Sezession
1. Juni 2012

Soft power – sanfte, flexible, subtile Macht

Gastbeitrag

48pdf der Druckfassung aus Sezession 48 / Juni 2012

von Karlheinz Weißmann

Soft power ist einer jener Begriffe, die seit den 1990er Jahren in Mode sind, nach software, parallel zu soft skill und soft fact. Das entsprach dem Zeitgeist, der nach dem Ende des Kalten Kriegs zur Geltung kam, als es möglich schien, alles zu ersetzen, was in der Vergangenheit den Ausschlag gegeben hatte: das Männliche durch das Weibliche, das Harte durch das Sanfte, das Starre durch das Flüssige, das Verbindliche durch das Unverbindliche, die Moderne durch die Postmoderne.

Die Suggestionskraft dieses Konzepts hatte nicht nur mit dem Siegeszug der Computertechnologie und der Globalisierung zu tun, sondern auch mit einer neuen Vorstellung von Effizienz. Ohne die dauernde Weiterentwicklung der Programme taugt die hardware nichts, ohne die soziale Kompetenz, die Fähigkeit zu Kooperation und Teambildung, sind der Wirksamkeit von Institutionen im wirtschaftlichen wie gesellschaftlichen Bereich enge Grenzen gezogen, ohne das Wissen um Vorlieben und Aversionen, Gewohnheiten und Tabus in einer bestimmten Kundengruppe kann man kein neues Produkt plazieren.

Selbstverständlich hatte die Betonung des Weichen auch zu tun mit dem Bedürfnis des Neoliberalismus, sich weniger als unbarmherzige ökonomische Konzeption darzustellen, eher als humane Möglichkeit nach dem »Ende der Geschichte« (Fukuyama). Allerdings verlor der Erfinder des Terminus soft power, der amerikanische Politologe Joseph S. Nye, niemals aus dem Blick, daß auch eine »sanfte Macht« immer »Macht« bleibt, daß es nur um die Frage geht, wie der mix auszusehen habe, zwischen klassischen und nachklassischen Formen von Machtausübung. Nye hat schon 1990 in einem programmatischen Aufsatz sein Konzept von soft power erläutert. Es ging ihm dabei um den Nachweis, daß die USA als einzige verbliebene Supermacht nicht in die Isolation gehen dürften.

Interessanterweise verglich Nye die Situation der USA am Beginn des 21. Jahrhunderts mit der Großbritanniens am Beginn des 20. Jahrhunderts. In beiden Fällen gehe es um imperiale Mächte vor neuen Herausforderungen. Großbritannien war dem Aufstieg der angelsächsischen Vettern über See und Deutschlands konfrontiert, die Vereinigten Staaten seien es nun dem Aufstieg Chinas, der Konkurrenz Europas, der wahrscheinlichen Reorganisation Rußlands. Außerdem sei eine »Fragmentierung« des Staatensystems zu beobachten, in dem sich verschiedene Strukturen überlagerten; hinzuweisen sei außerdem auf eine »Diffusion der Macht«, die dazu führe, daß mittlerweile auch nichtstaatliche Akteure als politische Faktoren von Gewicht betrachtet werden müßten, angefangen bei den NGOs bis zu jenen multinationalen Konzernen, deren Budget größer ist als das vieler Länder der zweiten oder dritten Welt.

Im ersten der angesprochenen Fälle, so Nye, führte die Veränderung der Lage zu einer relativen Schwächung der eigenen Position, auf die Großbritannien mit einer Flexibilität reagiert habe, die sich die USA zum Vorbild nehmen sollten. Der Konzentration auf den Ausbau von soft power komme den Vereinigten Staaten außerdem entgegen, weil Macht heute nicht mehr allein an der Größe des Territoriums, der Bevölkerungszahl oder dem Kriegspotential gemessen werden könne, sondern vor allem an der Fähigkeit, andere politische Akteure zu einer »Verhaltensänderung« zu bewegen, die dem eigenen Interesse entspreche; hard power zwinge den anderen und erzeuge deshalb Widerstand, soft power bewege ihn, daß er »wolle«, was man selbst »wolle«. Das gelinge aufgrund gewandelter Bedingungen wesentlich besser, wenn man auf die Steuerung von Informationsflüssen, »kulturelle Attraktivität«, die Plazierung von Personen, die Schaffung von Netzwerken, die Kooperation zwischen Staat und Wirtschaft, Staat und Medien, Staat und Ideologieträgern setze.


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