Thesen zur Skandalokratie

48pdf der Druckfassung aus Sezession 48 / Juni 2012

Das Standardvokabular der Meinungsmacher taugt nicht mehr zur Beschreibung der politischen Wirklichkeit. Wie ist das mit der Demokratie, wenn uns die wirklich entscheidenden Weichenstellungen als »alternativlos« aufgezwungen werden? Und trotzdem wäre es falsch, zu behaupten, wir hätten es mit einem anti-demokratischen System zu tun: Noch ist uns der Urnengang erlaubt, noch ist dessen Ergebnis offen.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

Was also sag­te der Begriff »Demo­kra­tie« über­haupt noch aus über unse­re poli­ti­sche Wirk­lich­keit? Und wie ist es mit den ande­ren, sinn­ent­leer­ten Begrif­fen: dem der Frei­heit, des Rechts­staa­tes, des Par­la­ments, der Gewal­ten­tei­lung, der Macht, des Sozia­len und der Öko­no­mie? Einer­seits ist uns heu­te alles erlaubt, ande­rer­seits leben wir in einer Opti­mie­rungs- und Über­wa­chungs­ge­sell­schaft, deren Metho­den so sub­til sind, daß wir sie im Grun­de nicht durch­schau­en kön­nen. Wir betei­li­gen uns über die »sozia­len Netz­wer­ke« sogar an unse­rer eige­nen Aus­leuch­tung und Über­wa­chung. Wir haben ein­klag­ba­re Grund­rech­te, und doch besteht kaum Hoff­nung, auf die­sem Feld Gerech­tig­keit zu erfah­ren, weil letzt­lich fast jeder Sache so oder auch ganz anders aus­ge­legt wer­den kann. Wer ist denn das »deut­sche Volk«, jener Sou­ve­rän also, von dem alle Macht aus­ge­hen muß? Wenn es schon nicht mehr sou­ve­rän ist, ist es dann wenigs­tens noch eine Soli­dar­ge­mein­schaft? Wohl kaum, und über das Ende des Sozia­len im voll­ende­ten Wohl­fahrts­staat – um ein wei­te­res Bei­spiel zu nen­nen – schreibt Jean Baudril­lard zu Recht: »Alle sind voll­kom­men aus­ge­schlos­sen und ver­sorgt, voll­kom­men des­in­te­griert und sozia­li­siert.« Ein poli­ti­scher Begriff hat kei­nen Sinn mehr, sobald er von Wider­sprü­chen zer­fres­sen wird. Es nützt dann auch nichts, ihm ein­fach die Vor­sil­be »post-« zu ver­pas­sen, um die Ver­än­de­rung aus­zu­drü­cken. Der Begriff der Post­de­mo­kra­tie ist des­halb unsin­nig, weil er einen Ide­al­zu­stand der Demo­kra­tie vor­aus­setzt, den es his­to­risch nie gege­ben hat.

Die Her­aus­for­de­rung liegt also dar­in, die Herr­schafts­me­tho­den des 21. Jahr­hun­derts mit neu­en oder zumin­dest tref­fen­de­ren Voka­beln zu beschrei­ben, als sie im Hand­buch der Poli­tik­wis­sen­schaft zu fin­den sind. Der fran­zö­si­sche Eth­no­lo­ge Marc Augé bezeich­net unse­re Epo­che in sei­nem Buch Nicht-Orte zum Bei­spiel sehr tref­fend als Über­mo­der­ne (sur­mo­der­ni­té). Die­se sei durch Über­trei­bung, Über­fül­le und Über­maß gekenn­zeich­net und kön­ne nur durch »ethisch indif­fe­ren­te Super­struk­tu­ren« (Arnold Geh­len) gebän­digt wer­den, die auf drei Säu­len ruh­ten: dem Büro­kra­tis­mus (staat­li­che Herr­schaft), der Skan­da­lok­ra­tie (media­le Herr­schaft) und der Finan­zo­lig­ar­chie (öko­no­mi­sche Herrschaft).

Am Büro­kra­tis­mus und der Finan­zo­lig­ar­chie arbei­ten sich bereits etli­che Exper­ten ab. Ein eigen­ar­ti­ges Schat­ten­da­sein führt hin­ge­gen die Skan­da­lok­ra­tie, was ihre Macht wei­ter ver­stärkt. Gera­de die Wis­sen­schaft hat bis­her den Schritt von der Ana­ly­se der Mecha­nis­men des Skan­dals (vgl. Sezes­si­on 41, Hans Mathi­as Kepp­lin­ger: »Tabus bis zur Ver­lo­gen­heit«) zur Durch­drin­gung der dahin­ter­ste­hen­den Herr­schafts­me­tho­dik nicht gewagt. Das muß nach­ge­holt wer­den – des­halb für den Anfang vier Thesen:

The­se I

Die ent­ideo­lo­gi­sier­te Kon­sens­de­mo­kra­tie gerät nach Skan­da­len in einen Aus­nah­me­zu­stand. Die Ent­hül­lun­gen in Echt­zeit set­zen die Poli­tik unter enor­men Hand­lungs­druck, den es ansons­ten nicht gibt. Poli­ti­sche Kon­se­quen­zen mit ver­hee­ren­den per­sön­li­chen Fol­gen für die Beschul­dig­ten wer­den des­halb meis­tens bereits dann gezo­gen, wenn die Ermitt­lun­gen und die Auf­klä­rung des Skan­dals noch nicht abge­schlos­sen sind. Es ist also zum Zeit­punkt der Beschlüs­se noch unklar, was nur ein öffent­li­ches Gerücht ist und was der Wahr­heit ent­spricht. Die­se Herr­schafts­me­tho­dik hat mit der Grund­idee des Par­la­men­ta­ris­mus, der Idee von offe­ner Debat­te um die rich­ti­gen Lösun­gen, nichts mehr zu tun.

Erläu­te­rung: Im frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Welt­bild sor­gen Medi­en dafür, Miß­stän­de der Poli­tik auf­zu­de­cken und somit an ihrer Auf­ar­bei­tung mit­zu­wir­ken. Der Sozio­lo­ge Karl-Otto Hond­rich, ein Ver­tre­ter der funk­tio­na­lis­ti­schen Skan­dal­theo­rie, meint etwa, daß nichts den guten Sit­ten und der Demo­kra­tie zuträg­li­cher sei als der Skan­dal, weil er im ent­schei­den­den Moment wirk­sa­mer zupa­cke als nor­ma­le Wah­len. Im Ein­zel­fall läuft es genau so, wie etwa bei der Ent­hül­lung der zusam­men­pla­gi­ier­ten Dok­tor­ar­beit des ehe­ma­li­gen Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ters Karl-Theo­dor zu Gut­ten­berg (CSU). Aber der blin­de Fleck ist rie­sig: Die Fra­ge ist doch, »war­um Hoh­mann geht und Fried­man bleibt« (Arne Hoff­mann). Der Medi­en­wis­sen­schaft­ler Stef­fen Burk­hardt fin­det in sei­ner Pro­mo­ti­on über Medi­en­skan­da­le zu einem beun­ru­hi­gen­den Befund: »Der Schritt von der Skan­da­li­sie­rung des Ande­ren zu des­sen Ver­nich­tung aus kol­lek­ti­ver Not­wehr ist sym­bo­lisch äußerst mar­gi­nal.« Getrof­fen hat es in die­ser Wei­se in den ver­gan­ge­nen Jah­ren mut­maß­li­che Ver­ge­wal­ti­ger wie Jörg Kachel­mann, ideo­lo­gi­sche Abweich­ler wie Eva Her­man und Poli­ti­ker mit aus­ge­präg­ten (aber wohl völ­lig all­täg­li­chen) Seil­schaf­ten wie Chris­ti­an Wul­ff. Von einer sol­chen Skan­da­li­sie­rung, die einer sym­bo­li­schen Ver­nich­tung gleich­kommt, kann gespro­chen wer­den, wenn das Medi­en­op­fer von allen mäch­ti­gen Grup­pen der Gesell­schaft gemein­sam erlegt wird und eine Reha­bi­li­tie­rung von Vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen ist, obwohl das Aus­maß des ver­meint­li­chen Miß­stan­des noch unklar ist.

Der Regie­rung wür­de von Oppo­si­ti­on und Öffent­lich­keit Untä­tig­keit vor­ge­wor­fen, wenn sie in media­len Aus­nah­me­zu­stän­den nicht vor­ei­lig han­del­te: Gefahr könn­te im Ver­zug sein, und schlech­te Kar­ten hat, wer stünd­lich nach Kon­se­quen­zen gefragt wer­den kann, und noch immer kei­ne gezo­gen hat. Medi­en haben zudem ein »Gefah­ren­er­fin­dungs­recht« (Gün­ter Fran­ken­berg). Sobald der Staat auf die­ses mit einer hyper­prä­ven­ti­ven Logik ant­wor­tet, gibt er sei­ne Sou­ve­rä­ni­tät auf. Hier offen­bart sich ein Grund­pro­blem der Gewal­ten­tei­lung im moder­nen Staat. Die Medi­en haben stän­dig gut kla­gen. Sie üben durch ihr agen­da set­ting sowie die Fähig­keit, das Anse­hen von Füh­rungs­per­so­nen ent­schei­dend zu prä­gen, eine enor­me Macht aus, für die sie kei­ne Gegen­leis­tung zu erbrin­gen haben. Noch nicht ein­mal besteht für sie die Pflicht, sich an die Wahr­heit zu hal­ten, da die juris­ti­schen Sank­tio­nen für fal­sche Anschul­di­gun­gen harm­los sind. Dadurch hat sich ein »Sys­tem der orga­ni­sier­ten üblen Nach­re­de« (Map­pes-Nie­diek) ent­wi­ckelt, von dem über­schie­ßen­de Impul­se in Rich­tung öffent­lich­keits­wirk­sa­men Han­delns aus­ge­hen, denen die Poli­tik immer dann nach­gibt, wenn sie kei­ne stand­fes­ten Posi­tio­nen ent­wi­ckelt hat. Die­se Pra­xis ist inzwi­schen zur Regel gewor­den: Den Tech­no­kra­ten in Deutsch­land fehlt ein aus­ge­präg­tes his­to­ri­sches Lang­zeit­ge­dächt­nis und eine phi­lo­so­phi­sche Welt­an­schau­ung. Sie ent­schei­den des­halb aus einem unhin­ter­frag­ten Sinn her­aus. Ihre Ideo­lo­gie ist die Ideo­lo­gie­lo­sig­keit, die dazu führt, daß die herr­schen­den Eli­ten Grund­satz­fra­gen scheu­en und alle Frei­geis­ter, die noch unbe­quem fra­gen, ins Abseits stellen.

Bei­spiel: Nach der Natur­ka­ta­stro­phe in Japan und den dadurch ver­ur­sach­ten Schä­den am Atom­kraft­werk in Fuku­shi­ma voll­zog die Bun­des­re­gie­rung eine bei­spiel­lo­se Kehrt­wen­de in ihrer Ener­gie­po­li­tik und beschloß weni­ge Mona­te nach einer Lauf­zeit­ver­län­ge­rung für Atom­kraft­wer­ke deren schnellst­mög­li­che Abschal­tung. Wie kurz­sich­tig die­ser Schritt war, sieht man dar­an, daß Groß­bri­tan­ni­en, Frank­reich, Polen und Tsche­chi­en der­zeit den Aus­bau der Atom­kraft for­cie­ren und so der Ver­zicht der Bun­des­re­gie­rung auf Atom­kraft nur einen Wett­be­werbs­vor­teil für die euro­päi­schen Nach­barn bewirkt hat.

The­se II

Die­se Herr­schaft des Skan­dals gefähr­det den Rechts­staat und setzt ihn zuwei­len außer Kraft. In der Skan­da­lok­ra­tie fällt die »Rechts-Ord­nung« aus­ein­an­der. Das Recht wird not­falls sus­pen­diert, um die alte Ord­nung zu bestä­ti­gen oder eine neue auf den Weg zu brin­gen. Hier wird der Unter­schied zwi­schen Lega­li­tät und Legi­ti­mi­tät sichtbar.

Erläu­te­rung: Mit ihrem Gefah­ren­er­fin­dungs­recht ver­su­chen die Akteu­re der Öffent­lich­keit auf Miß­stän­de hin­zu­wei­sen, bei denen der Staat aus ihrer Sicht zu lan­ge taten­los weg­ge­schaut hat. Über­wie­gen bei die­ser Ankla­ge mora­li­sche Argu­men­te, droht eine Aus­wei­tung die­ses Rechts ins Unend­li­che. Jour­na­lis­ten, Poli­ti­ker und Lob­by­is­ten for­dern all­zu­gern, ihre hyper­mo­ra­li­schen Vor­stel­lun­gen auf die All­ge­mein­heit anzu­wen­den, um frag­wür­di­ges Ver­hal­ten, das recht­lich straf­frei ist, den­noch zu ver­fol­gen. Sobald die­se For­de­rung auf den Staat über­greift, erle­ben wir die Geburt des Sia­me­si­schen Zwil­lings­paars von »geset­zes­treu­em Ver­fas­sungs­feind« und »lega­lem Geset­zes­miß­brauch« (Fran­ken­berg). Egal, ob es »nur« zu einer media­len Hexen­jagd kommt oder auch zu einer staat­li­chen Ver­fol­gung, Fakt ist, daß hier eine Schein­lü­cke im Nor­men­ge­fü­ge und eine Rechts­lee­re geschaf­fen wird, durch die außer­recht­li­che Sank­tio­nen als legi­tim erschei­nen sollen.

Bei­spiel: Die media­le und straf­recht­li­che Ver­fol­gung der soge­nann­ten Zwi­ckau­er Ter­ror­zel­le NSU (Natio­nal­so­zia­lis­ti­scher Unter­grund) geht weit über die gesetz­li­chen Gren­zen hin­aus. Die BILD hat in den letz­ten Mona­ten rei­hen­wei­se Unter­las­sungs­er­klä­run­gen unter­schrei­ben müs­sen, weil sie zu Unrecht Per­so­nen aus dem rech­ten Lager ver­däch­tig­te. Wäh­rend die Opfer die­ser Kam­pa­gne als mut­maß­li­che Ter­ro­ris­ten stig­ma­ti­siert wur­den, kann die BILD ihre juris­ti­schen Nie­der­la­gen unter »Sons­ti­ges« abhef­ten. Zugleich reagier­ten die Behör­den auf den öffent­li­chen Druck, indem sie auf den Modus einer »Herr­schaft des Ver­dachts« umschal­te­ten. In der media­len Wahr­neh­mung erscheint so die »mut­maß­li­che Rechts­ter­ro­ris­tin« Bea­te Zschäpe auch des­halb bereits als vor­ver­ur­teilt, weil die Bun­des­an­walt­schaft den Ein­druck ihrer bewie­se­nen Schuld erweckt und nur über ein noch grö­ße­res Aus­maß des Falls spe­ku­liert. Die Ver­tei­di­ger von Zschäpe hin­ge­gen wer­fen der Bun­des­an­walt­schaft vor, noch kein belas­ten­des Mate­ri­al vor­ge­legt zu haben. Die Akten hät­ten bis­her noch kei­ne Bewei­se dafür gelie­fert, daß Zschäpe an der Bil­dung einer ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung mit­ge­wirkt habe. Die Bun­des­an­walt­schaft kon­ter­te das mit dem Hin­weis, Zschäpe sei »Kopf und Herz« der NSU gewe­sen, weil sie »Hit­lers Mein Kampf und ein­schlä­gi­ge Nazi-Lite­ra­tur gele­sen« haben soll.

The­se III

Die Skan­da­lok­ra­tie ver­drängt in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung die eigent­li­chen Her­aus­for­de­run­gen unse­rer Zeit und ist damit eine Debat­ten­ver­hin­de­rungs­kul­tur. Es fin­det ein Infor­ma­ti­ons-Over­kill bei gleich­zei­ti­gem Tot­schwei­gen der Hin­ter­grün­de und Ursa­chen von Pro­ble­men statt. Sou­ve­rän ist folg­lich, wer die per­ma­nen­ten Aus­nah­me­zu­stän­de aus­lö­sen und steu­ern kann und wem es gelingt, im nor­ma­len Tages­ge­schäft poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen und Debat­ten zu verhindern.

Erläu­te­rung: Der libe­ra­le Staat ver­drängt die Kri­se, weil er einen Rege­lungs­op­ti­mis­mus an den Tag legt. Durch »sou­ve­rä­ne Nicht-Ent­schei­dun­gen« (Gior­gio Agam­ben) wird die Lage so immer pre­kä­rer und irgend­wann nicht mehr mit den vor­han­de­nen Staats­tech­ni­ken zu lösen sein. Sou­ve­rä­ne Nicht-Ent­schei­dun­gen fin­den immer dann statt, wenn statt einer ein­fa­chen Lösung ein büro­kra­ti­scher Popanz ver­an­stal­tet wird, der sich damit begnügt, die Behe­bung der Pro­ble­me an die omi­nö­se Zivil­ge­sell­schaft (im Klar­text: Lob­by­or­ga­ni­sa­tio­nen), an Kom­mis­sio­nen, »Run­de Tische« oder Aus­schüs­se zu dele­gie­ren. Die­se haben dann eine Legi­ti­ma­ti­on solan­ge an Ein­zel­tei­len her­um­zu­schrau­ben, bis die Öffent­lich­keit ein ande­res The­ma zer­pflückt. Das gro­ße Gan­ze steht damit nie zur Diskussion.

Bei­spiel: Statt über den demo­gra­phi­schen Nie­der­gang zu spre­chen, dis­ku­tiert die Öffent­lich­keit hoch­emo­tio­nal, wann man eine Frau­en­quo­te für Auf­sichts­rä­te und Vor­stän­de ein­führt. Statt über das über­frem­de­te Deutsch­land zu spre­chen und dazu die Gesamt­heit aller in Deutsch­land leben­den Aus­län­der zu betrach­ten, wird die­se Dis­kus­si­on durch ein­zel­ne Bei­spie­le gelun­ge­ner Inte­gra­ti­on unter­drückt. Hier schlägt die Stra­te­gie der Per­so­na­li­sie­rung die Bri­sanz des Gesamt­the­mas. Genau­so lief es auch in der Debat­te um den zurück­ge­tre­te­nen Bun­des­prä­si­den­ten: Statt über die Füh­rungs­kri­se des Staa­tes zu spre­chen, prob­ten Oppo­si­ti­on und ins­be­son­de­re die BILD den Auf­stand gegen Chris­ti­an Wul­ff wegen eines Pri­vat­kre­dits. Dabei durch­leuch­te­ten sie sein Pri­vat­le­ben mit einer Inten­si­tät, die in der Geschich­te der Bun­des­re­pu­blik nie zuvor ein Spit­zen­po­li­ti­ker so erle­ben muß­te. Die For­de­rung nach Trans­pa­renz hat hier ihre Schat­ten­sei­te offen­bart. Der Phi­lo­so­phen Byung-Chul Han ist sogar der Mei­nung, daß wir auf dem bes­ten Weg sind, »Skla­ven der Sicht­bar­keit« zu wer­den. Da Wul­ff die Bericht­erstat­tung über die­sen Kre­dit und sein Pri­vat­le­ben mit ein paar Anru­fen im Hau­se Sprin­ger ent­we­der ver­hin­dern oder ver­zö­gern woll­te, wur­de ihm zudem ein Angriff auf die Pres­se­frei­heit unter­stellt. Auch die­ser Vor­wurf ist eine Nebel­ker­ze, die tat­säch­li­che Bedro­hun­gen unse­rer Frei­heit über­tün­chen soll.

The­se IV

Unse­re Wahr­neh­mung ist so sehr von Bou­le­var­di­sie­rung, Per­so­na­li­sie­rung, Ritua­li­sie­rung, Beschleu­ni­gung der Neu­ig­kei­ten sowie Vir­tua­li­sie­rung bzw. Anony­mi­sie­rung geprägt, daß die eigent­li­chen Her­aus­for­de­run­gen der Gegen­wart nur auf die Agen­da kom­men, wenn jemand sie skan­da­lös the­ma­ti­siert. Neben mora­li­schen Ver­feh­lun­gen und tat­säch­li­chen Straf­ta­ten reicht in trau­ma­ti­sier­ten Natio­nen häu­fig bereits eine unge­schmink­te Schil­de­rung der Wirklichkeit.

Erläu­te­rung: Selbst­ver­ständ­lich gibt es täg­lich auch unzäh­li­ge (ange­nom­me­ne und ver­wei­ger­te) Skan­da­li­sie­rungs­an­ge­bot an die Öffent­lich­keit, die die Domi­nanz der Debat­ten­ver­hin­de­rungs­kul­tur bre­chen wol­len. In einem Essay über das welt­be­rühm­te Skan­dal­ge­mäl­de »Der Ursprung der Welt« von Gust­ave Cour­bet defi­nier­te Sprin­ger-Vor­stand Mathi­as Döpf­ner in der Welt am Sonn­tag vom 9. Janu­ar 2011, der größ­te Skan­dal sei der »direk­te, rea­lis­ti­sche Blick auf die ers­ten und letz­ten Din­ge«. Auf die poli­ti­sche Lage Deutsch­lands über­tra­gen, wür­de dies bedeu­ten, daß eine pro­mi­nen­te, cha­ris­ma­ti­sche Per­sön­lich­keit die Nackt­heit des Kai­sers anpran­gern muß. Erfolg dürf­te aber auch die­se Ankla­ge nur mit viel Glück haben und wenn sie an der Gren­ze zur Über­zeich­nung steht. Der Skan­da­li­sie­rer muß also auch noch ganz genau schil­dern, wie fett, häß­lich und wider­lich der Kai­ser aussieht.

Bei­spiel: Den »Fall Sar­ra­zin« hät­te es nicht gege­ben, hät­te er nicht vor­ab von den »Kopf­tuch­mäd­chen« gespro­chen. Dies war eine bewuß­te Skan­da­li­sie­rung. Wenn man nichts zu ver­lie­ren hat und zudem noch ein dickes Fell besitzt, kann man einen Skan­dal pro­vo­zie­ren, weil nur über ihn heut­zu­ta­ge noch neue The­men ansprech­bar sind. Die Skan­da­li­sie­rung von Sar­ra­zin hat danach nur noch par­ti­ell funk­tio­niert. Zwar hat er sei­ne Posi­ti­on als Bun­des­ban­ker ver­lo­ren (per­so­nel­le Skan­da­li­sie­rung), aber eine the­ma­ti­sche Ver­schie­bung im Dis­kurs über Aus­län­der in Deutsch­land hat es trotz­dem gege­ben. An die Stel­le der Mul­ti­kul­ti-Uto­pie ist die Uto­pie einer gelin­gen­den Inte­gra­ti­on getre­ten. Am deut­lichs­ten hat sich dies an zwei Aus­sprü­chen der Kanz­le­rin gezeigt. Sie fand Sar­ra­zins Buch Deutsch­land schafft sich ab »wenig hilf­reich«, und trotz­dem erklär­te sie kur­ze Zeit spä­ter, Mulit­kul­ti sei gescheitert.

Eben­falls einen Skan­dal pro­vo­zie­ren woll­te Gün­ter Grass im April 2012 mit sei­nem stüm­per­haf­ten Gedicht »Was gesagt wer­den muss«. Dar­in teilt er mit, war­um er so lan­ge über die Bedro­hung des »Welt­frie­dens« durch Isra­el geschwie­gen habe. Er emp­fin­de das als »belas­ten­de Lüge«, die er bis­her nur auf­recht­erhal­ten habe, weil sei­ne »Her­kunft« mit einem »nie zu til­gen­dem Makel behaf­tet« sei. Trotz des Dilet­tan­tis­mus, mit dem Grass sei­nen Angriff vor­trug, ist es ihm gelun­gen, sein The­ma zumin­dest gute zehn Tage zum Leit­the­ma der Mas­sen­me­di­en zu machen und die poli­ti­schen Talk­shows und Feuil­le­tons der Repu­blik zur Beschäf­ti­gung mit sei­nen The­sen zu bewegen.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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