Neuland – Verlag “Moränenland”

von Heino Bosselmann

Für die Gründung eines Verlages bedarf es juristisch keines Qualifikationsnachweises.

 Gastbeitrag

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Man legt beim Gewer­be­amt sei­nen Per­so­nal­aus­weis vor und füllt ein harm­lo­ses For­mu­lar aus. In einem sol­chen Moment wird spür­bar, wel­che Mög­lich­kei­ten die Publi­ka­ti­ons­frei­heit und der freie Markt offe­rie­ren. Kei­ne Vier­tel­stun­de ver­geht, und man ist „Ver­le­ger“.

Damit steht man in kei­nem eigent­li­chen Beruf, dafür aber mit­ten im Risi­ko. Kei­ner­lei Zwän­gen unter­wor­fen, außer den öko­no­mi­schen in der kla­ren Spra­che betriebs­wirt­schaft­li­cher Mathematik.

Wer zu allen ande­ren lite­ra­ri­schen Ver­la­gen noch einen wei­te­ren grün­det, wet­tet dar­auf, Stof­fe bie­ten zu kön­nen, die ande­re nicht längst auf Lager haben, und daß dafür ech­te, bis­lang nicht bedien­te Bedürf­nis­se exis­tie­ren. Sol­che Annah­me klingt ver­we­gen. Die Viel­zahl der deut­schen Ver­la­ge soll­te an The­men und den dar­an Inter­es­sier­ten irgend etwas nicht abde­cken kön­nen? Bei sol­chem Spek­trum doch unmög­lich! Die Gefahr, daß zu allen ande­ren bereits über­flüs­si­gen Ver­la­gen gera­de der nächs­te über­flüs­si­ge ent­stan­den ist, erscheint viel grö­ßer als das Risi­ko der Kos­ten für eine pas­sa­ble Netz­sei­te, die Gestal­tungs­mit­tel und den Druck des Erstlings.

Nach­dem man sich aus dem Gewer­be­amt ver­ab­schie­det hat, wünscht man sich einen schwa­chen Moment lang wenigs­tens ein Manu­skript mit per­ver­sen Seri­en­kil­lern, Vam­pi­ren oder Feucht­ge­bie­ten als Ver­si­che­rung! Am bes­ten alles in einem: Per­ver­se Seri­en­kil­ler in Feucht­ge­bie­ten, umschwirrt von Vam­pi­ren. Bis zur Mor­gen­stun­de! – Und das alles in Pro­sa, Pro­sa, Pro­sa! Bloß nichts ande­res als Pro­sa! Nur nicht Lyrik oder gar anstren­gen­de Essays!

Was habe ich also zu bie­ten? Non mul­ta! Dank der poli­tisch moti­vier­ten Ver­hin­de­rung mei­ner Manu­skrip­te, auch dank der Zähig­keit mei­ner Kor­re­spon­denz mit jenen cou­ra­gier­ten Ver­la­gen, die – frei­lich unterm nächs­ten Pseud­onym – sogar einen so kon­ta­mi­nier­ten Autor wie mich inter­es­sant fän­den, sind mei­ne Schub­la­den voll. Mit Pro­sa, ja. Auch mit Essay­is­tik. Aber einen Ver­lag zu grün­den, um dar­in sich selbst anzu­bie­ten, ist wie der Kauf eines Ober­klas­se­wa­gens, mit dem man bei her­un­ter­ge­las­se­ner Schei­be als Son­nen­bril­len­ma­cho durchs Vier­tel kutscht, um den Freun­den zuzu­win­ken, bevor man die Protz­kar­re wie­der in der Gara­ge fährt. Nein, man muß das Medi­um als Maschi­ne benut­zen, also eher wie einen Traktor.

Ich bin mit Lyrik gestar­tet. Mit eige­ner, aus den letz­ten bei­den Jah­ren nur, aus­nahms­wei­se. Lyrik ist gut zu hand­ha­ben. Obwohl sie kei­ner mehr will. Heißt es. Kei­ne Zei­ten für Lyrik. Weiß man doch! – Aber genau des­we­gen ist es der Ver­such wert!

Lyrik ist die ältes­te, ursprüng­lichs­te lite­ra­ri­sche Gat­tung – vom Rhyth­mus her­kom­mend, vom Lied, von Trom­meln in der Nacht, vom Dio­ny­si­schen. Ein rich­tig gutes Gedicht reicht fürs Leben. Immer wenn sich die Zei­ten beweg­ten, ent­stan­den Gedich­te, weil sie Gedan­ken und Spra­che ver­dich­ten kön­nen, weil sie Bil­der und Sym­bo­le für schwer Faß­ba­res fin­den, weil sie sol­cher­art auf den Punkt kom­men und also ope­ra­tiv sind: Flug­blät­ter, schnell ver­teilt, aber ein­dring­lich in der Botschaft.

Ich kann mich irren. Aber ich müß­te mich sehr irren, wenn die Zei­ten nicht gera­de in Gärung sind, wenn nicht Lite­ra­tur wie­der zum poli­ti­schen Aus­druck dräng­te, wenn es nicht Zeit sein soll­te für Pro­vo­ka­ti­on, für Aus­drucks­kraft im Sin­ne von Expres­si­vi­tät und gewis­ser­ma­ßen für Edvard Munchs Schrei. Hin­ter uns lie­gen ein paar laue impres­sio­nis­ti­sche Jahr­zehn­te, in denen all die Befind­lich­kei­ten von New Eco­no­my, Agen­da 2010, kom­ple­xer Kri­se und vor allem Media-Markt in so nar­ziß­ti­scher Ein­dring­lich­keit gespie­gelt wur­den, wie es Teen­ager in Bade­zim­mern tun, wenn sie mit dem iPho­ne das nächs­te „Pro­fil­bild“ von sich auf­neh­men. Pro­fil? So schick wie fade. Und dank Micro­soft Word pro­du­ziert jeder sofort „Print“, der nur eine Tas­ta­tur zu bedie­nen ver­steht. Alle Welt blogt und kom­men­tiert, twit­tert und chat­tet, „teilt“ ihre Nich­tig­kei­ten und schreibt dar­aus gan­ze Bücher zusam­men. Über­haupt ist jeder plötz­lich so „authen­tisch“.

Nur die Poli­tik woll­te es nicht mehr sein. Unver­wech­sel­bar? Ging gar nicht. Alle Poli­tik bot mehr oder weni­ger das­sel­be. Nur kei­ne Gren­zen oder Unter­schei­dun­gen! Die Gren­zen waren doch gefal­len und Unter­schei­dung bedeu­tet wört­lich Dis­kri­mi­nie­rung, ja Selek­ti­on! Statt des­sen Inklu­si­on, Inte­gra­ti­on, Tole­ranz, Gemein­sam­keit – inner­halb des gro­ßen und kun­ter­bun­ten Fes­tes der Demo­kra­tie, das sich den Anschein gibt, selbst den bösen, bösen Kapi­ta­lis­mus besiegt zu haben wie Rot­käpp­chen den Wolf. Wer da nicht mit­mach­te, galt als schlim­mer Out­law! Eine Stim­mung im Land, als haben sich der wie­der mal neue Mensch sein mephis­to­phe­li­sches Erb­teil weg­la­sern las­sen und wäre end­lich ein aus­schließ­lich Wohl­mei­nen­der. Das legt nicht nur die Debat­te, son­dern über­haupt alle Krea­ti­vi­tät brach.

Und doch: Es bewegt sich was. Viel­leicht gar auf ris­kan­te, zu ris­kan­te Wei­se. Der­glei­chen will Aus­druck – aus jeder poli­ti­schen Rich­tung, mit gestei­ger­ter Aus­sa­ge­kraft und fri­scher Ästhe­tik. Wir befän­den uns ansons­ten in der ers­ten lite­ra­tur­ge­schicht­li­chen Epo­che, in der ein Wan­del kei­ne Wor­te fin­det. Inso­fern hof­fe ich auf mar­kan­te Stimmen.

Das Morä­nen­land paßt zur Sezes­si­on. Es ent­steht am Ran­de. Weil aus der Mit­te sel­ten Neu­es kam. Zwi­schen all dem Gepin­ge, Gekli­cke und Getipp­sel im vir­tu­el­len Raum etwas Gedruck­tes auf­zu­le­gen ist ein ver­bind­li­cher Akt. Er wird fort­ge­setzt. Mit ande­ren Ange­bo­ten, zwi­schen denen mei­ne Wor­te nicht die wich­tigs­ten sind.

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Kommentare (8)

Landser

19. April 2013 13:50

Zum Einstand viel Glück,
zum Einstand alles Gute!
Das wünschen der Karl und Sebastian,
und auch Mandy und Ute!
Ein Gedicht, ein Gedicht,
so schallt es im Wald
und auch in der Stadt,
denn wir haben diese Zeiten so unendlich
SATT!!!
Rechts ab vom Wege,
ob das wohl gut geht?
Dort, wo allein
der wahre Geist steht!?
Einer neuen Zeit entgegen,
die in der Ferne schimmert noch matt,
denn wir haben DIESE Zeiten so unendlich
satt!!!
Das soll nun genügen,
ich fasse mich kurz.
Ob's gefällt oder nicht,
das ist mir ganz schnurz.
Wenn auch alle, so doch ich nicht,
ich sag's Euch glatt,
denn ICH habe diese Zeiten so unendlich
satt!!!
Und aus!

Rumpelstilzchen

19. April 2013 15:34

Keine Zeiten für Lyrik ? Oh doch.

"Zukunft

So könnte unsere Gesellschaft in Zukunft aussehen:
Zahllose Varianten psychischer Erkrankungen, Geistesgestörte, die auf den Straßen laute Selbstgespräche führen, zur Norm gewordene sexuelle Ausschweifungen, Drogenmißbrauch, Kriminalität - in Kalifornien ist dies bereits an der Tagesordnung. Es wird zur Folge haben, dass das Bedürfnis entsteht, sich in kleinen Gruppen zusammenzufinden, wo man sich durch die Vernunft, den gesunden Menschenverstand und die Reinheit der Sitten miteinander verbunden fühlt. Vielleicht wird inmitten der allgemeinen Verwahrlosung sogar die Poesie in einer solchen Gruppe überleben, als das Gesunde unter den Kranken - einst galt sie ja als das Kranke unter den Gesunden."
( Czeslaw Milosz, 1990)

In diesem Sinne alles Gute für Ihr Projekt, das mir nach einem kurzen Blick recht gut gefällt.

Rumpelstilzchen

19. April 2013 15:38

P.S. Den Unterschied zwischen Lyrik und Poesie mag ein anderer herausarbeiten.

Benjamin Jahn Zschocke

19. April 2013 15:40

Ich habe das Buch heute erstmals in Händen gehalten und man sieht, daß gleich mehrere Fachleute am Werke waren. Große Klasse! Es ist mit einem solchen Projekt genau wie mit der Kunst an sich: Die Frage "kann man davon leben" ist wichtig, jedoch sekundär, solange man nicht ohne genau diese Dinge leben kann, die einem am Herzen liegen - um die man nicht herumkommt, ehe man sie tut.

Rainer Gebhardt

19. April 2013 18:29

Moränenland

Nach der Eiszeit
fand man im Sprachgeröll
kostbare Worte.
Sie sprachen vom Leben
in der Eiszeit.

Toni Roidl

19. April 2013 20:13

Viel Erfolg und alles Gute.

Aus vielen vernetzten Mikro-Unternehmen entsteht halt auch eine "Graswurzelbewegung".

Franz Schmidt

19. April 2013 21:18

Vielleicht schreibt jemand mal ein Kaplakenbändchen über empfehlenswerte deutsche Literatur?

Vielleicht kann dann der Kurtagic auch mal eines über englische schreiben (von "Mister" bis "Sea Changes")?

Sara Tempel

21. April 2013 14:11

Mögen die launischen Musen Sie nicht im Stich lassen!
Von Herzen wünsche ich Glück und Segen.

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