Sezession
1. Juni 2012

Günter Grass – ein Machtdiskurs

Gastbeitrag

48pdf der Druckfassung aus Sezession 48 / Juni 2012

von Günter Scholdt

Schon 2007, in der Sezession 19, schrieb ich über Grass, und auch diesmal habe ich das Charakterrätsel seiner Handlungsweise nicht gelöst. Immerhin glaube ich, daß er sich in seiner selbstgewählten Rolle als praeceptor Germaniae et orbis dem Weltfrieden verpflichtet fühlt und schließlich dem Wagnis stellte, weil er es zugleich als persönlichen Emanzipations- und Befreiungsakt empfand. Ich schließe also nicht aus, daß der Autor bei dieser Entscheidung seit langem erstmals er selbst war. Offen bleibt, ob das tiefste Motiv nicht vornehmlich doch in einer langsam zur Gewohnheit gewordenen, mittelpunktsbesessenen Provokationslust lag, die ihn alle paar Jahre dazu treibt, einen sicherlich geschäftsfördernden, aber zunehmend riskanten Medien-Tsunami zu entfesseln.

Diesmal allerdings erwuchs ihm ein Gegner, der über beachtliche Sanktionsinstrumente verfügt. Traf er doch nicht mehr auf einen durch jahrzehntelange Schulddiskussionen zermürbten, widerstandsunfähigen Volkscharakter, sondern auf Mentalitäten, Institutionen und Netzwerke, die sich erfahrungsgemäß zu wehren wissen. Und die Farce, daß man ihm, wenn auch vergeblich, sogar seinen Nobelpreis streitig machte oder seine nahöstliche Reise- und heimische Wahlkampflust einschränkte, belegt die Toleranzgrenzen eines Mentalimperiums, das bekanntlich zurückschlägt.

Wie das geschieht, sei im folgenden erläutert. Dabei finden sich in der Hundertschaft der Debattenbeiträge fraglos auch differenzierte und weiterführende. Doch im Kern handelt es sich nicht um einen Problemlösungs-, sondern einen Machtdiskurs. Mein am Grundsätzlichen orientierter Rückblick erstellt daraus die Streittypologie bei Verstößen gegen die herrschende Politmoral. Im Modell betrachtet, steht die Grass-Schelte nämlich für Dutzende hierzulande üblicher »Diskussionen«. Vergangenheitspolitische Daumenschrauben wurden seinerzeit ganz ähnlich einem Nolte, Syberberg, Walser, Botho Strauß, Möllemann, Hohmann oder einer Eva Herman angelegt. Insofern mag es nützen, sich im Arsenal der Argumentationsfiguren und rhetorischen Kniffe ein wenig umzusehen und zehn der am meisten verbreiteten kurz zu mustern.

1. Meinung vor Nachricht

Dazu passen schon die äußeren Voraussetzungen. Denn in aller Regel hat die Presse den Grass-Text nicht veröffentlicht, sondern günstigstenfalls aufs Internet verwiesen. Wir erhielten also fast durchweg zunächst eine Auflistung vermeintlicher Irrtümer und »Gedankenverbrechen« des Autors. Der unmittelbare Eindruck des Gedichts war weniger erwünscht. Seine Publikation galt offenbar als anrüchig. Mehrere Zeitungen konstatierten fast triumphal, daß die New York Times den Text abgelehnt habe, und der US-Schriftsteller Louis Begley sah im Abdruck der Süddeutschen Zeitung sogar den eigentlichen Skandal.


 Gastbeitrag

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