Die große Verkeilung

46pdf der Druckfassung aus Sezession 46 / Februar 2012

von Felix Springer

»Dekonstruktion« lautet der Auftrag des Stahlkeils, der kraftvoll durch das im Oktober 2011 neueröffnete Militärhistorische Museum der Bundeswehr schlägt. Wir müssen diesen Anspruch als erfüllt erkennen: Der New Yorker Stararchitekt Daniel Libeskind, den die deutschen Streitkräfte mit dem Umbau ihres Geschichtshauses beauftragt haben, läßt sein schimmerndes Metall mit archaischer Wucht durch das alte Arsenalgebäude brechen, gewaltsam zerschlägt er die Symmetrie der neoklassizistischen Fassade und nimmt so der Vergangenheit ihre strenge Form. Vor jedem Besucher keilt, wie noch in drohender Bewegung begriffen, der kalte Stahl in den Boden jener Stadt, deren Wiederaufbau der deutschen Seele so viel Hoffnung gab und gibt.

 Gastbeitrag

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Als Sym­bol krie­ge­ri­scher Gewalt soll der Durch­bruch das gan­ze immense Bau­werk zu einem Wahr­zei­chen der Wech­sel­haf­tig­keit deut­scher Mili­tär­ge­schich­te machen, und ohne Zwei­fel gelingt das auch. Das in der Drauf­sicht nach den V‑Formationen der alli­ier­ten Flie­ger­staf­feln gestal­te­te, gro­ße Sym­bol zeigt mit sei­ner kom­pro­miß­los geschärf­ten Spit­ze auf just jene Stel­le, an der am 13. Febru­ar 1945 die ers­ten Bom­ben den Auf­takt zur Ver­nich­tung des baro­cken Dres­dens und sei­ner Men­schen gaben. Als gut sicht­ba­rer Weg­wei­ser für jeden Flie­ger, der die Stre­cke noch ein­mal abflie­gen möch­te, ist der Keil die Mani­fes­ta­ti­on eines fana­ti­schen Wil­lens zum nach­ho­len­den Per­spek­ti­ven­wech­sel in der Gegenwart.

Die­ser Wil­le ist es, der die »neu­en Gesetz­mä­ßig­kei­ten« speist, von denen der Lei­ter der Dienst­stel­le und Direk­tor des Muse­ums, Oberst Mat­thi­as Rogg, spricht, und nach denen sich das deut­sche Mili­tär nun kri­tisch mit sei­ner Geschich­te aus­ein­an­der­zu­set­zen habe. Das soll ruhig auch »pro­vo­kant« sein, den­noch: Die deut­sche Pres­se lob­te bei Eröff­nung in bra­vem, ein­hel­li­gem Choral.

Für nichts weni­ger als die »Offen­heit der demo­kra­ti­schen Gesell­schaft« soll der Keil ste­hen, wäh­rend er in vor­ge­täusch­ter Aus­ein­an­der­set­zung das Arse­nal deut­scher Mili­tär­ge­schich­te zer­hackt: Vor­ge­täuscht ist sie, weil es einen Gegen­ent­wurf, eine Gegen­mei­nung zum Keil nicht gibt. Er allein darf zu den Besu­chern »spre­chen«, die sich dem Muse­um nähern, er brüllt sie an, man kann nicht weg­hö­ren: Archi­tek­tur als Gewalt, als lust­vol­le Bru­ta­li­tät gegen das eige­ne Volk. Der Anspruch ist destruk­tiv, er kann sich nicht hin­ter dem Wort­ge­klin­gel einer Idee des abso­lut Guten ver­ber­gen oder hin­ter dem Gere­de von der Demo­kra­tie als Gegen­erzäh­lung zu allem, was der vom Him­mel fal­len­de, schick­sal­haft rich­ten­de Stahl­keil vor unse­ren Augen »dekon­stru­iert«.

Was aber könn­te noch dekon­stru­iert wer­den? Durch Ver­bot, Wei­sung und Ver­wei­ge­rung fast aller ihrer her­ge­brach­ten Tra­di­ti­ons­be­stän­de beraubt, konn­te die Bun­des­wehr unse­rer Tage noch zu kei­ner ihrer vie­len Ver­gan­gen­hei­ten ein unbe­las­te­tes Ver­hält­nis her­stel­len oder gar eine posi­ti­ve Bezug­nah­me eta­blie­ren. Und damit steht sie für den gan­zen Staat, der, seit Jahr­zehn­ten kon­se­quent ent­mi­li­ta­ri­siert, nur einen para­dox ver­krampf­ten Umgang mit sei­ner Gewalt zu pfle­gen imstan­de ist, der für Exis­ten­ti­el­les, Hohes, Tie­fes noch nicht ein­mal die Wor­te hat.

»Ambi­va­lenz« ist einer der Schlüs­sel­be­grif­fe für die Gesamt­kon­zep­ti­on des Muse­ums. Zivi­le wie mili­tä­ri­sche Prot­ago­nis­ten die­ses Groß­pro­jek­tes spre­chen davon, neu­es und altes Begrei­fen von Mili­tär und Krieg zusam­men­brin­gen und gegen­über­stel­len zu wol­len. Das muß schei­tern, wo sich das ver­meint­lich Neue aufs ewig kri­ti­sche, dau­er­zer­set­zen­de Dekon­stru­ie­ren und die radi­ka­le Abstands­ge­win­nung beschränkt. »Ambi­va­lenz« wird dabei zu einem ande­ren Wort für das umfas­send »Wehr­lo­se« der heu­ti­gen Deut­schen, zum Sym­ptom einer all­ge­mei­nen Weich­heit im Den­ken, die sich noch gegen die schlimms­te Bedro­hung um Harm­lo­sig­keit und Ver­mitt­lung bemüht.

»Kri­tisch annä­hern«, »Seh­ge­wohn­hei­ten hin­terfragen«, »Denk­räu­me öff­nen«, so benennt man die gel­ten­den Ansprü­che des Muse­ums, und sie sind alle geeig­net, »Fra­gen auf­zu­wer­fen« und an die Besu­cher »wei­ter­zu­ge­ben« – das erklär­te päd­ago­gi­sche Ziel des Muse­ums­kon­zep­tes. Nur Ant­wor­ten bie­tet hier nie­mand. Statt des­sen spricht man viel von »neu­en Wegen«, die »mit der Ver­gan­gen­heit bre­chen« – lan­ge Zeit galt das als Fluch der Ent­erb­ten und Geschei­ter­ten, das will man in Dres­den aber heu­te umdeu­ten und anders sehen, »radi­kal anders«, wie Oberst Rogg selbst sagt. So bleibt zumin­dest die Radi­ka­li­tät nicht den Kri­ti­kern vor­be­hal­ten, aber wohin die »neu­en Wege« denn eigent­lich füh­ren sol­len, auf wel­cher Geschichts­er­zäh­lung denn das deut­sche Sol­da­ten­tum der Zukunft grün­den soll, bleibt ganz und gar im Vagen. Im Ergeb­nis kommt das Bild die­ser gro­ßen Ver­kei­lung nicht über einen iden­ti­täts­feind­lich gewor­de­nen Intel­lek­tua­lis­mus hinaus.

Dar­in liegt die eigent­li­che »Ambi­va­lenz« die­ses Pro­jekts: Das so selbst­be­wußt beschlos­se­ne, erbau­te und nun ver­tei­dig­te Bau­werk steht dort als gro­ßes Zei­chen deut­scher Unsi­cher­heit und Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit, wie sie sich eben­so­gut am Ges­tus der Ver­ant­wort­li­chen in der »Lage 2012« auf­zei­gen lie­ßen. Nicht Dekon­struk­ti­on und kri­ti­scher Geist, son­dern eine tie­fe Unge­wiß­heit im Selbst­bild ist das ent­schei­den­de Kenn­zei­chen des neu­en Mili­tär­his­to­ri­schen Muse­ums der Bundeswehr.

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