130. Geburtstag José Ortega y Gasset

(Text aus dem Band Vordenker des Staatspolitischen Handbuchs, Schnellroda 2012.)

von Till Kinzel

Der spanische Philosoph Ortega y Gasset ist in Deutschland vor allem mit seinem modernitätskritischen Werk Der Aufstand der Massen (1930) sowie seinen kunstkritischen Essays unter dem Titel Die Vertreibung des Menschen aus der Kunst (1925) bekannt geworden. Den größten Erfolg hatte zweifellos das auch in Deutschland in sehr hohen Auflagen verbreitete Buch Der Aufstand der Massen, das eine umfassende, wenn auch idiosynkratische Kritik der Massengesellschaft vortrug.

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Aber auch eine gan­ze Rei­he ande­rer gehalt­vol­ler Schrif­ten, so etwa zu Arnold Toyn­bees Geschichts­deu­tung (Eine Inter­pre­ta­ti­on der Welt­ge­schich­te, 1960), wur­den in deut­scher Über­set­zung her­aus­ge­bracht; sie spie­len im heu­ti­gen aka­de­mi­schen Dis­kurs kei­ne Rol­le mehr, ohne daß damit schon ein gül­ti­ges Unwert­ur­teil aus­ge­spro­chen wäre. Dabei gehör­te Orte­ga y Gas­set – ähn­lich wie in ganz ande­rem Kon­text Josef Pie­per oder Karl Jas­pers – zu den schrift­stel­le­risch erfolg­reichs­ten Phi­lo­so­phen sei­ner Zeit. Orte­ga gelang­te zwar 1910 auf den Madri­der Lehr­stuhl für Meta­phy­sik, kul­ti­vier­te aber auch eine Posi­ti­on, die man als gegen das aka­de­mi­sche Estab­lish­ment gerich­tet ver­ste­hen konnte.

Orte­ga reflek­tier­te inten­siv Spa­ni­ens Bezie­hung zu Euro­pa und ins­be­son­de­re zu Deutsch­land, mit des­sen phi­lo­so­phi­schem Den­ken er vor allem in Form des Neu­kan­tia­nis­mus (Paul Natorp, Her­mann Cohen) sowie der Kul­tur­phi­lo­so­phie Georg Sim­mels in enge­re Berüh­rung kam. Auch die Phä­no­me­no­lo­gie Hus­serls wur­de für Orte­ga metho­disch weg­wei­send; mit Wil­helm Dil­they dage­gen setz­te er sich erst seit den spä­ten 1920er Jah­ren aus­ein­an­der. Orte­gas Den­ken gehört selbst in den wei­ten Rah­men der Lebens­phi­lo­so­phie, doch war er kein sys­te­ma­ti­scher Phi­lo­soph, son­dern knüpf­te sei­ne Gedan­ken okka­sio­nell an schein­bar will­kür­li­che Beob­ach­tun­gen (z. B. Ästhe­tik in der Stra­ßen­bahn, 1987).

Schon mit sei­nem ers­ten phi­lo­so­phi­schen Buch von 1914, den Medi­ta­tio­nen über Don Qui­jo­te, reiht er sich unter jene Den­ker ein, die sich an einem »unauf­hör­li­chen Rin­gen gegen den Uto­pis­mus« betei­li­gen. In Cer­van­tes’ Don Qui­jo­te sah er den para­dig­ma­ti­schen Men­schen mit sei­nem uto­pi­schen Drang. Orte­ga wen­det sich von den Extrem­po­si­tio­nen sei­ner Zeit ab und wird in sei­ner Ver­tei­di­gung des Wer­tes des ein­zel­nen ein »Her­aus­for­de­rer der deut­schen Idea­lis­ten und Mate­ria­lis­ten « (Nie­der­may­er). Orte­ga selbst ver­ab­schie­det jedoch die Meta­phy­sik kei­nes­wegs. Die Anthro­po­lo­gie Orte­gas ist stark von sei­nem erkennt­nis­theo­re­ti­schen Per­spek­ti­vis­mus geprägt; sein berühm­ter Satz, »Ich bin ich und mei­ne Lebens­si­tua­ti­on «, bin­det die Iden­ti­tät des ein­zel­nen an sein jeweils kon­kret geleb­tes Dasein.

Für Orte­ga liegt das Wesen des Men­schen letzt­lich in der Unge­wiß­heit und Unsi­cher­heit, da er das Leben von Anfang als Schiff­bruch ver­steht. Nur die Unsi­cher­heit sei sicher, wor­aus Orte­ga den Schluß zieht, daß sich der Mensch auch der Mög­lich­keit eines tota­len Bruchs mit der Mensch­lich­keit bewußt sein müs­se, eines Rück­falls in die blo­ße Ani­ma­li­tät. Das tra­gi­sche Bewußt­sein die­ser Mög­lich­keit ist die Vor­aus­set­zung der Kultur.

Orte­ga stand der Idee eines not­wen­di­gen Fort­schritts kri­tisch gegen­über; denn sie bedeu­te die Auf­ga­be jeder Ver­ant­wor­tung und zugleich die Ein­schlä­fe­rung der nöti­gen Wach­sam­keit. Indem Orte­ga die Unsi­cher­heit des Men­schen her­vor­hebt, grenzt er ihn vom Tier ab, des­sen Wesen in der Anpas­sung liegt. Dar­aus resul­tiert Orte­gas Bestim­mung des Mensch­seins als wesens­mä­ßi­ger Unan­gepaßt­heit: »Der Mensch ist, wo er auch immer ist, ein Fremder.«

Orte­gas schar­fes Bewußt­sein für Phä­no­me­ne der Deka­denz bedeu­te­te nicht, daß er einem unzu­läs­si­gen Pes­si­mis­mus gehul­digt hät­te. Auch wenn er in sei­nem berühm­ten Münch­ner Vor­trag »Gibt es ein euro­päi­sches Kul­tur­be­wußt­sein?« von 1953 zuge­stand, »daß unse­re Zivi­li­sa­ti­on pro­ble­ma­tisch gewor­den ist, daß alle ihre Prin­zi­pi­en ohne Aus­nah­me frag­lich erschei­nen «, sah er doch dar­in kein Zei­chen der Ago­nie, son­dern ein Sym­ptom für das Wer­den einer neu­en euro­päi­schen Zivi­li­sa­ti­on. Peri­odi­sche Kri­sen sei­en gera­de­zu eine Eigen­heit der euro­päi­schen Kul­tur, wor­in Orte­ga ihre spe­zi­fi­sche Offen­heit erblick­te, da sie im Gegen­satz zu ande­ren geschicht­li­chen Kul­tu­ren kei­ne »kris­tal­li­sier­te Kul­tur« sei.

Schrif­ten: Gesam­mel­te Wer­ke in sechs Bän­den, Stutt­gart 1978; Der Auf­stand der Mas­sen, Stutt­gart 1930; Über die Lie­be. Medi­ta­tio­nen, Stutt­gart 1933; Geschich­te als Sys­tem und Über das römi­sche Impe­ri­um, Stutt­gart 1943; Gibt es ein euro­päi­sches Kul­tur­be­wußt­sein?, Stutt­gart 1954; Über die Jagd, Ham­burg 1957; Der Mensch und die Leu­te, Stutt­gart 1957; Eine Inter­pre­ta­ti­on der Welt­ge­schich­te. Rund um Toyn­bee, Mün­chen 1964; Medi­ta­tio­nen über ›Don Qui­jo­te‹, Stutt­gart 1964; Die Ver­trei­bung des Men­schen aus der Kunst, Mün­chen 1964; Ästhe­tik in der Stra­ßen­bahn. Essays, Ber­lin 1987; Der Schre­cken des Jah­res ein­tau­send. Kri­tik an einer Legen­de, Leip­zig 1992; Vom Men­schen als uto­pi­schem Wesen. Vier Essays, Wien 2005; Der Mensch ist ein Frem­der. Schrif­ten zur Meta­phy­sik und Lebens­phi­lo­so­phie, Frei­burg i. Br. 2008.

Lite­ra­tur: Ivo Höll­hu­ber: Geschich­te der Phi­lo­so­phie im spa­ni­schen Kul­tur­be­reich, München/Basel 1967; Frau­ke Jung-Lin­de­mann: Zur Rezep­ti­on des Wer­kes von José Orte­ga y Gas­set in den deutsch­spra­chi­gen Län­dern. Unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung des Ver­hält­nis­ses von phi­lo­so­phi­scher und popu­lä­rer Rezep­ti­on in Deutsch­land nach 1945, Frank­furt a. M. 2001; Julián Marí­as: José Orte­ga y Gas­set und die Idee der leben­di­gen Ver­nunft. Eine Ein­füh­rung in sei­ne Phi­lo­so­phie, Stutt­gart 1952; Franz Nie­der­may­er: Orte­ga y Gas­set, Ber­lin 1959.

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