbau ("Produktionsverhältnisse", Technik).

Hier hat Marx mal etwas Recht gehabt.
Gewiss werden die Menschen letztlich von Ideen bewegt, aber die Ideen entstehen eben nicht zufällig.
...................

Die Entwicklung des Unterbaus bzw. der wirtschaftlichen Verhältnisse hat nun mal zwangsläufig bestimmte soziale Auswirkungen.
Dazu zähle ich z.B. den dramatischen Rückgang von wirtschaftlich selbständigen Menschen und die Zunahme von Großunternehmen und internationalen Konzernen. Eine andere Folge ist fast überall anzutreffende die Schwächung von Regierungsmacht zugunsten diverser legaler oder illegaler Unternehmen, Institutionen, Banden, Banken usw.
Und die Herausbildung bestimmter Ideen ergibt sich dann aus diesen sozialen Verhältnissen.
............
Die große Unbekannte in diesem Modell sind übrigens die (nach Marx zutiefst irrationalen) Religionen ...

Gottfried
4. April 2013 21:53

@ Keats

"Es ist eine satanische Religion, aber sie scheint der geschichtlichen Logik zu entsprechen. Die Gegenbewegungen sind viel zu defensiv, viel zu rückwärtsgewandt. Ja, wir brauchen eine alternative Zukunftsvision."

Um das Thema in einer bildlichen Miniatur darzustellen: Da sitzt ein ganz normaler Bauer in seinem Haus, sorgt sich vielleicht um seine Ernte oder freut sich auf sein Abendessen. Dann kommen irgendwelche Nomaden und fallen über sein Anwesen her.
Der Willen des Bauern, seinen Hof zu bewirtschaften, die Seinen zu ernähren, sich die Kartoffeln genüßlich schmecken zu lassen, ist so selbstverständlich, daß er nicht unbedingt ausgesprochen wird.

Sein Leben, das er nicht erklären muß, ist nun bedroht, jetzt geht es um die Frage der Reaktion. Dieses Leben kann und darf unter Umständen überaus "trivial" sein.

Den Teufel sehe ich als ein Gespenst, das es nicht gibt. "Etwas aus Holz" ist kein Stuhl. Es gibt Stühle aus Kunststoff. Etwas Hellbraunes ist auch kein Stuhl, es gibt weiße Stühle, grüne Stühle usw.
Genauso ist der Mensch nicht durch das Weibliche definiert. Es gibt Männer. Auch nicht durch die dunkle Haut des Afrikaners. Es gibt Weiße.
Nicht durch die Dummheit. Es gibt sehr kluge Menschen.
Universalismus, Globalismus u.ä. wollen uns aber auf das nur Menschliche reduzieren, auf unsere zwei Beine, mit einer Nase, Ohren auf beiden Seiten ausgerüstet, austauschbar, ohne jegliche Besonderheit, die vielleicht nur in einer bestimmten Heimat/Landschaft in Erscheinung tritt.

Habe den Eindruck, daß diese satanistische Lehre über den Menschen, mit dem keiner verkehrt, denn man verkehrt immer mit Männern oder Frauen, Kinder oder Alten, Schönen oder weniger Schönen usw., geistig überhaupt noch nicht durchschaut wird von vielen.

Als Gegengift, zwecks der Teufelsaustreibung, empföhle ich Max Stirner mit "Der Einzige und sein Eigentum".

Moritz Haberland
5. April 2013 11:11

Mit Verlaub, wer "seinen" Marx kennt, der weiß natürlich noch, daß dieser die Enwicklung des Menschen immer mit der Entwicklung der Produktivkräfte gekoppelt hat. Daraus bezog der Mensch einen Großteil seiner Ideen, Fähigkeiten und Fertigkeiten.

Heute sind wir an einem toten Punkt angekommen, die digitale Entwicklung, die Weltraumfahrt und die Medizintechnik ist nur noch etwas für wenige Spezialisten. Wir konsumieren dann die Ergebnisse als Händi, als Rechner, als Patienten im Superspital usw.

Darüberhinaus behüht sich ein nicht unreheblicher Teil der Menscheheit (ich auch) um die Bewahrung des Althergebrachten, seien es alte Handwerksküste, alte Haustierrassen oder sowas.
Sogesehen ist es gar kein Wunder, daß "wir alle"
nur noch als Konsumenten gelten können.

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.