Sezession
24. Mai 2013

Welche dieser Personengruppen hätten Sie nicht gern als Nachbarn?

Ellen Kositza / 1 Kommentar

stadtjugendring erfurtNa, welche wohl? Das Institut für Demoskopie Allensbach hat diese Frage im Auftrag der FAZ (Reihe: Deutsche Fragen-Deutsche Antworten, FAZ vom 22.5. 2013) abermals gestellt. Sie hat das bereits 1991, 1994, 2000 und 2007 getan. Zur Auswahl standen jeweils Gruppen, die sich höchst unterschiedlich definieren lassen: nach politischer Überzeugung, nach religiöser und ethnischer Zugehörigkeit und nach sexueller Vorliebe. In Bezug auf manches (Vor-)Urteil hat sich in den vergangenen 22 Jahren wenig geändert:

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

1991 hatten rund 11% lieber nicht neben „Menschen anderer Hautfarbe“ wohnen wollen, heute sind es 10%. Ähnlich bei „den Juden“: damals 12, heute 7 %. Leicht und kontinuierlich gestiegen sind die Aversionen gegen Linksextremisten: 1991 wünschten sich 56% keine Linksextremisten als Nachbarn, 2013 waren es laut Allensbach 64%. Stark geändert - und ebenfalls sukzessive - haben sich die Vorbehalte gegenüber Homosexuellen und gegen Rechtsextremisten. 1991 wollten 36% der Bundesbürger einen Tür-an-Tür-Kontakt mit gleichgeschlechtlich Orientierten vermeiden, heute fänden nurmehr 13% der Befragten  homosexuelle Nachbarn unsympathisch.  Die Rechtsextremisten führten bereits 1991 die Liste der ungeliebten Nachbarn an (67% Ablehnung), heute hätten 85% der Mitbürger bedenken gegen eine nachbarliche Nähe.

Danach befragt, ob es wohl mehr links- oder mehr rechtsextremistische Gewalttaten gäbe, antworteten 43% der 1503 Interviewpartner: rechtsextreme. Nur 5% vermuteten ein Übergewicht bei linksradikalen Gewalttaten.

Fakt laut Allensbach und dem Verfassungsschutzbericht 2011: 755 als rechtsextremistisch eingestufte stehen gegen 1157 als „linksorientiert“ begriffene Gewalttaten. Die diesbezügliche Einschätzung der Befragten wirkt also, grob umgerechnet, als scheitere ein repräsentatives Kollektiv namens Deutschland bei Jauch an der 500-Euro-Frage!

Die weit verbreitete Aversion gegen Extremisten aller Couleur ist natürlich extrem beruhigend. Jedoch:

Anders als beim politischen Gegenpol wird zwischen rechts und rechtsextrem selten unterschieden. Was bedeutete schon ein „linker Lehrer“? Völlige Normalität. Ein politisch Engagierter halt. Oder der neue Freund mit linker Grundhaltung -  naja, dem werden maximal „Flausen“ nachgesagt.

Zwischen rechts und rechtsextrem allerdings verschwimmen die Begrifflichkeiten und die Assoziationen. Rechts ist ein Alarmzeichen, mindestens die Vorwarnstufe.

Und jemanden willkürlich als „rechtsextremistisch“ zu heißen, ist vom Recht auf freie Meinungsäußerung gedeckt.

Google findet zum Suchbegriff „gegen rechts“ rund 1. 400 000 Ergebnisse; zu „gegen links“ nur 85.600. Ungezählte Städte, die auf sich halten, pflegen eine Netzseite „gegen rechts“. Die nicht unwesentliche – extremismus-Verlängerung wird gern ausgespart. Dortmund-gegen-rechts.de, landshut- gegen- rechts. de, troisdorf-gegen-rechts.de, bündnisgegenrechts.de (Eisenach), usw., usf., dergleichen gibt es hundertfach.  Nichts erscheint selbstverständlicher, als "gegen rechts" zu stehen.

Als wäre „rechts“ kein legitimer Gegenpol zu „links“, wird auch jenseits des zivilcouragierten Stadtmarketings gegen „rechts“ „Stirn gezeigt“, netzwerk-gegen-rechts.de, mucke-gegen-rechts.de, stopp.rechts.de, piratengegenrechts.org; die Seiten sind Legion.

Das perfide daran ist: der Unterschied zwischen Linken und Linksextremisten ist im Normalfall ein gradueller.

Ein Linker erregt sich über Ungleichbehandlung, er steht allumfassend für Emanzipation, für den Sozialstaat, für Arbeitszeitverkürzung und Umverteilung. Er steht tendenziell ehr auf Seiten der Arbeitnehmer und der Mieter. Grob über den Daumen gepeilt ist er für sexuelle Liberalität und eher religionsskeptisch. Der (gewaltbereite) Linksextremist begreift dieses Programm radikal. Feuer gegen Gentrifizierer, Demos, Parolen und Steine gegen Arbeitgeber, Hierarchien, Familien- und Lebensschützer. Der Linksextremist ist ein Linker, der zu krasseren Formen des Protests greift oder diese gutheißt.

Völlig anders bei Rechten und Rechtsextremen.

Sagen wir, reichlich holzschnittartig, aber im allgemeinen zutreffend: ein Rechter hält zu Recht & Ordnung, zu Manieren & Tradition, zu Werten der Familie und der Religion, zu einem Menschenbild, das Unterschiede akzeptiert und kultivieren will. Der Rechte, grob vereinfacht, ist eher Eigentümer und sozialstaatsskeptisch geneigt. Was hätte dies alles mit dem Welt- und dem Erscheinungsbild des landläufigen, gewaltbereiten Rechtsextremisten zu tun? Mit dem Schulabbrecher, dem die Faust lose sitzt, der mit lauter Aggro-Musik durch menschenverlassene Landstriche kurvt, die Bierflasche zwischen den Schenkeln, die dumpfe Parole auf den Lippen?

„Wenig“ wäre zu wenig. Zwischen „rechts“ und „rechtsextremistisch“ ist kein feiner, sondern ein nahezu unverträglicher Unterschied. Doch das ist Geheimwissen. Wieviele Deutsche würde sich wohl winden, einen „Rechten“ zum Nachbar haben zu müssen? Signifikant unter 85%?

 


Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Kommentare (1)

no_red_green
26. Mai 2013 08:30

Wen hätten Sie nicht gerne als Nachbarn? Hier sieht man eindeutig, wie der Linksextremismus totgeschwiegen wird. https://t.co/JtzljqjIge

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