Sezession
24. April 2009

Lehrer mit Mission

Erik Lehnert

streckenabschnitt1Wer Kinder hat, kommt irgendwann unweigerlich mit der Institution Schule in Berührung. Die Erfahrungen, die man dabei machen kann, decken das ganze Spektrum ab. Ein Resultat dieser Erfahrungen ist die Einsicht, daß es weniger auf die Institution (ob sie verrottet ist oder nicht oder einer besonderen Ideologie folgt) ankommt als auf die Persönlichkeit, die vor der Klasse steht. Das ist tröstlich, wenn es eine Persönlichkeit ist, und trostlos, wenn es keine ist, weil man der Gesetzmäßigkeit durch keinen Schulwechsel entkommen kann.

Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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Wenn es sich nur um Dummheit handeln würde, wäre das leicht durchschaubar. Aber es gibt auch den sendungsbewußten Pädagogen, der die Axt an die zart entwickelte Pflanze der nationalen Identität des Schülers legt. Ein Beispiel hierfür fand sich jüngst in einer südbadischen Regionalzeitung. Anlaß war das Haltmachen des „Zuges der Erinnerung", einer Wanderausstellung über Deportationen im Dritten Reich. Da die Zeit des Nationalsozialismus im Unterricht offenbar immer noch zu kurz kommt und der Besuch eines KZs in Baden-Württemberg auch noch nicht verpflichtend ist, entschloß sich ein Freiburger Lehrer kurzerhand, seine Schüler in diese Ausstellung zu führen, nicht ohne öffentlich davon Zeugnis abzulegen (der Leserbrief im Wortlaut, Hervorhebungen von mir):

Eine außerordentliche Ausstellung hatte in Freiburg halt gemacht, Hauptbahnhof Gleis 8, letztes Gleis, ganz am Ende Bahnhofsanlagen, einem sonst unbenutzten, einem Abstellgleis, dort, wo die Bahn grundsätzlich unliebsame Geschichte entsorgt. Mit meinen Schülern besuchte ich diesen Ort an einem der wenigen Tage, an denen der Zug der Erinnerung in Freiburg Station machen konnte. Wir standen lange an, der Andrang war groß, aber die Zeit wurde mir dennoch nicht lang. Man sprach miteinander über das, was einen in diesem Moment an diesem Ort bewegte, der Bahnhof, die Gleise, der Zug hatten das mühelos geschafft: die Erinnerung bei den Älteren, die Vergegenwärtigung der Ungeheuerlichkeiten der Deportation von Kindern bei den Jüngeren. Man kam ins Gespräch während des Wartens.

Auch über einen Skandal, der sich vor unseren Augen in diesen Tagen in Deutschland abspielt: Es ist der Skandal, dessen Hauptakteure noch immer Verantwortliche der Bahn sind. Sie verlangen von den Veranstaltern des Zuges der Erinnerung Geld für das Benutzen der Geleise und der Bahnhöfe. 14 000 allein für die paar Tage der Station in Freiburg. Meinen Schülern bleibt der Mund offen stehen vor Empörung: Das ist doch überhaupt kein Unterschied zu der ungeheuerlichen Selbstverständlichkeit, mit der die Reichsbahn seinerzeit pro Schienenkilometer und Person vier Pfennige verlangte. Kinder zahlten die Hälfte. Kein Witz. Blutiger Ernst. Das Reichssicherheitshauptamt bezahlte, die Reichsbahn verdiente am Tod von Tausenden von Menschen. Es hat sich nichts geändert. Alle machen weiter: Damals Verantwortliche für die Zusammenstellung von Sondertransporten werden in der Deutschen Bahn der Bundesrepublik Spezialisten für Logistik von „Sonderzügen". Sie waren und sind Angestellte. Taten ihren „Dienst". Und die Chefs? Der ehemalige Chef der Deutschen Bahn, Hartmut Mehdorn, führt eine andere Tradition aus der Nazizeit fort, die Bespitzelung von Mitarbeitern im Stil der Gestapo. Seine Abfindung wird im zweistelligen Millionenbereich liegen.

Es ist gut, dass die Stadt Freiburg ohne Umschweife die Hälfte der Kosten für den Halt in Freiburg übernommen hat, aber es bleibt die Obszönität der Geschäftsmäßigkeit, mit der gerade in der Deutschen Bahn verdrängt und weitergemacht wird. Den heutigen Jugendlichen würde ich über das Deutschland im Jahr 65 nach Auschwitz gern etwas anderes sagen können.

Würde er gerne? Tut mir leid, das glaube ich nicht. Der Mann hat eine Mission und als Missionar ist es bei ihm weder mit Logik noch Erkenntnis weit her. Das läßt sich auch an dem Artikel ablesen, auf den sich sein Brief bezieht. Darin kommt der Vorsitzende des Oberrats der Israeliten in Baden, Wolfgang Fuhl, zu Wort. Seiner Ansicht nach müsse man an die Vergangenheit erinnern, „um eine Wiederholung oder Schlimmeres zu verhindern". Haben Singularität und Unvergleichlichkeit nur Geltung für die Vergangenheit?


Erik Lehnert

Erik Lehnert ist promovierter Philosoph und Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für Staatspolitik.

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