Hamburg, den 19. Januar 2012

46pdf der Druckfassung aus Sezession 46 / Februar 2012

von Siegfried Gerlich

Lieber Herr Kubitschek,

Sie wissen, daß ich gern streite, aber nach der Lektüre von Stefan Scheils Beitrag muß ich Ihr freundliches Angebot einer ausführlichen Stellungnahme leider dankend ablehnen, denn allzu viel Aufwand treibe ich nicht für einen Autor, der seine unbestreitbare wissenschaftliche Kompetenz so dezidiert und offensiv in den Dienst seiner geschichtspolitischen Position stellt. Meine ambivalent ausgefallene Doppelrezension der letzten Bücher Ernst Noltes – das eine wurde mit Lob, das andere mit Tadel bedacht – wird mir hier als »vernichtende Polemik« um die Ohren gehauen, und das ebenso pathetische wie perfide Schlußbild des »Schierlingsbechers« stilisiert nicht nur Nolte zu einem Sokrates, sondern suggeriert zugleich, ich hätte seinen Kopf gefordert.

 Gastbeitrag

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Zu mehr als ein paar wider­wil­li­gen Wor­ten kann ich mich daher nicht durch­rin­gen, auch wenn die kaum aus­rei­chen wer­den, um Scheils vor­so­kra­ti­sche Sophis­tik vor­zu­füh­ren, mit der er sich ein Ide­al­bild von Nol­te und ein Zerr­bild mei­ner Kri­tik zurecht­ge­schus­tert hat.

Abge­se­hen davon, daß Scheil gera­de die wesent­li­chen der von mir durch Zita­te beleg­ten Pro­vo­ka­tio­nen Nol­tes still­schwei­gend über­geht und vor­nehm­lich sol­che the­ma­ti­siert, für die Nol­te beson­ne­ne Selbst­re­la­ti­vie­run­gen parat hat, auf die man sich dann wohl­feil her­aus­re­den kann, lehnt er sich defi­ni­tiv zu weit aus dem Fens­ter, wenn er allen Erns­tes behaup­tet, Nol­te habe noch in sei­nem letz­ten Buch »den Natio­nal­so­zia­lis­mus kate­go­risch als Unrecht von Anfang an« ver­ur­teilt. Als gäbe es nicht bereits in frü­he­ren Büchern auch gegen­tei­li­ge Aus­sa­gen über das »his­to­ri­sche Recht« und das »Rich­ti­ge« des Natio­nal­so­zia­lis­mus, das »Gerecht­fer­tig­te« von Hit­lers Grund­emo­tio­nen und das »Begründ­ba­re« sei­ner Juden­in­ter­nie­rung. Über die Sache selbst lie­ße sich strei­ten, aber Scheils treu­her­zi­ge Ver­si­che­rung, daß Nol­te der­glei­chen nie geschrie­ben hät­te, wo doch jeder fin­di­ge Leser sich leicht vom Gegen­teil über­zeu­gen kann, spe­ku­liert offen­bar auf die »Lese­faul­heit der Rech­ten« (Masch­ke) und sabo­tiert jedes ver­nünf­ti­ge Gespräch.

Wenn ich Scheils Text den­noch mit einem gewis­sen Amu­se­ment gele­sen habe, so weil das von ihm gezeich­ne­te bür­ger­lich-libe­ra­le Nol­te-Por­trait sich bei­na­he wie ein Resü­mee mei­nes Buches aus­nimmt. Nur daß Scheil sei­ne poli­tisch kor­rek­te Sti­li­sie­rung Nol­tes zu einem lupen­rei­nen Demo­kra­ten und volks­päd­ago­gisch wert­vol­len Ver­fas­sungs­pa­trio­ten so sehr über­treibt, daß selbst ein Haber­mas sei­ne Freu­de dar­an hät­te und man sich fragt, wie sich jemals die Rech­te für Nol­te erwär­men konnte.

Mei­ne läs­si­ge Rede von der »Anne­xi­on gro­ßer Tei­le Paläs­ti­nas im Zuge der Staats­grün­dung Jor­da­ni­ens« mag völ­ker­recht­lich unzu­tref­fend sein, sie ver­weist jedoch sehr tref­fend auf die demo­gra­phi­sche Grund­vor­aus­set­zung des »Schwar­zen Sep­tem­ber«: daß Jor­da­ni­en mit sei­nem zu zwei Drit­teln paläs­ti­nen­si­schen Staats­volk von Anbe­ginn ein heim­li­cher Paläs­ti­nen­ser­staat war. Daß dem­ge­gen­über das all­seits bedroh­te Isra­el sein Paläs­ti­nen­ser­pro­blem eben nicht im jor­da­ni­schen Stil gelöst hat, habe ich mit einer robus­ten For­mu­lie­rung als »mora­li­schen Luxus« bezeich­net. Den bei­ßen­den Sar­kas­mus dar­in, der auf die noto­risch ver­harm­los­ten Grau­sam­kei­ten der ara­bi­schen Paläs­ti­nen­ser­po­li­tik ziel­te, über­hört Scheil geflis­sent­lich, um mit auf­ge­setz­ter Unschulds­mie­ne den Sinn mei­ner Rede in die Bestrei­tung des Exis­tenz­rechts der Paläs­ti­nen­ser umzu­fäl­schen. Aber alle Win­kel­zü­ge Scheils, Nol­te ein auf­ge­räum­tes Ver­hält­nis zu Isra­el zu beschei­ni­gen, ver­sa­gen letzt­lich vor der Wucht dämo­ni­sie­ren­der Don­ner­wor­te wie der »Ursün­de« der israe­li­schen Staats­grün­dung und dem »radi­kal Bösen« der israe­li­schen Paläs­ti­nen­ser­po­li­tik. Seit Jah­ren jeden­falls kom­men mehr Paläs­ti­nen­ser durch den Ter­ror der Hamas ums Leben als durch Ein­sät­ze der israe­li­schen Armee.

In der Rubrik »Frisch gepreßt« hat­te die Jun­ge Frei­heit (36/11) noch kühn ver­mel­det, kei­nes der Bücher Nol­tes bie­te »ein ver­gleich­bar auf­re­gen­des Pro­vo­ka­ti­ons­po­ten­ti­al« wie sein letz­tes – sogar von einer »Kol­laps­ge­fahr« war die Rede, wel­che der Autor sei­ne Leser »Sei­te für Sei­te« aus­set­ze. Die nach­fol­gen­den publi­zis­ti­schen Reak­tio­nen lie­ßen indes­sen eher den Schluß zu, Nol­te habe sich hier um Kopf und Kra­gen geschrie­ben, denn weder Thors­ten Hinz und Ste­fan Scheil in ihren Rezen­sio­nen noch Gün­ter Scholdt in sei­ner Lau­da­tio brach­ten es über sich, auch nur klar zu benen­nen, wovon Nol­tes Buch zen­tral han­delt. Da wur­de her­um­ge­druckst und ein gro­ßer Bogen um das ver­min­te Gelän­de gemacht. Die Spä­ten Refle­xio­nen aber sind ein pola­ri­sie­ren­des Werk. Es von sei­nen zahl­lo­sen Anstö­ßig­kei­ten zu säu­bern und unter intel­lek­tu­el­len Ver­ren­kun­gen poli­tisch zu kor­ri­gie­ren bedeu­tet, es zu her­ab­ge­setz­tem Preis feil­zu­bie­ten und Nol­te als Den­ker nicht mehr ernst zu neh­men. Da ist mir der geis­tig min­der­be­mit­tel­te Leser der Natio­nal­zei­tung schon lie­ber, der sich auf­rich­tig dar­über freut, in Nol­tes letz­tem Buch tat­säch­lich all das zu fin­den, was die JF so unvor­sich­tig aus­ge­plau­dert hat.

Herz­lich grüßt aus Hamburg,

Ihr Sieg­fried Gerlich

 Gastbeitrag

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