Französischer Blätterwald (4) – Geschichte in Hochglanz

In Deutschland werben im konservativen Bereich vor allem zwei Geschichtsmagazine um Leser:...

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

Geschich­te & Wis­sen kom­pakt erklärt sowie die eher alt­rech­te Deut­sche Geschich­te. Euro­pa und die Welt. In Frank­reich gibt es kei­ner­lei Alter­na­ti­ven – sie sind schlicht­weg nicht not­wen­dig. La Nou­vel­le Revue d’Histoire (NRH) deckt den Markt umfäng­lich ab.

Her­aus­ge­ber ist mit Domi­ni­que Ven­ner ein His­to­ri­ker, der bereits in der Sezes­si­on ver­tre­ten war und dem deutsch­spra­chi­gen Publi­kum wohl beson­ders auf­grund sei­ner fun­dier­ten Frei­korps-Stu­die Söld­ner ohne Sold bekannt ist.

Ven­ners Zeit­schrift erscheint alle zwei Mona­te mit 66 Sei­ten im DinA4-For­mat. Daß die Zeit­schrift ästhe­tisch anspre­chend und reich bebil­dert gestal­tet wird, ist gewiß nicht ihr größ­ter Vor­teil. Die­ser liegt viel­mehr in der wohl­tu­en­den Mischung aus Grund­la­gen­ar­ti­keln, Por­traits, Inter­views sowie einem Dos­sier, das etwa die Hälf­te des Rau­mes jeder Aus­ga­be ein­nimmt und in dem von ver­schie­dens­ten fach­kun­di­gen Autoren detail­liert ein spe­zi­el­les The­ma bear­bei­tet wird. Abge­run­det wird das Pari­ser Maga­zin durch kur­ze und lan­ge Rezen­sio­nen und einen sorg­fäl­ti­gen, nach vor­aus­sicht­li­chem Erschei­nungs­da­tum ange­ord­ne­ten Kalen­der neu­er Bücher.

Im Jahr 2013 sind bis dato zwei Aus­ga­ben erschienen.
Num­mer 64 (Januar/Februar) ent­hält – neben den stets ver­tre­te­nen Kate­go­rien – das Dos­sier „Das Ende der Habs­bur­ger“ und ver­sam­melt dar­in sie­ben Arti­kel, deren Inhalt den deutsch­spra­chi­gen Lesern (vor allem auf­grund ent­spre­chen­der Auf­sät­ze der Neu­en Ord­nung) größ­ten­teils bereits bekannt sein dürf­ten, und eine beacht­li­che Chro­nik des Hau­ses Habs­burg von 791 bis 1918. Zudem ent­hält Nr. 64 u. a. eine Abhand­lung über ita­lie­nisch­stäm­mi­ge Pari­ser Gym­na­si­as­ten, die sich noch 1943 frei­wil­lig zur Mus­so­li­ni-Eli­te­ein­heit Deci­ma MAS mel­de­ten, sowie ein Über­blick über die „Geschich­te der Lin­ken in Frank­reich“ aus der Feder Alain de Benoists, der damit eines sei­ner Spe­zi­al­fel­der bear­bei­tet. Der Kurz­vor­stel­lung Benoists kann zudem ent­nom­men wer­den, daß der fran­zö­si­sche Phi­lo­soph an einem Werk über „Tie­re und Men­schen“ arbei­tet, das der Stel­lung des Men­schen in der Natur auf den Grund gehen möchte.

Das aktu­el­le Heft (Nr. 65, März/April) ist dem Ver­hält­nis zwi­schen den USA und Euro­pa gewid­met. Uni­ver­si­tä­re wie außer­uni­ver­si­tä­re Wis­sen­schaft­ler zeich­nen die­se mit­un­ter span­nungs­ge­la­de­ne Bezie­hung nach, ohne aber vor dem Heu­te Halt zu machen. Her­vor­zu­he­ben sind Pas­cal Tra­buchots Ana­ly­se der Bezie­hun­gen USA–Israel („Isra­el, der läs­ti­ge Part­ner“), in der der Autor zeigt, daß das Ver­hält­nis trotz jed­we­der Lob­by­ar­beit von AIPAC und Co. in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten der Real­po­li­tik unter­wor­fen bleibt, und Tan­crè­de Jos­serans geo­po­li­ti­scher Blick auf die Rol­le der Tür­kei in west­li­chen Bünd­nis­sys­te­men („Die Tür­kei als wider­spens­ti­ges Instrument“).

Aus deut­scher Per­spek­ti­ve sicher­lich von beson­de­ren Inter­es­se ist die aus­führ­li­che Behand­lung der Deut­schen im Osten nach 1945. Aus­ge­hend von R. M. Dou­glas’ Stu­die ‚Ord­nungs­ge­mä­ße Über­füh­rung‘ zeich­net Yves Nan­til­lé die Ver­trei­bun­gen detail­liert nach, akri­bisch und mit Zah­len unter­füt­tert, doch nicht ohne Empa­thie für die indi­vi­du­el­len Schick­sa­le. Nan­til­lé pickt sich den Bahn­hof Hof her­aus, um abseits all­ge­mei­ner Daten und Tra­gö­di­en kon­kret zu zei­gen, unter wel­chen Bedin­gun­gen die „Umsied­lun­gen“ auch Mona­te nach Kriegs­en­de von­stat­ten gin­gen. In der baye­ri­schen Stadt Hof, unweit der dama­li­gen tsche­cho­slo­wa­ki­schen Gren­ze gele­gen, fuhr im Dezem­ber 1945 ein Zug mit 650 ver­trie­be­nen Suden­ten­deut­schen ein, von denen 94 bereits auf der – trotz Grenz­nä­he drei­tä­gi­gen – Rei­se ver­star­ben, unter ihnen 22 Kin­der. Nan­til­lé greift sich die­ses Bei­spiel als Ein­stieg für die fol­gen­de Gesamt­schau, dem fran­zö­si­schen Leser schil­dernd, daß dies nicht als Ein­zel­fall zu ver­mer­ken ist, son­dern daß sol­cher­lei Lei­dens­ka­pi­tel noch im Win­ter 1945 – und Jah­re dar­über hin­aus – Gang und Gebe gewe­sen sind.

Das durch­ge­hend auf hohem Niveau gehal­te­ne Heft ist aber kei­nes­wegs auf den Zwei­ten Welt­krieg und damit ver­bun­de­ne Greu­el beschränkt. Wei­te­re Bei­trä­gen zei­gen die viel­fäl­ti­gen Facet­ten der NRH-Autoren. Die geis­tes­ge­schicht­li­chen Wur­zeln des groß­ar­ti­gen J. R. R. Tol­ki­en wer­den eben­so behan­delt (von Mat­hil­de Tingaud) wie die öster­rei­chi­sche Erz­her­zo­gin Maria The­re­sia (von Emma Demees­ter) oder neue archäo­lo­gi­sche Ent­de­ckun­gen zur gal­li­schen Geschich­te (von Éric Mousson-Lestang).

La Nou­vel­le Revue d’Histoire ist ein emp­feh­lens­wer­tes Geschichts­ma­ga­zin mit euro­päi­scher Per­spek­ti­ve. Daß es auch für deut­sche Leser mit rudi­men­tä­ren fran­zö­si­schen Sprach­kennt­nis­sen loh­nend ist, einen Blick in das Peri­odi­kum Domi­ni­que Ven­ners zu wer­fen, liegt nicht zuletzt am regel­mä­ßi­gen kom­pak­ten Über­blick über Neu­es aus Lite­ra­tur, Publi­zis­tik und Wissenschaft.

Die sechs­mal im Jahr erschei­nen­de Zeit­schrift kos­tet im euro­päi­schen Aus­lands­ta­rif 44.00 € jähr­lich (inkl. Por­to); für 58.00 € (inkl. Por­to) erhält man pro Jahr­gang zusätz­lich zwei Son­der­hef­te. Rabatt bei Abschluß eines Abon­ne­ments mit zwei­jäh­ri­ger Lauf­zeit. Bestel­lun­gen – auch älte­rer Hef­te – sind jeder­zeit über die Netz­prä­senz möglich.

Benedikt Kaiser

Benedikt Kaiser ist Politikwissenschaftler und arbeitet als Verlagslektor.

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