01. Februar 2012

Wir Unbeholfenen

von Götz Kubitschek / 0 Kommentare

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

46pdf der Druckfassung aus Sezession 46 / Februar 2012

Unter denen, die vom gesprochenen und geschriebenen Wort leben und ihm als Leser und Verfasser einen hohen Rang beimessen, ist die Überschätzung der Bedeutung ihrer eigenen Rede- und Denkbeiträge wohl der am weitesten verbreitete Fehler. Ganze Denk- und Schreibmilieus drehen sich nur um sich selbst. Es gibt Periodika soziologischer, politologischer, religionswissenschaftlicher, philosophischer Ausrichtung, die alle sechs Monate erscheinen und im Abonnement zwischen zwei- und dreihundert Euro kosten. Es gibt Verlage, die hundertfünfzig Seiten einer geisteswissenschaftlichen Spezialabhandlung mit schlechter Bindung und einem Lappen als Einband für achtundneunzig Euro anbieten. Es gibt Tagungsbände, die fünf Jahre nach einem Kongreß erscheinen, der seinerseits bereits unerheblich war, als er stattfand. Die Verbreitung solcher Erzeugnisse ist außerhalb von Bibliotheken und Fachbereichen gleich Null.



Von alledem ist das Milieu, das unter anderem auch die Sezession liest und trägt, zum Glück weit entfernt. Es ist ein konservatives, ein intellektuelles, rechtes Milieu, das nur über sehr begrenzte Ressourcen verfügt und deshalb sparsam mit seinen Mitteln umgehen muß. Das kommt der Veröffentlichungsdisziplin zugute. Man publiziert nicht von Fachkollege zu Fachkollege, sondern achtet auf Relevanz und Wirkung.

Die bevorzugten Betrachtungsgegenstände dieser weltanschaulichen Richtung sind Geschichte, Gegenwart und Zukunft solcher unmittelbar das Leben des Einzelnen rahmenden Größen wie Volk, Nation und Staat. Dabei geht es weniger um Details, mehr ums Grundsätzliche, und regelmäßig (auch in diesem Beitrag wieder) um die Bestimmung der eigenen Beurteilungsposition, die vor allem vor fremden Ohren erklärungsbedürftig zu sein scheint. Eigentlich aber ist sie etwas ganz Selbstverständliches: pragmatisch ausgedrückt ist diese Beurteilungsposition der Wunsch, das Deutsche in seiner Eigenart noch eine lange Weile in Form der geliebten Heimat durchzutragen (wobei über dieses Eigene sich klar ist, wer einmal eine Weile im Ausland war); pathetisch ausgedrückt ist sie das stolze Bewußtsein, Teil der langen Kette Deutscher zu sein, die ein Volk von weltpolitischer Bedeutung bilden; politisch ausgedrückt ist sie das Vorhaben, auch künftig Herr im eigenen Haus zu sein und über Ausstattung, Zustand, Grundordnung, Raumaufteilung und Mieter weiterhin selbst zu entscheiden.

Die Frage ist, ob man sich als Vertreter dieser Positionen aus einer Art geologischer Gelassenheit heraus an die Beurteilung der »Lage 2012« machen kann. Der Unternehmer Thomas Hoof hat das Credo dieser Haltung in seinem Beitrag für dieses Heft formuliert: »Der Weltenlauf ist offenbar auch eine regulative Veranstaltung zur Behebung von Störungen. Wo ein Zuviel sich aufbaut, da kommt die Hemmung, und wo eine Ermüdung eingetreten ist, da wird befeuert. Die Amplituden schießen manchmal ein sehr weites Stück nach außen. Doch irgendwann, weit früher, als man’s merkt und hört, öffnen sich die Ventile, damit die Rückstellkräfte wirksam werden. Und dann – nach welchen Wirren auch immer – kann man wieder aus dem leben, was immer gilt.«

Thomas Hoof ist von der Wirkmächtigkeit einer Art Ur-Pendel überzeugt, und seine in Lebens- und Unternehmerpraxis umgesetzten Leidenschaften für Nachhaltigkeit, Autarkie, wirklich ausgeglichene Energiebilanz, vortreffliches Handwerk und Generationendenken lassen ihn tatsächlich auf Lebensgrundlagen stoßen, aus denen heraus immer wieder ein Beginn und eine nächste Blüte möglich sind. Dazu gehört – er wird den Begriff begrüßen oder wenigstens akzeptieren – eine aus der großen Gelassenheit genährte »Lebensfrömmigkeit«, eine rational zwar stützbare, nicht jedoch im Letzten durchschaubare Zuversicht, daß es immer weitergehe: nicht nur nach oben (wie es der stupide Linke vermutet) und nicht nur nach unten (dem Gesang reaktionärer Klageaphoristiker folgend), sondern alternierend, in Lebenswellen.

Niemand, der über die konservativen Debatten und Prognosen der letzten Jahrzehnte nachliest, kann übersehen, daß man rechts der Mitte in die Theorie und in den Lebensvollzug die große Krise, den Umschlagpunkt, die Kehre mit einbezieht und auf sie wartet, ja sogar auf sie hofft: auf die Zeit, in der das Pendel zurückzuschwingen beginnt und in der das Leben und die Wirklichkeit die Theorie der linken, grenzenlosen Emanzipation korrigieren. Die siebziger und achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts sind die beiden Jahrzehnte einer beinahe lässigen konservativen Selbstsicherheit in der Erwartung eines natürlichen Endes der Studentenbewegung: Der Arbeitsmarkt und die Notwendigkeit, sich beruflich und familiär festzulegen, würden den rebellierenden Studenten über Nacht ein konservatives Korsett verpassen. Nichts dergleichen geschah, und wenn sich »die Jugend« heute eher an Familie, Zuverlässigkeit und Lebenssicherheit orientiert, dann gehört dazu auch das Brave, das sie daran hindert, die Gesellschaftsfassade mit konservativem Furor abzuräumen und den Staat neu zu bauen.

1989/1990 erscholl für die Deutschen der »Rückruf in die Geschichte« (Karlheinz Weißmann), und nun endgültig schien die Kurvenbahn nach links an ihre äußerste Grenze gekommen zu sein, und wie eh und je hätten die regulativen Rückstellkräfte wirksam werden müssen. Aber auch diese Hoffnung trog, und so ist es bis heute: Das konservative, das rechte Milieu hangelt sich von einem vermuteten »äußersten Punkt« linker, liberaler Dominanz zum nächsten, von Wendewunsch zu Wendewunsch, als könne man mental so etwas wie historische Gerechtigkeit erzwingen (»Jetzt sind aber wir mal an der Reihe«).

Die Konservativen, die Rechten haben bei diesem Pochen auf das Naturgesetz des ewig schwingenden Pendels jedoch eines übersehen: Die Totalemanzipation des Einzelnen, das heißt seine Befreiung aus jedwedem Zwang, den das Leben auf ihn ausüben könnte, hängt unmittelbar mit der Verfügbarkeit billigster Energie zusammen. Und diese Energie ist verfügbar, noch immer. Nicht ohne Grund ist wiederum im Beitrag von Thomas Hoof der Dutschke-Weggefährte Bernd Rabehl mit den Worten zitiert, man habe sich 68 fast ausdenken können, was man wollte, »weil die Produktionskräfte es ja hergeben«. Damit entfiel und entfällt bis heute der Grund für die urkonservativen Erziehungs- und Formungsgrößen schlechthin: Verzicht, Beschränkung, Disziplin in der Phase des Lebensaufbaus, Sparsamkeit vor dem Genuß, Zwang zur Materialerhaltung, Achtsamkeit im Umgang mit dem Geschaffenen, Respekt vor dem Lebenswerk, kurz: auch im persönlichen Leben das Alternierende, der zähe Aufbau bei Rückschlägen oder nach den Schicksalsschlägen in großen historischen Zäsuren.

Auch die Konservativen sind längst total emanzipiert, auch sie verweigern sich nichts, verweigern ihren Kindern nichts, es sei denn, sie sind vom selben Verzichtsethos erfüllt, den man an den wahren, frühen Grünen so sehr bewundern sollte: Verzicht aus Einsicht in die Endlichkeit aller Ressourcen, Verzicht aus Hoffnung auf eine Kommune der Hilfsbereitschaft, der Solidarität im Wenigen, Verzicht zur Weckung altruistischer Regungen in einer asozialen, ich-betonten Welt. Haben diese frühen Grünen gewußt, daß die DDR ihren Bewohnern dieses Verzichtsethos bis zuletzt aufzwang, und zwar nicht aus pädagogischen Gründen, sondern aus blanker Not? Man wußte dort planwirtschaftlich die Energie in der Tat nicht halb so effektiv einzusetzen wie in der unternehmergesteuerten BRD, und wer denjenigen zuhört, die den Alltag im DDR-Staat erlebt haben, weiß, daß der Westen dem sozialistischen Ideal viel näher kam als je der Realsozialismus zwischen Suhl und Rostock. Das, was wir heute an Sozialtransfer, an Konsummöglichkeit auf billigstem Niveau, an Dumpingreisen, verfügbarer Freizeit, Schicksalsabfederung haben, war wohl das, wovon die DDR-Führung ihre Bürger träumen ließ.

Der bekennende Kommunist und FAZ-Redakteur Dietmar Dath (einer der Protagonisten des unübersehbaren, neuerlichen Linksrutsches des Blatts) schrieb neulich, daß seine Idealgesellschaft von einer Folgenlosigkeit des Irrtums gekennzeichnet sei. Der Mensch werde sich ununterbrochen konsequenzlos irren, werde alle individuell angehäuften Irrtumskosten ununterbrochen auf die grenzenlose Solidargemeinschaft abwälzen dürfen. Ist das nicht genau das, was Rabehl vor 40 Jahren empfand? Daß alles, aber auch wirklich alles denkbar und vorstellbar sei, weil es die Produktionskräfte hergäben? Daß also der Mensch im Zustand eines irrenden, unverantwortlichen Kindes gehalten werden könnte, weil der Energieaufwand der permanenten Bereinigung nicht stärker ins Gewicht fiele als die Hand einer aufräumenden Mutter?

Dieser Entwurf ist in weiten Teilen zur Wirklichkeit geworden, und die Solidargemeinschaft kann sich die totale Abfederung jedes noch so wissentlich herbeigeführten Lebensphasenirrtums durch die »Abholzung der unterirdischen Wälder« (so das Bild Rolf Peter Sieferles für die fossilen Brennstoffe) energetisch tatsächlich leisten, kann jede noch so große Faul- und Trägheit durch unverhältnismäßigen Energieinput ausgleichen und den faulen, trägen, dümmeren Bevölkerungsanteil durch ein hanebüchenes Anreizsystem auch noch vermehren – ohne daß die Fleißigen auf irgendetwas verzichten müßten.

Dabei steckt nur in diesen Leistungsträgern noch so etwas wie ein konservativ-revolutionäres Potential: Müßten sie den Faulen und den Idioten geben, was ihnen danach selbst fehlte, wäre es mit Daths Recht auf den permanenten Irrtum rasch vorbei: Die Faulen würden aus dem Bett getrieben, die Infantilen würden entmündigt, suum cuique, Jedem das Seine. Aber, so ist es nicht, derzeit, und Arnold Gehlen muß genau dies vor Augen gehabt haben, als er davon schrieb, daß den postindustrialisierten Menschen, den Menschen der Massengesellschaft von seinen Vorfahren eine »Kulturschwelle« trenne. Jede konservative Kulturkritik ist gegen die emanzipatorische Macht der Energieverschwendung chancenlos, weil es keinen Grund gibt, auf das zu verzichten, was alle anderen für sich in Anspruch nehmen – es sei denn, man hat eine bestimmte Form von sich und dem eigenen Lebenskreis vor Augen, die nur in Askese ausgebildet werden kann. Aber das wird jenseits des Hoftores niemand verstehen.

Es gibt aus dem Jahre 2008 von Botho Strauß ein seltsames Buch. Auf der Rechten kennt es kaum jemand, obwohl Kritiker in ihm die Auswalzung und Fortschreibung des großen und berühmten Essays »Anschwellender Bocksgesang« sahen. Die Unbeholfenen heißt dieses Buch, und diese »Bewußtseinsnovelle« (so der Untertitel) ist nichts anderes als die Darstellung einer Denk-Familie, die in sich selbst und in einem formschönen, eloquenten Dauergespräch ihre Legitimation finden muß, weil von außen, von den Umständen her keine kommt. Wer aus der Angst heraus, im Großen und Ganzen nichts zu bedeuten, ein übertriebenes Selbst-Bewußtsein entwickelt, muß »nicht nach draußen gehen, um zu erfahren, was draußen vor sich ging«, denn: »Ein Draußentag genügt, und alles Miteinander-Füreinander, das du in dir trägst, verfinstert sich«. Das ist die Bewußtseinsbeschreibung abgeschotteter Milieus. Man will ein »Vorsprung in die nächste Zukunft« sein, ein »Restlichtverstärker für die ein oder andere vergehende Ansicht oder Einsicht«; man spricht, »um wie bei der Flurprozession der Römer, den Rogationen, den Acker unserer Zeit zu umschreiten« und beschreibt sich als »Dativ-Menschen«, lebend »nach dem Motto: Ich bin, was mir widerfährt.«

Daß dies die Formel für die Dekadenz, für den Abschied vom Agieren ist, wird nicht ausgesprochen, aber diese Folgerung beschleicht einen, und man wird, während man liest, immer stiller. Zu nah rückt einem dieses »übriggebliebene« Haus »mitten in einem öden Gewerbepark«, in dem sich die selbsternannten »geretteten Figuren« in ihrem unausgesetzten feinen Gespräch ergehen und ihre Daseinsberechtigung formulieren. Die Kulturkritik ist auf der Höhe der Zeit, sie ist konservativ, rechts, aber hilflos. Einer sagt: »Ich glaube, ich bin der letzte Deutsche. Ein Strolch, ein in heiligen Resten wühlender Stadt-, Land- und Geiststreicher. Ein Obdachloser«, ein anderer meint: »Daß wir sprechen wie wir sprechen, ist nur noch ein Verständigungsmedium unter Besiegten«, und ein dritter beschwört: »Nicht wahr, Freund, es muß noch einen, einen letzten Aufstand des Herzens geben.«

Dieser Aufstand wäre rührend, wenn er nur einer des Herzens wäre. Und das konservative Denken bliebe sinnlos, wenn gelänge, wovon kurioserweise auch Konservative träumen: daß nämlich endlich eine Energieform gefunden würde, die nicht endlich, sondern unbegrenzt zur Verfügung stünde. Dann gäbe es von dieser Seite her keinen zwangsläufigen Rückschwung des Pendels mehr, dann wäre es möglich, unbegrenzt zuzukleistern und zurechtzurücken, was der nicht-erzogene, der totalemanzipierte, der kindisch gebliebene, der unangestrengte Mensch Tag für Tag auf Kosten der Allgemeinheit verbockte. Das »Leben aus dem, was immer gilt« wäre ersetzt und entwürdigt zugleich durch ein »Leben aus dem, was unbegrenzt sprudelt«. Keine Kulturkritik, kein Verweis auf anthropologische Konstanten, auf die Häßlichkeit der Dekadenz und auf die Verpflichtung aus einer großen Geschichte wäre imstande, den Menschen (und mit­inbegriffen auch den deutschen Menschen) von seiner endgültigen Ver­hausschweinung abzuhalten. Selbst die absehbare Überfremdung mit all ihren zwar geleugneten, aber irgendwann sichtbar katastrophalen Auswirkungen wäre dann kein hinreichender Grund mehr für eine konservative Reconquista: Auch bisher ließen sich ethnische Bruchlinien und kulturelle Kämpfe mit viel Geld zukleistern und abfangen. Wieso sollte dieses Allheilmittel in zehn Jahren nicht mehr anschlagen?

Wir Unbeholfenen! Wer rechts ist, konservativ ist, muß sich für sich und das ganze Volk ein hartes Leben wünschen, zumindest für jede zweite Generation. Es ist doch längst in unser Bewußtsein eingesickert, daß es dort, wo Schicksal, Härte und Verzicht ausgehebelt sind, keine Konservativen von Bedeutung geben kann. Und wenn es dabei bleibt, dann sind wir noch nicht einmal mehr ein »Vorsprung in die nächste Zukunft« und diejenigen, die das Wort für Morgen vorgedacht haben. Dann ist unser wirklichkeitsnahes Denken, ist der rechte Gegenentwurf nur mehr eine Freizeitbeschäftigung: »Eine Schale mit Zuchtperlen ausschütten, die zu nichts gut sind, als sie einmal heftig hüpfen und kichern zu lassen auf dem Boden. Dann kullern sie noch ein Streckchen und liegen schließlich glanzlos in den Fugen wie aller Schutt« (Botho Strauß).

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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