Übers Theater: Schlau ist, wer geht

von Michael Rieger

Als ich gestern mit der U-Bahn unterwegs war, fiel mir an einer Haltestelle ein Plakat des Thalia Theaters ins Auge. In großen Lettern war dort zu lesen: „Zehn Deutsche sind dümmer als fünf Deutsche.“ Heiner Müller hat das einmal gesagt, der alte Zyniker. Und was er damit gemeint hat, ist auch nicht schwer zu erraten.

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Da die Deut­schen natür­lich beson­ders zum Her­den­trieb, zu Kon­for­mis­mus und Uni­for­mi­tät nei­gen, wird jede grö­ße­re Ansamm­lung von ihnen mit siche­rem Gespür stets zu düm­me­ren Ansich­ten und Ver­hal­tens­wei­sen gelan­gen als dies drei oder vier Deut­sche hin­be­kom­men hät­ten. Der IQ sinkt also mit jedem wei­te­ren Deut­schen, der den Raum betritt. Logisch, hat man ja auch nicht erst bei den Nazis gese­hen, je mehr mit von der Par­tie sind, des­to übler geht die Sache aus.

Man könn­te ein­wen­den, es hand­le sich dabei nicht um ein deut­sches, son­dern um ein all­ge­mein mensch­li­ches Pro­blem: Je mehr Leu­te sich an einem Ent­schei­dungs­fin­dungs­pro­zess betei­li­gen, umso düm­mer wird am Ende das Ergeb­nis sein, denn steigt die Anzahl derer, die mit­re­den wol­len, dann sinkt die Wahr­schein­lich­keit, daß sich Sach­ver­stand und Dif­fe­ren­zie­rungs­ver­mö­gen noch gegen ein­fa­che, jedem ver­mit­tel­ba­re und tum­be Argu­men­te durch­set­zen wer­den. In die­sem Sinn könn­te man auch sagen: Die Mas­se ist immer häßlich.

Aber das steht so nicht auf dem Pla­kat. Es scheint also doch ein spe­zi­fisch deut­sches Phä­no­men zu sein, mit wach­sen­der Anzahl immer düm­mer wer­den zu müs­sen. Da steht nicht: „Zehn India­ner sind düm­mer als fünf.“ Da steht auch nicht: „Zehn Ham­bur­ger sind düm­mer als fünf.“ Ers­te­res wäre ver­kom­men, böse, ras­sis­tisch, letz­te­res wäre fast vor­her­seh­bar geschäfts­schä­di­gend. Nein, das steht da alles nicht, das deut­sche Tha­lia Thea­ter hat an einer deut­schen U‑Bahn-Sta­ti­on die Aus­sa­ge eines deut­schen Dra­ma­ti­kers pla­ka­tie­ren las­sen, dem­zu­fol­ge zehn Deut­sche düm­mer sei­en als fünf Deutsche.

Zwei­fel­los in der Absicht, den deut­schen U‑Bahn-Benut­zern, will sagen: den poten­ti­el­len deut­schen Thea­ter­be­su­chern schwarz auf weiß vor­zu­füh­ren: Je mehr von euch an einem Platz ver­sam­melt sind (an U‑Bahn-Sta­tio­nen etwa), des­to düm­mer seid ihr

Es muß also für sechs oder sie­ben oder zehn Deut­sche, die auf ihre Bahn war­ten, ein wirk­lich erhe­ben­des und erkennt­nis­för­dern­des Gefühl sein, von einem von deut­schen Steu­er­gel­dern sub­ven­tio­nier­ten Thea­ter pla­ka­tiv mit­ge­teilt zu bekom­men, je mehr, je düm­mer zu sein.

Der durch­schnitt­li­che Deut­sche, der mit die­sen Refle­xio­nen sei­ne War­te­zeit aus­ge­füllt und schließ­lich die U‑Bahn nach Hau­se bestie­gen hat, wird dort ange­kom­men natür­lich kei­ne gro­ße Lust mehr auf die eige­ne Repro­duk­ti­on ver­spü­ren, da er sonst ja per­sön­lich für einen anstei­gen­den Dumm­heits­pe­gel ver­ant­wort­lich zu machen wäre.

Ergo: Die sin­ken­de Gebur­ten­ra­te bei den Deut­schen hat somit etwas unheim­lich Beru­hi­gen­des: Je weni­ger von ihnen gebo­ren wer­den, umso schlau­er wer­den die Deut­schen sein. Wenn dann nur noch fünf von ihnen vor­han­den sind, kann eigent­lich nichts mehr schief gehen.

Aber natür­lich gibt es auch U‑Bahn-Fah­rer und Tha­lia Thea­ter-Besu­cher, die sich nicht als Deut­sche ange­spro­chen füh­len kön­nen. Ihnen dürf­te das Pla­kat sagen: Da ein deut­sches Thea­ter, das irgend­wie so etwas reprä­sen­tiert wie die deut­sche Kul­tur, ja selbst ein­ge­steht, daß, je mehr Deut­sche an einem Ort zusam­men­kom­men, der Grad der Dumm­heit zwangs­läu­fig wächst, dürf­ten die Deut­schen sich also selbst bes­tens dar­über im Kla­ren sein, wie gefähr­det sie sind, wenn sie sich über Gebühr zusam­men­rot­ten. Sie haben ihre Lek­ti­on gelernt und pla­ka­tie­ren dies auch öffent­lich für sich und alle ande­ren Mit­bür­ger gut sicht­bar. Das ver­dient Lob und Anerkennung.

Man wird also auch von fol­gen­dem aus­ge­hen dür­fen: Je mehr Deut­sche in einem deut­schen Thea­ter sit­zen und sich ein Stück in zumeist deut­scher Spra­che von über­wie­gend deut­schen Schau­spie­lern anse­hen und anhö­ren – es wird ja nicht gleich eins von Hei­ner Mül­ler sein –, des­to düm­mer müs­sen sie sein. Ein vol­les Haus käme gera­de­zu einem Irren­haus gleich. Wären jedoch nur fünf Deut­sche anwe­send oder gar nur vier, ver­lie­ßen wohl drei von ihnen das Thea­ter wäh­rend der Pau­se – schlau genug, sich die Insze­nie­rung nicht wei­ter anzutun.

Das lee­re Thea­ter soll es sein! Und tat­säch­lich: Seit gerau­mer Zeit haben die deut­schen Büh­nen erfreu­li­che Erfol­ge damit zu ver­zeich­nen, ihr Publi­kum schlau­er gemacht zu haben.

 

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Kommentare (18)

Hesperiolus

17. April 2013 12:55

Tolle Affektprovokation für autochtone Schüler inmitten ihrer multikulturellen peer group oder für eine teutsche Variante der U-Bahnfahrenden Emma West. Immerhin bringt es treffend die Ungeeignetheit des hiesigen Volkscharakters für Entscheidungsfindung durch demokratische Mehrheiten auf den Punkt. Umkehrweise sind 5 Deutsche demnach klüger als 10 - und erst der Eine, wenn er denn käme!

ene

17. April 2013 13:16

Schiller ("Demetrius") hat das schon viel besser als Müller gesagt:

Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn.
Verstand ist stets bei wenigen nur gewesen.
Bekümmert sich ums Ganze, wer nichts hat?
Hat der Bettler eine Freiheit, eine Wahl?
Er muß dem Mächtigen, der ihn bezahlt,
um Brot und Stiefel seine Stimm' verkaufen.
Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen.
Der Staat muß untergehen, früh oder spät,
wo Mehrheit siegt und Unverstand entscheidet.

Martin Lichtmesz

17. April 2013 13:38

Mein Lieblingszitat von Müller, ist empirisch leider nicht von der Hand zu weisen. Die Art und Weise, wie es hier benutzt wurde, zeugt aber von einem groben und nicht unkomischen Mißverständnis...

Theosebeios

17. April 2013 14:23

Wenn man die Deutschen so voneinander trennt, dass nie mehr als fünf von ihnen zusammen auftreten, also gut mit Nichtdeutschen durchmischt, dann werden die fünf zwar nicht klug, aber doch weniger dumm als sie an sich in der größeren Gruppe sind. Das empfiehlt sich auch für Schulklassen und könnte die gerade diskutierte Emotionspädagogik in ein Unternehmen zur Anhebung des IQ einmünden lassen. Toll, auf welche Gedanken unsere Multikulti-Experten kommen. Vor allem wohl in Gruppen zu zehnt. "Gemeinsam sind wir unausstehlich", das wissen schon die "Berber".

KW

17. April 2013 15:04

Ich war mit meiner Tochter nach unserem Rußlandaufenthalt in einem von John Neumeier inszenierten Ballett. Nach dem ästhetisch schönen klassischen russischen Ballett diese Gekrampfe auf einer furchtbar gestalteten Bühne für nicht wenig Geld sehen zu müssen, war eine Zumutung. Ich weiß nicht, ob wir bis zum Ende ausgehalten haben. Die Dümmsten und Geschmacklosesten halten sich für die Elite.

gerd

17. April 2013 15:46

nein nein der müller war ein klemmer.
es gibt schwarmintelligenz.

Nordländer

17. April 2013 16:36

@ Theosebios

"... dann werden die fünf zwar nicht klug, aber doch weniger dumm ..."

Dem kann ich ganz und gar zustimmen, aber, wie der renommierte Professor für Erziehungwissenschaft Wilhelm Heitmeier richtig erkannt hat, treten noch viel schlimmere Gefahren auf, wenn gefährliche Zusammenrottungsprozeße nicht zeitnah abgeblockt werden können, und Schule in die Homogenitätsfalle zu tappen droht. Denn der Stuß ist fruchtbar noch:

"Man muß homogene Gruppen vermeiden, das heißt, Schule muß in der Lage sein, heterogene Gruppen zu bilden, denn dann gibt es überlappende Konfliktlinien, dann gibt es überlappende Interessen, dann gibt es den Widerspruch et cetera.
Wehe, wir finden homogene Gruppen, die sich wechelseitig dann aufschaukeln! Nicht von ungefähr werden wir von etwa in manchen - das ist jetzt ein Sonderproblem, aber man muß es ansprechen - Teilen Ostdeutschlands, wo es Abwanderungstendenzen gibt, gerade auch der Jungen Ausgebildeten und dann noch vor allem der Frauen et cetera.
Dort kommt eine Homogenität zustande in sozialer Hinsicht und auch in den Mentalitäten, die sind sehr entzündungsfähig.
Also die Frage, und das gilt übrigens auch für Klassenzusammensetzungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die multikulturelle Klasse, das zeigen Ergebnisse, ist nicht das Problem, das sind bikulturelle Klassen zum Teil, wo dann die Gruppenidentiäten hochgepumpt werden in Konfliktfällen, und dann ist das sehr entzündungsfähig."

(Schule braucht Gesellschaft, Gesellschaft braucht Schule - BERTELSMANN-Stiftung)

Prof. Heitmeier (ab 1:17:25):

https://www.youtube.com/watch?v=sgtKWPZmh9s

Martin

17. April 2013 17:21

Der Satz ist eindeutig rassistisch und damit menschenverachtend, da er Fragen der Intelligenz mit der Abstammung von Menschen_innen verbindet.

Ich schlage vor, dass man die Grabstätte des Urhebers in Berlin umgehend schleift und seine Überreste anonym entsorgt, damit hier keine Pilgerstätte für rechte entstehen kann.

Mann

17. April 2013 19:00

Guter Artikel,

warum nicht mal eine Protest-Aktion vor dem Theater? Habe ich in Stuttgart auch schon mal gemacht. Mit Plakat und Texten an das Bildungsbürgertum, das sich seine Beschimpfung abholt und dafür zahlt, das Bauchgrimmen aber nicht recht deuten kann. Hier kann geholfen werden.
40 oder 50 Leute kurz anzusprechen - das ist ein realer Impuls. Viele weitere werden nötig sein. Doch jeder Beitrag ist unverzichtbar.

Toni Roidl

17. April 2013 19:26

Ist das nicht "gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit"? Stopp Germanophobie! Mein Freund ist Deutscher!

Weltversteher

17. April 2013 20:03

Hm, wenn ich mir das vorstelle, der U-Bahn-Großstadt-Bürger, der irgendwo in seinen Verschlag ausgespuckt wird, und dort "Lust auf Reproduktion verspüren" soll. Irgendwie ist dieser Gedanke für mich absurd, aber wohl kaum, weil man durch solche plakatierten Weisheiten nachdenklich wird. Die Großstadt scheint einfach nicht der Ort für "Reproduktion" zu sein.

Vielleicht doch lieber hinaus in einfachere, echtere Verhältnisse fliehen? Die Lust steigt, der Frust (über Müllers Sentenzen) weicht!

Konservativer

18. April 2013 10:00

Übers Theater: Schlau ist, wer (gar nicht erst hin-)geht.

Vor meiner politischen Neupositionierung (von links nach rechts, aufgrund einer Art von "Damaskus-Erlebnis") bin ich hier und da einmal ins Theater gegangen. Nunmehr tue ich mir das nicht mehr an, bin nicht mehr bereit, mich dort manipulieren/indoktrinieren/umerziehen/belehren/gehirnwaschen/verdummen/irre machen zu lassen (genug ist genug) und, als Krönung des ganzen, dafür auch noch horrende Eintrittsgelder zu bezahlen. Das Geld wird stattdessen in Bücher investiert (z.B. die des Antaios Verlags).

Druide

18. April 2013 10:19

Uns sollte das nicht beruhigen. Wer sehen will, kann sehen.
Man kennt diese Art Psychologie bereits unmittelbar aus der Zeit vor der Französischen Revolution: Die Hofgesellschaften luden auch zunehmend Schauspieler/Darsteller zu Lustspielen für die Adelsgesellschaften ein, in denen die Dekadenz, Dummheit und Verkommenheit des Erb-Adels präsentiert wurde.

Bei uns bezieht sich der Spott auf das deutsche Volk. Wir haben auch schon unsere Kanaken-Comedians, die uns gegen unseren Applaus unsere Dummheit vorführen.
...
Erst lachte der Adel noch ganz kokett, dann machten diverse Hälse Bekanntschaft mit dem Fallbeil.

M. Lindenhahn

18. April 2013 12:23

Ich habe mir eben überlegt, was wohl in diesem unserem Lande passieren würde, wenn das Plakat die Botschaft "Zehn Türken sind dümmer als fünf Türken" formulieren würde...

Die Botschaft, was den Herdentrieb angeht, wäre die gleiche. Die Reaktionen wären völlig andere. Also ist davon auszugehen, dass das Plakat letztendlich doch dazu dient, die Deutschen als Volk zu verunglimpfen. Der Urheber des Plakates sieht sich selbst jedoch bestimmt auf einer höheren Stufe als "die anderen Deutschen".

In der Türkei wäre ein solcher Selbsthass undenkbar.

Nordländer

18. April 2013 13:56

@ Druide

"Wir haben auch schon unsere Kanaken-Comedians, die uns gegen unseren Applaus unsere Dummheit vorführen."

Fürwahr ganz enorme Scharen von Fliegen, die sich sofort begierig auf die Haufen setzen, die z.B. so ein Klageorientale wie Serdar Somuncu in - gefühlt - nun bereits jeder zweiten Fernsehsendung in der guten Stube abzusetzen pflegt gegen ein recht ansehnliches Salär.

M. Lindenhahn

19. April 2013 09:21

Hallo Redaktion,

warum kürzen Sie meinen Kommentar? Geht die Zensur von Kommentaren jetzt auch schon bei der Sezession los?

antwort kubitschek:
aber ja, und zwar dann, wenn Sie sich und uns um kopf und kragen schreiben, und zwar nicht aus sicht der justiz, sondern aus der des guten geschmacks. dies hier ist unser sandkasten.

Jutta

20. April 2013 07:16

Wie bei vielen Sprüchen oder Bonmots hat auch dieser einen wahren Kern. Wenn ihn Konservative benutzen, dann scheint da, wie beim Autor, immer die Beruhigung oder sogar Rechtfertigung über ihre eigentlich naturgesetzliche Erfolglosigkeit durch.

Heike

20. April 2013 10:08

Mein wunderschönes Volk ist nicht dumm, es hat nur seine Seele verloren aber die wird es wieder finden:)

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