Sezession
1. April 2012

Autogenozid – fünf Notizen

Martin Lichtmesz

47pdf der Druckfassung aus Sezession 47 / April 2012

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

I.

An allem ist wieder einmal Hitler schuld. Nicht nur der historische, sondern auch der untote, künstlich am Leben erhaltene Dracula, der zum konstituierenden Inventar der Bundesrepublik gehört und wohl auch erst zusammen mit ihr zu Staub zerfallen wird. Vorher wird er aber vermutlich jenem ethnologisch weiterhin halbwegs bestimmbaren Grüppchen, das man einmal das »deutsche Volk« nannte, noch den letzten Bluts­tropfen ausgesogen haben. Und das Opfer genießt diesen Akt nicht ohne Wollust. Am Kurs dieses permanenten Aderlasses, der allmählich in seine kritische Phase tritt, hat sich seit Jahrzehnten nichts geändert, weswegen Günter Maschkes Essay »Die Verschwörung der Flakhelfer« aus dem Jahr 1985 ein Evergreen geblieben ist.

Daß die Historisierung des Nationalsozialismus verhindert wird, hat nach Maschke einen guten Grund: »Da man Hitler nicht erklärt, kann er nicht sterben, – er darf ja nicht sterben. Nebenbei kann man die deutsche Geschichte in ein Verbrecheralbum, betitelt ›Von Luther bis Hitler‹, umwandeln. Und so wirkt diese Literatur, deren Vertreter dauernd fordern, daß noch mehr bewältigt und aufgearbeitet werde, nicht nur staats-, sondern auch volkszerstörend; sie ist ein Beitrag zum psychischen Genocid am deutschen Volk bzw. zum deutschen Autogenocid.« Denn: »Selbst nach den Vorstellungen der UNO gibt es einen psychischen Genocid, indem man etwa einem Volke seine Kultur, sein Gedächtnis raubt (und durch ein anderes ersetzt). Wenn Angehörige eines Volkes selbst diese Zerstörung betreiben, ist die Zeit für klare Feinderklärungen innerhalb dieses Volkes da«. Der Begriff »Autogenozid« wurde übrigens gelegentlich benutzt, um die Verbrechen der Roten Khmer am eigenen Volk im Namen einer radikalkommunistischen Kulturrevolution zu beschreiben.

 

II.

Aus dem Geleitwort zum ab 1933 ausgegebenen »Ahnenpass«: »Die Eltern der Ehegatten und jedes Kind, das den Ehegatten geboren wird, werden aufgezeichnet. Jeder Mensch wird in Beziehung gesetzt zu seinen Vorfahren und Nachfahren. Dem Einzelnen wird zum Bewußtsein gebracht, daß er nur ein verbindendes Glied in einer langen Kette von Geschlechtern ist. Es wird in ihm das Gefühl der Verantwortung geweckt, die er für die Erhaltung seines Geschlechts und damit zugleich für die Zukunft des deutschen Volkes trägt. Das Familienbuch soll den jungen Eheleuten ein steter Mahner sein: Du sollst dir möglichst viele Kinder wünschen! Erst bei drei oder vier Kindern bleibt der Bestand des Volkes sichergestellt. … Du vergehst, was du deinen Nachkommen gibst, bleibt; in ihnen feierst du Auferstehung. Dein Volk lebt ewig!« An diesen Forderungen ist nichts Verwerfliches, und sie sind durchaus aktuell; man wird traurig, wenn man sie heute liest, weil auch sie vom schwarzen Loch des Nationalsozialismus verschluckt wurden. Freilich fällt auf, daß man offenbar schon in den dreißiger Jahren von staatlicher Seite anmahnen mußte, was früheren Generationen eine Selbstverständlichkeit war. Fraglich ist auch, ob die rein biologische Transzendenz im Generationenstrom ausreichend ist. Selbst im Alten Testament, dem Manifest der Vaterfolge und Volkskontinuität schlechthin, ist es erst der Bund mit Gott, der dem Volk und dem Samen der Stammväter seinen Wert verleiht. Im Zeitalter des Nihilismus und der »Auflösung aller Dinge«, in dem man über jeden vorbeitreibenden Strohhalm dankbar sein muß, ist das aber fast schon ein hochmütiger Anspruch. Niemand kann Gott zu etwas zwingen. Man muß sich heute also bescheiden.

Der heutige Massenmensch teilt nach Hans-Dietrich Sander nicht mehr die Sorge, vor seinem Tod »letzte Weisungen für das Leben nach ihm in seinem kleinen und großen Lebensraum getroffen zu haben … Er fühlt keine Verantwortung mehr für Weib, Kind, Knecht, Magd, Vieh, alles was sein ist, und was über sein Eigen hinausreicht in das Gemeinwesen, in die Geschichte. Er ist, vom Tod her gesehen, nicht einmal sich selbst und für sich selbst verantwortlich. So stirbt der Mensch, der Müll geworden ist. … Was in den Zeiten des Sinnverlusts und der Gottverlorenheit Lebens- und Sterbehilfe war – die Kinder, das Volk, die Leistungen, die stoische und die epikuräische Philosophie –, hat in solcher Perspektive keine Heilkraft mehr.« Heute leistet man sich die mutwillige Zerstörung dieser Dinge, deren Verlust durch die Verteilung von sozialistischem Opium kompensiert werden soll. Man wähnt sich mit mathematischer Sicherheit auf der richtigen Seite, wenn man das genaue Gegenteil jeglicher im »Dritten Reich« betriebenen Politik propagiert – eine frevelhafte Verblendung, die nur in eine neue tiefe Schuld führen wird.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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