Sezession
3. April 2013

125. Geburtstag Gerhard Ritter

Gastbeitrag

9783935063562(Text aus dem Band Vordenker des Staatspolitischen Handbuchs, Schnellroda 2012.)

von Karlheinz Weißmann

Gerhard Ritter war ohne Zweifel die Zentralgestalt der deutschen Historiographie in den beiden ersten Nachkriegsjahrzehnten und gleichzeitig der Garant ihrer – gemäßigt – konservativen Ausrichtung. Die Ursache dafür lag einmal in dem bedeutenden wissenschaftlichen Werk, das Ritter schon in den zwanziger, dreißiger und vierziger Jahren geschaffen hatte, zum anderen in seiner moralischen Reputation als Mitglied des »Freiburger Kreises«, der zu den Gruppen des bürgerlichen Widerstands in der NS-Zeit gehörte.

Ritter stammte – zusammen mit seinen Brüdern, dem späteren Theologen Karl Bernhard und dem späteren Orientalisten Hellmut Ritter – aus einer hessischen Pfarrer- und Beamtenfamilie. Nach dem Abitur studierte er an den Universitäten München, Heidelberg, Leipzig und Berlin Germanistik und Geschichte, schloß 1912 mit der Promotion ab und unterrichtete für einige Zeit als Gymnasiallehrer. Der Erste Weltkrieg verhinderte die Fortsetzung der wissenschaftlichen Laufbahn. Im Februar 1915 eingezogen, diente Ritter als Infanterieoffizier, wurde mehrfach verwundet und mit dem Eisernen Kreuz beider Klassen ausgezeichnet. Nach dem Krieg habilitierte er sich 1921 an der Universität Heidelberg, 1924 erhielt er einen Ruf nach Hamburg, im Folgejahr nach Freiburg. Dort lehrte er bis zu seiner Emeritierung 1956.

Ritters Doktorarbeit hatte »Die preußischen Konservativen und Bismarcks deutsche Politik 1858–1876« behandelt. Mit dieser Themenwahl waren auch Schwerpunkte seiner weiteren wissenschaftlichen Tätigkeit bezeichnet: die Entwicklung Preußens und Preußen-Deutschlands seit dem 18. Jahrhundert in Verknüpfung mit der Entstehung eines deutschen Eigenbewußtseins, die Bedeutung der Staatengeschichte und ihre Erfassung in sorgfältiger Quellenanalyse. Daneben trat dann noch ein Interesse an biographischen Arbeiten, das sich in Monographien über Luther (zuerst 1925), den Freiherrn vom Stein (zuerst 1931), Friedrich den Großen (zuerst 1936) und schließlich den Widerstandskämpfer Carl Goerdeler (zuerst 1954) niederschlug, mit dem Ritter persönlich befreundet gewesen war.

Aufschlußreich ist auch, daß Ritter bereits in seiner Dissertation eine Analyse des Konservatismus lieferte, die mit seiner eigenen politischen Positionsbestimmung zu tun hatte. Denn er arbeitete hier heraus, daß der Versuch, eine prinzipienfeste – und doktrinäre – Auffassung des Konservatismus zu etablieren, nicht nur zu Wirklichkeitsverlust führte, sondern auch zu einem Selbstwiderspruch, insofern, als das unbedingte Festhalten an überkommenen Einrichtungen und Wertvorstellungen zwangsläufig in deren vollständiger Zersetzung mündet. Ritters Sympathie gehörte Bismarck und dessen Vorstellung von Realpolitik. Das hat ihn wahrscheinlich auch davor bewahrt, nach dem Ende des Kaiserreichs nostalgischen Ideen anzuhängen. Zwar hielt er an der Überlegenheit der monarchischen Verfassung fest, übte auch in den zwanziger Jahren scharfe Kritik am Versailler Vertrag und dem »Westen«, aber man wird Ritter trotzdem den »Vernunftrepublikanern« zuordnen müssen, die unter den deutschen Hochschullehrern der Zeit eine Mehrheit stellten. Bezeichnend ist, daß er sich 1929 zum Eintritt in die nationalliberale DVP, nicht in die DNVP, entschloß und danach aktiv für einen – autoritären – Umbau der Verfassung unter Deckung durch den Reichspräsidenten eintrat.

Ritter hat die Agonie von Weimar für zwangsläufig gehalten. Auch später vertrat er die Auffassung, Weimar sei an einem Zuviel, nicht einem Zuwenig, an Demokratie zugrunde gegangen. Für das Regime Hitlers hatte er keine Sympathie, glaubte aber bis zum Tod Hindenburgs an die Möglichkeit, zu »altpreußischer Staatlichkeit« zurückzukehren, und registrierte anerkennend die außenpolitischen Erfolge. Die Ursache seiner Abwendung lag in den antisemitischen Maßnahmen einerseits, in der Radikalisierung des Kirchenkampfs andererseits begründet. Ritters Buch Machtstaat und Utopie von 1940 kann durchaus als zentrales Werk der »Inneren Emigration « betrachtet werden, insofern, als es die – wenn auch verschleierte – Generalkritik an einer Politik enthielt, die sich weder an das überlieferte antike noch an das christliche Sittengesetz halten wollte. Es lag insofern in der Logik der Entwicklung, daß Ritter zu den Mitwissern der Umsturzpläne vom Sommer 1944 gehörte, noch im November des Jahres verhaftet wurde und bis zum Kriegsende in einem Berliner Gefängnis blieb.

Sein Ansehen erlaubte es Ritter, nach 1945 wesentlich an der Reorganisation der (west)deutschen Geschichtswissenschaft mitzuwirken. Ihm ging es dabei um »Läuterung«, aber auch darum, den ideologischen Einfluß der Siegermächte zurückzudämmen. Zwischen 1948 und 1953 fungierte er als erster Vorsitzender des Historikerverbandes, außerdem sorgte er für den Wiederaufbau des Geschichtslehrerverbandes. Ritter war davon überzeugt, daß nur ein echtes Geschichtsbewußtsein helfen könne, die notwendige Regeneration herbeizuführen. Ausdrücklich lehnte er die Kollektivschuldthese und die Annahme eines deutschen Sonderwegs ab. Wie er in seinem Buch Europa und die deutsche Frage (1948) darlegte, war der Nationalsozialismus nicht das Ergebnis spezifisch deutscher Bedingungen, sondern eine Folge des Massenzeitalters in der Konsequenz der Französischen Revolution. Die in dieser Anschauung schon enthaltene Verteidigung der Entwicklung Deutschlands unter preußischer Führung entfaltete er dann noch einmal in seinem Spätwerk Staatskunst und Kriegshandwerk (1954–1968), das sich mit dem Problem des »Militarismus« auseinandersetzte.

Diese monumentale Arbeit liest sich in ihren letzten Teilen auch wie eine Stellungnahme Ritters zur sogenannten »Fischer-Kontroverse« über die Rolle des Reichs im Ersten Weltkrieg. In seinen letzten Lebensjahren machte Ritter noch einmal seinen ganzen Einfluß geltend, um jene »Verschattung« der deutschen Geschichte zu verhindern, die das geistige Leben der Bundesrepublik seit den sechziger Jahren zu bestimmen anfing. Allerdings stand er dabei schon fast allein, hatte jedenfalls zu wenige Verbündete, um noch Entscheidendes zu erreichen.

Schriften: Die preußischen Konservativen und Bismarcks deutsche Politik 1858–1876, Heidelberg 1913; Luther. Gestalt und Symbol, München 1925; Stein. Eine politische Biographie, 2 Bde., Stuttgart 1931; Friedrich der Große, Leipzig 1936; Machtstaat und Utopie, München 1940 (ab 1947 unter dem Titel Die Dämonie der Macht); Die Weltwirkung der Reformation, Leipzig 1941; Geschichte als Bildungsmacht, Stuttgart 1946; Vom sittlichen Problem der Macht, Bern 1948; Die Neugestaltung Deutschlands und Europas im 16. Jahrhundert, Berlin (West) 1950; Carl Friedrich Goerdeler und die deutsche Widerstandsbewegung, Stuttgart 1954; Der Schlieffenplan. Kritik eines Mythos. Mit erstmaliger Veröffentlichung der Texte, München 1956; Staatskunst und Kriegshandwerk. Das Problem des »Militarismus « in Deutschland, 4 Bde., Stuttgart 1954–1968.

Literatur: Ulrich Bayer: Gerhard Ritter (1888–1967), in: Johannes Ehmann (Hrsg.): Lebensbilder aus der evangelischen Kirche in Baden im 19. und 20. Jahrhundert. Bd. II: Kirchenpolitische Richtungen, Heidelberg 2010; Christoph Cornelißen: Gerhard Ritter. Geschichtswissenschaft und Politik im 20. Jahrhundert, Düsseldorf 2001.


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