1. Februar 2012

Politik des Als-ob

Gastbeitrag

46pdf der Druckfassung aus Sezession 46 / Februar 2012

von Karlheinz Weißmann

Wahrscheinlich sollte man die Pokermanie, die für eine gewisse Zeit Deutschland und die westliche Hemisphäre überhaupt heimgesucht hat, nicht überbewerten. Aber signifikant ist doch das, was die Aura, den Chic dieses Spiels ausmacht: die Täuschung, der bluff. In der Vergangenheit konnte man den Begriff sogar synonym für Poker verwenden. Man darf seinen Kontrahenten etwas vormachen, was nicht ist, um sie zu verblüffen (eine denkbare etymologische Wurzel von bluff) und sich einen Vorteil zu verschaffen, der ist und der sogar zum Sieg führen kann, falls sich die anderen übertölpeln lassen und der, der blufft, die Nerven behält. Der bluff ist für das Pokern von zentraler Bedeutung, die Bewunderung für den geschickten bluff jenseits dieses Raumes jedoch kaum so groß.

 Gastbeitrag

Gastbeitrag

  • Sezession

Dabei gibt es die erlaubte Täuschung auch in anderen intelligenten Spielen. Das hängt mit der existentiellen Bedeutung des Spiels für den homo ludens zusammen: Wir üben im Spiel für das Leben, und die Neigung, ein Spiel ernst zu nehmen, trotz des Wissens, daß es sich um ein Spiel handelt, gehört zu unserem Wesen. Wir lernen früh und immer neu, daß Täuschung zum Menschen gehört. Denn wir sind dauernd mit Täuschung befaßt, täuschen andere und wissen das, dulden das oder ent-täuschen, achten darauf, nicht getäuscht zu werden, täuschen uns selbst und wissen auch das, fahren aber damit fort, weil die Ent-Täuschung zu bitter oder unbequem wäre. Es gibt zwar so etwas wie ein prinzipielles moralisches Verdikt gegen die Täuschung, aber stillschweigend bleibt angenommen, daß es erlaubte, gnädige, nützliche Täuschungen, vielleicht sogar notwendige Täuschungen gibt. Das gilt im Hinblick auf unsere private wie gesellschaftliche Existenz, und die Einsicht darein ist ein alter Hut.

Das »mundus vult decipi« – »die Welt will betrogen sein«, ein Satz unklarer Herkunft, den man in seiner lateinischen Fassung den Römern durchaus zutrauen darf, welcher aber noch besser zu Machiavelli paßt, der in seinem legendären Fürsten einen Hymnus auf die Täuschungsfähigkeit schrieb. Er legte dar, daß der Mächtige in sich die Tugenden von Löwe und Fuchs vereinigen müsse; die des Löwen brauche er, um überhaupt in den Besitz von Macht zu kommen, die des Fuchses, um sich ihren Besitz zu erhalten. Denn dazu genüge nicht, Gewalt anzudrohen, man müsse vielmehr bereit sein, jede List und jede Lüge zu gebrauchen, sein Wort zu brechen und Verrat zu begehen: »Wer am besten Fuchs zu sein verstanden hat, ist am besten gefahren! Doch muß man sich darauf verstehen, die Fuchsnatur gut zu verbergen und Meister in der Heuchelei und Verstellung zu sein. Die Menschen sind ja so einfältig und gehorchen so leicht den Bedürfnissen des Augenblicks, daß der, der betrügen will, immer einen findet, der sich betrügen läßt.«

Für Machiavelli ging es immer um den »Anschein«. Der, der die Macht ausübt, muß sich gnädig, gerecht, großherzig, milde geben, es aber nur ausnahmsweise sein – dann nämlich, wenn ihm das einen Vorteil verschafft. Echte Tugendhaftigkeit hielt Machiavelli für problematisch, sie schwäche den Führer und zöge letztlich den Untergang seiner Herrschaft nach sich. Der Realismus Machiavellis ist unbestritten, aber bedurften die Mächtigen jemals solcher Belehrung? In den politischen Eliten aller Zeiten und Weltgegenden muß es ein Wissen um die arcana imperii und die Notwendigkeit gegeben haben, im Umgang mit seinesgleichen und Untergebenen deren Anwendung zu trainieren. Die beiden ersten Ratschläge, die der sterbende Mazarin dem jungen Ludwig XIV. gab, waren: »Täusche« und »Verstelle Dich«. Aber wenige hatten die Virtuosität in der Umsetzung, die dem Kardinalpremier eigen war, der jedenfalls wußte, daß zur Kunst des Befehlens immer auch gehört, Sicherheit und Überblick vorzutäuschen, vor allem aber die Untergebenen in der Idee der Vorzüglichkeit der Oberen zu bestärken. Andererseits war die Basis selten so dumm, das Spiel überhaupt nicht zu durchschauen. Noch jede Hungerrevolte speiste sich aus der Überzeugung, daß man kein Brot habe, während die Herren Kuchen essen würden, noch jede religiöse Umwälzung aus der mehr oder weniger gutbegründeten Ahnung, daß die Priester den Regeln selbst nicht folgten, die sie den Gläubigen auferlegten. Nur die Intelligenz war hin- und hergerissen zwischen dem Bedürfnis nach Demaskierung, um die Sitten zu bessern, und der Faszination durch den Wechsel von Larve und Entlarvung.

Erst die Aufklärung im Vorfeld der Französischen Revolution – deren Kernprogramm Ent-Täuschung war – bestand ganz konsequent darauf, Einsicht in die Zusammenhänge breitenwirksam zu machen. Und mochte der Bauer in der Provinz nur eine jener jacquerien im Kopf haben, die es immer wieder gegeben hatte, wenn es darum ging, die Lasten und Dienste abzuschütteln: der Bürger der Stadt sah auf der Bühne den klugen Diener den dummen Adligen übertölpeln, konnte den süffisanten Bemerkungen seines Abbé anmerken, daß er glaubenslos war, und im Journal lesen, welche Sittenlosigkeit es unter denen gab, die sich nach wie vor Aristokraten nannten und mithin als »die Besten« betrachteten. Hippolyte Taine hat in seiner großen Geschichte der Revolution darauf hingewiesen, daß es nicht so sehr die Reformunfähigkeit der Monarchie war, die deren Untergang herbeiführte. Es sei vielmehr die Sentimentalität des Adels gewesen, der die Hohlheit seiner eigenen Existenz durchschaute, dieses Wissen nicht mehr ertrug und fatalerweise glaubte, die Dinge dadurch zu bessern, daß er jovial auftrat. Er habe die Mißstände gar nicht mehr beschönigt, sondern jede Feder unterstützt, die sie anprangerte. Dabei übersah er nur, wie weit der Zerfall längst gediehen war, und hatte von der Situation, in der er sich befand, keinerlei Vorstellung, pflegte vielmehr einen grundlosen Optimismus: »Die Salons haben beschlossen, es werde alles gut werden, – nun, so muß denn alles gut werden. Niemals war eine Verblendung vollständiger und freiwilliger.«

Wenn man festhält, daß zu jedem gesellschaftlichen System die Bereitschaft zu täuschen und die Bereitschaft, sich täuschen zu lassen, gehören, kommt sein Ende, sobald die Bereitschaft zu täuschen erlahmt und die Bereitschaft, sich täuschen zu lassen, in der Breite aufhört. Die Gründe dafür mögen verschiedene sein, aber aufs Ganze gesehen gilt hier so etwas wie ein soziales Gesetz – bis heute, muß man betonen, denn obwohl die in der Moderne mächtigen politischen Bewegungen immer wieder mit dem Versprechen von »Öffentlichkeit«, »Transparenz«, »Mitbestimmung«, »herrschaftsfreiem Diskurs« aufgetreten sind, haben sie sich – einmal an der Macht – doch stets der Täuschung bedient. Allerdings ist die Situation insofern qualitativ verändert: Die Moderne ist gekennzeichnet durch eine neuartige Zugänglichkeit von Informationen, und die Kollektiverfahrungen des 19. und 20. Jahrhunderts liefen auf so nachhaltige – weniger theoretische als vielmehr praktische – Enttäuschungen hinaus, daß eine dauerhafte Rückkehr zur Leichtgläubigkeit der Vergangenheit unmöglich geworden ist.

Der Historiker Friedrich Meinecke hatte schon für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg einen »Massenmachiavellismus« beschrieben, also eine allgemeine, von jedem mehr oder weniger geteilte, mehr oder weniger zynische Weltdeutung. Zwar hat es auch später immer wieder Phasen sekundärer Naivität gegeben – eine Art willentlicher Blindheit –, aber die Grundtendenz der Entwicklung lief doch letztlich darauf hinaus, daß alle allen mit einem Augurenlächeln begegnen. Ein Indiz am Rande: Ausgerechnet die »skeptische Generation« (Helmut Schelsky) der fünfziger und sechziger Jahre machte Billy Wilders Eins, zwei, drei genauso zum Kassenerfolg wie die seichte Verfilmung von Thomas Manns Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der jugendliche Held, im einen wie im anderen Fall gespielt von Horst Buchholz, war der erfolgreiche Bluffer, also gerade niemand, der das Leistungsprinzip des Wirtschaftswunders verkörperte oder die Werte der »Restauration« mit Ordnung, Sitte, Pünktlichkeit, sondern einer, der nur vortäuschte, durch Überzeugungstreue oder Anstrengung nach oben gekommen zu sein.

Der heute fast vergessene Literaturwissenschaftler Lionel Trilling hat in seinem Buch Das Ende der Aufrichtigkeit die Phasen eines Zersetzungsprozesses nachgezeichnet, dem zuerst die Vorstellung von der aus religiösen Gründen notwendigen Tugend, dann die der Anständigkeit und innerweltlichen Askese des Bürgers zum Opfer fielen, zuletzt aber auch der Glaube an die Möglichkeit individueller Authentizität. Trilling bezog sich bei seiner Analyse auf Nietzsches Rede vom »Verlust des Schwergewichts«, gemeint war das »Schwergewicht« des Lebens. Die moderne Welt, so seine Argumentation, ermögliche eine Existenz, die glaube, von ihren Bedingungen absehen zu können, die keine Konsequenzen fürchte, weil sie deren Ausbleiben regelmäßig erfahre. Das Leben werde leichter und deshalb werde die Härte und Strenge der alten Ordnung, vor allem deren notwendiger Überschuß, unerträglich. Immer weniger sehen die vielen ein, wie notwendig das Sich-Fügen ist, wie eng es mit dem Aufbegehren zusammengehört und die Konturen eines Charakters zieht.

Charakterschwäche wiederum hat mit Gewissensschwäche zu tun und damit, daß ohne die frühere Beschränkung auch die Aufrichtigkeit an Rang einbüßt. Ihre metaphysische Stütze hat sie längst verloren (noch Rousseau wollte keinen Schwur eines Atheisten anerkennen, da diesen nichts zwinge, die Wahrheit zu sagen), und wenn auf Nützlichkeit abgestellt wird, kann sie keinen Nutzen beweisen. Nur als Teil der Konvention hat sie keine Existenzberechtigung, kommt nur noch im Tableau der wünschenswerten Verhaltensweisen vor. Man verkauft seine Seele eben mit einer gewissen Saloppheit.

Bei dieser Schilderung der Entwicklung konnte Trilling noch gar nicht absehen, welche Perspektiven sich durch die Schaffung der Dienstleistungsgesellschaft einerseits, die virtual reality andererseits ergeben würden. Was den tertiären Sektor angeht, so bot er seit je – viel eher als die Produktion in Landwirtschaft, Handel und Industrie – die Möglichkeit, eine Fähigkeit oder ein Tun nur vorzutäuschen. Durch das stürmische Anwachsen seiner Bedeutung in den entwickelten Ländern entstand eine immer breiter werdende Schicht, die im Grunde nie Rückmeldung erhielt, ob das, was sie tat, taugte oder nicht; gleichzeitig lernten ihre Angehörigen, sich nicht nur wichtig zu nehmen, sondern für unverzichtbar zu halten. In ihrem Interesse lag und liegt der immer weiter gehende Ausbau der Bürokratie bei gleichzeitiger Entkoppelung von den Sachverhalten, auf die sie Bezug nimmt, und sie kontrolliert auch den Ausbau einer Rekrutierung, die wohlwollend als »Bildungsexpansion«, weniger wohlwollend als System von Scheinqualifikationen beschrieben werden kann.

Obwohl es zum Alltagswissen der meisten gehört, daß es hier nicht um Kompetenz, sondern um das Vortäuschen von Kompetenz geht, ist die Entschlossenheit erheblicher Bevölkerungsteile unbestreitbar, die Lüge aufrechtzuerhalten, deren Vorteile für den einzelnen auf der Hand liegen. Ein ähnliches Zusammenspiel kann man auch für die Hinnahme der Dysfunktionen des Sozialstaats, die Akzeptanz der Politischen Korrektheit oder anderer Formen von Wirklichkeits-Erfindung vermuten. Es ist nie so, daß der Täuschungscharakter nicht begriffen würde, sondern so, daß man die Nützlichkeit des Als-ob versteht und nutzt. Das vorausgesetzt, erklärt sich auch der Mangel an echter Empörung über die mehr oder weniger dramatischen Entlarvungen der letzten Monate. Gelassen schaut man auf die Unfähigkeit der politischen Klassen halb Europas, die Bereitschaft der eigenen, langfristige nationale Interessen zu opfern, die systematisch gefälschten Wirtschaftsdaten der Griechen, den eigenen Status in der Liste der korrupten Staaten, die Statistik der Analphabeten oder den erschlichenen Doktortitel des Bundes- und den wertlosen des Landesministers, schließlich die Chuzpe des Bundespräsidenten.

Wenn Frank Schirrmacher beklagt, daß die Integrität des höchsten Staatsamtes nur noch auf »Fiktion«, also Täuschung, beruhe und daß dieser Sachverhalt als symptomatisch zu betrachten sei, weil die Elite sich längst darauf verständigt habe, solches zu dulden, so sind seine Erwartungen in die Abhilfe durch Basisbewegungen, ob es sich um die Piraten oder Occupy handelt, doch merkwürdig naiv. Denn die Menschen werden durch die Vorgänge nicht erschüttert. Sie haben sich in sehr großer Mehrheit mit dem Als-ob arrangiert, weil ihnen ihre Erfahrung sagt, daß so durchzukommen ist. Und noch in der Bemerkung des Kommentators, das Staatsoberhaupt habe »seine Rolle« (Nils Minkmar) verfehlt, kommt mehr zum Ausdruck als die soziologische These vom Merkmalsträger Mensch: Da wird moniert, daß einer sich nicht darauf versteht, jene Schau zu liefern, für die man ihn bezahlt.

Tatsächlich ist das ein Unbehagen an der Allgegenwart der »Fiktion« (Schirrmacher dixit). Es gehört seit je zur konservativen Zeitkritik, daß sie an dieser Stelle ansetzt, daß sie darauf beharrt, daß mit der Täuschung als Grundlage nicht durchzukommen ist. Arnold Gehlen hat in Moral und Hypermoral geäußert, es sei nichts perfider, als das »Reich der Lüge« zu errichten. Womit er nicht rechnete, nicht rechnen konnte, war dessen Aufbau mit Zustimmung aller Beteiligten. Das unterscheidet die gegenwärtige Lage so eindeutig von jeder früheren: daß es aussieht, als ob eine Ordnung dauernd auf systematischer Täuschung beruhen kann. Es gibt angesichts dessen nur zwei Hoffnungen: daß die Menschen noch nicht so viel an Seelenkraft eingebüßt haben, daß sie einen solchen Zustand wirklich ertragen; und daß jene drastischen Erfahrungen nicht länger auf sich warten lassen, die schon immer und unfehlbar zur Ent-Täuschung beigetragen haben.


 Gastbeitrag

Gastbeitrag

  • Sezession

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.