Wir Unbeholfenen

pdf der Druckfassung aus Sezession 46 / Februar 2012

Unter denen, die vom gesprochenen und geschriebenen Wort leben und...

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

ihm als Leser und Ver­fas­ser einen hohen Rang bei­mes­sen, ist die Über­schät­zung der Bedeu­tung ihrer eige­nen Rede- und Denk­bei­trä­ge wohl der am wei­tes­ten ver­brei­te­te Feh­ler. Gan­ze Denk- und Schreib­mi­lieus dre­hen sich nur um sich selbst. Es gibt Peri­odi­ka sozio­lo­gi­scher, poli­to­lo­gi­scher, reli­gi­ons­wis­sen­schaft­li­cher, phi­lo­so­phi­scher Aus­rich­tung, die alle sechs Mona­te erschei­nen und im Abon­ne­ment zwi­schen zwei- und drei­hun­dert Euro kos­ten. Es gibt Ver­la­ge, die hun­dert­fünf­zig Sei­ten einer geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Spe­zi­al­ab­hand­lung mit schlech­ter Bin­dung und einem Lap­pen als Ein­band für acht­und­neun­zig Euro anbie­ten. Es gibt Tagungs­bän­de, die fünf Jah­re nach einem Kon­greß erschei­nen, der sei­ner­seits bereits uner­heb­lich war, als er statt­fand. Die Ver­brei­tung sol­cher Erzeug­nis­se ist außer­halb von Biblio­the­ken und Fach­be­rei­chen gleich Null.

Von alle­dem ist das Milieu, das unter ande­rem auch die Sezes­si­on liest und trägt, zum Glück weit ent­fernt. Es ist ein kon­ser­va­ti­ves, ein intel­lek­tu­el­les, rech­tes Milieu, das nur über sehr begrenz­te Res­sour­cen ver­fügt und des­halb spar­sam mit sei­nen Mit­teln umge­hen muß. Das kommt der Ver­öf­fent­li­chungs­dis­zi­plin zugu­te. Man publi­ziert nicht von Fach­kol­le­ge zu Fach­kol­le­ge, son­dern ach­tet auf Rele­vanz und Wirkung.

Die bevor­zug­ten Betrach­tungs­ge­gen­stän­de die­ser welt­an­schau­li­chen Rich­tung sind Geschich­te, Gegen­wart und Zukunft sol­cher unmit­tel­bar das Leben des Ein­zel­nen rah­men­den Grö­ßen wie Volk, Nati­on und Staat. Dabei geht es weni­ger um Details, mehr ums Grund­sätz­li­che, und regel­mä­ßig (auch in die­sem Bei­trag wie­der) um die Bestim­mung der eige­nen Beur­tei­lungs­po­si­ti­on, die vor allem vor frem­den Ohren erklä­rungs­be­dürf­tig zu sein scheint. Eigent­lich aber ist sie etwas ganz Selbst­ver­ständ­li­ches: prag­ma­tisch aus­ge­drückt ist die­se Beur­tei­lungs­po­si­ti­on der Wunsch, das Deut­sche in sei­ner Eigen­art noch eine lan­ge Wei­le in Form der gelieb­ten Hei­mat durch­zu­tra­gen (wobei über die­ses Eige­ne sich klar ist, wer ein­mal eine Wei­le im Aus­land war); pathe­tisch aus­ge­drückt ist sie das stol­ze Bewußt­sein, Teil der lan­gen Ket­te Deut­scher zu sein, die ein Volk von welt­po­li­ti­scher Bedeu­tung bil­den; poli­tisch aus­ge­drückt ist sie das Vor­ha­ben, auch künf­tig Herr im eige­nen Haus zu sein und über Aus­stat­tung, Zustand, Grund­ord­nung, Raum­auf­tei­lung und Mie­ter wei­ter­hin selbst zu entscheiden.

Die Fra­ge ist, ob man sich als Ver­tre­ter die­ser Posi­tio­nen aus einer Art geo­lo­gi­scher Gelas­sen­heit her­aus an die Beur­tei­lung der »Lage 2012« machen kann. Der Unter­neh­mer Tho­mas Hoof hat das Cre­do die­ser Hal­tung in sei­nem Bei­trag für die­ses Heft for­mu­liert: »Der Wel­ten­lauf ist offen­bar auch eine regu­la­ti­ve Ver­an­stal­tung zur Behe­bung von Stö­run­gen. Wo ein Zuviel sich auf­baut, da kommt die Hem­mung, und wo eine Ermü­dung ein­ge­tre­ten ist, da wird befeu­ert. Die Ampli­tu­den schie­ßen manch­mal ein sehr wei­tes Stück nach außen. Doch irgend­wann, weit frü­her, als man’s merkt und hört, öff­nen sich die Ven­ti­le, damit die Rück­stell­kräf­te wirk­sam wer­den. Und dann – nach wel­chen Wir­ren auch immer – kann man wie­der aus dem leben, was immer gilt.«

Tho­mas Hoof ist von der Wirk­mäch­tig­keit einer Art Ur-Pen­del über­zeugt, und sei­ne in Lebens- und Unter­neh­mer­pra­xis umge­setz­ten Lei­den­schaf­ten für Nach­hal­tig­keit, Aut­ar­kie, wirk­lich aus­ge­gli­che­ne Ener­gie­bi­lanz, vor­treff­li­ches Hand­werk und Genera­tio­nen­den­ken las­sen ihn tat­säch­lich auf Lebens­grund­la­gen sto­ßen, aus denen her­aus immer wie­der ein Beginn und eine nächs­te Blü­te mög­lich sind. Dazu gehört – er wird den Begriff begrü­ßen oder wenigs­tens akzep­tie­ren – eine aus der gro­ßen Gelas­sen­heit genähr­te »Lebens­fröm­mig­keit«, eine ratio­nal zwar stütz­ba­re, nicht jedoch im Letz­ten durch­schau­ba­re Zuver­sicht, daß es immer wei­ter­ge­he: nicht nur nach oben (wie es der stu­pi­de Lin­ke ver­mu­tet) und nicht nur nach unten (dem Gesang reak­tio­nä­rer Kla­ge­apho­ris­ti­ker fol­gend), son­dern alter­nie­rend, in Lebenswellen.

Nie­mand, der über die kon­ser­va­ti­ven Debat­ten und Pro­gno­sen der letz­ten Jahr­zehn­te nach­liest, kann über­se­hen, daß man rechts der Mit­te in die Theo­rie und in den Lebens­voll­zug die gro­ße Kri­se, den Umschlag­punkt, die Keh­re mit ein­be­zieht und auf sie war­tet, ja sogar auf sie hofft: auf die Zeit, in der das Pen­del zurück­zu­schwin­gen beginnt und in der das Leben und die Wirk­lich­keit die Theo­rie der lin­ken, gren­zen­lo­sen Eman­zi­pa­ti­on kor­ri­gie­ren. Die sieb­zi­ger und acht­zi­ger Jah­re des 20. Jahr­hun­derts sind die bei­den Jahr­zehn­te einer bei­na­he läs­si­gen kon­ser­va­ti­ven Selbst­si­cher­heit in der Erwar­tung eines natür­li­chen Endes der Stu­den­ten­be­we­gung: Der Arbeits­markt und die Not­wen­dig­keit, sich beruf­lich und fami­li­är fest­zu­le­gen, wür­den den rebel­lie­ren­den Stu­den­ten über Nacht ein kon­ser­va­ti­ves Kor­sett ver­pas­sen. Nichts der­glei­chen geschah, und wenn sich »die Jugend« heu­te eher an Fami­lie, Zuver­läs­sig­keit und Lebens­si­cher­heit ori­en­tiert, dann gehört dazu auch das Bra­ve, das sie dar­an hin­dert, die Gesell­schafts­fas­sa­de mit kon­ser­va­ti­vem Furor abzu­räu­men und den Staat neu zu bauen.

1989/1990 erscholl für die Deut­schen der »Rück­ruf in die Geschich­te« (Karl­heinz Weiß­mann), und nun end­gül­tig schien die Kur­ven­bahn nach links an ihre äußers­te Gren­ze gekom­men zu sein, und wie eh und je hät­ten die regu­la­ti­ven Rück­stell­kräf­te wirk­sam wer­den müs­sen. Aber auch die­se Hoff­nung trog, und so ist es bis heu­te: Das kon­ser­va­ti­ve, das rech­te Milieu han­gelt sich von einem ver­mu­te­ten »äußers­ten Punkt« lin­ker, libe­ra­ler Domi­nanz zum nächs­ten, von Wen­de­wunsch zu Wen­de­wunsch, als kön­ne man men­tal so etwas wie his­to­ri­sche Gerech­tig­keit erzwin­gen (»Jetzt sind aber wir mal an der Reihe«).

Die Kon­ser­va­ti­ven, die Rech­ten haben bei die­sem Pochen auf das Natur­ge­setz des ewig schwin­gen­den Pen­dels jedoch eines über­se­hen: Die Tot­al­eman­zi­pa­ti­on des Ein­zel­nen, das heißt sei­ne Befrei­ung aus jed­we­dem Zwang, den das Leben auf ihn aus­üben könn­te, hängt unmit­tel­bar mit der Ver­füg­bar­keit bil­ligs­ter Ener­gie zusam­men. Und die­se Ener­gie ist ver­füg­bar, noch immer. Nicht ohne Grund ist wie­der­um im Bei­trag von Tho­mas Hoof der Dutsch­ke-Weg­ge­fähr­te Bernd Rabehl mit den Wor­ten zitiert, man habe sich 68 fast aus­den­ken kön­nen, was man woll­te, »weil die Pro­duk­ti­ons­kräf­te es ja her­ge­ben«. Damit ent­fiel und ent­fällt bis heu­te der Grund für die urkon­ser­va­ti­ven Erzie­hungs- und For­mungs­grö­ßen schlecht­hin: Ver­zicht, Beschrän­kung, Dis­zi­plin in der Pha­se des Lebens­auf­baus, Spar­sam­keit vor dem Genuß, Zwang zur Mate­ri­al­erhal­tung, Acht­sam­keit im Umgang mit dem Geschaf­fe­nen, Respekt vor dem Lebens­werk, kurz: auch im per­sön­li­chen Leben das Alter­nie­ren­de, der zähe Auf­bau bei Rück­schlä­gen oder nach den Schick­sals­schlä­gen in gro­ßen his­to­ri­schen Zäsuren.

Auch die Kon­ser­va­ti­ven sind längst total eman­zi­piert, auch sie ver­wei­gern sich nichts, ver­wei­gern ihren Kin­dern nichts, es sei denn, sie sind vom sel­ben Ver­zichts­ethos erfüllt, den man an den wah­ren, frü­hen Grü­nen so sehr bewun­dern soll­te: Ver­zicht aus Ein­sicht in die End­lich­keit aller Res­sour­cen, Ver­zicht aus Hoff­nung auf eine Kom­mu­ne der Hilfs­be­reit­schaft, der Soli­da­ri­tät im Weni­gen, Ver­zicht zur Weckung altru­is­ti­scher Regun­gen in einer aso­zia­len, ich-beton­ten Welt. Haben die­se frü­hen Grü­nen gewußt, daß die DDR ihren Bewoh­nern die­ses Ver­zichts­ethos bis zuletzt auf­zwang, und zwar nicht aus päd­ago­gi­schen Grün­den, son­dern aus blan­ker Not? Man wuß­te dort plan­wirt­schaft­lich die Ener­gie in der Tat nicht halb so effek­tiv ein­zu­set­zen wie in der unter­neh­mer­ge­steu­er­ten BRD, und wer den­je­ni­gen zuhört, die den All­tag im DDR-Staat erlebt haben, weiß, daß der Wes­ten dem sozia­lis­ti­schen Ide­al viel näher kam als je der Real­so­zia­lis­mus zwi­schen Suhl und Ros­tock. Das, was wir heu­te an Sozi­al­trans­fer, an Kon­sum­mög­lich­keit auf bil­ligs­tem Niveau, an Dum­pingrei­sen, ver­füg­ba­rer Frei­zeit, Schick­sals­ab­fe­de­rung haben, war wohl das, wovon die DDR-Füh­rung ihre Bür­ger träu­men ließ.

Der beken­nen­de Kom­mu­nist und FAZ-Redak­teur Diet­mar Dath (einer der Prot­ago­nis­ten des unüber­seh­ba­ren, neu­er­li­chen Links­rut­sches des Blatts) schrieb neu­lich, daß sei­ne Ide­al­ge­sell­schaft von einer Fol­gen­lo­sig­keit des Irr­tums gekenn­zeich­net sei. Der Mensch wer­de sich unun­ter­bro­chen kon­se­quenz­los irren, wer­de alle indi­vi­du­ell ange­häuf­ten Irr­tums­kos­ten unun­ter­bro­chen auf die gren­zen­lo­se Soli­dar­ge­mein­schaft abwäl­zen dür­fen. Ist das nicht genau das, was Rabehl vor 40 Jah­ren emp­fand? Daß alles, aber auch wirk­lich alles denk­bar und vor­stell­bar sei, weil es die Pro­duk­ti­ons­kräf­te her­gä­ben? Daß also der Mensch im Zustand eines irren­den, unver­ant­wort­li­chen Kin­des gehal­ten wer­den könn­te, weil der Ener­gie­auf­wand der per­ma­nen­ten Berei­ni­gung nicht stär­ker ins Gewicht fie­le als die Hand einer auf­räu­men­den Mutter?

Die­ser Ent­wurf ist in wei­ten Tei­len zur Wirk­lich­keit gewor­den, und die Soli­dar­ge­mein­schaft kann sich die tota­le Abfe­de­rung jedes noch so wis­sent­lich her­bei­ge­führ­ten Lebens­pha­sen­irr­tums durch die »Abhol­zung der unter­ir­di­schen Wäl­der« (so das Bild Rolf Peter Sie­fer­les für die fos­si­len Brenn­stof­fe) ener­ge­tisch tat­säch­lich leis­ten, kann jede noch so gro­ße Faul- und Träg­heit durch unver­hält­nis­mä­ßi­gen Ener­gie­in­put aus­glei­chen und den fau­len, trä­gen, düm­me­ren Bevöl­ke­rungs­an­teil durch ein hane­bü­che­nes Anreiz­sys­tem auch noch ver­meh­ren – ohne daß die Flei­ßi­gen auf irgend­et­was ver­zich­ten müßten.

Dabei steckt nur in die­sen Leis­tungs­trä­gern noch so etwas wie ein kon­ser­va­tiv-revo­lu­tio­nä­res Poten­ti­al: Müß­ten sie den Fau­len und den Idio­ten geben, was ihnen danach selbst fehl­te, wäre es mit Daths Recht auf den per­ma­nen­ten Irr­tum rasch vor­bei: Die Fau­len wür­den aus dem Bett getrie­ben, die Infan­ti­len wür­den ent­mün­digt, suum cui­que, Jedem das Sei­ne. Aber, so ist es nicht, der­zeit, und Arnold Geh­len muß genau dies vor Augen gehabt haben, als er davon schrieb, daß den post­in­dus­tria­li­sier­ten Men­schen, den Men­schen der Mas­sen­ge­sell­schaft von sei­nen Vor­fah­ren eine »Kul­tur­schwel­le« tren­ne. Jede kon­ser­va­ti­ve Kul­tur­kri­tik ist gegen die eman­zi­pa­to­ri­sche Macht der Ener­gie­ver­schwen­dung chan­cen­los, weil es kei­nen Grund gibt, auf das zu ver­zich­ten, was alle ande­ren für sich in Anspruch neh­men – es sei denn, man hat eine bestimm­te Form von sich und dem eige­nen Lebens­kreis vor Augen, die nur in Aske­se aus­ge­bil­det wer­den kann. Aber das wird jen­seits des Hof­to­res nie­mand verstehen.

Es gibt aus dem Jah­re 2008 von Botho Strauß ein selt­sa­mes Buch. Auf der Rech­ten kennt es kaum jemand, obwohl Kri­ti­ker in ihm die Aus­wal­zung und Fort­schrei­bung des gro­ßen und berühm­ten Essays »Anschwel­len­der Bocks­ge­sang« sahen. Die Unbe­hol­fe­nen heißt die­ses Buch, und die­se »Bewußt­s­eins­no­vel­le« (so der Unter­ti­tel) ist nichts ande­res als die Dar­stel­lung einer Denk-Fami­lie, die in sich selbst und in einem form­schö­nen, elo­quen­ten Dau­er­ge­spräch ihre Legi­ti­ma­ti­on fin­den muß, weil von außen, von den Umstän­den her kei­ne kommt. Wer aus der Angst her­aus, im Gro­ßen und Gan­zen nichts zu bedeu­ten, ein über­trie­be­nes Selbst-Bewußt­sein ent­wi­ckelt, muß »nicht nach drau­ßen gehen, um zu erfah­ren, was drau­ßen vor sich ging«, denn: »Ein Drau­ßen­tag genügt, und alles Mit­ein­an­der-Für­ein­an­der, das du in dir trägst, ver­fins­tert sich«. Das ist die Bewußt­s­eins­be­schrei­bung abge­schot­te­ter Milieus. Man will ein »Vor­sprung in die nächs­te Zukunft« sein, ein »Rest­licht­ver­stär­ker für die ein oder ande­re ver­ge­hen­de Ansicht oder Ein­sicht«; man spricht, »um wie bei der Flur­pro­zes­si­on der Römer, den Roga­tio­nen, den Acker unse­rer Zeit zu umschrei­ten« und beschreibt sich als »Dativ-Men­schen«, lebend »nach dem Mot­to: Ich bin, was mir widerfährt.«

Daß dies die For­mel für die Deka­denz, für den Abschied vom Agie­ren ist, wird nicht aus­ge­spro­chen, aber die­se Fol­ge­rung beschleicht einen, und man wird, wäh­rend man liest, immer stil­ler. Zu nah rückt einem die­ses »übrig­ge­blie­be­ne« Haus »mit­ten in einem öden Gewer­be­park«, in dem sich die selbst­er­nann­ten »geret­te­ten Figu­ren« in ihrem unaus­ge­setz­ten fei­nen Gespräch erge­hen und ihre Daseins­be­rech­ti­gung for­mu­lie­ren. Die Kul­tur­kri­tik ist auf der Höhe der Zeit, sie ist kon­ser­va­tiv, rechts, aber hilf­los. Einer sagt: »Ich glau­be, ich bin der letz­te Deut­sche. Ein Strolch, ein in hei­li­gen Res­ten wüh­len­der Stadt‑, Land- und Geist­strei­cher. Ein Obdach­lo­ser«, ein ande­rer meint: »Daß wir spre­chen wie wir spre­chen, ist nur noch ein Ver­stän­di­gungs­me­di­um unter Besieg­ten«, und ein drit­ter beschwört: »Nicht wahr, Freund, es muß noch einen, einen letz­ten Auf­stand des Her­zens geben.«

Die­ser Auf­stand wäre rüh­rend, wenn er nur einer des Her­zens wäre. Und das kon­ser­va­ti­ve Den­ken blie­be sinn­los, wenn gelän­ge, wovon kurio­ser­wei­se auch Kon­ser­va­ti­ve träu­men: daß näm­lich end­lich eine Ener­gie­form gefun­den wür­de, die nicht end­lich, son­dern unbe­grenzt zur Ver­fü­gung stün­de. Dann gäbe es von die­ser Sei­te her kei­nen zwangs­läu­fi­gen Rück­schwung des Pen­dels mehr, dann wäre es mög­lich, unbe­grenzt zuzu­kleis­tern und zurecht­zu­rü­cken, was der nicht-erzo­ge­ne, der tot­al­eman­zi­pier­te, der kin­disch geblie­be­ne, der unan­ge­streng­te Mensch Tag für Tag auf Kos­ten der All­ge­mein­heit ver­bock­te. Das »Leben aus dem, was immer gilt« wäre ersetzt und ent­wür­digt zugleich durch ein »Leben aus dem, was unbe­grenzt spru­delt«. Kei­ne Kul­tur­kri­tik, kein Ver­weis auf anthro­po­lo­gi­sche Kon­stan­ten, auf die Häß­lich­keit der Deka­denz und auf die Ver­pflich­tung aus einer gro­ßen Geschich­te wäre imstan­de, den Men­schen (und mit­inbegriffen auch den deut­schen Men­schen) von sei­ner end­gül­ti­gen Ver­hausschweinung abzu­hal­ten. Selbst die abseh­ba­re Über­frem­dung mit all ihren zwar geleug­ne­ten, aber irgend­wann sicht­bar kata­stro­pha­len Aus­wir­kun­gen wäre dann kein hin­rei­chen­der Grund mehr für eine kon­ser­va­ti­ve Recon­quis­ta: Auch bis­her lie­ßen sich eth­ni­sche Bruch­li­ni­en und kul­tu­rel­le Kämp­fe mit viel Geld zukleis­tern und abfan­gen. Wie­so soll­te die­ses All­heil­mit­tel in zehn Jah­ren nicht mehr anschlagen?

Wir Unbe­hol­fe­nen! Wer rechts ist, kon­ser­va­tiv ist, muß sich für sich und das gan­ze Volk ein har­tes Leben wün­schen, zumin­dest für jede zwei­te Genera­ti­on. Es ist doch längst in unser Bewußt­sein ein­ge­si­ckert, daß es dort, wo Schick­sal, Här­te und Ver­zicht aus­ge­he­belt sind, kei­ne Kon­ser­va­ti­ven von Bedeu­tung geben kann. Und wenn es dabei bleibt, dann sind wir noch nicht ein­mal mehr ein »Vor­sprung in die nächs­te Zukunft« und die­je­ni­gen, die das Wort für Mor­gen vor­ge­dacht haben. Dann ist unser wirk­lich­keits­na­hes Den­ken, ist der rech­te Gegen­ent­wurf nur mehr eine Frei­zeit­be­schäf­ti­gung: »Eine Scha­le mit Zucht­per­len aus­schüt­ten, die zu nichts gut sind, als sie ein­mal hef­tig hüp­fen und kichern zu las­sen auf dem Boden. Dann kul­lern sie noch ein Streck­chen und lie­gen schließ­lich glanz­los in den Fugen wie aller Schutt« (Botho Strauß).

Götz Kubitschek

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

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