Gelbe Rosen und linke Lektionen (2)

Differentbutequal  (Zum ersten Teil geht es hier.) Unlängst habe ich auf diesem Blog eine Übersetzung eines Textes von Guy Debord aus dem Jahr 1985 veröffentlicht. Debord, einst eine große Ikone der linken Intellektuellen, sah die Einwanderungsfrage vor allem unter dem Gesichtspunkt der Kritik der Entfremdung; ihr ginge ein selbstverschuldeter Kultur- und Identitätsverlust der Franzosen voraus, ein erniedrigender Ausverkauf an die Konsumgesellschaft amerikanischen Stils.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Er pro­phe­zei­te, daß sich am Ende sowohl Ein­wan­de­rer als auch auto­chtho­ne Fran­zo­sen als Ent­wur­zel­te, qua­si als Abfall­pro­duk­te des Kapi­ta­lis­mus in der Plas­tik­ramsch-Are­na des “Spek­ta­kels” gegen­über ste­hen wür­den. “Kul­tu­rel­le Unter­schie­de” sei nur mehr ein mer­kan­ti­ler Begriff. Eine Nati­on, die kein geis­ti­ges Zen­trum und kei­nen inne­ren Halt mehr besitzt, kön­ne kei­ne Ein­wan­de­rer in gro­ßen Men­gen auf­neh­men, ohne daß es zu eth­ni­schen Kon­flik­ten, Ghet­to­bil­dun­gen und Blut­bä­dern kommt.

Und bei die­ser Pas­sa­ge muß­te ich an die Binnen‑I’s und sons­ti­ge lin­ke Sprach­mas­sa­ker denken:

Man­che mei­nen, das Kri­te­ri­um der Assi­mi­la­ti­on sei „die fran­zö­si­sche Spra­che“. Lächer­lich. Beherr­schen etwa die heu­ti­gen Fran­zo­sen die fran­zö­si­sche Spra­che? Kön­nen wir nicht viel­mehr deut­lich sehen, daß die sprach­li­che Arti­ku­la­ti­ons­fä­hig­keit und die kla­ren Gedan­ken­gän­ge am Ver­schwin­den sind, ohne das Zutun irgend­ei­nes Einwanderers?

Betrach­tun­gen die­ser Art wer­den heu­te als vor­wie­gend rech­ter “Dis­kurs” abge­stem­pelt, womit sie auch schon als erle­digt gel­ten. Knapp zwei Genera­tio­nen nach 1968 ist der Groß­teil der heu­ti­gen Lin­ken ist unfä­hig, die Din­ge zu sehen, die Debord sah, oder auch nur sei­ne Fra­gen zu for­mu­lie­ren, weil sie kaum einen Begriff mehr von sei­nen Bezugs­punk­ten hat. Wäh­rend sie gleich­zei­tig unun­ter­bro­chen von “Bil­dung” (“für alle”) faseln, blin­zeln sie wie Nietz­sches “letz­ter Mensch” und fra­gen ach­sel­zu­ckend: Was ist Kul­tur? Was ist Spra­che? Was ist Nati­on? Was ist Geschichte?

Oder auch: was  ist “Enfrem­dung”? Denn all­zu lei­dend oder “ent­frem­det” kom­men sie mir in ihrem beque­men Kon­for­mis­mus nicht vor, zumin­dest nicht an der Ober­flä­che. Die Lin­ke liest heu­te nicht mehr Marx, Ador­no oder Debord, son­dern eher die “Gegen Rechts”-Pornos der Anti­fa, um sich in Fahrt zu bringen.

Ich räu­me ein, daß man sich in einer Wohl­stands­fes­tung wie Öster­reich, wo bis­lang weder Wirt­schafts­kri­se noch Ein­wan­de­rer­pro­ble­ma­tik beson­ders dring­lich und nur lokal spür­bar sind, und die Lage nach all­ge­mei­nem Dafür­hal­ten als “hoff­nungs­los, aber nicht ernst” ange­se­hen wird, es sich leicht machen kann wie die Kaul­quap­pe, die in der Was­ser­pfüt­ze locker-lus­tig vor sich hin­schwän­zelt und die Hit­ze der Son­ne nicht fürch­tet, die sie mor­gen schon auf Sand set­zen wird.

Aber wenn die über die Iden­ti­tä­re Bewe­gung und die “Neue Rech­te” dozie­ren­de anti­fa­schis­ti­sche Dop­pel­ma­gis­tra, von der im ers­ten Teil die­ses Bei­trags die Rede war, bei­spiels­wei­se mehr­fach mit iro­ni­schem Zun­gen­schlag vom “bösen, bösen Islam” redet, fra­ge ich mich, was genau sie damit eigent­lich sagen will – daß die Aus­brei­tung des Islams kei­ne Gefahr für die euro­päi­schen Gesell­schaf­ten ist? Daß sie über­haupt nicht statt­fin­det, und dar­um nicht zu fürch­ten sei? Oder daß der Islam eigent­lich gar nicht “böse” ist? Letz­te­res ist er für sie offen­bar weit­aus weni­ger als die “wei­ßen, bür­ger­li­chen Män­ner”, die sie expli­zit (und nicht gera­de unras­sis­tisch) als patho­ge­ne Rekru­tie­rungs­grup­pe des Rechts­ex­tre­mis­mus her­vor­hob, als hät­te sie zuvie­le Stig-Lars­son-Roma­ne gelesen.

Und das ist die unan­ge­neh­me Gret­chen­fra­ge an die Lin­ke, die es vor­zieht, sich mit ein paar Zügen an der anti­fa­schis­ti­schen Shi­sha um ihre Beant­wor­tung zu drü­cken. (Ähn­li­che Fra­gen könn­te man ange­sichts der kom­men­den demo­gra­phi­schen Ent­wick­lun­gen stel­len.) Nach lin­ken Maß­stä­ben sind gera­de isla­mi­sche Gesell­schaf­ten wah­re Wun­der­tü­ten aus Dis­kri­mi­nie­rung, Into­le­ranz, Fun­da­men­ta­lis­mus, Sexis­mus, Homo­pho­bie, Anti­se­mi­tis­mus, Patri­ar­cha­lis­mus, Gewalt­ver­herr­li­chung, auto­ri­tä­rer Erzie­hung und so wei­ter.  Den­noch wid­met sich die Lin­ke der Kri­tik des Islams, wenn über­haupt, mit deut­lich weni­ger Ver­ve als der maß­lo­sen Denun­zia­ti­on noch ver­blie­be­ner kon­ser­va­ti­ver Wer­te und Struk­tu­ren in unse­rer eige­nen Gesell­schaft. Genau­so gut könn­te sie tote Scha­fe verprügeln.

Das hat viel­leicht mit Angst zu tun (wie­viel lie­ber atta­ckiert man einen Geg­ner, der ohne­hin auf dem Rück­zug ist), noch mehr aber tip­pe ich – guten Wil­lens – auf etwas ande­res: die instink­ti­ve Scheu vor einer frem­den Kul­tur, deren Fremd­heit man respek­tiert, wäh­rend man bei der eige­nen Misch­po­ke weni­ger Hem­mun­gen hat, auf den Boden zu stamp­fen und das Por­zel­lan zu zerteppern.

Denn ich bin über­zeugt, daß trotz allem törich­ten und ohne­hin nur inkon­se­quent betrie­be­nem “dekon­struk­ti­vis­ti­schem” Gere­de auch die Lin­ken gefühls­mä­ßig und gedank­lich wohl unter­schei­den kön­nen zwi­schen dem Eige­nen und dem Frem­den. Und mit dem Respekt vor der ande­ren Kul­tur tref­fen sie sich auch mit dem iden­ti­tä­ren “Dis­kurs”- denn es scheint mir ein völ­lig rich­ti­ger Gedan­ke zu sein, daß man es im Gegen­satz zu gewis­sen libe­ra­len Islam­kri­ti­kern ablehnt, die mole­mi­sche Welt mis­sio­nie­ren zu wol­len oder selbst­herr­lich in das Gefü­ge ande­rer Kul­tu­ren ein­zu­grei­fen. Der kom­ple­men­tä­re Respekt vor dem Eige­nen und sei­nen his­to­ri­schen, sozia­len und kul­tu­rel­len Grund­la­gen setzt aber auch vor­aus, daß die Kom­pa­ti­bi­li­tät von Ein­wan­de­rern über­prüft wird und stren­ge Assi­mi­lie­rungs­for­de­run­gen gestellt werden.

Und nun zum Schlüs­sel zu all die­sen und ande­ren Ver­wir­run­gen: in Wahr­heit begnügt sich auch die heu­ti­ge Lin­ke nicht mit dem lang­wei­li­gen Traum eines sozi­al­de­mo­kra­ti­schen Ver­sor­gung­staa­tes (sie­he Teil 1 die­ses Arti­kels). Ihr spe­zi­fi­sches Pathos kommt von anders­wo. Auch sie dient mit reli­giö­ser, hohe­pries­ter­li­cher und inqui­si­to­ri­scher Inbrunst einem Gott, der die Ver­nunft abtö­tet und blo­ckiert, und das ist die Idee der “Gleich­heit” als abso­lu­ter Wert. Sie ist außer­stan­de, außer­halb die­ses Rah­mens zu den­ken, ja oft auch nur den Rah­men sel­ber zu den­ken, und dar­aus lei­ten sich alle ihre Urtei­le und Vor-Urtei­le über Rech­te jeg­li­cher Art ab.

So hieß es in dem Vor­trag, die Neue Rech­te und die “Iden­ti­tä­ren” wür­den für eine “radi­ka­le Ungleich­heit” ein­tre­ten. Das ist natür­lich blü­hen­der Unfug, und es liegt auf der Hand, woher er stammt – näm­lich aus dem Axi­om der “radi­ka­len Gleich­heit”, das die radi­ka­le Lin­ke ver­tritt. Es han­delt sich um nichts ande­res als einen blo­ßen Umkehr­schluß, eine holz­schnitt­ar­ti­ge Rück­über­set­zung in die eige­nen binä­ren Denk­struk­tu­ren. Und in die­sen wird “Gleich­heit” an und für sich mit dem Guten und Gerech­ten und “Ungleich­heit” an und für sich mit dem Bösen und Unge­rech­ten gleich­ge­setzt. Das ist auch die Wur­zel ihrer noto­ri­schen Selbst­ge­rech­tig­keit: Gewalt, Emo­tio­nen, Wut­rhe­to­rik, Radi­ka­lis­mus, Into­le­ranz sind in den eige­nen Rei­hen immer gerecht­fer­tigt, wäh­rend sie auf dem ande­ren Ufer als Gip­fel der Ver­wor­fen­heit gelten.

Nimmt man Gleich­heit aber nüch­tern als Rela­ti­ons­be­griff, dann ergibt sich, daß die Hypo­the­se einer “radi­ka­len” Ungleich­heit der Men­schen eben­so unsin­nig und unge­recht wäre, wie die einer “radi­ka­len” Gleich­heit. Wenn man die Exzes­se des Natio­nal­so­zia­lis­mus als Extrem­fall einer radi­ka­len Auf­fas­sung von “Ungleich­heit” inter­pre­tiert, so  kann man ana­log die Exzes­se des Sowjet­kom­mu­nis­mus (die ein Viel­fa­ches an Opfern for­der­ten) als Extrem­fall einer radi­ka­len Auf­fas­sung von “Gleich­heit” inter­pre­tie­ren. Und wäh­rend die Natio­nal­so­zia­lis­ten die “Gleich­heit” der Volks­ge­nos­sen kann­ten,  kann­ten die Kom­mu­nis­ten die “Ungleich­heit” der Klassenfeinde.

“Gleich­heit” und “Ungleich­heit” an sich sind ent­ge­gen der lin­ken Ver­fäl­schung kei­ne ethi­schen Begrif­fe. Gleich oder ungleich ist man nur in Bezug auf etwas oder jemand ande­res.  Ein ein­zi­ger Mensch kann in sich eine Viel­zahl von Stär­ken und Schwä­chen beher­ber­gen, die ihn gegen­über ande­ren Men­schen, auf bestimm­ten Gebie­ten, in bestimm­ten Zusam­men­hän­gen, rela­tiv gleich oder ungleich machen. Ansons­ten wäre er ledig­lich eine belie­big aus­tausch­ba­re Amei­se. Damit ist weder sei­ne grund­sätz­li­che Men­schen­wür­de ange­tas­tet (die auch unan­tast­bar blei­ben muß), noch sein Platz in der Gesell­schaft fix festgelegt.

Faßt man Gleich­heit als abso­lu­ten ethi­schen Wert auf, dann wird man auf lan­ge Sicht auch jeg­li­chen Arten von Qua­li­tät feind­lich gegen­über ste­hen müs­sen, und nur mehr Quan­ti­tä­ten akzep­tie­ren kön­nen.  Das ist letzt­lich die Wur­zel aller lin­ken “-ismen”. (Sehr schön zeigt sich die­se dia­lek­ti­sche Fal­le im berüch­tig­ten links-libe­ra­len Begriff der “Viel­falt”, der eigent­lich “Viel­heit” meint.)

Weil “Gleich­heit” als abso­lu­ter Wert gedacht wird, der zur Selbst­er­hö­hung benutzt wird, ist die Lin­ke auch nicht imstan­de, sich die Beto­nung einer Dif­fe­renz, einer Gren­ze, eines So-Seins und eines So-Sein-Wol­lens als etwas zu den­ken, das frei von Chau­vi­nis­mus und radi­ka­len Ab- und Ent­wer­tun­gen ist, womit wie­der das Gespenst des Faschis­mus in sei­nen fins­ters­ten For­men beschwo­ren wäre.

Nun ist es frei­lich so, daß der Mensch das, was er vor­zieht und was zu ihm gehört, in der Regel auch höher bewer­tet, als das, was er ablehnt und was nicht zu ihm gehört. Daß die Men­schen das immer tun wer­den, und nie von Eigen­lie­be und einem natür­li­chen Grup­pen­nar­ziß­mus frei sein wer­den, ist eben­so­we­nig aus der Welt zu schaf­fen wie die Schwerkraft.

Wah­re Tole­ranz und Huma­ni­tät beginnt aber erst dort, wo man die Uni­ver­sa­li­tät die­ses Ver­hal­tens aner­kennt, und sie auch dem ande­ren zuge­ste­hen kann. Tole­ranz bedeu­tet nicht die Auf­he­bung jeg­li­cher Distanz, wie sich die Lin­ken das heu­te so vor­stel­len. Viel­mehr ist Distanz sowohl Fol­ge als auch Vor­aus­set­zung der Toleranz.

Die Vor­stel­lung von der Gleich­heit als abso­lu­tem Wert ist auch die Ursa­che des lin­ken Affekts gegen “Eli­ten” und das “Eli­tä­re”. Der Lin­ke nimmt die­se Begrif­fe offen­bar als nar­ziß­ti­sche Krän­kun­gen wahr, wit­tert hin­ter ihnen stets sei­nen eige­nen Aus­schluß.   Er über­sieht, daß die Ein­sicht in die Not­wen­dig­keit von “Eli­ten” für das Bestehen einer Gesell­schaft noch lan­ge nicht bedeu­tet, daß man sich selbst zu die­ser oder jener Eli­te zählt. Die Iro­nie an dem Gan­zen ist wie immer, daß die bekämpf­ten Din­ge durch die Hin­ter­tür hin­ein­kom­men. Schon Orwell hat beschrie­ben, wie per sozia­ler und macht­po­li­ti­scher Gra­vi­ta­ti­on irgend­wann unwei­ger­lich “man­che Tie­re glei­cher sind” als andere.

Der lin­ke “Standard”-Leser, der auf die mas­sa dam­na­ta der pri­mi­ti­ven Kro­nen­zei­tung­dep­pen von oben her­ab­blickt, dünkt sich natür­lich als geis­ti­ge “Eli­te”, und auch die “geschlech­ter­ge­rech­te” Femi­nis­tin, die Frau­en­quo­ten für ein uner­läß­li­ches Heils­mit­tel hält und in Dis­kus­si­ons­run­den bevor­zugt Frau­en zu Wort kom­men läßt (so allen Erns­tes wäh­rend des Vor­trags im Wie­ner Insti­tut für Poli­tik­wis­sen­schaf­ten gesche­hen), hat eine Metho­de gefun­den, sich selbst auf­zu­wer­ten und als Mit­glied eines höher­wer­ti­gen Stam­mes aus­zu­ge­ben, also “glei­cher als gleich” zu sein.

Man wird unter Lin­ken – mal offen, mal unter­schwel­lig – in der Tat häu­fig die Vor­stel­lung fin­den, daß Aus­län­der, Frau­en, Homo­se­xu­el­le usw. per se “bes­se­re” Men­schen sei­en. Aber wehe, wenn einer die­ses Modell umkehrt! Lin­ke wer­ten und bewer­ten unun­ter­bro­chen, wie alle Men­schen. Im Grun­de glaubt auch kein Lin­ker an die “Gleich­heit” der Men­schen, aber er wird von der Vor­stel­lung beherrscht, daß die­se “Gleich­heit” erreicht wer­de, wenn mög­lichst vie­le als “ungleich” Wahr­ge­nom­me­ne “gleich” gemacht wür­den. In Wirk­lich­keit wer­den aber alle Betei­lig­ten nivel­liert oder bloß die Rol­len der Glei­chen und Unglei­chen vertauscht.

Noch ein Aller­letz­tes: es ist ein Grad­mes­ser für die Strahl­kraft der Idee der “Gleich­heit”, daß gegen sie trotz ihrer offen­kun­di­gen Absur­di­tät, Irra­tio­na­li­tät, ja trotz ihrer im End­ef­fekt unethi­schen Fol­gen momen­tan kein Kraut gewach­sen ist. Viel­leicht ist sie ein Fie­ber­wahn, wie ihn bereits Alexis de Toque­vil­le beschrie­ben hat, der die  Gleich­heit als ein nim­mer­sat­tes Feu­er sah, das sich mit der erreich­ten Gleich­heit nicht zufrie­den gibt, son­dern immer mehr und Brenn­stoff ver­zeh­ren muß.  Und gewiß ent­springt sie zu einem erheb­li­chen Teil dem Res­sen­ti­ment oder wird dop­pel­zün­gig als als Rhe­to­rik und Macht­in­stru­ment ein­ge­setzt. Aber sie ist eben doch eine tran­szen­die­ren­de Idee. Es sind immer die Ideen, die in der Geschich­te sie­gen, wobei es sekun­där ist, ob sie dumm oder klug, wahn­haft oder erleuch­tet sind. Nicht sel­ten bedeu­tet der Sieg einer Idee auch ihre eige­ne Strafe.

Vor allem aber han­delt es sich um eine uni­ver­sa­lis­ti­sche Idee, und mei­ne Freun­de in der Iden­ti­tä­ren Bewe­gung mögen mir die Fest­stel­lung nach­se­hen, daß eben genau das auf den euro­päi­schen oder west­li­chen Men­schen unwi­der­steh­lich wirkt und wohl uner­läß­lich ist, um sein Herz zu bewe­gen. Man mache die Gegen­pro­be: es ist, gera­de im Mas­sen­zeit­al­ter, unmög­lich, etwa aus der Ungleich­heit eine zug­kräf­ti­ge poli­ti­sche Idee zu machen. Und: Begrif­fe wie “Volk”, “Hei­mat”, “Nati­on” (nicht zu ver­wech­seln mit “Natio­nal­staat”) bezeich­nen heu­te zwar Tat­sa­chen und Wer­te, die immer noch vie­le Men­schen tei­len. Aber sie haben auf­ge­hört, die tran­szen­die­ren­den Ideen zu sein, die sie im 19. Jahr­hun­dert bis etwa zur Mit­te des 20. Jahr­hun­derts waren.

Und auch zu die­ser Zeit waren sie nie bloß ein Selbst­zweck: ein Volk oder eine Nati­on sah sich mit einer gött­li­chen oder qua­si-gött­li­chen Auf­ga­be, mit einer beson­de­ren Mis­si­on in der Mensch­heits­ge­schich­te betreut. Solan­ge es aber nur um Wohl­stand und mate­ri­el­le Sicher­heit geht, wird kei­ne Ver­än­de­rung in Gang kom­men, ehe die Lage nicht wirk­lich kri­tisch gewor­den ist. Dann aber wer­den ver­mut­lich bloß bru­ta­le, nack­te Ver­tei­lungs­kämp­fe die Fol­ge sein.

Aus die­sem Grund wird der Fie­ber­wahn wohl erst zur Ruhe kom­men, wenn der baby­lo­ni­sche Turm voll­endet ist. Natür­lich wird dann kein himm­li­sches Reich der Gleich­heit und Brü­der­lich­keit anbre­chen. Die Spit­ze des Turms wird den Blitz her­ab­ru­fen, und sei­nen Trüm­mern wer­den grau­sa­me Göt­ter ent­stei­gen. Und mit ihnen wer­den natür­lich wie­der ein paar Lin­ke aus den rau­chen­den Rui­nen her­aus­ge­kro­chen kom­men, die den “Rech­ten” die Schuld an dem Desas­ter geben.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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