Welche dieser Personengruppen hätten Sie nicht gern als Nachbarn?

stadtjugendring erfurtNa, welche wohl? Das Institut für Demoskopie Allensbach hat diese Frage im Auftrag der FAZ (Reihe: Deutsche Fragen-Deutsche Antworten, FAZ vom 22.5. 2013) abermals gestellt. Sie hat das bereits 1991, 1994, 2000 und 2007 getan. Zur Auswahl standen jeweils Gruppen, die sich höchst unterschiedlich definieren lassen: nach politischer Überzeugung, nach religiöser und ethnischer Zugehörigkeit und nach sexueller Vorliebe. In Bezug auf manches (Vor-)Urteil hat sich in den vergangenen 22 Jahren wenig geändert:

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

1991 hat­ten rund 11% lie­ber nicht neben „Men­schen ande­rer Haut­far­be“ woh­nen wol­len, heu­te sind es 10%. Ähn­lich bei „den Juden“: damals 12, heu­te 7 %. Leicht und kon­ti­nu­ier­lich gestie­gen sind die Aver­sio­nen gegen Links­ex­tre­mis­ten: 1991 wünsch­ten sich 56% kei­ne Links­ex­tre­mis­ten als Nach­barn, 2013 waren es laut Allens­bach 64%. Stark geän­dert – und eben­falls suk­zes­si­ve – haben sich die Vor­be­hal­te gegen­über Homo­se­xu­el­len und gegen Rechts­ex­tre­mis­ten. 1991 woll­ten 36% der Bun­des­bür­ger einen Tür-an-Tür-Kon­takt mit gleich­ge­schlecht­lich Ori­en­tier­ten ver­mei­den, heu­te fän­den nur­mehr 13% der Befrag­ten  homo­se­xu­el­le Nach­barn unsym­pa­thisch.  Die Rechts­ex­tre­mis­ten führ­ten bereits 1991 die Lis­te der unge­lieb­ten Nach­barn an (67% Ableh­nung), heu­te hät­ten 85% der Mit­bür­ger beden­ken gegen eine nach­bar­li­che Nähe.

Danach befragt, ob es wohl mehr links- oder mehr rechts­ex­tre­mis­ti­sche Gewalt­ta­ten gäbe, ant­wor­te­ten 43% der 1503 Inter­view­part­ner: rechts­ex­tre­me. Nur 5% ver­mu­te­ten ein Über­ge­wicht bei links­ra­di­ka­len Gewalttaten.

Fakt laut Allens­bach und dem Ver­fas­sungs­schutz­be­richt 2011: 755 als rechts­ex­tre­mis­tisch ein­ge­stuf­te ste­hen gegen 1157 als „links­ori­en­tiert“ begrif­fe­ne Gewalt­ta­ten. Die dies­be­züg­li­che Ein­schät­zung der Befrag­ten wirkt also, grob umge­rech­net, als schei­te­re ein reprä­sen­ta­ti­ves Kol­lek­tiv namens Deutsch­land bei Jauch an der 500-Euro-Frage!

Die weit ver­brei­te­te Aver­si­on gegen Extre­mis­ten aller Cou­leur ist natür­lich extrem beru­hi­gend. Jedoch:

Anders als beim poli­ti­schen Gegen­pol wird zwi­schen rechts und rechts­ex­trem sel­ten unter­schie­den. Was bedeu­te­te schon ein „lin­ker Leh­rer“? Völ­li­ge Nor­ma­li­tät. Ein poli­tisch Enga­gier­ter halt. Oder der neue Freund mit lin­ker Grund­hal­tung –  naja, dem wer­den maxi­mal „Flau­sen“ nachgesagt.

Zwi­schen rechts und rechts­ex­trem aller­dings ver­schwim­men die Begriff­lich­kei­ten und die Asso­zia­tio­nen. Rechts ist ein Alarm­zei­chen, min­des­tens die Vorwarnstufe.

Und jeman­den will­kür­lich als „rechts­ex­tre­mis­tisch“ zu hei­ßen, ist vom Recht auf freie Mei­nungs­äu­ße­rung gedeckt.

Goog­le fin­det zum Such­be­griff „gegen rechts“ rund 1. 400 000 Ergeb­nis­se; zu „gegen links“ nur 85.600. Unge­zähl­te Städ­te, die auf sich hal­ten, pfle­gen eine Netz­sei­te „gegen rechts“. Die nicht unwe­sent­li­che – extre­mis­mus-Ver­län­ge­rung wird gern aus­ge­spart. Dortmund-gegen-rechts.de, lands­hut- gegen- rechts. de, troisdorf-gegen-rechts.de, bündnisgegenrechts.de (Eisen­ach), usw., usf., der­glei­chen gibt es hun­dert­fach.  Nichts erscheint selbst­ver­ständ­li­cher, als “gegen rechts” zu stehen.

Als wäre „rechts“ kein legi­ti­mer Gegen­pol zu „links“, wird auch jen­seits des zivil­cou­ra­gier­ten Stadt­mar­ke­tings gegen „rechts“ „Stirn gezeigt“, netzwerk-gegen-rechts.de, mucke-gegen-rechts.de, stopp.rechts.de, piratengegenrechts.org; die Sei­ten sind Legion.

Das per­fi­de dar­an ist: der Unter­schied zwi­schen Lin­ken und Links­ex­tre­mis­ten ist im Nor­mal­fall ein gradueller.

Ein Lin­ker erregt sich über Ungleich­be­hand­lung, er steht all­um­fas­send für Eman­zi­pa­ti­on, für den Sozi­al­staat, für Arbeits­zeit­ver­kür­zung und Umver­tei­lung. Er steht ten­den­zi­ell ehr auf Sei­ten der Arbeit­neh­mer und der Mie­ter. Grob über den Dau­men gepeilt ist er für sexu­el­le Libe­ra­li­tät und eher reli­gi­ons­skep­tisch. Der (gewalt­be­rei­te) Links­ex­tre­mist begreift die­ses Pro­gramm radi­kal. Feu­er gegen Gen­tri­fi­zie­rer, Demos, Paro­len und Stei­ne gegen Arbeit­ge­ber, Hier­ar­chien, Fami­li­en- und Lebens­schüt­zer. Der Links­ex­tre­mist ist ein Lin­ker, der zu kras­se­ren For­men des Pro­tests greift oder die­se gutheißt.

Völ­lig anders bei Rech­ten und Rechtsextremen.

Sagen wir, reich­lich holz­schnitt­ar­tig, aber im all­ge­mei­nen zutref­fend: ein Rech­ter hält zu Recht & Ord­nung, zu Manie­ren & Tra­di­ti­on, zu Wer­ten der Fami­lie und der Reli­gi­on, zu einem Men­schen­bild, das Unter­schie­de akzep­tiert und kul­ti­vie­ren will. Der Rech­te, grob ver­ein­facht, ist eher Eigen­tü­mer und sozi­al­staats­skep­tisch geneigt. Was hät­te dies alles mit dem Welt- und dem Erschei­nungs­bild des land­läu­fi­gen, gewalt­be­rei­ten Rechts­ex­tre­mis­ten zu tun? Mit dem Schul­ab­bre­cher, dem die Faust lose sitzt, der mit lau­ter Aggro-Musik durch men­schen­ver­las­se­ne Land­stri­che kurvt, die Bier­fla­sche zwi­schen den Schen­keln, die dump­fe Paro­le auf den Lippen?

„Wenig“ wäre zu wenig. Zwi­schen „rechts“ und „rechts­ex­tre­mis­tisch“ ist kein fei­ner, son­dern ein nahe­zu unver­träg­li­cher Unter­schied. Doch das ist Geheim­wis­sen. Wie­vie­le Deut­sche wür­de sich wohl win­den, einen „Rech­ten“ zum Nach­bar haben zu müs­sen? Signi­fi­kant unter 85%?

 

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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Kommentare (1)

no_red_green

26. Mai 2013 08:30

Wen hätten Sie nicht gerne als Nachbarn? Hier sieht man eindeutig, wie der Linksextremismus totgeschwiegen wird. https://t.co/JtzljqjIge

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