Der Tanz auf der Nadelspitze

46pdf der Druckfassung aus Sezession 46 / Februar 2012

von Thomas Hoof

Im Verlauf der letzten 100 Jahre vervierfachte sich die Weltbevölkerung, verzwanzigfachte sich die Weltwirtschaftsleistung und vervierzigfachte sich der Primärenergieverbrauch. Ein Blick auf die entsprechenden Funktionsgraphen belehrt jeden neutralen Betrachter darüber, daß da keine »Entwicklung«, sondern eine Explosion stattgefunden hat – und daher bei nachlassendem Expansionsdruck mit herunterkommenden Trümmerteilen zu rechnen ist. Der Scheitelpunkt ist erreicht.

 Gastbeitrag

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Ener­gie­kri­se: Berg­ab geht’s schneller

Die The­se vom knapp hin­ter uns lie­gen­den Ölför­der­ma­xi­mum wird nur noch von Poli­ti­kern bestrit­ten. Die För­der­men­ge ver­vier­fach­te sich seit 1960 von 20 auf 80 Mil­lio­nen Barrel/Tag und sta­gniert seit etwa fünf Jah­ren auf die­sem Niveau. Im Jah­re 2010 hat der Ver­brauch mit 87 Mil­lio­nen Barrel/Tag die För­de­rung von 82 Millionen/Tag über­schrit­ten. Die Lager wur­den angegriffen.

Die Inter­na­tio­na­le Ener­gie Agen­tur (IEA) pro­gnos­ti­zier­te 2009 nach einer erst­ma­li­gen Inspek­ti­on aller wich­ti­gen Ölfel­der einen glo­ba­len För­der­men­gen­rück­gang von 6,7 Pro­zent jähr­lich. Den wei­te­ren Ver­lauf zeich­net die regie­rungs­amt­li­che U.S. Ener­gy Infor­ma­ti­on Admi­nis­tra­ti­on (EIA)als eine sich öff­nen­de Sche­re: Noch wäh­rend die­ses Jahr­zehnts erle­ben wir einen Rück­gang des Pri­mär­ener­gie­an­ge­bots aus fos­si­len Vor­rä­ten um etwa 20 Pro­zent – bei wei­ter­hin stei­gen­der Nach­fra­ge. Wer ent­schlos­sen ist, amt­li­che Daten grund­sätz­lich für gefälscht zu hal­ten, kann den Ernst der Lage ersatz­wei­se auch an den der­zei­ti­gen geo­stra­te­gi­schen Rän­ke­spie­len in Nord­afri­ka und im Nahen Osten ablesen.

Ener­gie und Ökonomie

Die Ener­gie ist ein blin­der Fleck in der an blin­den Fle­cken ohne­hin nicht armen Optik der Öko­no­men: Es gibt sie eigent­lich nicht. Zwi­schen Öl als Kraft­stoff und Öl als Schmier­stoff gibt es öko­no­misch kei­nen Unter­schied. Nach der neo­klas­si­schen Wachs­tums­theo­rie tru­gen die Pro­duk­ti­ons­fak­to­ren zu der him­mels­stür­men­den Wirt­schafts­ent­wick­lung im 20. Jahr­hun­dert exakt im Ver­hält­nis ihrer jewei­li­gen Fak­tor­kos­ten­an­tei­le mit 65 Pro­zent (Arbeit), 30 Pro­zent (Kapi­tal) und fünf Pro­zent (Ener­gie) bei. Lei­tet man unter die­ser Prä­mis­se das Wirt­schafts­wachs­tum der letz­ten 100 Jah­re nur aus der Ver­än­de­rung des Inputs die­ser Pro­duk­ti­ons­fak­to­ren ab, dann bleibt eine Rest­grö­ße, das soge­nann­te »Solow-Resi­di­um«, das etwa für die Ent­wick­lung der US-Wirt­schaft in der ers­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts den (für eine »Rest­grö­ße« durch­aus unge­wöhn­li­chen) Wert von 87,5 Pro­zent annahm.

Eine Bil­li­on Bar­rel Öl – und damit das Äqui­va­lent von 15 Bil­lio­nen Men­schen­ar­beits­jah­ren – hat die Welt­wirt­schaft in etwas mehr als einem Jahr­hun­dert in sich auf­ge­so­gen, doch das Ergeb­nis wird von den Öko­no­men als tech­ni­scher Fort­schritt ver­bucht und damit als Kom­pli­ment an die Krea­ti­vi­tät und den Erfin­dungs­geist des Men­schen weitergereicht.

Die­se Umdeu­tung einer gewal­ti­gen Erb­pras­se­rei in eine gewal­ti­ge Leis­tung hat Fol­gen: Zum einen bewirkt sie, daß heu­te jeder Fri­seur­lehr­ling mit so viel Her­ab­las­sung auf das Post­kut­schen­zeit­al­ter guckt, als habe er ganz Wesent­li­ches zu sei­ner Über­win­dung bei­getra­gen. Und zum ande­ren nährt sie die fort­dau­ern­de Illu­si­on, der »Mensch­heit sei noch immer etwas ein­ge­fal­len – und das wer­de auch so blei­ben«. Mit dem Ein­bruch in die fos­si­len Lang­zeit­spei­cher der Son­nen­en­er­gie ist der Mensch­heit weni­ger etwas ein- als viel­mehr etwas zuge­fal­len – alles, was danach kam (Kern­ener­gie, Pho­to­vol­ta­ik), waren abge­lei­te­te Tech­ni­ken, inso­fern sie den Rück­griff auf die­sen gut­ge­füll­ten Ener­gie­tank zur Vor­aus­set­zung haben.

Alles liqui­de. Ener­gie und Geld

Für die 60 Jah­re des voll strö­men­den Öls (ab 1950) war die Kern­fra­ge der Wirt­schaft und des Lebens nicht mehr »Woher die Ener­gie neh­men?«, son­dern deren glat­te Umkeh­rung: »Wohin mit der Ener­gie?« Die Ant­wort ist bekannt: eine in immer neu­en Wel­len anbran­den­de, schwin­del­erre­gen­de Mobi­li­sie­rung, Moto­ri­sie­rung und Elek­tri­fi­zie­rung des Lebens und eine Erset­zung aller kurz­ge­schlos­se­nen, ener­gie­ar­men Kreis­läu­fe durch tech­nisch arran­gier­te und ener­gie­in­ten­si­ve Pro­zes­se. Ver­bun­den war das mit zwei mensch­heits­ge­schicht­lich über­aus mar­kan­ten Kehren:

Zum ers­ten wur­de der Mensch von einer (pro­duk­ti­ven) Ener­gie­quel­le zu einer (kon­sum­ti­ven) Ener­gie­sen­ke – ein Vor­gang, der anthro­po­lo­gisch und see­len­kund­lich noch gar nicht rich­tig gewür­digt wur­de, obwohl sich sei­ne Fol­gen seit drei Jahr­zehn­ten in den psy­cho­so­ma­ti­schen Pra­xen und Kli­ni­ken deut­lich bemerk­bar machen.

Zum zwei­ten: Der Kapi­ta­lis­mus war vor sei­ner Petro­le­um­flu­tung eine spar­sam­keits­ge­trie­be­ne Ver­an­stal­tung: Inves­ti­tio­nen muß­ten aus Erspar­nis­sen finan­ziert wer­den, die ihrer­seits nur durch Kon­sum­ver­zicht gebil­det wer­den konn­ten (sei es aus eige­nem Kon­sum­ver­zicht oder aus dem ande­rer Leu­te, die dann als Kre­dit­ge­ber fun­gie­ren konn­ten). Das war der »aske­ti­sche« Kapi­ta­lis­mus Max Webers – eine in vie­ler Hin­sicht neue For­ma­ti­on, aber immer noch tief ver­bun­den mit den Knapp­heits­er­fah­run­gen der 12 000jährigen Menschheitsgeschichte.

Die Ant­wort auf die Fra­ge »Wohin mit der Ener­gie?« ver­lang­te frei­lich eine ande­re Men­ta­li­tät als Webers »pro­tes­tan­ti­sche Ethik«, ande­re Allo­ka­ti­ons­me­cha­nis­men als »Inves­ti­ti­on aus Erspar­nis und Erspar­nis aus Ver­zicht« und vor allem eine vol­le Mobi­li­sie­rung der – unter den vor­he­ri­gen Knapp­heits­be­din­gun­gen quan­ti­ta­tiv noch völ­lig unaus­ge­lo­te­ten – mensch­li­chen Kon­sum­kraft. Die Mit­tel zur Finan­zie­rung der inves­ti­ven und der kon­sum­ti­ven Sei­te der unge­heu­ren Wirt­schafts­ex­pan­si­on waren nun nicht mehr dem Ver­gan­gen­heits- und Gegen­warts­kon­sum abge­spart, son­dern wur­den der Zukunft ent­nom­men, die gar nicht mehr anders vor­ge­stellt wer­den konn­te als eine um wei­te­re »Zuwäch­se« jed­we­der Art auf­ge­speck­te Gegenwart.

Die Indus­trie­ge­sell­schaf­ten gin­gen – in betriebs­wirt­schaft­li­cher Ter­mi­no­lo­gie – von einer »Innen­fi­nan­zie­rung« (aus the­sau­ri­er­ten Über­schüs­sen) zu einer »Fremd­fi­nan­zie­rung« (aus zukünf­ti­gem Sozi­al­pro­dukt) über. Die Mit­tel dazu waren:

Das Ende der stoff­li­chen Deckung der Wäh­run­gen mit der Kün­di­gung von Bret­ton Woods im August 1971. Die Ent­gol­dung des Gel­des und sei­ne Ver­wand­lung in frei schöpf­ba­res Schaumgeld;

die Los­lö­sung des »Kre­dits« vom »Geld«, indem die Kre­dit­vo­lu­mi­na sich in stei­ler Kur­ve von den Bank­ein­la­gen »eman­zi­pier­ten«. Moritz Schul­arick (FU Ber­lin) und Alan Tay­lor (Uni­ver­si­ty of Cali­for­nia, Davis) zei­gen in einer vor kur­zem erschie­ne­nen wirt­schafts­ge­schicht­li­chen Stu­die, daß die Peri­ode von 1870 bis zum Ende der Welt­krie­ge noch eine Peri­ode des »Gel­des« war, die in den spä­ten fünf­zi­ger Jah­ren von einer Epo­che des Kre­dits abge­löst wur­de. Von da an: Ölschleu­sen offen, Kre­dit­schleu­sen offen – also vol­le Schuß­fahrt in den hedo­nis­ti­schen Kapi­ta­lis­mus, der in der zwei­ten Hälf­te des 20. Jahr­hun­derts zum Aus­bruch kam.

Das Schar­nier für die­sen Umschlag waren die sechziger/siebziger Jah­re, in denen die Koh­le- von der Ölför­de­rung abge­löst wur­de, wobei die noch wäh­rend des Koh­le­zeit­al­ters bru­tal prä­sen­te Tat­sa­che, daß die Ener­gie­ge­win­nung Ener­gie erfor­dert, dank der Fer­ne der För­der­stät­ten und auto­ma­ti­sier­ter Trans­port- und Ver­ede­lungs­pro­zes­se gnä­dig ver­blaß­te. Dies war die mate­ri­el­le Grund­la­ge für das Auf­kom­men jener merk­wür­dig lebens­frem­den Welt­an­schau­un­gen, wie sie sich in der hedo­nis­ti­schen Kul­tur­re­vo­lu­ti­on der 68er durch­setz­ten. Die dadurch ange­sto­ße­nen Ver­än­de­run­gen der Men­ta­li­tä­ten sind in der Nach­fol­ge von Robert Ing­le­harts Silent revo­lu­ti­on (1977) in der Debat­te über neue, näm­lich »post­ma­te­ri­el­le Wert­orientierungen« ver­han­delt worden.

Die »post­ma­te­ri­el­le« Ori­en­tie­rung der neu­en, ergrü­nen­den Milieus kam vor allen Din­gen dar­in zum Aus­druck, daß bei ihnen die »Sor­ge um etwas« (z. B. das täg­li­che Brot) völ­lig von der »Lust auf etwas« (z. B. die täg­li­che Bruschet­ta) ersetzt wor­den war. Ansons­ten pflegt das »post­ma­te­ri­el­le« Milieu den res­sour­cen­ver­schwen­de­rischs­ten Lebens­stil und die größ­te Umwelt­sen­si­bi­li­tät mit der glei­chen Innig­keit. Ver­ständ­lich ist auch, daß es den Wech­sel von den schmut­zi­gen fos­si­len zu den erneu­er­ba­ren Ener­gien mit Nach­druck for­dert, denn es ver­bin­det mit letz­te­ren in schö­ner Ein­falt vor allem die Vor­stel­lung von sehr viel Son­ne, wenig Arbeit und schie­rer Unerschöpflichkeit.

Gewiß: Die gan­ze For­ma­ti­on hat­te sich über mehr als ein Jahr­hun­dert vor­be­rei­tet, in einem Pro­zeß, der aller­dings immer wie­der kri­sen- und kriegs­be­dingt zurück­ge­wor­fen und durch hart­nä­cki­gen kul­tu­rel­len Wider­stand gebremst wor­den war. Erst jetzt, bei vol­lem Zustrom schein­bar unbe­grenz­ter Ener­gien und unbe­grenz­ten Kre­dits, bra­chen die Däm­me, und die kar­ne­va­lis­ti­sche End­pha­se der Moder­ne konn­te sich rein ent­fal­ten: mit ihren ver­blüf­fen­den Neu­ar­ran­ge­ments von Indi­vi­du­um und Gesell­schaft, Ich und Es, Mann und Frau, oben und unten, Trieb, Trieb­ver­zicht und Trieb­ver­zicht­ver­zicht, in der fie­ber­haf­ten Atmo­sphä­re eines wirt­schaft­lich hoch­ge­heiz­ten Treib­hau­ses, in dem der letz­te ver­blie­be­ne Rest an gesun­dem Men­schen­ver­stand und an nüch­ter­nem, über Jahr­tau­sen­de auf­ge­bau­tem Sinn für die irdi­schen Rea­li­tä­ten ver­damp­fen konnte.

Klar ist, daß die­se Atmo­sphä­re die Ewi­ge Lin­ke in beträcht­li­che Eupho­rie ver­setz­te, denn nun konn­te anschei­nend »der mate­ria­lis­ti­sche Bann, der bibli­sche Fluch der not­wen­di­gen Arbeit tech­no­lo­gisch gebro­chen wer­den« (Jür­gen Haber­mas: Erkennt­nis und Inter­es­se, Frank­furt a. M. 1969, S. 80). Eben­so klar ist, daß das kon­ser­va­ti­ve Motiv – zu leben aus dem, was immer gilt – in eine völ­li­ge, bis heu­te anhal­ten­de Betäu­bung gera­ten mußte.

Der 1. Teil der Wand:
Der Nettoenergiefaktor

Die Ener­gie­ge­win­nung kos­tet Ener­gie, und mitt­ler­wei­le immer mehr. Bei allen Ret­tungs­sze­na­ri­en – gleich ob in Rich­tung Atom- oder »erneu­er­ba­re Ener­gien« oder »Was­ser­stoff­wirt­schaft« – wird die fol­gen­de Grund­fra­ge regel­mä­ßig abge­dun­kelt: Wie ist der Net­to­en­er­gie­fak­tor als das Ver­hält­nis von gewon­ne­ner zu auf­zu­wen­den­der Energie?

Bei der kon­ven­tio­nel­len Ölför­de­rung hat sich auf­grund sin­ken­der Ergie­big­keit der Fel­der die­ses Ver­hält­nis schon von 100:1 auf 8:1 ver­schlech­tert. Bei der unkon­ven­tio­nel­len Öl- und Gas­för­de­rung (Teer­san­de und Schie­fer­gas) sackt es wei­ter ab und wird bei vol­ler Berück­sich­ti­gung aller Ener­gie­auf­wen­dun­gen zur Besei­ti­gung von Fol­ge- und »Ewig­keits­las­ten« bei ent­spre­chend aus­ge­dehn­tem Betrach­tungs­zeit­raum nega­tiv. Die diver­sen Lob­by­grup­pen der Wind- bzw. Solar- oder Atom­ener­gie rech­nen sich die Ver­hält­nis­se regel­mä­ßig schön, und zwar dadurch, daß sie den Auf­wand nur inner­halb einer sehr engen Gren­ze um den eigent­li­chen Kern­pro­zeß der Ener­gie­um­wand­lung anset­zen. Der ener­ge­ti­sche Auf­wand zur Gewin­nung von Wind­strom z. B. star­tet aber nicht mit der Instal­la­ti­on der Anla­ge, son­dern mit der Erschlie­ßung des Erz­berg­wer­kes als Vor­aus­set­zung der Stahl­pro­duk­ti­on für die Tur­bi­nen, und er endet nicht mit der Netz­über­ga­be, son­dern hat antei­lig auch die bei Bau und Unter­halt der Net­ze und der Spei­cher­ka­pa­zi­tä­ten anfal­len­den Ener­gie­dienst­leis­tun­gen zu decken. Die Betrei­ber von Wind­kraft­parks und Pho­to­vol­ta­ik­an­la­gen machen es sich hin­sicht­lich der in ihre Anla­gen ein­ge­flos­se­nen Ener­gie­vor­leis­tun­gen so ein­fach wie der grü­ne Wel­ten­bumm­ler, der sich die Pein­lich­keit, auf sei­nem Flug in die USA eben­so­viel Ener­gie ver­brannt zu haben wie ein Sport­wa­gen wäh­rend eines gan­zen Betriebs­jah­res, durch die Erwä­gung mil­dert: »Den Flie­ger gab’s doch schon, und geflo­gen wäre der auch ohne mich.«

Die Pro­ble­ma­tik des Net­to­en­er­gie­fak­tors ist der ent­schei­den­de Punkt: Der Auf­wand für die Gewin­nung von Ener­gie­dienst­leis­tun­gen und für den Unter­halt der ent­spre­chen­den Infra­struk­tur wird in allen Sze­na­ri­en zu Las­ten des kon­sum­tiv oder inves­tiv ver­wend­ba­ren Anteils immer wei­ter stei­gen, bis es an einem logi­schen End­punkt (der in Charles Halls »Cheese-Sli­cer-Modell« spä­tes­tens 2050 ein­tritt) kein dis­po­nibles Ener­gie­ein­kom­men mehr gibt, das für kon­sum­ti­ve oder inves­ti­ve Zwe­cke ver­füg­bar wäre.

Der 2. Teil der Wand: Die stets erneu­er­ba­ren Hoffnungen

Die kon­ven­tio­nel­len fos­si­len Ener­gie­quel­len sind im Nie­der­gang, der beim Öl schnell, beim Erd­gas etwas lang­sa­mer spür­bar wer­den wird. Und der fos­si­le Ener­gie­trä­ger mit der größ­ten Reich­wei­te (bis 150 Jah­re), die Koh­le, ist durch das CO²-Dog­ma aus dem Spiel gebracht. Die erneu­er­ba­ren Ener­gien (EE, also Was­ser, Wind, Solar­ther­mie, Pho­to­vol­ta­ik) leis­ten der­zeit einen Bei­trag von sechs Pro­zent zum Pri­mär­ener­gie­ver­brauch und 16 Pro­zent zur Strom­erzeu­gung Deutsch­land. Die­ser Bei­trag ist wirt­schaft­lich an hohe Sub­ven­tio­nen und Markt­stüt­zun­gen und ener­ge­tisch und stoff­lich an mas­si­ve Vor­leis­tun­gen aus fos­si­len Quel­len gebun­den. Sie sind der­zeit nur lebens­fä­hig mit den fos­si­len Ener­gie­trä­gern als groß­zü­gi­gem Sponsor.

Das gilt in ähn­li­cher Wei­se für die Kern­kraft­tech­ni­ken, die ohne gesetz­li­che Haf­tungs­frei­stel­lun­gen schon allein an ver­si­che­rungs­ma­the­ma­ti­schen Kal­kü­len schei­tern wür­den. Im übri­gen ist die Ener­gie­ge­win­nung aus Kern­spal­tungs­pro­zes­sen (oder gar Kern­fu­si­ons­pro­zes­sen, bei denen kos­mi­sche Tem­pe­ra­tu­ren zu hand­ha­ben sind) ein Unter­neh­men, auf das sich nur Gesell­schaf­ten ein­las­sen, die ihre Kräf­te wach­sen, nicht aber sol­che, die sie schwin­den füh­len. Das wird schon in Kür­ze offen­bar wer­den, wenn bei einem groß­flä­chi­gen Netz­aus­fall das immense Pro­blem ent­steht, die Küh­lung der Reak­to­ren im dann erzwun­ge­nen Insel­be­trieb sicherzustellen.

Es ist gera­de­zu aben­teu­er­lich, anzu­neh­men, daß die der­zeit dis­ku­tier­ten EE-Tech­ni­ken den Ver­fall der fos­si­len Ener­gie­quel­len aus­glei­chen, den nöti­gen Umbau der in mehr als hun­dert Jah­ren gewach­se­nen Infra­struk­tur tra­gen und dabei noch einen posi­ti­ven Gesamt-EROI lie­fern könnten.

Um die Grö­ßen­ord­nun­gen des Bedarfs noch ein­mal klar zu machen: Um den von der IEA pro­gnos­ti­zier­ten För­der­men­gen­rück­gang aus kon­ven­tio­nel­len Fel­dern (von jähr­lich 6,7 Pro­zent) aus­zu­glei­chen, müß­te alle zwei Jah­re die gesam­te Leis­tung Sau­di-Ara­bi­ens – des mit zwölf Mil­lio­nen Bar­rel För­der­ka­pa­zi­tät zweit­größ­ten Erd­öl­pro­du­zen­ten der Welt – neu an den Markt kom­men. Um den gleich­zei­tig erwar­te­ten Nach­fra­ge­zu­wachs nach Pri­mär­ener­gie von 2,5 Pro­zent p. a. (auf einen gege­be­nen Welt­ta­ges­ver­brauch 80 Mil­lio­nen Barrel/Tag) zu befrie­di­gen, müß­te alle fünf Jah­re ein wei­te­res Sau­di-Ara­bi­en ent­deckt, erschlos­sen und pro­duk­tiv gemacht wer­den. Das wird selbst­ver­ständ­lich nicht pas­sie­ren. Nir­gend­wo sind Pro­jek­te von auch nur annä­hern­der Grö­ßen­ord­nung geplant, geschwei­ge denn in Arbeit.

Zudem kön­nen die EE der­zeit nur einen Bei­trag zur Strom­ver­sor­gung leis­ten, nicht aber die immensen stoff­li­chen Leis­tun­gen des Erd­öls in der che­mi­schen Indus­trie und für die Land­wirt­schaft sub­sti­tu­ie­ren, und die Fra­ge, auf wel­chem (Um)weg sie die Wär­me­kraft­ma­schi­nen des fos­si­len Zeit­al­ters befeu­ern sol­len, ist gleich­falls unge­klärt. Es gibt kei­ne Idee, wie mit Wind- und Son­nen­strom Erz­berg­wer­ke, Stahl­hüt­ten und Groß­schmie­den betrie­ben wer­den sol­len, die aber alle­samt Vor­aus­set­zun­gen für die Pro­duk­ti­on von Wind- und Solar­ener­gie­an­la­gen sind. Um wenigs­tens die Strom­ver­sor­gung sichern zu kön­nen, brau­chen die stark fluk­tu­ie­ren­den Wind- und Pho­to­vol­ta­ik-Kraft­wer­ke unvor­stell­ba­re Spei­cher­ka­pa­zi­tä­ten, zu denen es bis­her nur stark tech­no-deli­ri­sche Ent­wür­fe gibt.

Und: Wer, wie die Bun­des­re­gie­rung, bis zum Jah­re 2050 die Hälf­te unse­res Pri­mär­ener­gie­be­darfs aus erneu­er­ba­ren Ener­gien decken will, soll­te sich zunächst mal die Fra­ge stel­len, ob die ande­re, die fos­si­le Hälf­te dann über­haupt noch zur Ver­fü­gung steht – falls nicht, kann er die zwei­te Hälf­te näm­lich auch vergessen.

Die Vor­stel­lung jeden­falls, daß wir den der­zei­ti­gen »Wohl­stand«, die der­zei­ti­ge Ener­gie­in­ten­si­tät des Lebens erhal­ten könn­ten, indem wir die schmut­zi­gen, aber ener­gie­dich­ten Ener­gie­trä­ger Öl, Koh­le und Gas durch Son­ne, Wind, Was­ser und ande­re urlaubs­bun­te Gar­ni­tu­ren sub­sti­tu­ie­ren, ist nichts ande­res als eine gut­ge­laun­te Krit­ze­lei auf einer hüb­schen Ansichts­kar­te aus dem grü­nen Utopia.

Der 3. Teil der Wand: Land­wirt­schaft und Nahrung

Ein poli­tisch völ­lig aus­ge­blen­de­tes Pro­blem ist das der Nah­rungs­mit­tel­ver­sor­gung im Fal­le einer Ener­gie­ver­knap­pung. Die Stei­ge­rung der Arbeits- und Flä­chen­pro­duk­ti­vi­tät der euro­päi­schen Land­wirt­schaft seit 1950 ging nicht nur ein­her mit einem völ­li­gen Ver­fall ihrer Ener­gie­pro­duk­ti­vi­tät, son­dern war gera­de­zu bedingt durch die­sen. Jede Kalo­rie auf jedem Tel­ler beinhal­tet zehn bis 20 Kalo­rien an fos­si­len Energien.

Das heißt: Der Urpro­du­zent Land­wirt­schaft ist kein Ener­gie­pro­du­zent mehr, son­dern ein Ener­gie­kon­su­ment. Die genau­es­ten Daten zur Ener­gie­in­ten­si­tät der heu­ti­gen Land­wirt­schaft stam­men aus den USA von den For­scher­grup­pen um Charles Hall und David John Pimen­tel. Danach über­schüt­tet die US-Land­wirt­schaft auf dem Umweg über Ihre Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on jeden Bür­ger der USA mit 1 500 Litern Öl jähr­lich (Dün­ge­mit­tel, Kraft- und Treib­stof­fe). Das führ­te bei den Ame­ri­ka­nern zu der Erkennt­nis: »We are eating fuels«, was sie aber bei etwas fei­ne­rem Geschmacks­emp­fin­den auch ohne auf­wen­di­ge Input-Out­put-Ana­ly­sen hät­ten fest­stel­len kön­nen. Ein Liter Öl hat einen Ener­gie­ge­halt von 8 800 kcal, 1 500 Liter reprä­sen­tie­ren dem­nach 13 200 000 kcal. Das heißt: Mit der täg­li­chen Ein­ver­lei­bung von 2 000 bis 3 000 kcal wer­den ener­ge­tisch etwa 36 000 kcal bean­sprucht, wobei der Ener­gie­auf­wand für die »Ver­ede­lungs­leis­tun­gen« der Lebens­mit­tel­in­dus­trie und jene 30 bis 40 Pro­zent des Strom­kon­sums, die im Pri­vat­haus­halt mitt­ler­wei­le fürs Tief­küh­len, Auf­tau­en und Garen von Lebens­mit­teln ver­aus­gabt wer­den, noch gar nicht ein­ge­rech­net sind.

In Deutsch­land mögen die Daten etwas weni­ger extrem sein; aber auch wir essen Öl. Und jede Ölknapp­heit wird das Sys­tem die­ser völ­lig ölab­hän­gi­gen Nah­rungs­mit­tel­pro­duk­ti­on sofort kol­la­bie­ren las­sen. Dies ist eine völ­lig neue Situa­ti­on: Unter den kata­stro­phischs­ten Umstän­den – nach Krie­gen und extre­men Kli­ma­er­eig­nis­sen – hat die land­wirt­schaft­li­che Pro­duk­ti­on, wenn auch mit Ein­schrän­kun­gen und Not­be­hel­fen, wie­der ansprin­gen kön­nen. Das kann sie dies­mal, nach unse­rem kurz­zei­ti­gen Aus­flug ins Schla­raf­fen­land, nicht mehr. Sie steht eben­so still wie alles andere.

Die Klem­me: Kein Ausweg

Das »Wachs­tum, das wir brau­chen«, brau­chen wir, damit die Zins­las­ten aus der öffent­li­chen, gewerb­li­chen und pri­va­ten Ver­schul­dung bedient wer­den kön­nen. Die­ses Wachs­tum wer­den wir aber durch den kom­men­den Ener­gie­engpaß in der phy­si­schen Wirt­schaft nicht hin­durch­trei­ben kön­nen. Mit sich ver­en­gen­den Wachs­tums­per­spek­ti­ven ver­liert aber das »Zukünf­ti­ge Sozi­al­pro­dukt« als der letz­te Groß­bür­ge für all die Schul­den­mas­sen sei­ne Boni­tät. Ban­ken oder auch Staa­ten in den »ver­dien­ten« Bank­rott zu schi­cken, ist kei­ne Lösung, denn deren Schul­den sind auf irgend­ei­nem ande­ren Kon­to als Ver­mö­gen gebucht. Jede durch Insol­venz auf Null gestell­te Ver­bind­lich­keit nimmt einen gleich gro­ßen Ver­mö­gens­ti­tel mit in den Orkus – und kei­nes­wegs nur die Bank­gut­ha­ben der Geldeli­ten, son­dern eben­so Spar­ein­la­gen, Lebens­ver­si­che­run­gen und Ren­ten­an­sprü­che. Selbst die wöl­fi­schen Hedge­fonds sind ja auch im Auf­trag gan­zer Dackel­po­pu­la­tio­nen unter­wegs, die sich von deren Beu­te­lust ein Zubrot im Ren­ten­al­ter ver­spre­chen. Aus dem Bank­rott (von Ban­ken oder Staa­ten) wird also ab einem bestimm­ten kri­ti­schen Punkt ein mit Ket­ten­re­ak­ti­on und Domi­no­ef­fekt um den Glo­bus rasen­der Gesamt­bank­rott. Um das zu ver­mei­den, nimmt gera­de der deut­sche Staat – ohne­hin völ­lig aus­ge­laugt, seit er vom »Vater Staat« zur Mut­ter­kuh gegen­dert wur­de – die Schul­den der hal­ben Welt auf sei­ne gebeug­ten Schultern.

Der Weg in eine »steady-state«-Ökonomie, eine Nach­wachs­tums- oder eine Nach­koh­len­stoff­ge­sell­schaft ist zwar durch die kom­men­de Ener­gieverknappung defi­ni­tiv vor­ge­zeich­net, aber es gibt kei­ne Idee, wie er ohne ein Stück »Frei­en Falls« aus der Schul­den­fal­le hin­aus zu errei­chen wäre. Das Sys­tem ist also, um das Min­des­te zu sagen, hoch gestreßt und balan­ciert äußerst müh­sam und mit unsi­che­ren Schrit­ten auf dem Grat eines nach allen Sei­ten steil abfal­len­den Gip­fels. Es wird nach unten gehen – sei es im Stür­zen, im Rut­schen oder doch, im bes­ten Fal­le, mit einer heik­len, größ­te Umsicht erfor­dern­den Kletterpartie. – – –

Der Wel­ten­lauf ist offen­bar auch eine regu­la­ti­ve Ver­an­stal­tung zur Behe­bung von Stö­run­gen. Wo ein Zuviel sich auf­baut, da kommt die Hem­mung, und wo eine Ermü­dung ein­ge­tre­ten ist, da wird befeu­ert. Die Ampli­tu­den schie­ßen manch­mal ein sehr wei­tes Stück nach außen. (Und es ist hart, wenn der eige­ne Lebens­kreis aus­ge­rech­net auf die­sem Kur­ven­stück ver­läuft.) Doch irgend­wann, weit frü­her, als man’s merkt und hört, öff­nen sich die Ven­ti­le, damit die Rück­stell­kräf­te wirk­sam wer­den. Und dann – nach wel­chen Wir­ren auch immer – kann man wie­der aus dem leben, was immer gilt. Und dazu zählt, ganz ein­fach, daß Bäu­me nie­mals in den Him­mel wachsen.

 Gastbeitrag

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