1. Juni 2012

Masse und Macht – über Elias Canetti

Martin Lichtmesz

48pdf der Druckfassung aus Sezession 48 / Juni 2012

Deutsch war nach Spaniolisch (das »Judenspanisch« der Sepharden), Bulgarisch und Englisch erst die vierte Sprache, die Elias Canetti erlernte. Genauer gesagt, wurde sie ihm von seiner Mutter gewaltsam eingepflanzt, mit einer Methode, deren Erfolg ihm noch Jahrzehnte später unfaßbar erschien. 1913 war Canetti acht Jahre alt, der Umzug der Familie von England nach Wien stand unmittelbar bevor. Seine Mutter las ihm eine erkleckliche Anzahl deutscher Sätze vor, übersetzte sie rasch ins Englische und befahl ihm, sich bis zum nächsten Tag ihren Sinn zu merken, untersagte jedoch, sie nachzuschlagen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Jedes Gedächtnisversagen wurde mit verächtlichem Hohn bestraft. Es hing viel an dieser Sprache: In ihr führten die Eltern ihr intimes »Liebesgespräch«, das die Kinder ausschloß und das mit dem frühen Tod von Canettis Vaters verstummt war. Nach qualvollen Wochen war Canetti endlich in den Arkanbereich vorgedrungen: Er wurde nun endgültig zum Thronfolger des Verstorbenen an der Seite einer besitzergreifenden, genial-neurotischen Mutter.

Elias Canetti, geboren als Sohn sephardischer Juden am 25. Juli 1905 im bulgarischen Rustschuk (heute: Russe), wo das Osmanische Reich an das Königreich Rumänien grenzte, wurde zu einem der bedeutendsten Schriftsteller deutscher Zunge im 20. Jahrhundert. 1981 erhielt er den Literaturnobelpreis. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er neben Rustschuk in Manchester, Zürich und Frankfurt am Main, den größten Teil seines erwachsenen Lebens in London und wiederum in Zürich. Die prägende Stadt für Leben und Werk war allerdings Wien, wo er von 1913 bis 1916 und von 1924 bis 1938 lebte, ehe ihn der Nationalsozialismus in die Emigration zwang.

In Wien machte Canetti Bekanntschaft mit Robert Musil, Hermann Broch, Franz Werfel und Alban Berg; er verfiel der »Diktatur« des wortgewaltigen Karl Kraus, freundete sich mit dem Bildhauer Fritz Wotruba an und lernte seine spätere Ehefrau, die acht Jahre ältere Veza Taubner-Calderon kennen, die ebenfalls sephardischer Abstammung war. Der junge Canetti, der ohne innere Teilnahme Chemie studierte und sich nur langsam zur dichterischen Berufung vorantastete, war ein Mensch voller extremer innerer Spannungen, mit einer gut verborgenen, aber heftigen Empfindsamkeit, einer scharfen sinnlichen Wahrnehmung und einem ebenso scharfen Verstand. Von seinem Studentenzimmer in Wien-­Hacking aus konnte er bis nach Steinhof blicken, einem psychiatrischen Komplex aus unzähligen Pavillons, in deren Mitte die goldene Jugendstilkuppel der Otto-Wagner-Kirche glänzte. Diese »Stadt der Irren«, die angeblich Tausende Einwohner zählte, war ihm ein Spiegel für die Laby­rinthe und Gefährdungen seiner eigenen Seele. »Ich war voll von Fragen und Chimären, Zweifeln, bösen Ahnungen, Katastrophenängsten, aber auch von einem unheimlich starken Willen, mich zurechtzufinden, die Dinge auseinanderzunehmen, ihre Richtung zu bestimmen und sie dadurch zu durchschauen.«

Als »Frucht des Feuers« entstand sein erster großer Wurf: der Roman Die Blendung, der 1935, vier Jahre nach seiner Niederschrift, mit einem von Alfred Kubin gestalteten Einband erschien. Es ist ein Werk wie Feuer und Eis, von einer zuweilen unerträglichen Intensität, das gleichzeitig extrem zuspitzend wie kalt sezierend dem selbstzerstörerischen Wahnsinn seiner Hauptfigur, dem kauzigen Sinologen und Büchermenschen Kien (zunächst: Kant), bis ins mikroskopische Detail folgt. Die Blendung war Exorzismus und Auto-da-fé zugleich für den jungen Autor: »Im Herbst 1931 legte Kant Feuer an seine Bibliothek und verbrannte mit seinen Büchern. Sein Untergang ging mir so nahe, wie wenn es mir selber geschehen wäre. Mit diesem Werk beginnt meine eigene Einsicht und Erfahrung.«

Aber noch an einer anderen entscheidenden Stelle hatte sich ihm in Wien die bedrohliche »Entzündbarkeit der Welt« offenbart. Am 15. Juli 1927 wurde Canetti Zeuge eines Ereignisses, das zu einem der einschneidendsten seines Lebens wurde. Am 30. Januar des Jahres war es im burgenländischen Schattendorf zu einem Zusammenstoß der rechten »Frontkämpfervereinigung« mit den sozialdemokratischen »Schutzbündlern« gekommen. Dabei wurden ein achtjähriges Kind und ein Kriegsinvalide von den Kugeln der »Frontkämpfer« getötet. Als im Juli die Presse das »gerechte Urteil« des Freispruchs der Angeklagten verkündete, kam es in Wien zu einem heftigen Tumult, in dessen Folge der Justizpalast brannte und 89 Demonstranten dem Eingreifen der Polizei zum Opfer fielen.

Canetti hatte die Ereignisse aus nächster Nähe miterlebt und wurde selbst in den Prozeß der eskalierenden Massenbildung hineingerissen, der zu Tod und Zerstörung führte. »Ich wurde zu einem Teil der Masse, ich ging vollkommen in ihr auf, ich spürte nicht den leisesten Widerstand gegen das, was sie unternahm.« Das Thema der Masse, das ihn schon seit früher Jugend beschäftigte, kristallisierte sich nun im Trauma dieses »hell-erleuchteten, entsetzlichen Tages«, der die empirische Grundlage für sein Hauptwerk, Masse und Macht, bereitete, das nach jahrzehntelanger Arbeit im Jahre 1960 erschien und seinen Weltruhm sicherte. »Was ich in weit auseinanderliegenden Quellenwerken suchte, hervorholte, prüfte, herausschrieb, las und wie unter Zeitlupe wiederlas, konnte ich gegen die Erinnerung an dieses zentrale Ereignis halten, die frisch blieb, was immer auch später in größerem Maßstab geschah, mehr Menschen einbezog und für die Welt folgenreicher war.«

Masse und Macht geriet zur einzigartigen dichterischen Synthese aus anthropologischem, mythischem, ethnologischem, psychologischem Material, die sich sowohl der Moralisten- als auch der Entlarverpose enthielt. »Masse« und »Macht« waren für Canetti brennende, schreckliche Rätsel, existentielle Erschütterungen, denen er mit dem Schild und Schwert seiner luziden Sprachgewalt stoisch entgegentrat. In der Masse schlug die natürliche Berührungsfurcht des Menschen in ihr Gegenteil um, in eine Art Verschmelzungswonne, aus der eine neue, den einzelnen verschlingende und übersteigende Entität hervorging, ein gefräßiges, in ständiger dynamischer Verwandlung begriffenes Untier, ein raumgreifendes Gebilde, das wächst, mitreißt, ansteckt, verdichtet, polarisiert, das wie ein Fluß über seine Ufer tritt, zerstört, nivelliert, überschwemmt und egalisiert, das sich auf seinem Höhepunkt entlädt und jäh wieder zerfällt.

Die Masse kann von einem Führer oder Demagogen aufgestachelt und dirigiert werden, aber auch eine eigene zielgerichtete Schwarmintelligenz entwickeln, sie kann als »Hetzmasse« im Pogrom, als »Fluchtmasse« angesichts einer Gefahr, als »Verbotsmasse« im Streik oder als »Umkehrungsmasse« in der Revolution auftauchen. In ihrer Urform tritt sie als »Meute« bei der Jagd, im Krieg und der kollektiven Klage auf. Sie kann handfest real sein wie auch im rein Imaginären wirken als religiöse oder wahnhafte Vorstellung von unsichtbaren Dämonenscharen oder den Totenheeren der Ahnen. Auf der Ebene der Symbole erscheint sie im Bild des Waldes, des Korns, des Sandes, als Meer oder Feuer.

Um aber das Verhältnis der Masse zur Macht zu erfassen, setzte Canetti an den nackten physischen Grundlagen des Menschseins an. Der Mensch muß sterben und weiß darum; er muß andere Lebewesen töten und sich einverleiben, um sein Überleben zu sichern, er weiß aber auch, daß er sich seinerseits in ständiger Gefahr befindet, getötet und einverleibt zu werden. Dieser Lage Herr zu sein, als Töter und nicht als Getöteter aus ihr hervorzugehen, das bedeutet Macht, und dies ist das düstere Arkanum, das den Sozietäten der Menschen auch in ihren kompliziertesten und verfeinertsten Formen zugrunde liegt. Canetti findet den Schatten dieses Fluchtpunkts in den kleinsten Gesten der sozialen Distanz und Nähe, der Unterwerfung und der Überhöhung wieder. Selbst die Körperstellungen des Menschen, wie Sitzen, Stehen, Liegen, Hocken und Knien, spiegeln Aspekte der Macht- und Machtlosigkeit wieder. Jedes Mehr oder Weniger bedeutet letztlich ein Mehr oder Weniger an Leben oder Tod.

»Masse« und »Macht« werden also durch Canettis eigentlichen Hauptfeind, den Tod, miteinander verbunden, dem er sein beinahe 90 Jahre währendes Leben mit unversöhnlichem Haß gegenüberstand, Auge in Auge, unter bewußtem Verzicht auf metaphysische Tröstungen. Der plötzliche, unerklärliche Tod seines erst 31jährigen Vaters Jacques war die Urszene und das Urtrauma dieser lebenslangen Besessenheit. Die Autorschaft bot die Möglichkeit eines heroischen Widerstandes und Protestes durch das Wort, aber auch einer Art von Unsterblichkeit, die dem Überleben seinen »Stachel« nahm. Denn dieser tiefste Trieb des Menschen ging immer auf Kosten der Toten, der anderen, die man hinter sich zurückließ oder die selbst getötet werden mußten, und kaum ein Mensch zögert, die anderen diesen Preis bezahlen zu lassen. Das Werk des Schriftstellers aber, das sein zeitliches Ich überdauert, seine Welt und ihre Menschen den Nachgeborenen bewahrt, überwindet dieses Verhängnis, ist das »genaue Gegenbild jener Machthaber, bei deren Tod ihre Umgebung mitsterben muß, damit sie in einem jenseitigen Dasein der Toten alles wiederfinden, woran sie je gewöhnt waren. Durch nichts wird ihre tiefinnerliche Ohnmacht furchtbarer bezeichnet. Sie töten im Leben, sie töten im Tod, ein Gefolge von Getöteten geleitet sie ins Jenseits.«

Canettis pessimistische, ja düstere Vision zeichnet die Menschheitsgeschichte als ein ewiges Schlachtfeld, auf dem verängstigte menschliche Tiere ihre Todesfurcht dadurch bezwingen, daß sie andere Tiere töten. Je größer die Massen sind, die sie überleben, aus dem Weg räumen, sich einverleiben und töten, um so fester wähnen sie den eigenen Tod im Zaum zu halten. »Der Augenblick des Überlebens ist der Augenblick der Macht. Der Schrecken über den Anblick des Todes löst sich in Befriedigung auf, denn man selbst ist nicht der Tote. Dieser liegt, der Überlebende steht. Es ist so, als wäre ein Kampf vorausgegangen und als hätte man den Toten selbst gefällt. Im Überleben ist jeder des anderen Feind, an diesem elementaren Triumph gemessen, ist aller Schmerz gering.« Die Verfügungsgewalt über Leben und Tod hat dem Menschen immer wieder die ekstatischen Glücks- und Allmachtsgefühle eines Gottes verschafft. Sie ist die Essenz der Macht schlechthin. Daraus folgt: »Der Tod als Drohung ist die Münze der Macht«, am augenfälligsten ausgedrückt im militärischen Befehl, der im Ausführenden einen seelischen »Stachel« zurückläßt, der auf seine Weiterreichung wartet, was verheerende Folgen haben kann. Canetti stand der Figur des Überlebenden, vor allem des sogenannten »Helden«, mit der tiefsten Skepsis, wenn nicht Verachtung gegenüber: Dieser war für ihn letzten Endes nicht mehr als der siegreiche Töter, weniger von Heroismus als von Habgier getrieben. Hieraus folgte auch seine tiefe Abneigung gegen alles Militärische, Soldatische und Kriegerische.

Ernst Jünger hatte in den Schützengräben des Weltkriegs, im »Kampf als innerem Erlebnis«, die Erfahrung dieses ungeheuerlichen und unwahrscheinlichen Überlebens gemacht, das den Menschen an den Rande des Wahnsinns und der Hybris bringen kann. Er entstieg dem millionenfachen Schlachten mit dem beinah mystischen Bewußtsein der Unzerstörbarkeit des Lebens, nicht zuletzt seines eigenen.

Canetti sah in solchen Epiphanien lediglich einen narzißtischen Rausch, das inflationär potenzierte und zu Kopf steigende Glück, das man – frei nach Aristoteles – empfindet, wenn der Pfeil im Krieg den Nebenmann trifft. Das solchermaßen überlebenstrunkene Ego wird aber ein böses Erwachen haben, wenn der Rausch nachläßt. Der Moment des Überlebens kann zur Sucht werden, deren Befriedigung stetig wiederholt und gesteigert werden muß. Masse und Macht sucht die Essenz des »Machthabers« in besonders extremen Beispielen wie afrikanischen und orientalischen Despoten oder in den Phantasien des berühmten Psychotikers Schreber, der in vielerlei Hinsicht wie ein geistiger Vorläufer Hitlers erscheint.

Der Paranoiker ist für Canetti die konsequente Zuspitzung des Machthabers: Er fühlt sich von Feinden umzingelt, deren Zahl unermeßlich und unerschöpflich ist, und die mit entsprechenden Methoden bekämpft werden müssen. Hier tritt aber auch die »tiefinnerliche Ohnmacht« noch des mächtigsten Herrschers vor dem letzten großen unsichtbaren Gegner, dem Tod, zutage. Von Pascal stammt das Bild des Königs, den die Betrachtung seiner Königswürde nicht über das menschliche Unglück und die Hinfälligkeit des Daseins hinwegtrösten kann; am Ende bedarf er der lächerlichsten Zerstreuung wie jeder andere Mensch auch.

Canetti bringt ein noch eindrücklicheres Bild. Er zitiert den Bericht des mittelalterlichen arabischen Reisenden Ibn Batuta über Muhammad Tughlak, den Sultan von Delhi: Als dieser eines Tages anonyme Schmähbriefe erhielt, die nachts über die Palastmauern geworfen wurden, beschloß er, ganz »Delhi in Trümmer zu legen, und nachdem er allen Einwohnern ihre Häuser und Wohnstätten abgekauft und den vollen Preis dafür gezahlt hatte, befahl er ihnen, nach Dalautabad zu ziehen, das er als seine Hauptstadt einrichten wollte.« Als sich die Bewohner weigerten, ließ er an einem Krüppel und einem Blinden ein Exempel statuieren: Der eine wurde mit einem Katapult über die Stadtmauern geschossen, der andere nach Dalautabad geschleift, bis nach vierzig Tagen Reise nur sein Bein übrigblieb. Nun verließen die Einwohner fluchtartig die Stadt. »So vollkommen war die Zerstörung, daß nicht eine Katze, nicht ein Hund in den Gebäuden der Stadt, in den Palästen oder Vororten zurückblieb.« Der Sultan aber stieg auf das Dach seines Palastes und blickte über das menschenleere und verödete Delhi, »wo kein Feuer, kein Rauch, kein Licht zu sehen war«, und sagte: »Jetzt ist mein Herz ruhig und mein Zorn beschwichtigt.«

Masse und Macht ist voll mit grausig-absurden Pointen dieser Art. Canetti machte jedoch unmißverständlich deutlich, daß all dies nicht bloß Negerkönige und Geisteskranke betraf, sondern auf Dispositionen verwies, die auch im vermeintlich zivilisierten Menschen der Moderne latent schlummern und jederzeit auf furchtbare Weise ausbrechen können. Es war nicht nötig, allzuviel Worte über die noch frisch ins Gedächtnis gebrannten Schrecken der totalitären Diktaturen mit ihren kollektiven Hysterien und Hexenjagden, ihren Kriegen und Vernichtungslagern zu verlieren: Auch sie waren im Grunde nichts Neues unter der Sonne, sondern nur besonders entsetzliche, vom technischen Zeitalter gesteigerte Auswüchse der in ihrer Tiefe unveränderlichen, prähistorischen Seele des Menschen. Die Lektüre von Masse und Macht gleicht einem Kälteschock, der den Leser zwingt, seine eigene Stellung in der Welt, ja seinen eigenen Lebenssinn von Grund auf neu zu überdenken.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.


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