Was darf Satire?

47pdf der Druckfassung aus Sezession 47 / April 2012

von Günter Scholdt

Binnenpluralismus

Für die Sezession im Netz war der Jahresbeginn dadurch gekennzeichnet, daß in zwei markanten Fällen (Noltes Späte Reflexionen und Lichtmesz’ »Die Schweigeminute«) deutliche Meinungsunterschiede in den eigenen Reihen zum Ausdruck kamen. Das mag mancher bedauern. Mir scheint es weniger bedenklich als natürlich und zudem als Beleg dafür, daß man, sozusagen »erwachsen« geworden, eine lediglich auf Außenwirkung bedachte harmonieselige Uniformitätsfassade für verzichtbar hält.

 Gastbeitrag

Fremde Federn reichen Beiträge ein. Sind sie gut, bringen wir sie.

Zwar teilt die von der Sezes­si­on ver­tre­te­ne meta­po­li­ti­sche Alter­na­ti­ve zum Macht- und Medi­en­kar­tell der Ber­li­ner Repu­blik frag­los Grund­über­zeu­gun­gen. Ich nen­ne stell­ver­tre­tend Dia­gno­sen wie die von der (durch die jet­zi­ge Par­tei­en­herr­schaft nicht zu behe­ben­de) gesell­schaft­li­chen Fun­da­men­tal­kri­se, von der sub­stan­ti­el­len Beschä­di­gung der Mei­nungs­frei­heit in Deutsch­land oder vom Natio­nal­trau­ma als stärks­tem Hemm­nis einer situa­ti­ons­an­ge­mes­se­nen Tages­po­li­tik. Aber die­se im wesent­li­chen geis­ti­ge Oppo­si­ti­on ist selbst­be­wußt genug zur Ein­sicht, daß über diver­se inhalt­li­che Details, Wer­tun­gen, Lösun­gen, polit­stra­te­gi­sche Fra­gen usw. zuwei­len durch­aus ver­schie­den gedacht wer­den mag. Das Schreck­bei­spiel einer in Kern­fra­gen des Staa­tes par­tei­über­grei­fend qua­si ver­ord­ne­ten bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Offi­zi­al­mo­ral, die ja nur künst­lich durch mas­si­ve Sank­tio­nen auf­recht­erhal­ten wird, dient ihr als Lehre.

Gestrit­ten wur­de in den genann­ten Fäl­len um einer grund­sätz­li­chen Klä­rung wil­len. Und aus­schließ­lich in die­sem Sin­ne möch­te ich aus kur­zem zeit­li­chen Abstand noch­mals auf die Inter­net-Kon­tro­ver­se von Weiß­mann und Licht­mesz zurück­kom­men. Der Anlaß war gewiß nicht belang­los, son­dern gewich­tig und respek­ta­bel wie die jeweils ver­tre­te­nen Posi­tio­nen und Wer­te. Von daher dür­fen wir uns auch vom Ergeb­nis die­ses Streits zukunfts­ori­en­tier­te Auf­schlüs­se erwarten.

Der Streit­ge­gen­stand

Am 23. Febru­ar beschäf­tig­te sich Licht­mesz in Sezes­si­on im Netz mit der lan­des­weit pro­kla­mier­ten Gedenk­fei­er zu Ehren der laut poli­zei­li­chen Ermitt­lun­gen vom NSU Erschos­se­nen. Er tat es auf eine hoch­i­ro­ni­sche Wei­se, die fol­gen­de Pas­sa­ge illustriert:

Deutsch­land, 23. Febru­ar 2012, Punkt 12 Uhr. Wäh­rend die Kir­chen­glo­cken die Mit­tags­stun­de ein­schla­gen, erhe­ben sich die Men­schen in Deutsch­land, von der Water­kant bis zu den Alpen, vom Rhein bis an die Oder von ihren Sitz- und Steh­plät­zen, hal­ten inne in ihrem Tun und Wer­ken, in ihren Gedan­ken, Wor­ten und Taten, schlie­ßen, sich besin­nend, die Augen oder wen­den sie gen Himmel.

Putz­frau putzt nicht mehr, Ver­käu­fe­rin ver­kauft nicht mehr, Kin­der­gärt­ne­rin kin­der­gärt­nert nicht; Rauch­fang­keh­rer rauch­fang­kehrt nicht mehr, Bäcker bäckt nicht mehr, Pfar­rer pfarrt nicht mehr, Bau­ar­bei­ter baut nicht, Leh­rer lehrt nicht. Lan­des­weit klap­pen Schul­klas­sen behut­sam ihre Rechen­hef­te und Lese­bü­cher zu, erhe­ben sich von den Sitz­bän­ken und ver­har­ren in schwei­gen­der Andacht. (Allein K.s Kin­der täu­schen wie­der ein­mal epi­lep­ti­sche Anfäl­le vor.) Die Preß­luft­häm­mer und die Moto­ren der Bus­se ste­hen still.

Die Säge ver­harrt auf hal­bem Wege im Holz, der Span in der Luft. Der Kaf­fee­be­cher in der Hand des Zei­tungs­re­dak­teurs stockt kurz vor der sonst so zynisch-kes­sen Lip­pe. Die Hand des Paket­aus­trä­gers, des­sen gespitz­ter Fin­ger sich der Tür­klin­gel nähert, erstarrt jäh, als die Mit­tags­glo­cke ihr ›Gedenk, o Mensch‹ erklin­gen läßt.

Der Sezes­sio­nist, der gera­de ein Buch über Mas­sen­wahn und kol­lek­ti­ve Psy­cho­sen liest, hält inne in sei­ner fri­vo­len Lek­tü­re. Der Nah­ver­kehr der gro­ßen Städ­te ruht, als hiel­te auch er den Atem an vor Erschüt­te­rung und Trau­er, Betrof­fen­heit und Empö­rung. Jedes ein­zel­ne ange­hal­te­ne Rad und Zahn­rad schreit es zum Him­mel: Nie wieder!

Der Text endet so rup­pig wie effekt­voll mit dem die offi­zi­el­le Staats­trau­er hin­ter­fra­gen­den Satz: »Und i muaß jetzt glei speibn.« Noch am sel­ben Abend distan­zier­te sich Karl­heinz Weiß­mann im Netz von die­sem Text mit der knap­pen Begrün­dung, er hal­te ihn für »geschmack­los« und für einen »Feh­ler«. War er dies?

Licht­mesz’ Bei­trag ist eine Sati­re, das heißt eine Text­gat­tung, die mit lite­ra­risch poin­tie­ren­den Mit­teln sozia­le Miß­stän­de auf­spießt. Zudem nutzt der Ver­fas­ser – man könn­te ihn von der Tech­nik her gera­de­zu einen Karl Kraus des Inter­nets nen­nen – die beson­de­ren Wir­kungs­mög­lich­kei­ten der Doku­men­tar­sa­ti­re. Nach spä­te­ren Anga­ben bestehen sogar vier Fünf­tel sei­nes Blog­bei­trags (ein­schließ­lich sei­nes pro­vo­kan­ten, von Hen­scheid ent­lehn­ten Schluß­sat­zes) aus Ori­gi­nal­zi­ta­ten: vor allem aus Tex­ter­güs­sen von DGB, BDA und dem Stern. Der Autor reagiert damit auf spe­zi­fi­sche Schwie­rig­kei­ten nicht zuletzt für heu­ti­ge Sati­ri­ker, eine absur­de, teils völ­lig aus dem Ruder gelau­fe­ne Rea­li­tät erzäh­le­risch über­haupt noch zu stei­gern. Sei­ne Mon­ta­ge von (ver­frem­de­ten wie unver­frem­de­ten) Zita­ten belegt per se sinn­fäl­lig den poli­tisch erwünsch­ten und in Serie pro­du­zier­ten, höchst­gra­dig kit­schi­gen Betroffenheitskult.

Darf Sati­re alles? 

War das »geschmack­los«, wie Weiß­mann meint? Ein ange­sichts der Trau­er-Umstän­de zu star­ker Tobak? Bedie­nen wir uns zur Pro­blem­klä­rung im Lager der momen­ta­nen kul­tur­po­li­ti­schen Ortho­do­xie! Hal­ten wir uns an Kurt Tuchol­sky, einen Fach­mann der spit­zen Feder und scharf­zün­gi­gen Atta­cke, der nach allen Kri­te­ri­en gegen­wär­ti­ger Hoch­schät­zung gewiß als bes­tens legi­ti­mier­ter Gut­ach­ter akzep­tiert ist. Sein Arti­kel von 1919 heißt sogar und beschäf­tigt sich zen­tral mit unse­rer Fra­ge­stel­lung »Was darf die Satire?«

Tuchol­skys Ant­wort resü­miert zunächst die bis heu­te nicht ganz unbe­fan­ge­ne Rezep­ti­on die­ses Gen­res in Deutschland:

Wenn einer bei uns einen guten poli­ti­schen Witz macht, dann sitzt halb Deutsch­land auf dem Sofa und nimmt übel.

Sati­re scheint eine durch­aus nega­ti­ve Sache. Sie sagt: ›Nein!‹ Eine Sati­re, die zur Zeich­nung einer Kriegs­an­lei­he auf­for­dert, ist kei­ne. Die Sati­re beißt, lacht, pfeift und trom­melt die gro­ße, bun­te Lands­knecht­strom­mel gegen alles, was stockt und trä­ge ist.

Sati­re ist eine durch­aus posi­ti­ve Sache. Nir­gends ver­rät sich der Cha­rak­ter­lo­se schnel­ler als hier, nir­gends zeigt sich fixer, was ein gewis­sen­lo­ser Hans­wurst ist, einer, der heu­te den angreift und mor­gen den.

Der Sati­ri­ker ist ein gekränk­ter Idea­list: er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlech­te an.

Die Sati­re eines cha­rak­ter­vol­len Künst­lers, der um des Guten wil­len kämpft, ver­dient also nicht die­se bür­ger­li­che Nicht­ach­tung und das empör­te Fau­chen, mit dem hier­zu­lan­de die­se Kunst abge­tan wird.

Vor allem macht der Deut­sche einen Feh­ler: er ver­wech­selt das Dar­ge­stell­te mit dem Dar­stel­len­den. Wenn ich die Fol­gen der Trunk­sucht auf­zei­gen will, also die­ses Las­ter bekämp­fe, so kann ich das nicht mit from­men Bibel­sprü­chen, son­dern ich wer­de es am wirk­sams­ten durch die packen­de Dar­stel­lung eines Man­nes tun, der hoff­nungs­los betrun­ken ist. Ich hebe den Vor­hang auf, der scho­nend über die Fäul­nis gebrei­tet war, und sage: ›Seht!‹ – In Deutsch­land nennt man der­glei­chen ›Kraß­heit‹.

Es fol­gen zahl­rei­che (von mir über­gan­ge­ne) zeit­ge­nös­si­sche Bei­spie­le, und sein Schluß gip­felt in einem Plä­doy­er für die als heil­sam emp­foh­le­ne def­ti­ge Schreibweise:

Der deut­sche Sati­ri­ker tanzt zwi­schen Berufs­stän­den, Klas­sen, Kon­fes­sio­nen und Lokal­einrichtungen einen stän­di­gen Eier­tanz. Das ist gewiß recht gra­zi­ös, aber auf die Dau­er etwas ermü­dend. Die ech­te Sati­re ist blut­rei­ni­gend: und wer gesun­des Blut hat, der hat auch einen rei­nen Teint.

Was darf die Satire?

Alles.

Die­se Auf­fas­sung hat man­ches für sich. Ledig­lich sei­ne Schluß­poin­te hal­te ich für eine effekt­vol­le Über­stei­ge­rung. Dabei will ich gewiß kei­ne noch stär­ke­re Gesin­nungs­zen­sur anre­gen, als sie im gegen­wär­ti­gen Deutsch­land ohne­hin herrscht, von gesetz­ge­be­ri­schen Initia­ti­ven zu schwei­gen. Aber eine Gene­ral­li­zenz für jed­we­de Atta­cke, Schär­fe oder Ver­let­zung möch­te ich eben­so­we­nig ertei­len. Denn auch das Schril­le hat sich zu recht­fer­ti­gen. Nicht jede Abge­schmackt­heit eines auf Sen­sa­tio­nen getrimm­ten Regis­seur­thea­ters brau­chen wir zu bil­li­gen. Nicht jede Wit­ze­lei eines Amü­sier­pö­bels, wie sie uns die Quo­ten­jagd heu­te gän­gi­ger TV-Come­dys und ‑Sati­ren beschert. Dage­gen soll­ten wir aus eige­nem Anspruch Gren­zen set­zen und einen unter die Haut gehen­den sati­ri­schen Angriff nur inso­weit legi­ti­mie­ren, als er durch ein eben­so gewich­ti­ges Anlie­gen und Ethos gedeckt wird. Ist das gege­ben, mögen die Fet­zen flie­gen. Und weil die­se auf Zuspit­zung grün­den­de Kunst­form stets ver­ein­facht, sei in Kauf genom­men, daß auch man­cher getrof­fen und in sei­nen Emp­fin­dun­gen und Wer­ten ver­letzt wird, des­sen Hand­lungs­mo­ti­ve weni­ger ver­ächt­lich sind als die sei­ner befeh­de­ten Umwelt. Dazu noch­mals Tucholsky:

»Über­treibt die Sati­re? Die Sati­re muß über­trei­ben und ist ihrem tiefs­ten Wesen nach unge­recht. Sie bläst die Wahr­heit auf, damit sie deut­li­cher wird, und sie kann gar nicht anders arbei­ten als nach dem Bibel­wort: Es lei­den die Gerech­ten mit den Ungerechten.«

Ein Bei­spiel aus his­to­ri­scher Distanz und dem lin­ken Lager möge dies ver­deut­li­chen: Vie­len reli­gi­ös gepräg­ten Zeit­ge­nos­sen zwi­schen den Welt­krie­gen moch­te Grosz’ »Chris­tus mit der Gas­mas­ke«, über den sogar in einem Got­tes­läs­te­rungs-Pro­zeß ver­han­delt wur­de, als üble Blas­phe­mie erschei­nen. Ande­ren, die den Krieg meist nicht gewünscht hat­ten und ledig­lich aus Pflicht­be­wußt­sein ertru­gen, gal­ten Tuchol­skys mili­tär­kri­ti­sche, radi­kal­pa­zi­fis­ti­sche Aus­fäl­le gegen die von ihm bekämpf­ten »Stüt­zen der Gesell­schaft« als maß­los und unan­ge­bracht. Doch wie immer man in die­ser Fra­ge poli­tisch, his­to­risch oder ästhe­tisch ste­hen moch­te, eines konn­te man den bei­den Pro­vo­ka­teu­ren gewiß nicht abspre­chen: ein gesell­schaft­li­ches Anlie­gen von hoher Wer­tig­keit. Denn so respekt­los, grob­schläch­tig und ver­let­zend der Ein­satz man­cher ihrer Mit­tel wir­ken moch­te, das Anlie­gen, ein zwei­tes gro­ßes Völ­ker­mor­den zu ver­hin­dern, war ein bedeu­ten­des. Der­glei­chen Ver­stö­ße gegen das sitt­li­che oder reli­giö­se Emp­fin­den hat eine auf­ge­klär­te Gesell­schaft zu ertragen.

Damit zurück zu Licht­mesz. »Geschmack­los« wäre sein Bei­trag, wenn er sich lus­tig gemacht hät­te über die Trau­er der Hin­ter­blie­be­nen. Inak­zep­ta­bel, wenn er eine Art »klamm­heim­li­che« Freu­de emp­fän­de, wie es sei­ner­zeit in der rela­tiv ver­brei­te­ten RAF-Sym­pa­thi­san­ten­sze­ne zum guten Ton gehör­te, als es zum Bei­spiel einen Gene­ral­bun­des­an­walt traf. Nichts von alle­dem fin­det sich in Licht­mesz’ Text, auch kein Bonus oder Malus für eige­ne oder frem­de Opfer. Statt des­sen atta­ckiert er kol­lek­ti­ve Heu­che­lei, Dop­pel­mo­ral samt ihren ver­häng­nis­vol­len innen­po­li­ti­schen Kon­se­quen­zen sowie poli­ti­sche Instru­men­ta­li­sie­rung. Er ver­folgt damit wahr­lich ernst­haf­te gesell­schaft­li­che Erzie­hungs­zie­le, die auch eine bit­ter­bö­se Sati­re recht­fer­ti­gen, selbst wo sie in miß­ver­ständ­li­cher Aus­le­gung Pie­täts­ge­füh­le ver­let­zen könnte.

Auch der dras­ti­sche Schluß­satz schreckt mich nicht, son­dern erin­nert mich an die Beer­di­gung eines mir nahe­ste­hen­den Kol­le­gen. Damals pro­du­zier­te sich ein soeben ins Land gekom­me­ner Funk­ti­ons­trä­ger, der den Toten allen­falls Minu­ten gekannt hat­te, durch eine so pein­li­che, schmie­ren­ko­mö­di­an­ti­sche Ges­te am Grab, daß ich sie mein Leb­tag nicht ver­ges­sen wer­de. Sein Gesichts­aus­druck war – bei gleich­zei­tig effekt­ha­sche­ri­schem Lau­ern in den Augen­win­keln – so schmerz­ver­zerrt, als las­te das gan­ze Leid die­ser Erde auf sei­ne Schul­tern. Auch damals hat­te ich das Gefühl, ich müs­se kotzen.

Kult und Macht, oder »Wenn zwei das Glei­che tun …«

Spricht aber nicht viel grund­sätz­li­cher aus höhe­rer Mora­li­tät doch man­ches dafür, auf dem Fried­hof allen tages­po­li­ti­schen Mei­nungs­streit zu ver­ban­nen und auch die sati­ri­schen Klin­gen zu sen­ken? Eine mir äußerst sym­pa­thi­sche Vor­stel­lung, nur lei­der im geschichts­po­li­ti­schen Raum völ­lig unüb­lich. Von Cäsars bis Lenins oder Maos Begräb­nis, von Anti­go­ne, die im Mythos ihren gefal­le­nen Bru­der bestat­tet, bis zu Rea­gans Bit­burg-Besuch erweist sich der öffent­li­che Umgang mit Toten stets auch als aktua­li­täts­be­zo­ge­ne Demons­tra­ti­on der jewei­li­gen Macht, die dem Geg­ner, wenn der nicht kapi­tu­lie­ren will, eine Stel­lung­nah­me gera­de­zu abverlangt.

Im Toten­kult erfol­gen durch­weg Auf- und Abwer­tun­gen gemäß jewei­li­ger poli­ti­scher Tagesva­lu­ta, von Lieb­knecht und Rosa Luxem­burg über Schla­ge­ter bis zur »Blut­fah­ne« der beim Münch­ner Putsch Erschos­se­nen. Welt­krie­ge, Revo­lu­tio­nen oder Pogro­me bie­ten wei­te­re Gele­gen­heit zu viel­fäl­ti­gen Grä­ber-Hier­ar­chien, wobei bereits Jün­gers Modell­staat sei­ner Mar­mor­klip­pen das schä­bi­ge Mus­ter beschreibt, nach dem nur die Opfer des eige­nen Lagers für wür­dig befun­den werden:

Den Mord ver­moch­ten sie nur auf der Gegen­sei­te zu erken­nen, und den­noch war bei ihnen rühm­lich, was dort als ver­ächt­lich galt. Wäh­rend ein jeder die ande­ren Toten kaum für wür­dig hielt, bei Nacht und ohne Licht ver­scharrt zu wer­den, soll­te um die Sei­nen das Pur­pur­tuch geschlun­gen wer­den, es soll­te das Ebur­num klin­gen und der Adler stei­gen, der das Lebens­bild der Hel­den und Seher zu den Göt­tern trägt.

Und knapp 70 Jah­re spä­ter heißt es in Rei­ner Kun­zes »nach­richt von der menschheit«:

Ein uner­meß­li­ches leid

ver­wies

ein uner­meß­li­ches leid

auf die tie­fe­re stel­le am mast

und sprach:

Mei­ner trauer

ist kei­ne trau­er ebenbürtig

Da fal­te­te das

auf die tie­fe­re stel­le verwiesene

uner­meß­li­che leid

sei­ne trau­er zusammen

und ging

in die ein­sam­keit sei­ner toten.

Bei sol­chen An‑, Auf­rech­nun­gen oder Degra­die­run­gen lau­fen (Geschichts-)Politiker der Moder­ne gera­de­zu zur Hoch­form auf. Und die Toten sind sozu­sa­gen das Salz in der mit Tages­interessen gewürz­ten Sup­pe, anders gesagt: ihr wich­tigs­tes huma­nes Spiel­ka­pi­tal auf den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­bör­sen die­ser Welt zur Fun­die­rung von wirt­schaft­li­chen, poli­ti­schen und zahl­rei­chen ande­ren For­de­run­gen. Das dabei ver­ur­sach­te end­lo­se Gezer­re läßt sich zuwei­len nur mit einem gehö­ri­gen Schuß Sar­kas­mus ertra­gen. Denn zwei­fel­los gibt es modi­sche und unmo­di­sche Tote, pri­vi­le­gier­te und unpri­vi­le­gier­te, wor­über gege­be­nen­falls Regie­run­gen, Gerich­te und nicht zuletzt Medi­en nach aktu­el­len Oppor­tu­ni­täts­kri­te­ri­en entscheiden.

Was zäh­len etwa 100 Mil­lio­nen welt­weit Ermor­de­te, sofern sie angeb­lich einem Mensch­heits­traum dien­ten, ange­sichts ande­rer Opfer­grup­pen, die kei­ne Sym­pa­thi­san­ten­lob­by für sich mobi­li­sie­ren kön­nen? War­um ste­hen eini­ge Tote im Bewußt­sein aller Deut­schen ganz oben, ande­re nicht? Wie klas­si­fi­ziert sich ein erschla­ge­ner Bal­te, Ukrai­ner oder Arme­ni­er im Auf­merk­sam­keits­ran­king? War­um wer­den etwa afri­ka­ni­sche Geno­zi­de, was Welt­öf­fent­lich­keit betrifft, eher zu Dis­count­prei­sen gehan­delt, zäh­len umge­kom­me­ne deut­sche Ver­trie­be­ne kaum, Bom­ben­op­fer prak­tisch gar nicht? Wann wird man staats­akts­wür­dig, wann auf kei­nen Fall? Man stel­le sich vor, es wären bei der Bestat­tung von Mund­los oder Böhn­hardt sol­che Reden gehal­ten wor­den wie am Grab von Baa­der, Mein­hoff, Ens­s­lin oder Hol­ger Meins. Viel­mehr ist sol­ches hier und heu­te etwa genau­so unvor­stell­bar wie ein bun­des­re­pu­bli­ka­ni­scher Jus­tiz­mi­nis­ter, der sich bei den Ange­hö­ri­gen getö­te­ter Deut­scher für ver­fehl­te Lang­mut und Nach­läs­sig­keit ent­schul­dig­te, mit der die Sicher­heits­be­hör­den aus­län­di­scher Haß­kri­mi­na­li­tät begeg­net sind.

Und auch in Lite­ra­ten­krei­sen weiß man ganz genau, was man hier­zu­lan­de darf und was nicht. Als 1969 Lud­wig Harigs »Staats­be­gräb­nis« über den Äther ging, eine sati­ri­sche Mon­ta­ge von Trau­er­re­den und Repor­ta­gen wäh­rend Ade­nau­ers Toten­fei­er, erreg­te sich zwar noch der Inten­dant des Saar­län­di­schen Rund­funks, aber die Kri­tik fei­er­te den Tabu­bruch fast ein­hel­lig als Mei­len­stein bun­des­re­pu­bli­ka­ni­scher Hör­spiel­ent­wick­lung. Spä­te­re Lob­red­ner die­ses zwei­fel­los gekonn­ten und reiz­voll-pro­vo­ka­ti­ven Texts habe ich durch die Rück­fra­ge ver­un­si­chert, was wohl gesche­hen wäre, wenn ein Autor das glei­che künst­le­ri­sche Ver­fah­ren etwa bei Bubis’ Begräb­nis ange­wandt hät­te. Kurz: Ein herr­schafts­frei­er Raum ist auch der Fried­hof mit­nich­ten. Und so darf es auch dem Sati­ri­ker nicht ver­bo­ten sein, auf die­sem Kampf­feld für die jeweils Schwä­che­ren Par­tei zu nehmen.

Der tak­ti­sche Aspekt

Was rich­tig ist, muß nicht klug sein. War Licht­mesz’ Ver­öf­fent­li­chung zu die­sem hoch­sen­si­blen Anlaß ein Feh­ler? Unter schlicht par­tei­tak­ti­schen Gesichts­punk­ten mög­li­cher­wei­se. Den­ken wir etwa an Brechts polit­stra­te­gi­sche Anwei­sung sei­ner Maß­nah­me:

Wer für den Kom­mu­nis­mus kämpft, der muß kämp­fen kön­nen und nicht kämp­fen; die Wahr­heit sagen und die Wahr­heit nicht sagen; Diens­te erwei­sen und Diens­te ver­wei­gern; Ver­spre­chen hal­ten und Ver­spre­chen nicht halten.

Sich in Gefahr bege­ben und die Gefahr ver­mei­den; kennt­lich sein und unkennt­lich sein. Wer für den Kom­mu­nis­mus kämpft, hat von allen Tugen­den nur eine: daß er für den Kom­mu­nis­mus kämpft.

Nun ist aber die Sze­ne um die Sezes­si­on gewiß kei­nem ver­gleich­ba­ren Macht­zy­nis­mus ver­pflich­tet. Und nichts liegt mir fer­ner, als Weiß­manns Vor­wurf in solch dubio­sem Umfeld zu ver­or­ten. Viel­mehr neh­me ich sei­ne Beden­ken durch­aus ernst und deu­te sein Urteil als Resul­tat einer Hand­lungs­pa­ra­do­xie. Denn grund­sätz­lich dient man zur Zeit der gemein­sa­men Sache sicher am bes­ten, wenn man mut­wil­li­ge Mili­tanz oder Schroff­heit mei­det. Erschreckt die­se doch all­zu leicht poten­ti­el­le Ver­bün­de­te ange­sichts einer völ­lig ver­hetz­ten Umwelt, in der man sich die poli­ti­sche Rech­te offen­bar weit­ge­hend als Abkömm­lin­ge Trans­sil­va­ni­ens vor­stellt mit Schaum vorm Mund und Kil­ler-Dol­chen zwi­schen den Zähnen.

Aus viel­fa­cher Anschau­ung ist mir hin­läng­lich bekannt, wie vie­le Wider­stän­de – sprich: (pani­sche) Ängs­te – zu über­win­den sind, bis ein durch heu­ti­gen Jour­na­lis­mus Sozia­li­sier­ter sich auch nur dar­auf ein­läßt, alter­na­ti­ve Argu­men­te anzu­hö­ren, die gemäß Main­stream als kon­ta­mi­niert gel­ten. Auch sol­che mög­li­chen Bünd­nis­part­ner wol­len also bedacht sein. Denn die Ver­brei­tung unse­res Ein­fluß­ter­rains über ein kämp­fe­ri­sches Zen­trum hin­aus bleibt unver­zicht­ba­re Zukunfts­auf­ga­be, wenn wir wenigs­tens in klei­nen Nischen auch aktu­el­le Wir­kung anstre­ben. Dabei sei am wenigs­ten an Poli­ti­ker oder Jour­na­lis­ten gedacht. Denn auch für Samt­pföt­chen-Bei­trä­ge erteilt das gegen­wär­ti­ge Kom­mu­ni­ka­ti­ons­im­pe­ri­um kei­nen Wohl­ver­hal­tens­ra­batt. Wir befin­den uns schließ­lich nicht in der Sphä­re frei­er Gedan­ken, son­dern der der Macht. Und man unter­hält nicht umsonst kost­spie­lig Tau­sen­de von ideel­len Trüf­fel­schwei­nen auf der Ketzersuche.

Solch miß­li­che Aus­gangs­la­ge, in der bereits seit Jahr­zehn­ten der Geg­ner die pro­pa­gan­dis­ti­sche Luft­ho­heit besitzt, stei­gert wie­der­um die Nei­gung, sich zuwei­len mit einem veri­ta­blen publi­zis­ti­schen Wut­aus­bruch wenigs­tens per­sön­lich zu befrei­en. Zu lan­ge schon tri­um­phie­ren in der poli­tisch-media­len Öffent­lich­keit die Unver­ant­wort­li­chen, Halb­den­ker und Pras­ser: die geball­te Arro­ganz, Igno­ranz und Infa­mie, die sich auch noch anmaßt, die weni­gen Non­kon­for­mis­ten intel­lek­tu­ell und mora­lisch zu beleh­ren ali­as zu dis­zi­pli­nie­ren. Bis zum Letz­ten rei­zen und kos­ten sie es aus, »gewon­nen« zu haben, was zwar nicht für ihr Land, gewiß aber für sie per­sön­lich gilt. Sol­len wir ange­sichts eines sol­chen Ärger­nis, um einer nebu­lö­sen Zukunft wil­len, auch noch die Zäh­ne zusammenbeißen?

Licht­mesz hat dies nicht getan und dabei vie­len aus der See­le gespro­chen. Doch ist die­ser kurz­fris­ti­ge Wohl­fühl­ef­fekt nicht zu teu­er erkauft, wenn er mit­tel­fris­tig scha­det? Wenn er uns in die gefähr­li­che Nähe von (z.T. straf­recht­lich unter­füt­ter­ten) Ver­däch­ti­gun­gen bringt? Wenn die media­le Kor­rekt­heits­wal­ze bereits rollt? Nun, ich fürch­te, es gibt in die­ser Fra­ge kei­nen gro­ßen Ent­schei­dungs­spiel­raum, wenn wir Pro­fil bewah­ren wol­len. Denn was der Autor sati­risch ver­tei­digt hat, war ideel­le Kern­sub­stanz, die nicht mehr zur tak­ti­schen Dis­po­si­ti­on ste­hen darf. Sein Ein­spruch gegen emo­tio­na­le Erpres­sung, poli­ti­schen Bekennt­nis­zwang, Mario­net­ten­mo­ral, trä­nen­rei­che Heu­che­lei, Mea-cul­pa-Kult mit ver­het­zen­der Wir­kung auf unan­gepaß­te Volks­grup­pen – in sum­ma: tota­li­tä­re Gesin­nungs­len­kung im Dienst mul­ti­eth­ni­scher Illu­sio­nen – berührt unser zen­tra­les Anliegen.

Die­ser seit 1945 ein­ge­bleu­ten Büßer­hal­tung, die sich inzwi­schen ver­selb­stän­digt hat, in sub­stanz­lo­sem Alar­mis­mus alles und jedes erfaßt und uns auch in der poli­ti­schen Gegen­wart kei­nen kla­ren Gedan­ken mehr fas­sen läßt, gilt der Kampf als dem Erz­übel einer Kol­lek­tiv­pa­nik mit Wei­te­run­gen in zahl­lo­sen Berei­chen. Nicht aus Mit­leid­lo­sig­keit, son­dern eher Mit­leid mit den Getrie­be­nen einer von trau­ma­ti­sier­ten Sen­ti­men­ta­len und ihren Nutz­nie­ßern gepeitsch­ten Ham­mel­her­de. Aus sol­cher Gefühls­ge­mein­schaft aus­zu­stei­gen, ist Sezes­si­on pur. Das mag gefähr­lich sein, weil es Denun­zi­an­ten ver­lo­cken­de Beu­te ver­heißt. Aber gefähr­lich ist auch der Massenwahn

 Gastbeitrag

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