Noltes neuer Streich

Ernst Nolte hat ein neues Buch geschrieben und erstes Presseecho erhalten. Das ist gut so und verwundert auch, ...

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

… denn gewöhn­lich wird tot­ge­schwie­gen, was aus der Feder des im His­to­ri­ker­streit medi­al unter­le­ge­nen Geschichts­den­kers stammt. Doch offen­bar hat Ernst Nol­te (des­sen letz­te Bücher zuge­ge­be­ner­ma­ßen nichts Neu­es brach­ten) wie­der ein­mal einen neur­al­gi­schen Punkt berührt, und nach gewis­sen­haf­ter Prü­fung hat man sich offen­bar ent­schie­den, ihm hier nicht unwi­der­spro­chen das Feld zu überlassen.

Es geht um den Isla­mis­mus als “drit­te radi­ka­le Widerstans­be­we­gung” neben Bol­schwis­mus und Faschis­mus. Damit ver­packt Nol­te den Isla­mis­mus in sei­ne bekann­te The­se vom kau­sa­len Nexus zwi­schen den bei­den Ideo­lo­gien und erkennt in ihm Ele­men­te von bei­den wie­der. Was Isla­mis­mus ist, erfah­ren wir in einer Fußnote:

Am ein­fachs­ten lässt sich der “Isla­mis­mus” so defi­nie­ren, dass er den krie­ge­ri­schen und dog­ma­ti­schen Aspekt des Islam, dem bereits im Koran ein frie­dens­wil­li­ge­rer und tole­ran­te­rer Aspekt gegen­über­steht, iso­liert und dann aus­schließ­lich her­vor­hebt. Inso­fern ist der Isla­mis­mus nichts ande­res als der zu sei­ner eige­nen Radi­ka­li­tät gebrach­te Islam.

Von daher stellt sich natür­lich die Fra­ge, was der Isla­mis­mus mit den ande­ren bei­den Wider­stands­be­we­gun­gen zu tun hat, die eine völ­lig ande­re Ent­ste­hungs- und Ent­fal­tungs­ge­schich­te haben. Nol­te faßt daher am Anfang des Buches sei­ne Cha­rak­te­ri­sie­rung des Mar­xis­mus und Natio­nal­so­zia­lis­mus zusam­men und sieht in bei­den “kon­ser­va­ti­ve Revo­lu­tio­nen”, die ein ursprüng­li­ches Lebens­ver­hält­nis vor der Moder­ne ret­ten und wie­der­her­stel­len woll­ten. Im Anschluß dar­an erzählt Nol­te die Geschich­te der Kon­fron­ta­ti­on des Islam mit der moder­nen Welt, begin­nend mit der Lan­dung Napo­le­ons in Ägyp­ten, über den Zio­nis­mus als ent­schei­den­de Her­aus­for­de­rung und endend mit dem Isla­mis­mus als Macht im gegen­wär­ti­gen Weltkonflikt.

In den oben erwähn­ten Rezen­sio­nen wird deut­lich, daß Nol­te mit sei­ner The­se zumin­dest Wider­spruch pro­vo­ziert. An der Begrün­dung die­ses Wider­spruchs kann man able­sen, daß er mit sei­nen Über­le­gun­gen nicht dane­ben liegt. Hin­zu kommt das Pathos des Ver­ste­hen­wol­lens, das Nol­te aus­zeich­net und das auf den Zeit­geist immer ver­stö­rend wirkt. Dem Jour­na­lis­ten (Jörg Lau in Die Zeit) bleibt nur die Empörung:

Nol­te hält nicht etwa nur den Wider­stand der Paläs­ti­nen­ser gegen Ver­trei­bung und Besat­zung für legi­tim. Es kommt ihm viel­mehr dar­auf an, den ara­bi­schen Anti­se­mi­tis­mus zu ver­tei­di­gen, den die extrems­ten Tei­le der isla­mis­ti­schen Bewe­gun­gen kultivieren.

Das ist der übli­che Reflex. Nol­te ver­tei­digt hier gar nichts, er wagt nur eine gerech­te Betrach­tung ein­zu­for­dern, die Ursa­chen und Aus­lö­ser benennt und so ein Ver­ste­hen auch des Isla­mis­mus mög­lich machen kann.

In eine ähn­li­che Rich­tung geht die Kri­tik des “Fach­manns” Wal­ter Laqueur in der Welt, der Nol­te sowohl vor­wirft, kei­ne Ahn­nung zu haben, als auch, nichts Neu­es zu schrei­ben. Das sieht Josef Schmid in sei­ner posi­ti­ven Bespre­chung für das Deutsch­land­ra­dio ganz anders:

Nol­te prä­sen­tiert Zeit­wis­sen und Ver­knüp­fun­gen, die allein schon die Lek­tü­re uner­läß­lich machen. Dar­über hin­aus eröff­net die­ses Werk eine Sicht auf das noch bevor­ste­hen­de 21. Jahr­hun­dert. […] Ernst Nol­te erwar­tet weni­ger einen Kampf der Kul­tu­ren, dafür aber einen Kampf kon­kur­rie­ren­der Lebens- und Daseins­for­men, des Islams wie der euro­päi­schen Moder­ne, um ihren uni­ver­sel­len Gel­tungs­an­spruch. Er sieht ihn in einer Dimen­si­on, auf die wir nicht vor­be­rei­tet sind.

Nol­te wird in vie­len Abschnit­ten sei­nem Anspruch gerecht, ein Geschichts­den­ker zu sein, also einer, der über den gan­zen Ein­zel­hei­ten und Hand­greif­lich­kei­ten die Idee sieht, wenn er einen Vor­gang in den Zusam­men­hang stellt. Von dort aus las­sen sich auch neue Ein­sich­ten über den euro­päi­schen Bür­ger­krieg gewin­nen, etwa wenn er die Revo­lu­ti­on der Jung­tür­ken 1908/1913

die ers­te jener hand­streich­ar­ti­gen Macht­über­nah­men sei­tens einer Grup­pe oder Par­tei sehr enga­gier­ter jun­ger Män­ner [sieht], wel­che die Ver­hält­nis­se für uner­träg­lich hiel­ten und oft­mals von dem Gefühl des Unrechts gelei­tet waren, das ihnen und Men­schen ihrer Her­kunft oder ihrer Lage in die­sen Ver­hält­nis­sen ange­tan wurde.

Nol­te sieht in der Exis­tenz Isra­els, des moder­nen Vor­pos­tens in der ara­bi­schen Welt, den ent­schei­den­den Grund für die “Ver­tei­di­gungs­ag­gres­si­vi­tät” des Islam. Die eige­nen Män­gel wer­den nicht mit einer feh­len­den Moder­ni­tät erklärt, son­dern als Fol­ge eines Abfalls von der “rei­nen Leh­re”. Die­ses Moment läßt sich in allen drei Wider­stand­be­we­gun­gen auf­fin­den. Nol­te stellt uns damit einen Schlüs­sel zur Ver­fü­gung, der auch die Hin­ter­grün­de der eige­nen Sehn­sucht nach Authen­ti­zi­tät und Ursprüng­lich­keit auf­schlie­ßen hilft. Es ist die Sehn­sucht nach der hei­len Welt, die hin­ter der Sub­jekt-Objekt-Spal­tung liegt, die Zeit als sich “alle nach einer Mit­te neig­ten” (Gott­fried Benn). Die Uner­füll­bar­keit die­ser Hoff­nung ist zumin­dest tröst­lich: Auch der Isla­mis­mus wird schei­tern. Die Fra­ge nach dem Zeit­punkt soll­te für uns Ansporn sein, die Hän­de nicht in den Schoß zu legen.

Ernst Nol­te: Die drit­te radi­ka­le Wider­stands­be­we­gung: Der Isla­mis­mus, Ber­lin: Landt­ver­lag 2009, 412 Sei­ten, gebun­den mit Schutz­um­schlag, 39.90 Euro. Zu bezie­hen bei Edi­ti­on Antai­os.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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