Sezession
1. Juni 2012

Soft power – sanfte, flexible, subtile Macht

Gastbeitrag

Das erste Modell setzte auf Geschlossenheit, »Neoaristokratie« (Lothrop Stoddard) und hard power (Zwangsabtreibung, Euthanasie, Einwanderungsblockade, Eliminierung der Gewerkschaften und aller Abweichler, Einführung diktatorischer Methoden), das zweite auf »effiziente Regulierung« (Herbert Croly), Technokratie und soft power (Umerziehung der Bevölkerung, Durchdringung der sozialen Strukturen, Integration, Kooptation der Befähigten, Zusammenarbeit mit den Progressiven, Aufrechterhaltung des Anscheins von Selbstbestimmung und Machtkontrolle).

Bis zum Beginn der zwanziger Jahre war nicht entschieden, welches der beiden Modelle sich durchsetzen würde. Der »Immigration Act« von 1924, der Aufstieg des Ku-Klux-Klan zur Massenorganisation und die Popularität rassentheoretischer Deutungen des Bolschewismus in den USA konnte man durchaus als Anzeichen dafür verstehen, daß die Verfechter des geschlossenen Systems die Oberhand gewannen. Wenn es dazu nicht kam, hatte das vor allem mit gewissen Erfahrungen während des Ersten Weltkriegs zu tun. Denn die militärischen Anstrengungen der USA wurden ganz wesentlich von halbstaatlichen, halbprivaten Institutionen getragen. Dabei erkannten Unternehmer den Vorteil eines Burgfriedens mit der Arbeitnehmerseite, deren Gewerkschaften man erfolgreich in »gelbe« umwandelte oder durch den unerwarteten Ausbau von Sozialleistungen sabotierte.

Der Taylorismus, der jetzt in Produktions- und Dienstleistungsbetrieben Einzug hielt, war nur ein weiteres Instrument zur Optimierung der Daseinsvollzüge durch nachhaltige, aber immer subtilere Steuerung. Als frühe Markierung, an der die Durchsetzung des Konzepts soft power ablesbar wurde, kann man die Umwandlung des gigantischen Carnegie-Vermögens in eine Stiftung betrachten (1911), die nicht nur der Erhaltung des Familienbesitzes diente, sondern dem Aufbau einer neuen Art von politischer Philanthropie, die aktiv an die Umgestaltung der Gesellschaft ging, als Endpunkt die Absage Henry Fords an den Antisemitismus nach dem Kriegs­eintritt der USA gegen das nationalsozialistische Deutschland (1941).

Wenn das 20. Jahrhundert ein »amerikanisches Jahrhundert« war, dann nicht nur durch die Macht aus den Gewehrläufen oder die Macht der Ökonomie, nicht nur durch den systematischen Ausbau des imperium americanum, sondern auch durch die »Macht der Menschenfreunde« (Tim B. Müller). Innerhalb wie außerhalb der USA entstand seit dem Ende des Ersten Weltkriegs ein schwer durchdringbares Geflecht von Organisationen und Institutionen, deren Einflußnahme oft genug verdeckt ablief, jedenfalls nie ganz eindeutig nur politischen oder ökonomischen oder sozialen Zwecken diente. In jedem Fall stand dahinter ein Konzept von »Amerikanismus«, das nicht mehr nur auf den Binnenbereich bezogen war, sondern als universales Muster verstanden wurde. Daß dabei die Grenze zwischen Eigennutz und Uneigennützigkeit nie ganz klar zu trennen war, versteht sich von selbst, genauso wie die notwendige Geheimhaltung der arcana imperii.


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