Authentische Authentizität

von Heino Bosselmann

„Authentisch“ gerät als Modewort in Dauergebrauch. Ein Zeichen dafür, daß man zwischen standardisierten Personen und Ereignissen „Authentizität“, das Echte und Unverwechselbare, vermißt und also unbewußt ersehnt? Alles Ursprüngliche wurde längst zugeplattet, gedämpft und gedämmt, umzäunt und entschärft

 Gastbeitrag

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Offen­bar ver­hei­ßen Ste­ri­li­sa­ti­on und her­me­ti­sche Sys­te­me Sicher­heit. Wirk­lich Authen­ti­sches gilt mitt­ler­wei­le als unbe­re­chen­bar. Es wider­setzt sich den Nor­mie­run­gen. Natür­li­che Herz­lich­keit etwa weckt Befrem­den: Was ist denn mit dem los? – Über­haupt fällt die Natur wie­der ins Unbe­kann­te zurück und erscheint dabei immer gefähr­li­cher. Über­all Kei­me! Und wie man hört, keh­ren sogar die Wöl­fe zurück. Also schnell die Schü­ler akten­kun­dig belehren!

Kin­der wer­den auf den Rück­sit­zen gepfleg­ter Mit­tel­klas­se-Wagen groß, fest­ge­schnallt wie Astro­nau­ten in TÜV-zer­ti­fi­zier­ten Sit­zen. Sie haben bereits eine Men­ge Ter­mi­ne. Viel­leicht geht’s gera­de zu einer Kids-Par­ty im Indoor-Spie­le­land „Adven­ture-Park“. Die natür­li­che Welt bleibt sicher­heits­hal­ber hin­ter Sicher­heits­glas ver­bor­gen. Statt Kanin­chen­fut­ter zu besor­gen, kann man auf dem Smart-Pho­ne sei­nen glie­der­lo­sen Pou mit vir­tu­el­lem Sushi füt­tern. Und das Fas­zi­no­sum Tech­nik? Gibt’s da noch was über Media-Markt hin­aus? Der Motor von Papas Auto ist wohl leis­tungs­stark, ein säu­seln­des Kraft­pa­ket ver­läß­lich sum­men­der Hoch­tech­no­lo­gie, aber ver­bor­gen und fremd, so unbe­kannt wie drau­ßen der blü­hen­de Ahorn der Allee, von dem kei­ner im Wagen auch nur den Namen weiß. Ahorn kennt man vom Früh­stücks­tisch, als Ahorn­si­rup, aus Kana­da wohl.

Ach, Kana­da! Ja, das wäre mal was ganz ande­res! Indian Sum­mer! Traum­haft exo­tisch! Oder Aus­tra­li­en. Oder Neu­see­land. Haupt­sa­che, weit weg, mög­lichst bei den Anti­po­den, fern wie die Schlach­ten aus dem „Herrn der Rin­ge“, die von DVD lau­fen. Obwohl die schon auf alt- und mit­tel­hoch­deutsch geschla­gen wur­den. Mythos und „Fan­ta­sy“ sind beliebt. Man sehnt sich nach Erleb­nis, Bewäh­rung und Hel­den­ta­ten, obwohl man kaum mehr einen 3000-Meter-Lauf durch­stün­de. Man trägt ja auch Jack-Wolfs­kin-Klei­dung, ohne je in die Wild­nis zu kom­men; blickt auf bomb­sa­ti­sche Flie­ger­uh­ren, ohne abzu­he­ben, und bevor­zugt star­ke Land­ro­ver, ohne daß man deren Chrom je eine Stre­cke Schlamm zumu­ten würde.

In Deutsch­land tra­gen die Chaus­see­bäu­me Num­mern aus Plas­tik. Sicher zu ihrem eige­nen Schutz. Und die Ver­trags­werk­stät­ten fürs Auto erschei­nen heu­te so sau­ber wie frü­her die Kli­ni­ken. Sind die in den wei­ßen Kit­teln eigent­lich noch rich­ti­ge Schlos­ser? Alles so glatt, abwisch­bar und geruchs­neu­tral. Kein Ölge­ruch, nein, wei­ßes Apple-Design, schö­ne, neu ver­putz­te Welt. Sein Auto fährt man nicht mehr zur Repa­ra­tur, man bringt es – scheck­heft­ge­pflegt – zur Dia­gno­se. So wie man sich selbst eben ab und an „durch­che­cken“ läßt, um mit erneu­er­ter Garan­tie wei­ter sei­nen Kon­su­men­ten­stoff­wech­sel zu betreiben.

Star­te­ten wir, Ost­jahr­gang Mit­te Sech­zi­ger, im Unter­richt „Ein­füh­rung in die sozia­lis­ti­sche Pro­duk­ti­on“, dem Technik­un­ter­richt der DDR, mit vier­zehn, fünf­zehn end­lich den Aus­bil­dungs­trak­tor, um damit erst fah­ren und dann Anhän­ger zie­hen oder gar pflü­gen zu ler­nen, pas­sier­te mit dem Vier­takt-Die­sel rich­tig was. Er bal­ler­te los und stieß eine schwar­ze Wol­ke aus. Erst bekam man es mit der Furcht, dann aber wuchs der Stolz, eine kräf­ti­ge Maschi­ne steu­ern zu kön­nen. Sie im Griff zu haben. Das war der Ritt auf einem Dra­chen durchs Dorf und, gewal­ti­gen Ein­druck schin­dend, an den Wei­bern auf der Kar­tof­fel­kom­bi­ne vor­bei. Ein Trak­tor mit hun­dert Pfer­de­stär­ken war ein ganz ande­res Stück Tech­nik als der Föhn, mit dem sich heut­zu­ta­ge Jus­tin oder Kevin im Bad die Haa­re machen. (Und wer von uns Dreck­fin­ken brauch­te oder hat­te schon ein Bad?)

Aber nicht erst mit Maschi­nen und Trak­to­ren initi­ier­ten uns die Alten. Ich ver­ges­se nicht den Geruch der Erde bei all dem Umgra­ben, Grub­bern, Har­ken, Jäten, Rüben ver­zie­hen, Kar­tof­feln sam­meln, Rote Bee­te ern­ten – die­sen ein­fa­chen Tätig­kei­ten, die einem mit hohem, ja wei­he­vol­lem Ernst erklärt wur­den. Und mit einer Stren­ge, die heu­te ver­mut­lich als faschis­tisch gel­ten wür­de: Mach’s rich­tig! Oder gar nicht! Erklä­ren wir dir ein­mal, viel­leicht zwei­mal, aber dann muß es klap­pen. – Und mach bloß kei­nen Schrott!

Alles duf­te­te. Die Stäl­le rochen nach Mist, nach Fut­ter­schrot und Milch, so wie die Män­ner und Frau­en, die dort arbei­te­ten. Über­haupt duf­te­te alles. Wer­den und Ver­ge­hen, Fäul­nis und Zeu­gung noch dicht bei­ein­an­der. Selbst der Die­sel der Sowjet­ar­mee duf­te­te. Anders. Regel­mä­ßig groll­ten deren Kolon­nen durchs Dorf. Rus­si­sche Gesich­ter und jene ihrer Anhangs­völ­ker­schaf­ten, alle Gesich­ter Eura­si­ens, kau­ka­si­sche, asia­ti­sche, ori­en­ta­li­sche, sibi­ri­sche, also bei­na­he india­ni­sche. Wir wink­ten. Sie hät­ten uns den Frie­den gebracht, erklär­te die Schu­le. Mein Vater erklär­te es umfas­sen­der und lei­ser; er wink­te auch nicht. Jeden­falls hiel­ten uns die­se Pan­zer in einer welt­ge­schicht­li­chen Pau­se von ein paar Jahr­zehn­ten gefan­gen, in denen die Welt noch duftete.

Ver­klä­rung! Post­in­dus­tri­ell roman­ti­scher Blick aufs indus­tri­el­le Zeit­al­ter! Idyl­li­sie­rung der Dik­ta­tur! Blut-und-Boden-Pro­pa­gan­da auf sozia­lis­tisch! Mau­er­ro­man­tik! – Mag sein. Gewis­ser­ma­ßen wur­den wir ja in der Reser­va­ti­on gebo­ren. Bis die Frei­heit kam, also das Recht und der Markt – und damit all die Waren mit dem Inter­shop-Duft, der dann die ande­ren Gerü­che über­la­ger­te. Und die Kin­der end­lich zu McDo­nalds konn­ten, die Män­ner Bier aus bun­ten Büch­sen tran­ken statt Pritz­wal­ker Hell und die Frau­en sich die Ach­sel­höh­len rasier­ten. Gut so.

Nur, wo sind die Aben­teu­er hin? Und wes­halb haben so vie­le zum “hyper­ki­ne­ti­schen Syn­drom” noch die­se Lak­to­se­un­ver­träg­lich­keit und all die Haus­staub- und sons­ti­ge All­er­gien? Und wes­halb ste­hen alle so auf Ganz­tags­schu­le, anstatt nach­mit­tags an der Löck­nitz Hech­te zu blin­kern – für sonn­tags, für gedüns­te­ten Hecht auf Gemü­se? Und wes­halb will kaum mehr einer rich­tig Tre­cker fahren?

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Kommentare (6)

Hesperiolus

29. April 2013 18:45

Für die Bedeutungsherkunft von "authentisch" verweist das Wörterbuch uns auf den "zuverlässigen Gewährsmann". Woher diese Gewähr kommt sagt das "Echte": "echt", althochdeutsch eohaft, heißt "der Sitte entsprechend", "fromm". Ewe klingt an, die das alte und Gewohnheitsrecht meint. Ewe, das ist zeitliche Ewigkeit eines Volkes, seine Dauer und Lebenszeit, solange seine Überlieferung reicht und gelten mag. "Ewig" ist ein Volk, das und solange seine Sitte waltet, solange seine Nachkommen "ehelich", d.h. aus dieser Treue geboren werden. Echt ist keiner mehr, dessen Herz und Seele durch american cool, das tödlichste Ethno-Psychozid, vergiftet worden sind. Identitäre müssten echt, müssten ehelich in diesem Sinne werden, gegen das cool im Brei des Pop immun geworden sein, um einen neuen, den "authentischen" Anfang und Ausweg wagen zu können.

Sara Tempel

29. April 2013 20:38

Lieber Herr Bosselmann,
Sie haben Ihre Erinnerungen so schön beschrieben, dass man Sie auf Ihrem Trecker plastisch vor Augen hat! Sofort fallen mir Eindrücke ein, die meine unbeschwerte Kindheit prägten, die herrliche Zeit bevor Schulwissen so vieles beherrschte. - Es war auf dem Bauernhof meiner Verwandten in der Eifel. Die Bäuerin, meine Tante, stieg morgens mit dem ersten Hahnenschrei ins Tal hinab zum Gottesdienst. - Ein durchdringender "Duft" aus den Ställen, Gestank aus dem Klohäuschen im Hof. Ein riesiges rundes Loch, dass ein kleines Mädchen schnell in seinen Orkus ziehen wollte, Erleichterung wenn ich diesen Ort wieder verlassen durfte.- Mit Onkel Alex auf dem Trecker über die Felder, das schmale Geländer viel zu hoch um sicher zu sein. Heute, in einer Welt voller Regeln würde niemand mehr sein Kind einer solchen Gefahr aussetzen, das aber war Authentizität des realen Lebens, noch nicht digital. Im letzten Jahr wurde der Bauer Alex, Vetter meines längst verstorbenen Vaters, von seinen Pius-Brüdern zu Grabe getragen.- Zu Hause floss die kleine Erft, tatsächlich ein offener Kanal, durch unser Grundstück aus Familienbesitz. Immer wieder zog mich der Bach in sein stinkendes Bett. Er bat mir Schutz - bis heute leide ich noch nicht unter Allergien! Zu viel Nostalgie? Sicher werden unsere Nachkommen aus neuen Quellen schöpfen!

Ein Fremder aus Elea

29. April 2013 20:53

Naja, bei uns auf der Diele roch es auch nach Diesel, und zum ersten Mal Trecker gefahren bin ich mit 6, als mein Vater noch mit der Forke die Strohballen auf den Anhänger stakte. Dann hat er sich allerdings eine Schleuder gekauft und ist selber Trecker gefahren. Für uns hieß das: Strohballen in eine Reihe packen.

Scheißtechnik, fürwahr.

Auf dem Feld war es trotzdem ganz schön, später in der Scheune allerdings... das war schon fast die Hölle, heiß, staubig, stechend.

Duften... nun gut, ich mag Dieselgeruch, aber duften... und so ein Kuhstall duftet auch nicht gerade... das alles riecht eher, Treber, Kuhschrot, Molkepulver... der Misthaufen... die Jauchekuhle...

Ich glaube ehrlich gesagt nicht, daß sich in olfaktorischer Hinsicht allzu viel seit meiner Jugend geändert hat. Wenn Sie beispielsweise mal Treber riechen wollen, dann fahren Sie doch mal bei der Holstenbrauerei vorbei - oder bei irgendeiner anderen.

Und Diesel... hmm... vielleicht irgendwo in der Stadt wo viele LKWs vorbeifahren.

Ich nehme einstweilen mit den Abgasen meiner Motorsäge Vorlieb. Und dem teils frischen, teils schimmelig säuerlichen Geruch des Holzes.

Martin

29. April 2013 20:54

Herr Bosselmann,

ich darf sie beruhigen, im ländlichen "Westen" der Vorwendezeit war es nicht viel weniger Sinnenintensiv, obwohl es Coca Cola (was aber in normalen Kreisen verpönt war) und echte Jeans-Hosen gab.

Ich denke, das Entfremdungsthema ist doch recht Zeiten-übergreifend (im 20. Jhdt. literarisch bereits sehr schön in der US-Amerikanischen Literatur der nach dust bowl Zeit über die Beat Generation bis zu den 70ern erzählt - das also, wofür wir den US-Amerikanern auch einmal Respekt und Dankbarkeit zollen müssen), auch wenn sich mittlerweile eine allgemeine Beschleunigung überall breit gemacht hat.

Was auffällt, ist eine neue Form des Totalitarismus. Die totale Mobilmachung der Arbeit, die aber nicht mehr Erd- oder Maschinen gebunden ist, die dafür keine Geschlechter oder Abstammungen mehr kennt, als totalere Form der Sklaverei. Der modische Burn-Out unserer Tage ist der instinktive Protest, die moderne Fahnenflucht des heutigen Menschen, wenn er sich nicht bereits mit HartzIV eingerichtet hat.

Mit depressiven Frühjahrsgrüßen eines authentisch Unauthentischen.

eulenfurz

29. April 2013 23:23

Nein, wir haben nicht gewunken. Wir haben sie gehaßt, die Russen, die sich lauthals und unflätig benahmen, die - uniformiert - an Badestränden kichernd glotzten. Die Fremden!

Zadok Allen

2. Mai 2013 14:05

Jedenfalls hielten uns diese Panzer in einer weltgeschichtlichen Pause von ein paar Jahrzehnten gefangen, in denen die Welt noch duftete.

Danke für diesen Satz! Ihre Prosa geht mit Dichtung schwanger.

Ein weiterer Gesichtspunkt: Wer nicht seine Kindheit und Jugend in der (und genauer: in einer und derselben) "Provinz" verbracht hat, dürfte ohnehin mit großer Wahrscheinlichkeit schwerstgeschädigt sein. Die natürlichen Kinder der Metropolen sind vom Verhängnis als Träger der gegenwärtigen Ideologie und ihrer säkularen Folgen ausersehen. Ausnahmen erfreuen freilich immer.

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