21. Mai 2013

Vaters Uhr

Gastbeitrag

IMG_0229von Heino Bosselmann

Ich trage die Uhr meines Vaters. Beim Morgentraining, insbesondere beim Laufen, beschlägt von innen ihr Glas, weil sie nicht mehr abzudichten ist. Über den Tag trocknet das weg. Sonst funktioniert sie einwandfrei. Mit den ein, zwei Minuten Tempoverlust auf zwei Tage kann man leben. Gleich drei Minuten vorstellen. Pünktlichkeitsgarantie.

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Als ich klein war, hat mein Vater mir diese Uhr öfter ans Ohr gehalten, und ich lauschte mit geschlossenen Augen in das Ticken des Werks hinein wie in ein mechanisches Herz. Die Unruh – was für eine schönes deutsches Wort. Der Vater versuchte mir zu erklären, daß die Zeit als solche gar nicht da ist, sondern der Mensch sie seiner Art nach der Welt und den Ereignissen nur beilegt. Alles, was ist, wäre nur ein in unserer Wahrnehmung auseinandergezogenes Ein und Dasselbe.

Ach so? Das fand ich ziemlich verrückt. Die Zeit – nicht wirklich da! Ja, gewissermaßen wäre die Uhr also eine Maschine, die sie herstellt oder wenigstens das, was der Mensch da einzuteilen versucht, sichtbar macht. Und was man sogar hören kann: Tick, tick, tick … Und das Schweigen dazwischen nicht zu vergessen.

Faszinierend, so ein kleiner Apparat am Arm, dachte ich, der die Zeit mittels zweier Zeiger hervorbringt und zeigt. Konnte ich den Abstand zwischen zwei Wimperschlägen lange genug aushalten, meinte ich gerade so sehen zu können, wie sich der große davon bewegt. Sehr, sehr langsam, aber gerade dadurch unerbittlich. In Raumzeit. Runde für Runde, immer wiederkehrend.

Diese Uhr, eine damals offenbar zahlreich hergestellte Ruhla UMF, hat mein Vater von meiner Mutter geschenkt bekommen. Von deren erstem Gehalt. Beide waren sie Lehrer. Da ich bei meinem Vater Unterricht in Biologie und Chemie hatte, sah ich, wie er zu Beginn der Stunde, typisch Lehrer, die Uhr abband und auf den breiten Experimentiertisch legte, um sich seine fünfundvierzig Minuten einzuteilen. Er war ein ungeduldiger Mensch und verstand beispielsweise nicht, daß andere nicht verstanden, weshalb das Stickstoffmolekül einer stabilen Achterschale wegen eine Dreifachbindung hatte. Haben mußte!

Nach dem Abitur bekam ich von ihm die Uhr geschenkt. So nebenbei. Er nahm sie einfach ab und hielt sie mir hin: Hier. Sie gehört jetzt dir. Geht noch ziemlich genau.

Nein, sie war nie besonders wertvoll. Die meisten ihrer Art waren damals, 1982, schon abgelaufen, abgelegt und durch modernere, eindrucksvollere, angeblich verläßlichere Exemplare ersetzt. Bei Ebay handelt man die Exemplare teilweise für einstellige Beträge. Aber sie ist bis heute mein wichtigstes Geschenk vom Vater. Ich hörte ihr Ticken, als ich sehr früh in der Ausbildungskaserne aufwachte, um dem gellenden Pfiff des UvD und so dem Schreck zum Ende der Nachtruhe zuvorzukommen. Ich sah vom Doppelstockbett aus auf den noch verwaisten Appellplatz, genoß die letzten Minuten Stille und Wärme und hörte das Verstreichen der Frist abticken, diese Kleinstmenge vom noch unermeßlichen Berg an Lebenssekunden.

Die Ruhla UMF maß mir beim Studium das letzte Stück bis zur Wende ab, begleitete dann meine eigenen Unterrichtsstunden als Lehrer. Ich protokolliere die Zeiten meiner Läufe nach ihren feinen goldfarbenen Zeigern und denke zuweilen: Mein Vater hat sie beim Sport – bis vierzig war er Libero von Traktor Dallmin – abgenommen, um sie zu schonen. Sollte ich auch tun. Aber sie war immer da und hielt durch.

Wie klein sie doch ist, wie einfach. Dabei aber unaufdringlich elegant, finde ich. Sie zeigt nur die Zeit an, mehr nicht. Heutzutage tragen Männer Uhren am Handgelenk, die nach Gewicht und Größe zu den Landrovern passen, die sie mit Vorliebe fahren. Multifunktional und alles mögliche messend. Uhren, wie sie Piloten haben mögen oder gar Astronauten. Aber meine ist von einer Sachlichkeit, die heute die teuersten Modelle nachzuahmen versuchen. Gegenwärtig muß nämlich Einfachheit und Funktionalität erst wieder künstlich und edel nachgefertigt werden. Ist dieser Effekt erreicht, gilt das als "puristisch". Retro-Look! So wie beim VW Käfer, der dann "The Beetle" heißt und eigentlich unbezahlbar ist. Oder bei allem, was sich im Manfactum-Katalog findet, den selbst ich durchblättere, weil ich ihn für ein literarisches Ereignis halte.

Zum Glück lebt mein Vater noch. Mit irgendeinem billigen Quarzgerät am Arm, dessen Ticken man kaum vernimmt. Daß du immer noch diese olle Uhr trägst, sagt er manchmal. Und ich: Die hat noch mehr Zeit als wir beide. Ist doch bedeutend, oder? Was die volkseigenen Uhrmacher damals in Ruhla solide zusammenschraubten.


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