Sezession
1. Juni 2012

Machtfragen – eine Sammlung

Gastbeitrag

48pdf der Druckfassung aus Sezession 48 / Juni 2012

von Erik Lehnert und Karlheinz Weißmann

Das Gesetz der Macht war der Titel eines Buches des österreichischen Nationalökonomen und Soziologen Friedrich von Wieser (1851–1926), der als einer der Gründerväter der »Österreichischen Schule der Nationalökonomie« gilt. Die mehr als fünfhundert Seiten starke Monographie erschien 1926, im Jahr seines Todes, und erlebte keine zweite Auflage. Das hatte auch damit zu tun, daß viele Gedanken, die Wieser hier entwickelte, von anderen schon früher oder parallel zu ihm und deutlich präziser ausgesprochen worden waren.

Allerdings wird man zugeben müssen, daß Wieser an einigen Stellen zu frappierenden – auch wegen ihrer Einfachheit frappierenden – Erkenntnissen durchgestoßen ist: Keine »äußere Macht« kommt ohne »innere Macht« aus, letztere ist die eigentliche »Schlüsselmacht« und unterscheidet sich von ersterer in der Wirkung nur durch die gebrauchten Mittel, nicht etwa im Hinblick auf Effizienz; weiter ist der sekundäre Charakter der »äußeren Macht« daran zu erkennen, daß sie, falls durch große Zahl bedingt, niemals direkt ausgeübt werden kann, wirkliche Macht hat immer nur eine kleine Zahl. Welche Sozialform der Vergangenheit man auch betrachtet, sie wurde von erstaunlich wenig Menschen beherrscht. Das gilt sogar für Imperien wie das römische oder britische, in denen eine verschwindende Minorität einer gigantischen Majorität ihren Willen aufzwang.

Macht an sich ist böse – Dieser Satz Jacob Burckhardts (1818–1897) aus den Weltgeschichtlichen Betrachtungen (ähnlich schon in der Griechischen Kulturgeschichte) wird ebenso oft wie gedankenlos zitiert. Regelmäßig findet man den Hinweis, die Aussage müsse aus der resignativen Skepsis eines Altliberalen nicht nur angesichts der Zeitläufe, sondern auch angesichts des Triumphzugs der Sozialdarwinisten verstanden werden. Allerdings wäre dem entgegenzuhalten, daß sich vergleichbare Aussagen auch und gerade im christlichen Kontext finden, daß die biblische Auffassung sogar von der Vorformung des Bösen in der Natur spricht und mit der noachitischen Ordnung von der Notwendigkeit, dem »Bösen mit Bösem zu wehren«, das heißt, durch Machtgebrauch dem Machtmißbrauch entgegenzutreten – eine Konzeption, die sich ganz ähnlich bei dem Agnostiker Burckhardt findet, wenn der von der »weltgeschichtlichen Ökonomie« spricht: »Jede gelungene Gewalttat war böse und ein Unglück und allermindestens ein gefährliches Beispiel. Wenn sie aber Macht begründete, so kam in der Folge die Menschheit heran mit ihrem unermüdlichen Streben, bloße Macht in Ordnung und Gesetzlichkeit umzuwandeln.«

Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut – Dieser Satz gehört in den Fundus einer christlich grundierten Skepsis gegenüber dem Menschen und geht – insofern nicht verwunderlich – auf Lord Acton (1834–1902), einen der bedeutendsten Köpfe des liberalen Katholizismus im 19. Jahrhundert, zurück. Ohne Zweifel wollte Acton durch die Verwendung des Begriffs »Korruption« ausdrücklich Bezug nehmen auf die Sündhaftigkeit des Menschen (corruptio: lateinisch für »Sünde«), das heißt seine Verfassung, die ihn grundsätzlich verführbar macht. Je größer die Versuchung, um so größer die Wahrscheinlichkeit, daß ihr nachgegeben wird. Angesichts der Tatsache, daß schon die Ursünde – der »Sündenfall« – auf die Verführung mit Hilfe von Machtversprechen (göttliche Macht, Macht über Leben und Tod, Wahrheit und Unwahrheit, Gut und Böse) zurückgeht, muß gefolgert werden, daß der Gebrauch von Macht per se problematisch ist, daß aber nichts so problematisch ist wie das Angebot von oder die Verfügung über unbegrenzte Macht. Menschliche Macht bedarf insofern immer der Kontrolle. Die politische Geschichte Europas ist eine ununterbrochene Folge von Ansätzen, einen Ausgleich zwischen der Organisation des Staats als Machteinheit und der notwendigen Kontrolle des Machtgebrauchs zu schaffen.


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