Von Michel Mourre zu Dominique Venner

Auf der Netzseite der Jungen Freiheit ist ein Nachruf auf Dominique Venner von Karlheinz Weißmann erschienen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Weiß­mann unter­schei­det dar­in Ven­ners “Ges­te” des Frei­tods von jener der geis­tes­ver­wand­ten Schrift­stel­ler Dri­eu la Rochel­le, Hen­ry de Mon­ther­lant und Yukio Mishima.

… man scheut sich, ihn ohne wei­te­res in die­se Rei­he ein­zu­ord­nen. Offen­bar hat Ven­ner nicht gehan­delt in Reak­ti­on auf den Zusam­men­bruch sei­ner ideo­lo­gi­schen Hoff­nun­gen, nicht aus einem Wider­wil­len gegen die Mise­ra­bi­li­tät des Daseins und auch nicht um der schö­nen Ges­te wil­len. Das Wort „Ges­te“ kommt zwar bei ihm vor, aber doch im Sinn der – gro­ßen – Tat, die am Anfang alles Neu­en steht.

In einem Buch, das er vor Jah­ren über den fran­zö­si­schen Wider­stand wäh­rend des Zwei­ten Welt­kriegs geschrie­ben hat, sprach er über die Not­wen­dig­keit des „star­ken Bil­des, das blei­ben wird“. Es ent­ste­he nur durch jene Akte, die Zugang eröff­nen zu den „tie­fen und geheim­nis­vol­len Kräf­ten, die das Über­dau­ern der Völ­ker sichern“.

In dem fina­len Ein­trag  auf sei­nem Blog schrieb Venner:

Es bedarf vor allem einer tief­ge­hen­den „intel­lek­tu­el­len und mora­li­schen Reform“, um es mit Ren­an zu sagen. Die­se müß­te zur einer Wie­der­ge­win­nung der ver­ges­se­nen fran­zö­si­schen und euro­päi­schen Iden­ti­tät füh­ren, deren Not­wen­dig­keit immer noch nicht in aller Klar­heit wahr­ge­nom­men wird.

Dazu müs­sen gewiß neue Aus­drucks­for­men gefun­den wer­den, spek­ta­ku­lär und sym­bo­lisch, um die Schlaf­trun­ke­nen wach­zu­rüt­teln, um das betäub­te Bewußt­sein zu erschüt­tern und die Erin­ne­rung an unse­re Wur­zeln zu wecken. Wir wer­den in eine Zeit ein­tre­ten, in der Wor­te durch Taten bekräf­tigt wer­den müssen.

Wir soll­ten uns auch erin­nern, daß, wie es auf genia­le Wei­se Hei­deg­ger in „Sein und Zeit“ for­mu­liert hat, die Essenz des Men­schen in sei­nem Dasein und nicht in einer „ande­ren Welt“ liegt. Es ist im Hier und Jetzt, wo sich unser Schick­sal bis zur letz­ten Sekun­de erfüllt. Und die­se aller­letz­te Sekun­de hat genau­so viel Bedeu­tung wie der Rest eines Lebens. Dar­um muß man bis zum letz­ten Augen­blick man selbst blei­ben. Nur indem man selbst ent­schei­det und sein Schick­sal wahr­haf­tig bejaht, besiegt man das Nichts. Ange­sichts die­ser Her­aus­for­de­rung gibt es kei­ne Aus­re­de, da wir nur die­ses eine Leben haben, in wel­chem es von uns abhängt, ob wir ent­we­der ein Nichts oder ganz wir selbst sind.

Ven­ners nächs­ter Wahl­ver­wand­ter war jedoch zwei­fel­los Ernst Jün­ger, mit dem er das “aben­teu­er­li­che Herz” der Jugend­jah­re und die mili­tä­ri­sche Erfah­rung teil­te, sowie die sel­te­ne Fähig­keit “Feder und Schwert” – also Wort und Tat – in Ein­klang zu brin­gen. In einem Inter­view mit der JF pries Ven­ner Jün­ger als Pro­to­ty­pen des “guten Europäers”:

Aus sei­ner Lebens­ge­schich­te las­sen sich unend­lich vie­le Leh­ren zie­hen über die euro­päi­schen Dra­men die­ser Zeit. Sein rit­ter­li­cher Geist und sei­ne Hal­tung waren unver­wüst­lich. In sei­ner Kör­per­hal­tung drück­te sich sei­ne geis­ti­ge Hal­tung aus. Hal­tung zu haben, heißt auch, Distanz zu wah­ren: Distanz zu den nie­de­ren Lei­den­schaf­ten wie zur Nie­der­tracht der Lei­den­schaf­ten. Jün­ger gab sich nicht mit dem Schrei­ben zufrie­den, son­dern er leb­te, was er schrieb. Ich sehe in ihm ein Vor­bild für eine Erneue­rung, eine Renaissance.

Im sel­ben Inter­view beschrieb Ven­ner die heu­ti­ge Zivi­li­sa­ti­on Euro­pas als fehl­ge­lei­tet und selbstmörderisch:

Hier in Euro­pa erle­ben wir eine begin­nen­de Ver­wei­ge­rung des wahn­wit­zi­gen Kon­sums und eine Sehn­sucht, sich ein authen­ti­sche­res Leben auf­zu­bau­en, um mit Hei­deg­ger zu spre­chen. Immer mehr Men­schen kom­men zu der Über­zeu­gung, daß man, um bes­ser zu leben, weni­ger kon­su­mie­ren muß. Das ist ein zutiefst revo­lu­tio­nä­rer Gedan­ke. Wir begin­nen zu sehen, daß die Pro­duk­ti­vi­tät um jeden Preis zer­stö­re­risch ist. Das zeigt zum Bei­spiel eine fran­zö­si­sche Sta­tis­tik vom Herbst 2009 über Selbst­mor­de bei der Arbeit. Die neu­en Arbeits­for­men und der Leis­tungs­wett­be­werb, dem die Kos­mo­kra­tie das „Human­ka­pi­tal“ unter­wirft, trei­ben dem­nach Men­schen in den Freitod!

Von hier aus führt eine unter­ir­di­sche Ver­bin­dungs­li­nie in ein ande­res Kapi­tel und eine ande­re Schu­le der fran­zö­si­schen Dis­si­denz. Dazu müs­sen wir ein wenig ausholen.

Ven­ner war ein Nietz­schea­ner, der zwar sein Leben lang die Kon­ti­nui­tät der euro­päi­schen See­le bekräf­tig­te und bezeug­te, dabei aller­dings min­des­tens in Distanz zum Chris­ten­tum stand. Er beschul­dig­te die Kir­che in Frank­reich völ­lig zu Recht, der Isla­mi­sie­rung des Lan­des durch Unter­stüt­zung und Beschleu­ni­gung der “afro-maghre­bi­ni­schen Ein­wan­de­rung” Vor­schub geleis­tet zu haben. Wie Armin Moh­ler und Alain de Benoist (nicht aber wie Ernst Jün­ger!) war Ven­ner ein ein­ge­fleisch­ter Hei­de, der vor allem in der grä­co-roma­ni­schen Tra­di­ti­on das Herz­stück und in Homer die eigent­li­che “Bibel” Euro­pas erblickte.

Die­se Distanz wird auch spür­bar in den Zei­len sei­ner Abschiedsnote:

Ich wäh­le einen hoch­sym­bo­li­schen Ort, die Kathe­dra­le von Not­re Dame de Paris, die ich respek­tie­re und bewun­de­re: das Genie mei­ner Vor­fah­ren hat sie auf einer Kult­s­stät­te errich­tet, die viel älter ist und an unse­re weit in die Geschich­te zurück­rei­chen­den Wur­zeln erinnert.

Hat sei­ne Tat also fri­sches Blut in alte Kathe­dra­len flie­ßen las­sen, auf daß sich erneut Göt­ter auf ihre ver­las­se­nen Altä­re nie­der­las­sen? Die Dome Frank­reichs, Deutsch­lands und Ita­li­ens gehö­ren in der Tat zu den herr­lichs­ten Zeu­gen des euro­päi­schen Geis­tes. Aber sie schei­nen heu­te, da sich der christ­li­che Glau­be säku­la­ri­siert und his­to­ri­siert hat, nur mehr als Muse­en und tou­ris­ti­sche Schau­stü­cke der Groß­städ­te wei­ter­zu­be­stehen, nicht anders als die zwar präch­ti­ge, aber kei­nen Gott (inzwi­schen auch kei­nen Allah) mehr prei­sen­de Hagia Sophia im ehe­ma­li­gen Konstantinopel.

Nietz­sche schrieb in sei­nem berühm­ten Gleich­nis vom “tol­len Men­schen”, der auf den Stra­ßen den “Tod Got­tes” verkündigt:

Man erzählt noch, dass der tol­le Mensch des­sel­bi­gen Tages in ver­schie­de­nen Kir­chen ein­ge­drun­gen sei und dar­in sein Requi­em aeter­nam deo ange­stimmt habe. Hin­aus­ge­führt und zur Rede gesetzt, habe er immer nur dies ent­geg­net: “Was sind denn die­se Kir­chen noch, wenn sie nicht die Grä­ber und die Grab­mä­ler Got­tes sind?”

In die­sem Geis­te tat sich im Jah­re 1950 eine Grup­pe jun­ger Män­ner zusam­men, um die Oster­sonn­tags­mes­se in Not­re-Dame mit einem schock­ar­ti­gen Über­fall zu stö­ren. Ihr Kopf, der 21jährige Michel Mour­re, erschien auf der Kan­zel im Ornat eines Domi­ni­ka­ner­mön­ches und hielt eine flam­men­de Rede, im Sti­le eher Zara­thu­stras als des “tol­len Men­schen”, ver­faßt von dem “let­t­ris­ti­schen” Poe­ten Ser­ge Berna:

Wahr­lich, ich sage euch: Gott ist tot. / Wir spei­en die Lau­heit eurer Gebe­te aus, / Denn eure Gebe­te waren der schmie­ri­ge Rauch über den Schlacht­fel­dern unse­res Euro­pa. / Geht fort in die tra­gi­sche und erha­be­ne Wüs­te einer Welt, in der Gott tot ist, / bis die Erde erneu­ert ist mit euren blo­ßen Hän­den, / Mit euren stol­zen Hän­den, / Mit euren Hän­den, die nicht beten. / Heu­te, Ostern des Hei­li­gen Jah­res, / hier unter dem Zei­chen von Not­re Dame de Paris, / Ver­kün­den wir den Tod des Chris­ten­got­tes, auf daß der Mensch lebe zuletzt.

Die Stö­ren­frie­de wur­den ver­haf­tet, und Mour­re für zwei Wochen in die Psych­ia­trie gesteckt. Der Skan­dal wur­de zum Gegen­stand mona­te­lan­ger Debat­ten in den fran­zö­si­schen Feuil­le­tons, an denen sich zahl­rei­che Geis­tes­grö­ßen von André Bre­ton bis Gabri­el Mar­cel betei­lig­ten. Man kann aller­dings der Rede ent­neh­men, daß Mour­re alles ande­rer als plat­ter, pöbeln­der Iko­no­klast war – die Dif­fe­renz zu stein­dum­men und ver­mut­lich von inter­es­sier­ter Sei­te gespon­ser­ten “letz­ten Men­schen” wie den Nackt­wei­bern von “Pus­sy Riot”, die vor ein paar Mona­ten vor Not­re-Dame einem abge­tre­te­nen Papst hin­ter­her­spuck­ten, ist immens.

Mour­res Pre­digt rich­te­te sich expli­zit an die “Lau­war­men”, die nach dem berühm­ten Wort aus der Johan­nes­of­fen­ba­rung “weder heiß noch kalt” sind, und die der Herr aus sei­nem Mund “aus­spu­cken” wird. Mour­res eige­ner Lebens­weg ver­lief sehr eigen­wil­lig. Der Sohn eines bür­ger­li­chen Sozia­lis­ten und “Pfaf­fen­fres­sers” hat­te sich als Jugend­li­cher noch in der Pha­se des Zusam­men­bruchs der Kol­la­bo­ra­ti­on ange­schlos­sen. Dafür muß­te er nach Kriegs­en­de im Gefäng­nis büßen, wo er die Schrif­ten von Charles Mau­rras ent­deck­te (Ven­ner schrieb übri­gens eine bedeu­ten­de “Geschich­te der Kollaboration”).

Es folg­te eine katho­lisch-roya­lis­ti­sche Pha­se, die er mit dem Ein­tritt in den Domi­ni­ka­ner­or­den besie­gel­te. Sein spi­ri­tu­el­ler Durst nach dem Abso­lu­ten wur­de jedoch auch dort nicht gestillt. Schließ­lich ver­lor er voll­stän­dig den Glau­ben, und schloß sich den von dem Exil­ru­mä­nen Isi­do­re Isou gegrün­de­ten “Let­t­ris­ten”, einer Künst­ler­grup­pe in der Tra­di­ti­on der Dada­is­ten und Sur­rea­lis­ten, an. Karl­heinz Weiß­mann schrieb dazu:

Mour­re zog auch jetzt die Kon­se­quenz, ver­ließ den Orden, ging wie­der nach Paris, ver­bum­mel­te sei­ne Tage in den Cafés von Saint Ger­main des Prés, ein Bohé­mi­en unter Bohé­mi­ens. Darf man den Schil­de­run­gen sei­nes Freun­des Armin Moh­ler glau­ben, waren sei­ne Lebens­um­stän­de mehr als aben­teu­er­lich. Aber fer­tig war er noch nicht mit der letz­ten gro­ßen Sache, der er sich ver­schrie­ben hat­te. Viel­leicht fiel der Ent­schluß zu der Akti­on in Not­re Dame tat­säch­lich erst zwei Tage vor­her, aber der Wunsch, sich an Gott zu rächen, muß längst schon mäch­tig gewe­sen sein.

Danach ver­schwand Mour­re in der Obsku­ri­tät, und wid­me­te sich fort­an der geis­tes­wis­sen­schaft­li­chen Arbeit.

Mour­re wur­de nach vier­zehn Tagen aus der Psych­ia­trie ent­las­sen, gab den Kon­takt zu sei­nen alten Freun­den auf, schloß sich in sei­ner Biblio­thek ein und begann ein Buch über sei­ne Ent­wick­lung zu schrei­ben, das unter dem Titel „Mal­gré le blasphè­me“ erschien.

 

Der deut­sche Titel „Gott ist tot?“ wirkt nichts­sa­gen­der, ohne daß das dem Erfolg gescha­det hät­te. Die Über­set­zung erschien in einem renom­mier­ten katho­li­schen Ver­lag und wur­de zum Anlaß einer inten­si­ven Dis­kus­si­on, nicht nur in kirch­li­chen Krei­sen der Bun­des­re­pu­blik. Aber der Ruhm ver­ging rasch. In Deutsch­land blie­ben Mour­re nur eini­ge Bewun­de­rer, dar­un­ter Carl Schmitt und Ernst Jünger. (…)

Nur ein paar Anar­chis­ten bewah­ren ihm ein ehren­des Andenken. Er selbst leb­te ein exzen­tri­sches, jeden­falls rast­lo­ses Leben und hat die inne­re Ruhe, die er so ersehn­te, wohl nie gefun­den. Michel Mour­re starb 1977, nur neun­und­fünf­zig Jah­re alt, an einem Gehirntumor.

Die Let­t­ris­ten aber spal­te­ten sich nach der Not­re-Dame-Akti­on in “Künst­ler” und “Akti­vis­ten”. Dem zwei­te­ren, radi­ka­le­ren Flü­gel schloß sich der jun­ge Guy Debord an, der spä­ter zu einem bedeu­ten­den Kri­ti­ker des Kon­sum­ge­sell­schaft und der Mas­sen­me­di­en wur­de. 1985 schrieb Debord einen scharf­kan­ti­gen Text über den Iden­ti­täts­ver­lust Frank­reichs und das Pro­blem der Mas­sen­ein­wan­de­rung, in dem es vie­le Berüh­rungs­punk­te zu Domi­ni­que Ven­ner gibt.

Debord gebrauch­te ger­ne das Bild einer Gesell­schaft von “Schlaf­wand­lern” , die vom “Spek­ta­kel” im Tief­schlaf gehal­ten wird; 2013 gebrauch­te Ven­ner ein ähn­li­ches Bild, als er sei­ne Tat als geziel­ten Schock kon­zi­pier­te, um die Gesell­schaft aus einer fata­len Bewußt­lo­sig­keit und Lethar­gie, aus einem töd­li­chen Schlum­mer zu reißen.

Wie Ven­ner wähl­te übri­gens auch der (gleich Michel Mour­re rast­lo­se) Debord den Frei­tod – aller­dings aus Lebens­über­druß infol­ge einer schwe­ren Krank­heit, die die Quit­tung für jahr­zehn­te­lan­ge Alko­hol­ex­zes­se war. Alle drei Genann­ten ent­stamm­ten unge­fähr der­sel­ben Genera­ti­on: Mour­re war Jahr­gang 1928, Debord 1931, Ven­ner 1935.

Ent­schei­dend ist hier vor allem dies: zwi­schen dem “Tod Got­tes” und dem Tod Euro­pas und Frank­reichs besteht ein enger Zusam­men­hang; am Ende haben sowohl Michel Mour­re als auch Domi­ni­que Ven­ner sich im Abstand von sech­zig Jah­ren vor dem jahr­hun­der­te­al­ten Altar Not­re-Dames ein- und der­sel­ben Kri­se  gestellt, mit der Glut eines Geis­tes, den die meis­ten Nomi­nal­chris­ten heu­te nicht mehr kennen.
Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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