Sezession
6. Mai 2013

Gelbe Rosen und linke Lektionen (2)

Martin Lichtmesz

Differentbutequal  (Zum ersten Teil geht es hier.) Unlängst habe ich auf diesem Blog eine Übersetzung eines Textes von Guy Debord aus dem Jahr 1985 veröffentlicht. Debord, einst eine große Ikone der linken Intellektuellen, sah die Einwanderungsfrage vor allem unter dem Gesichtspunkt der Kritik der Entfremdung; ihr ginge ein selbstverschuldeter Kultur- und Identitätsverlust der Franzosen voraus, ein erniedrigender Ausverkauf an die Konsumgesellschaft amerikanischen Stils.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Er prophezeite, daß sich am Ende sowohl Einwanderer als auch autochthone Franzosen als Entwurzelte, quasi als Abfallprodukte des Kapitalismus in der Plastikramsch-Arena des "Spektakels" gegenüber stehen würden. "Kulturelle Unterschiede" sei nur mehr ein merkantiler Begriff. Eine Nation, die kein geistiges Zentrum und keinen inneren Halt mehr besitzt, könne keine Einwanderer in großen Mengen aufnehmen, ohne daß es zu ethnischen Konflikten, Ghettobildungen und Blutbädern kommt.

Und bei dieser Passage mußte ich an die Binnen-I's und sonstige linke Sprachmassaker denken:

Manche meinen, das Kriterium der Assimilation sei „die französische Sprache“. Lächerlich. Beherrschen etwa die heutigen Franzosen die französische Sprache? Können wir nicht vielmehr deutlich sehen, daß die sprachliche Artikulationsfähigkeit und die klaren Gedankengänge am Verschwinden sind, ohne das Zutun irgendeines Einwanderers?

Betrachtungen dieser Art werden heute als vorwiegend rechter "Diskurs" abgestempelt, womit sie auch schon als erledigt gelten. Knapp zwei Generationen nach 1968 ist der Großteil der heutigen Linken ist unfähig, die Dinge zu sehen, die Debord sah, oder auch nur seine Fragen zu formulieren, weil sie kaum einen Begriff mehr von seinen Bezugspunkten hat. Während sie gleichzeitig ununterbrochen von "Bildung" ("für alle") faseln, blinzeln sie wie Nietzsches "letzter Mensch" und fragen achselzuckend: Was ist Kultur? Was ist Sprache? Was ist Nation? Was ist Geschichte?

Oder auch: was  ist "Enfremdung"? Denn allzu leidend oder "entfremdet" kommen sie mir in ihrem bequemen Konformismus nicht vor, zumindest nicht an der Oberfläche. Die Linke liest heute nicht mehr Marx, Adorno oder Debord, sondern eher die "Gegen Rechts"-Pornos der Antifa, um sich in Fahrt zu bringen.

Ich räume ein, daß man sich in einer Wohlstandsfestung wie Österreich, wo bislang weder Wirtschaftskrise noch Einwandererproblematik besonders dringlich und nur lokal spürbar sind, und die Lage nach allgemeinem Dafürhalten als "hoffnungslos, aber nicht ernst" angesehen wird, es sich leicht machen kann wie die Kaulquappe, die in der Wasserpfütze locker-lustig vor sich hinschwänzelt und die Hitze der Sonne nicht fürchtet, die sie morgen schon auf Sand setzen wird.

Aber wenn die über die Identitäre Bewegung und die "Neue Rechte" dozierende antifaschistische Doppelmagistra, von der im ersten Teil dieses Beitrags die Rede war, beispielsweise mehrfach mit ironischem Zungenschlag vom "bösen, bösen Islam" redet, frage ich mich, was genau sie damit eigentlich sagen will - daß die Ausbreitung des Islams keine Gefahr für die europäischen Gesellschaften ist? Daß sie überhaupt nicht stattfindet, und darum nicht zu fürchten sei? Oder daß der Islam eigentlich gar nicht "böse" ist? Letzteres ist er für sie offenbar weitaus weniger als die "weißen, bürgerlichen Männer", die sie explizit (und nicht gerade unrassistisch) als pathogene Rekrutierungsgruppe des Rechtsextremismus hervorhob, als hätte sie zuviele Stig-Larsson-Romane gelesen.

Und das ist die unangenehme Gretchenfrage an die Linke, die es vorzieht, sich mit ein paar Zügen an der antifaschistischen Shisha um ihre Beantwortung zu drücken. (Ähnliche Fragen könnte man angesichts der kommenden demographischen Entwicklungen stellen.) Nach linken Maßstäben sind gerade islamische Gesellschaften wahre Wundertüten aus Diskriminierung, Intoleranz, Fundamentalismus, Sexismus, Homophobie, Antisemitismus, Patriarchalismus, Gewaltverherrlichung, autoritärer Erziehung und so weiter.  Dennoch widmet sich die Linke der Kritik des Islams, wenn überhaupt, mit deutlich weniger Verve als der maßlosen Denunziation noch verbliebener konservativer Werte und Strukturen in unserer eigenen Gesellschaft. Genauso gut könnte sie tote Schafe verprügeln.

Das hat vielleicht mit Angst zu tun (wieviel lieber attackiert man einen Gegner, der ohnehin auf dem Rückzug ist), noch mehr aber tippe ich - guten Willens - auf etwas anderes: die instinktive Scheu vor einer fremden Kultur, deren Fremdheit man respektiert, während man bei der eigenen Mischpoke weniger Hemmungen hat, auf den Boden zu stampfen und das Porzellan zu zerteppern.

Denn ich bin überzeugt, daß trotz allem törichten und ohnehin nur inkonsequent betriebenem "dekonstruktivistischem" Gerede auch die Linken gefühlsmäßig und gedanklich wohl unterscheiden können zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Und mit dem Respekt vor der anderen Kultur treffen sie sich auch mit dem identitären "Diskurs"- denn es scheint mir ein völlig richtiger Gedanke zu sein, daß man es im Gegensatz zu gewissen liberalen Islamkritikern ablehnt, die molemische Welt missionieren zu wollen oder selbstherrlich in das Gefüge anderer Kulturen einzugreifen. Der komplementäre Respekt vor dem Eigenen und seinen historischen, sozialen und kulturellen Grundlagen setzt aber auch voraus, daß die Kompatibilität von Einwanderern überprüft wird und strenge Assimilierungsforderungen gestellt werden.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.