Sezession
1. April 2012

Was darf Satire?

Gastbeitrag

47pdf der Druckfassung aus Sezession 47 / April 2012

von Günter Scholdt

Binnenpluralismus

Für die Sezession im Netz war der Jahresbeginn dadurch gekennzeichnet, daß in zwei markanten Fällen (Noltes Späte Reflexionen und Lichtmesz’ »Die Schweigeminute«) deutliche Meinungsunterschiede in den eigenen Reihen zum Ausdruck kamen. Das mag mancher bedauern. Mir scheint es weniger bedenklich als natürlich und zudem als Beleg dafür, daß man, sozusagen »erwachsen« geworden, eine lediglich auf Außenwirkung bedachte harmonieselige Uniformitätsfassade für verzichtbar hält.

Zwar teilt die von der Sezession vertretene metapolitische Alternative zum Macht- und Medienkartell der Berliner Republik fraglos Grundüberzeugungen. Ich nenne stellvertretend Diagnosen wie die von der (durch die jetzige Parteienherrschaft nicht zu behebende) gesellschaftlichen Fundamentalkrise, von der substantiellen Beschädigung der Meinungsfreiheit in Deutschland oder vom Nationaltrauma als stärkstem Hemmnis einer situationsangemessenen Tagespolitik. Aber diese im wesentlichen geistige Opposition ist selbstbewußt genug zur Einsicht, daß über diverse inhaltliche Details, Wertungen, Lösungen, politstrategische Fragen usw. zuweilen durchaus verschieden gedacht werden mag. Das Schreckbeispiel einer in Kernfragen des Staates parteiübergreifend quasi verordneten bundesrepublikanischen Offizialmoral, die ja nur künstlich durch massive Sanktionen aufrechterhalten wird, dient ihr als Lehre.

Gestritten wurde in den genannten Fällen um einer grundsätzlichen Klärung willen. Und ausschließlich in diesem Sinne möchte ich aus kurzem zeitlichen Abstand nochmals auf die Internet-Kontroverse von Weißmann und Lichtmesz zurückkommen. Der Anlaß war gewiß nicht belanglos, sondern gewichtig und respektabel wie die jeweils vertretenen Positionen und Werte. Von daher dürfen wir uns auch vom Ergebnis dieses Streits zukunftsorientierte Aufschlüsse erwarten.

Der Streitgegenstand

Am 23. Februar beschäftigte sich Lichtmesz in Sezession im Netz mit der landesweit proklamierten Gedenkfeier zu Ehren der laut polizeilichen Ermittlungen vom NSU Erschossenen. Er tat es auf eine hochironische Weise, die folgende Passage illustriert:

Deutschland, 23. Februar 2012, Punkt 12 Uhr. Während die Kirchenglocken die Mittagsstunde einschlagen, erheben sich die Menschen in Deutschland, von der Waterkant bis zu den Alpen, vom Rhein bis an die Oder von ihren Sitz- und Stehplätzen, halten inne in ihrem Tun und Werken, in ihren Gedanken, Worten und Taten, schließen, sich besinnend, die Augen oder wenden sie gen Himmel.

Putzfrau putzt nicht mehr, Verkäuferin verkauft nicht mehr, Kindergärtnerin kindergärtnert nicht; Rauchfangkehrer rauchfangkehrt nicht mehr, Bäcker bäckt nicht mehr, Pfarrer pfarrt nicht mehr, Bauarbeiter baut nicht, Lehrer lehrt nicht. Landesweit klappen Schulklassen behutsam ihre Rechenhefte und Lesebücher zu, erheben sich von den Sitzbänken und verharren in schweigender Andacht. (Allein K.s Kinder täuschen wieder einmal epileptische Anfälle vor.) Die Preßlufthämmer und die Motoren der Busse stehen still.

Die Säge verharrt auf halbem Wege im Holz, der Span in der Luft. Der Kaffeebecher in der Hand des Zeitungsredakteurs stockt kurz vor der sonst so zynisch-kessen Lippe. Die Hand des Paketausträgers, dessen gespitzter Finger sich der Türklingel nähert, erstarrt jäh, als die Mittagsglocke ihr ›Gedenk, o Mensch‹ erklingen läßt.

Der Sezessionist, der gerade ein Buch über Massenwahn und kollektive Psychosen liest, hält inne in seiner frivolen Lektüre. Der Nahverkehr der großen Städte ruht, als hielte auch er den Atem an vor Erschütterung und Trauer, Betroffenheit und Empörung. Jedes einzelne angehaltene Rad und Zahnrad schreit es zum Himmel: Nie wieder!

Der Text endet so ruppig wie effektvoll mit dem die offizielle Staatstrauer hinterfragenden Satz: »Und i muaß jetzt glei speibn.« Noch am selben Abend distanzierte sich Karlheinz Weißmann im Netz von diesem Text mit der knappen Begründung, er halte ihn für »geschmacklos« und für einen »Fehler«. War er dies?


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