Sezession
1. April 2012

Die Lüge vom Gesellschaftsvertrag

Gastbeitrag

47pdf der Druckfassung aus Sezession 47 / April 2012

von Karlheinz Weißmann

Zu den aufschlußreichen Deutungen der Unruhen in Großbritannien vom vergangenen August gehören die, denen zufolge sich hier »live auf den Bildschirmen der Gesellschaftsvertrag aufgelöst« (Oliver Jungen) habe. Ein europäischer als »failed state«, als »gescheiterter Staat«, in dem Gewalttaten und Plünderungen einerseits, die Hilflosigkeit der Polizei andererseits zeigten, daß die Übereinkunft aller, was zu gelten hat und welchen Regeln man sich beugen muß, ihre Macht verliert.

Der »Gesellschaftsvertrag« als Grundmodell politischer Ordnung ist heute so selbstverständlich akzeptiert, daß man erst ins Bewußtsein heben muß, wie weit die Anfänge des »Kontraktualismus« zurückliegen. Sie gehen auf das 17. Jahrhundert zurück und lösten die theologischen Staatslehren und die Idee des »Herrschaftsvertrags« ab, der die Autorität des Monarchen und die Gehorsamspflicht des Untertanen festgelegt haben sollte. Der Gesellschaftsvertrag atmet deshalb den Geist des Rationalismus und entwirft einen vorstaatlichen Zustand des natürlichen Menschen. Wie der ausgesehen haben soll, war allerdings strittig. Es entstand ein pessimistischer Entwurf bei Hobbes und ein optimistischer bei Locke. Aber in beiden Fällen wurde der Mensch als einzelner gedacht, der durch den Zwang der Umstände vernünftigerweise einsieht oder genötigt ist, seine natürlichen Rechte an ein größeres Ganzes zu übertragen, das so mit den notwendigen Mitteln ausgestattet wird, die Ordnung durchzusetzen und aufrechtzuerhalten.

Den beiden Haupttendenzen kann man die dritte und berühmteste Variante des Gesellschaftsvertrags nicht subsumieren. Sie geht auf Rousseau zurück. Dessen Lehre vom contrat social schloß eine Reihe von Vorstellungen über den Naturzustand ein, die romantisch im weiteren Sinn waren, was allerdings auch dazu führte, daß seine Theorie an Klarheit einbüßte und auf argumentative Aushilfen angewiesen war.

Defizite, die nicht zufällig sind, sondern Folge jenes dramatischen Wandels, den das Weltbild der Europäer seit der Mitte des 18. Jahrhunderts erfuhr. Eine Ursache dafür waren die Entdeckungsfahrten, die zur Infragestellung der biblisch wie der modern begründeten Vorstellungen vom Wesen des Menschen und seiner Institutionen führten, eine andere: die Ausbildung des historischen Bewußtseins, dem Zweifel kamen, daß es jemals so etwas wie einen Anfangszustand samt folgendem Gesellschaftsvertrag gegeben haben konnte. Schon Hume und später Kant verwiesen darauf, daß man vom Gesellschaftsvertrag im Sinne eines tatsächlich vollzogenen Aktes nicht sprechen könne. An der »regulativen Idee« (Max Weber) wollte man trotzdem festhalten, und erst in Konsequenz einer Epoche, die große Teile ihrer geistigen Energie auf Erfassung und Verständnis der Geschichte konzentriert hatte, kam es zur grundsätzlichen Revision. »Die Erkenntnis von der Uranfänglichkeit des Staates ist heute sehr verbreitet«, urteilte Heinrich von Treitschke, »aber in Wahrheit erst im neunzehnten Jahrhundert wiedergefunden«.


 Gastbeitrag

  • Sezession

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Bitte überweisen Sie auf das Konto:

Verein für Staatspolitik e.V.
IBAN: DE86 5185 0079 0027 1669 62
BIC: HELADEF1FRI

Oder nutzen Sie paypal:

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.