115. Geburtstag Julius Evola

9783935063562(Text aus dem Band Vordenker des Staatspolitischen Handbuchs, Schnellroda 2012.)

von Alain de Benoist

Julius Evola ist der berühmteste Vertreter des sogenannten »integralen Traditionalismus « (der nicht mit dem christlichen Traditionalismus oder dem klassischen konterrevolutionären Traditionalismus zu verwechseln ist).

 Gastbeitrag

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Er stamm­te aus einer sizi­lia­ni­schen klein­ade­li­gen Fami­lie und durch­leb­te eine schwie­ri­ge Kind­heit und Jugend, die von der Lek­tü­re Car­lo Michel­städ­ters, Gio­van­ni Papi­nis und Fried­rich Nietz­sches geprägt war. Er begann ein Inge­nieurs­stu­di­um, das 1917 durch sei­nen Kriegs­ein­satz als Unter­leut­nant der Artil­le­rie unter­bro­chen wur­de. Zu die­sem Zeit­punkt setz­te eine exis­ten­ti­el­le Kri­se ein. Er inter­es­sier­te sich für die Kunst der Avant­gar­de, nahm Kon­takt zu Tris­tan Tza­ra auf und wur­de einer der ers­ten Dada­is­ten Ita­li­ens. Gleich­zei­tig inter­es­sier­te er sich für öst­li­che Spi­ri­tua­li­tät und ent­wi­ckel­te ein vom Tan­tris­mus inspi­rier­tes Kon­zept des»Ichs«, das er zu einem extre­men Indi­vi­dua­lis­mus ausweitete.

In den zwan­zi­ger Jah­ren ver­kehr­te Evo­la in ver­schie­de­nen »eso­te­ri­schen« Zir­keln Roms und grün­de­te schließ­lich 1927 die kurz­le­bi­ge »Grup­pe von Ur«. Im fol­gen­den Jahr publi­zier­te er das Buch Heid­ni­scher Impe­ria­lis­mus (Impe­ria­lis­mo paga­no), in dem er das Chris­ten­tum scharf angriff und ihm die Grö­ße des anti­ken Roms ent­ge­gen­setz­te. Er las inten­siv das Werk René Gué­nons und grün­de­te zusam­men mit Gui­do de Gior­gio die Zeit­schrift La Tor­re (der Turm), die vom faschis­ti­schen Regime ein hal­bes Jahr lang ver­bo­ten wur­de. Er publi­zier­te ver­schie­de­ne Arbei­ten u. a. über die »her­me­ti­sche Tra­di­ti­on«, das »Mys­te­ri­um des Grals«, das »tan­tri­sche Yoga« und den »magi­schen Idealismus«.

Im April 1930 schrieb er in La Tor­re:

Wir sind weder Faschis­ten noch Anti­fa­schis­ten. Der Anti­fa­schis­mus ist den unbeug­sa­men Fein­den jeg­li­cher ple­be­ji­schen Poli­tik und natio­na­lis­ti­schen Ideo­lo­gie gleich­gül­tig. … Was den Faschis­mus angeht, so ist er zu wenig. … Wir wol­len einen viel radi­ka­le­ren, uner­schro­cke­ne­ren Faschis­mus, einen wahr­haft abso­lu­ten Faschis­mus aus rei­ner Kraft, jedem Kom­pro­miß unzugänglich.

Nichts­des­to­trotz arbei­te­te er unter Mus­so­li­nis Herr­schaft für meh­re­re, nicht unwich­ti­ge Zei­tun­gen und Zeit­schrif­ten. 1934 erschien Revol­te gegen die moder­ne Welt (Rivol­ta con­tro il mondo moder­no), das als Evo­las Haupt­werk gilt. Die­ses umfang­rei­che Buch ent­wi­ckelt eine Dok­trin, die wie das sei­ten­ver­kehr­te Nega­tiv zur Ideo­lo­gie des Fort­schritts wirkt. Danach ist die gesam­te Mensch­heits­ge­schich­te eine Geschich­te des lang­sa­men Nie­der­gangs und Ver­falls, in der die »männ­li­chen« und »sola­ren « Prin­zi­pi­en der »hyper­boräi­schen Urtra­di­ti­on« zuneh­mend in Ver­ges­sen­heit gera­ten sei­en. Die­se Geschichts­me­ta­phy­sik basiert auf einer zykli­schen Visi­on des geschicht­li­chen Wer­dens und auf der tra­di­tio­nel­len Leh­re von den »vier Zeitaltern «.

Die moder­ne Welt ent­spricht dem Kali-Yuga, der »Wolfs­zeit«, die das Ende eines Zyklus beschließt. Die evo­lia­ni­sche Visi­on der Welt ist zutiefst eli­ta­ris­tisch und stellt ein orga­ni­sches Modell der Hier­ar­chie in den Mit­tel­punkt, das von einer Pola­ri­tät zwi­schen oben und unten, hoch­ste­hend und min­der­wer­tig geprägt wird. Evo­la stellt die Welt der Tra­di­ti­on, wie sie in der Anti­ke geherrscht hat, in schar­fer Oppo­si­ti­on der moder­nen Welt gegen­über, die er als eine lan­ge Invo­lu­ti­on beschreibt, cha­rak­te­ri­siert durch den Auf­stieg dämo­ni­scher und »unter-mensch­li­cher« Kräf­te, deren Tief­punk­te in sei­nen Augen die Demo­kra­tie und vor allem der Kom­mu­nis­mus sind.

In sei­nem Sys­tem sind die »männ­li­chen «, heroi­schen und krie­ge­ri­schen Wer­te gleich­be­deu­tend mit den »sola­ren«, ura­ni­schen Wer­ten, die den »weib­li­chen« Wer­ten der chtho­ni­schen und unter­ir­di­schen Welt ent­ge­gen­ste­hen. Die­ses The­ma nahm er 1958 in Meta­phy­sik des Sexus (Meta­fi­si­ca del ses­so) wie­der auf, das der her­ab­ge­kom­me­nen moder­nen eine sakra­le Sexua­li­tät gegen­über­stellt. Fas­zi­niert von Deutsch­land und der deut­schen Spra­che mäch­tig, war Evo­la ein bereit­wil­li­ger Ver­fech­ter einer geis­ti­gen Uni­on der deut­schen und ita­lie­ni­schen Kul­tur. Er ver­such­te sogar, mit ver­schie­de­nen Strö­mun­gen der Wei­ma­rer Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on in Ver­bin­dung zu tre­ten, ins­be­son­de­re mit eini­gen völ­ki­schen Krei­sen. 1934 wur­de er im Her­ren­klub in Ber­lin emp­fan­gen. Sein über­spitz­ter Eli­ta­ris­mus, sei­ne nach­hal­tig bekräf­tig­te Ver­ach­tung für den Begriff des »Vol­kes« wie für alles »popu­lä­re« und »femi­ni­ne«, ent­frem­de­te ihn vom Groß­teil der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­tio­nä­re, die ihm kaum Inter­es­se ent­ge­gen­brach­ten, trotz der glü­hen­den Bewun­de­rung ein­zel­ner (z. B. Gott­fried Benn) von ihnen.

Evo­la brach­te dem Natio­nal­so­zia­lis­mus gewis­se Sym­pa­thien ent­ge­gen, kri­ti­sier­te jedoch sei­nen »sozia­lis­ti­schen« und »ple­be­ji­schen « Cha­rak­ter. Beson­ders hat­te er es auf Alfred Rosen­berg abge­se­hen, des­sen »bio­lo­gi­schen Ras­sis­mus« er als eine Form des Mate­ria­lis­mus anpran­ger­te. Dem stell­te er den Begriff der »inne­ren Ras­se« gegen­über, der zum Teil den Arbei­ten von Lud­wig Fer­di­nand Clauß nahe­stand. 1938 kam ein von Hein­rich Himm­ler in Auf­trag gege­be­nes Gut­ach­ten zu dem Schluß, daß Evo­la jeg­li­ches öffent­li­che Wir­ken in Deutsch­land unter­sagt wer­den müs­se. Im sel­ben Jahr besuch­te er Rumä­ni­en, wo er Bekannt­schaft mit dem Füh­rer der Eiser­nen Gar­de, Cor­ne­liu Zelea Cod­rea­nu, mach­te, den er als »eine der wür­de­volls­ten und geis­tig am bes­ten ori­en­tier­ten Gestal­ten « sei­ner Zeit beschrieb.

Nach der Beset­zung Roms durch die Alli­ier­ten floh er nach Wien, wo er im April 1945 einem Bom­bar­de­ment zum Opfer fiel, das eine lebens­lan­ge Läh­mung der unte­ren Glied­ma­ßen zur Fol­ge hat­te. Er kehr­te 1948 nach Ita­li­en zurück, wo er den ver­blie­be­nen jun­gen Mili­tan­ten Ori­en­tie­rung bot. In Men­schen inmit­ten von Rui­nen (Gli uomi­ni e le rovi­ne, 1953) skiz­zier­te er die gro­ßen Lini­en einer »kon­ser­va­tiv-revo­lu­tio­nä­ren« Staats­leh­re: revo­lu­tio­när war sei­ne radi­ka­le Ableh­nung aller moder­nen Ideen, kon­ser­va­tiv die Bekräf­ti­gung der Not­wen­dig­keit einer »Ord­nung«, basie­rend auf einer aris­to­kra­ti­schen Hier­ar­chie im »apol­li­ni­schen« und »über-indi­vi­du­el­len« Geist. Ent­schei­den­der als die poli­ti­schen Ideen des Buches war sein ethi­scher Gehalt.

Evo­la erkann­te rasch die Ver­geb­lich­keit sei­ner Bemü­hun­gen. In sei­nem Buch Den Tiger rei­ten (Caval­ca­re la tig­re, 1961) stellt er fest, daß es »kein Ziel mehr gäbe, das den Ein­satz sei­nes wah­ren Seins« loh­ne. Er über­nahm infol­ge­des­sen den anti­ken Begriff der apo­li­teia, um eine inne­re und unwi­der­ruf­li­che Distanz gegen­über einer zum Unter­gang ver­ur­teil­ten Welt zu schaf­fen, und emp­fahl mehr als je zuvor eine »akti­ve Unper­sön­lich­keit«. Il fascis­mo vis­to da des­tra (Der Faschis­mus von rechts gese­hen, 1964) schließ­lich bie­tet eine inter­es­san­te Kri­tik des Faschis­mus aus tra­di­tio­na­lis­ti­scher Sicht.

Nach sei­nem Tod wur­de die Asche Juli­us Evo­las in einer Glet­scher­spal­te des Mon­te Rosa ver­streut, wie er es gewünscht hat­te. Erst nach dem Zwei­ten Welt­krieg ent­fal­te­te Evo­la in bestimm­ten Krei­sen der Rech­ten eine Wir­kung, die schnell die Gren­zen über­schritt. Seit den frü­hen acht­zi­ger Jah­ren lie­gen sei­ne Wer­ke in meh­re­ren Spra­chen vor. In Ita­li­en erschie­nen zahl­lo­se Neu­aus­ga­ben. Bis heu­te exis­tiert in Rom eine Julius-Evola-Stiftung.

Schrif­ten: L’uomo come poten­za (1926); Teo­ria dell’individuo asso­lu­to (1927); Heid­ni­scher Impe­ria­lis­mus (Impe­ria­lis­mo paga­no, 1928, dt.: 1933); La tra­di­zio­ne erme­ti­ca (1931), Revol­te gegen die moder­ne Welt (Rivol­ta con­tro il mondo moder­no, 1934, dt.: 1935 und1982); Das Mys­te­ri­um des Grals (Il mis­te­ro del Graal e la tra­di­zio­ne ghi­bel­li­na dell’Impero, 1937 dt.: 1955); Men­schen inmit­ten von Rui­nen (Gli uomi­ni e le rovi­ne, 1953, dt.: 1991); Meta­phy­sik des Sexus (Meta­fi­si­ca del ses­so, 1958, dt.: 1962); Caval­ca­re la tig­re – Den Tiger rei­ten (Caval­ca­re la tig­re, 1961, dt.: 2006).

Lite­ra­tur: Chris­to­phe Bou­tin: Poli­tique et tra­di­ti­on. Juli­us Evo­la dans le siè­cle 1898–1974, Paris 1992; Arn­aud Guy­ot-Jean­nin (Hrsg.): Juli­us Evo­la, Lau­sanne 1997; H. T. Han­sen: Juli­us Evo­la et la »Révo­lu­ti­on Con­ser­vat­ri­ce « alle­man­de, Mon­treuil 2002; Mar­co Iaco­na (Hrsg.): Il Maes­tro del­la Tra­di­zio­ne. Dia­loghi su Juli­us Evo­la, Napo­li 2008; Jean-Paul Lip­pi: Juli­us Evo­la, méta­phy­si­ci­en et pens­eur poli­tique, Lau­sanne 1998.

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