Sezession
1. Februar 2012

Der Tanz auf der Nadelspitze

Gastbeitrag

46pdf der Druckfassung aus Sezession 46 / Februar 2012

von Thomas Hoof

Im Verlauf der letzten 100 Jahre vervierfachte sich die Weltbevölkerung, verzwanzigfachte sich die Weltwirtschaftsleistung und vervierzigfachte sich der Primärenergieverbrauch. Ein Blick auf die entsprechenden Funktionsgraphen belehrt jeden neutralen Betrachter darüber, daß da keine »Entwicklung«, sondern eine Explosion stattgefunden hat – und daher bei nachlassendem Expansionsdruck mit herunterkommenden Trümmerteilen zu rechnen ist. Der Scheitelpunkt ist erreicht.

Energiekrise: Bergab geht’s schneller

Die These vom knapp hinter uns liegenden Ölfördermaximum wird nur noch von Politikern bestritten. Die Fördermenge vervierfachte sich seit 1960 von 20 auf 80 Millionen Barrel/Tag und stagniert seit etwa fünf Jahren auf diesem Niveau. Im Jahre 2010 hat der Verbrauch mit 87 Millionen Barrel/Tag die Förderung von 82 Millionen/Tag überschritten. Die Lager wurden angegriffen.

Die Internationale Energie Agentur (IEA) prognostizierte 2009 nach einer erstmaligen Inspektion aller wichtigen Ölfelder einen globalen Fördermengenrückgang von 6,7 Prozent jährlich. Den weiteren Verlauf zeichnet die regierungsamtliche U.S. Energy Information Administration (EIA)als eine sich öffnende Schere: Noch während dieses Jahrzehnts erleben wir einen Rückgang des Primärenergieangebots aus fossilen Vorräten um etwa 20 Prozent – bei weiterhin steigender Nachfrage. Wer entschlossen ist, amtliche Daten grundsätzlich für gefälscht zu halten, kann den Ernst der Lage ersatzweise auch an den derzeitigen geostrategischen Ränkespielen in Nordafrika und im Nahen Osten ablesen.

Energie und Ökonomie

Die Energie ist ein blinder Fleck in der an blinden Flecken ohnehin nicht armen Optik der Ökonomen: Es gibt sie eigentlich nicht. Zwischen Öl als Kraftstoff und Öl als Schmierstoff gibt es ökonomisch keinen Unterschied. Nach der neoklassischen Wachstumstheorie trugen die Produktionsfaktoren zu der himmelsstürmenden Wirtschaftsentwicklung im 20. Jahrhundert exakt im Verhältnis ihrer jeweiligen Faktorkostenanteile mit 65 Prozent (Arbeit), 30 Prozent (Kapital) und fünf Prozent (Energie) bei. Leitet man unter dieser Prämisse das Wirtschaftswachstum der letzten 100 Jahre nur aus der Veränderung des Inputs dieser Produktionsfaktoren ab, dann bleibt eine Restgröße, das sogenannte »Solow-Residium«, das etwa für die Entwicklung der US-Wirtschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts den (für eine »Restgröße« durchaus ungewöhnlichen) Wert von 87,5 Prozent annahm.

Eine Billion Barrel Öl – und damit das Äquivalent von 15 Billionen Menschenarbeitsjahren – hat die Weltwirtschaft in etwas mehr als einem Jahrhundert in sich aufgesogen, doch das Ergebnis wird von den Ökonomen als technischer Fortschritt verbucht und damit als Kompliment an die Kreativität und den Erfindungsgeist des Menschen weitergereicht.

Diese Umdeutung einer gewaltigen Erbprasserei in eine gewaltige Leistung hat Folgen: Zum einen bewirkt sie, daß heute jeder Friseurlehrling mit so viel Herablassung auf das Postkutschenzeitalter guckt, als habe er ganz Wesentliches zu seiner Überwindung beigetragen. Und zum anderen nährt sie die fortdauernde Illusion, der »Menschheit sei noch immer etwas eingefallen – und das werde auch so bleiben«. Mit dem Einbruch in die fossilen Langzeitspeicher der Sonnenenergie ist der Menschheit weniger etwas ein- als vielmehr etwas zugefallen – alles, was danach kam (Kernenergie, Photovoltaik), waren abgeleitete Techniken, insofern sie den Rückgriff auf diesen gutgefüllten Energietank zur Voraussetzung haben.


 Gastbeitrag

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