Dominique Venner – Von “Vorbildern” und Haltungen

Um mich dem Kommentar von Manfred Kleine-Hartlage apropos Dominique Venner anzuschließen:...

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

die Bedeu­tung und den Sinn einer sol­chen “Ges­te” ver­steht man ent­we­der auf Anhieb, oder eben nicht. Mit denen, die sie nicht ver­ste­hen, erüb­rigt sich jeder wei­te­re Dia­log. Das ist eine Fra­ge der Hal­tung, die man je nach Ver­fas­sung des Cha­rak­ters ein­neh­men kann oder nicht.

Ein Kom­men­tar wie jener von Hen­ning Hoff­gaard, bedau­er­li­cher­wei­se auf der Netz­sei­te der Jun­gen Frei­heit erschie­nen, ist dage­gen vor allem eine Fra­ge der Abwehrhal­tung, mit ande­ren Wor­ten eines ängst­li­chen Manö­vers, um bloß nicht die Deckung gewis­ser kon­ser­va­ti­ver Lebens­lü­gen auf­ge­ben zu müs­sen. Auch das hat selbst­ver­ständ­lich mit Cha­rak­ter zu tun.

Ich fra­ge mich, ob der Autor auch imstan­de wäre, sich neben einem Jan Palach oder einem bren­nen­den tibe­ta­ni­schen oder viet­na­me­si­schen Mönch auf­zu­stel­len, und die­sen mit sor­gen­voll gerun­zel­ter Stirn, erho­be­nem Zei­ge­fin­ger, gerich­te­ter Kra­wat­te und bie­de­rer Mie­ne zu beleh­ren, wie unkon­ser­va­tiv und unnö­tig und gene­rell gars­tig radi­kal ein sol­cher Akt doch sei, im schöns­ten treu­her­zigs­ten Glau­ben, er wür­de nun mun­ter aus der Quel­le des “gesun­den Men­schen­ver­stan­des” schöpfen.

War­um “dis­ku­tiert” denn die­ser arme, geis­tes­ge­stör­te Mönch nicht lie­ber mit sei­nen Besat­zern oder geht grund­ge­setz­de­mo­kra­tisch gegen sie demons­trie­ren oder war­um grün­det er kei­ne kon­ser­va­ti­ve Par­tei oder war­um geht er nicht nach Hau­se, läßt fried­lich die Gebets­müh­le rotie­ren, damit die Göt­ter alles wie­der rich­ten? “Gesun­der Men­schen­ver­stand” in die­sem Sin­ne genügt nicht. Man muß auch wis­sen, wovon man redet, ehe man die Los­schwatz­si­che­rung entriegelt.

Ich will lie­ber nicht wis­sen, wie die Ant­wort ver­mut­lich aus­fal­len wür­de. Und wenn wir schon die Maß­stä­be “kon­ser­va­ti­ver” Wohl­an­stän­dig­keit und Bedacht­sam­keit an eine Aus­nah­me­tat (die selbst­ver­ständ­lich nicht im buch­stäb­li­chen Sin­ne “vor­bild­haft” sein kann) anle­gen, dann erstaunt einen doch die gedan­ken­lo­se Her­ab­las­sung, mit der hier der Tod und das Selb­stop­fer eines Men­schen baga­tel­li­siert werden.

Daß man einer sol­chen Atti­tü­de aus­ge­rech­net in einer Zei­tung begeg­net, die das Andenken an den 20. Juli so gran­di­os bewahrt wie kein ande­res Medi­um in Deutsch­land, ist schon trau­rig genug. Wer nun mit dem Ein­wand kommt, daß wir uns doch im Gegen­satz zu Stauf­fen­berg nicht mit­ten in einem schreck­li­chen Krieg und in einer offe­nen Tyran­nis oder Dik­ta­tur befin­den, hat nicht begrif­fen, daß es hier um grund­sätz­li­che Hal­tun­gen geht, und wohl eben­so­we­nig, was das über­haupt ist: eine Haltung.

Das Aus­maß des Miß­ver­ständ­nis­ses über die Natur des “Kon­ser­va­tis­mus” offen­bart sich aber erst so rich­tig in dem letz­ten Satz, in dem Hoff­gaard, zwei­fel­los “gut gemeint”, de fac­to aber her­ab­schau­end und arro­gant, zu “Mit­leid” für Ven­ner auf­ruft. Das ist, wohl unbe­merkt vom Autor, fast so ekel­er­re­gend wie der höh­ni­sche Auf­tritt einer plär­ren­den, tit­ten­schwin­gen­den Dumm­nu­del in Not­re-Dame kurz nach dem Frei­tod Ven­ners. “Mit­leid” und Nasen­schleim, erst recht von den bien-pensants, ist nun wirk­lich das Aller­letz­te, das ein Mann wie Ven­ner gewollt oder gar ver­dient hätte.

Hoff­gaard scheint über­haupt nicht die gerings­te Ahnung davon zu haben, mit was für einem Mann er es hier zu tun hat, was er indes­sen auch in der Jun­gen Frei­heit selbst hät­te nach­le­sen kön­nen. Die Behaup­tung, Ven­ner habe “es sich furcht­bar ein­fach gemacht” ist so unver­schämt, daß sie nach Satis­fak­ti­on ver­langt, nicht nur wegen sei­nes geis­ti­gen Kali­bers, son­dern auch, weil nie­mand es “sich ein­fach macht”, der bereit ist, sich sein Leben zu nehmen.

Letz­te­res ist nichts ande­res als ein Kin­der­pfei­fen im fins­tern Wal­de, die klas­si­sche Ente all jener Arg- und Ahnungs­lo­sen, die es nötig haben, ihrer Angst vor gewis­sen Din­gen jen­seits des bür­ger­li­chen Sand­kas­tens mit Ver­harm­lo­sung zu begeg­nen. Kön­nen Leu­te die­ser Art auch ver­ste­hen, daß es Men­schen gibt, die sich nicht ver­söh­nen und abfin­den wol­len, die in sich Über­zeu­gun­gen tra­gen, die sich nicht kau­fen und abkau­fen lassen?

Vor allem spre­chen wir hier nicht von jeman­dem, der einen Sui­zid aus patho­lo­gi­schem Lebens­über­druß began­gen hat, genau­so­we­nig wie die tibe­ta­ni­schen Non­nen und Mön­che. Ob Hoff­gaard auch schon mal etwas von Sokra­tes oder Sene­ca gehört hat? Ven­ner, ein ein­ge­fleisch­ter, euro­päi­scher Hei­de, starb wie ein anti­ker Stoiker.

Ven­ners Tat sei “kein Vor­bild für nie­man­den”. “Vor­bild”, auch das ist ein Aus­druck, der nach dem Fun­dus päd­ago­gi­scher Artig­keit schmeckt. Kids, don’t try this at home!   Wer redet eigent­lich von “Vor­bil­dern”? Ich will hier nicht dar­auf ein­ge­hen, was für die­je­ni­gen, die nun den Hut vor Ven­ner zie­hen, wirk­lich “vor­bild­lich” ist und was nicht. Es ist, wie gesagt, etwas, das man ent­we­der auf Anhieb ver­steht oder nicht. Nie­mand muß Ven­ners Tat gut, sinn­voll oder “vor­bild­haft” fin­den. Aber es gibt Gren­zen der Bes­ser­wis­se­rei, die ins­be­son­de­re vor dem Grab eines Men­schen gezo­gen wer­den müssen.

Der Kern die­ser schie­fen Sicht ist, wie oben ange­deu­tet, wohl eine auto­hyp­no­ti­sche Fehl­ein­schät­zung der Lage. Ven­ner hat nicht, wie viel­fach grob ver­ein­fa­chend berich­tet wur­de, bloß gegen die von der Links­re­gie­rung durch­ge­drück­te “Homo-Ehe” pro­tes­tiert (die, neben­bei gesagt, weder mit Homo­se­xu­el­len noch mit “Ehe” das Gerings­te zu tun hat). Sei­ne Abschieds­no­ten ver­wei­sen deut­lich auf eine Lage, in der es um das Gan­ze Frank­reichs und Euro­pas geht.

Wer die Bil­der von den Demons­tra­tio­nen in Frank­reich inha­liert wie Opi­um, gie­rig nach dem Sauer­stoff der Hoff­nung, hat noch nicht begrif­fen, daß die über­wie­gen­de Mehr­heit der Fran­zo­sen ihrem “grand repla­ce­ment”, wie es der (übri­gens offen homo­se­xu­el­le) Schrift­stel­ler Ren­aud Camus for­mu­liert hat, also dem gro­ßen demo­gra­phi­schen “Bevöl­ke­rungs­aus­tausch” im Namen der glo­ba­lis­ti­schen Uto­pie mit pas­si­ver Lethar­gie gegenübersteht.

Ven­ner hat eben nicht “vor den nicht in Stein gemei­ßel­ten Umstän­den kapi­tu­liert”, wie Hoff­gaard ver­mu­tet, der sich offen­bar nicht ein­mal die Mühe gemacht hat, die ent­spre­chen­den Erklä­run­gen zu lesen. Au con­tr­ai­re:

Ich erhe­be mich gegen den Fata­lis­mus. Ich erhe­be mich gegen die see­len­zer­stö­ren­den Gif­te und gegen den Angriff indi­vi­du­el­ler Begier­den auf die Anker unse­rer Iden­ti­tät, beson­ders auf die Fami­lie, der inti­men Säu­le unse­rer jahr­tau­sen­de­al­ten Zivi­li­sa­ti­on. Eben­so wie ich für die Iden­ti­tät aller Völ­ker in ihren Hei­mat­län­dern ein­tre­te, erhe­be ich mich des wei­te­ren gegen das vor unse­ren Augen began­ge­ne Ver­bre­chen der Erset­zung unse­rer Völ­ker durch andere.

Was Ven­ner nicht geteilt hat, war ledig­lich die Illu­si­on, daß ein paar “arti­ge Demons­tra­tio­nen” (“gen­til­les mani­fes­ta­ti­ons”) genü­gen wür­den, um das Ruder her­um­zu­rei­ßen. Und wie recht er damit hat, bestä­tigt die Reak­ti­on der “Initia­to­rin der Demons­tra­tio­nen gegen die Homo-Ehe”, die es für ange­bracht hielt, dem Toten ins Grab nach­zu­spu­cken, und anbie­dernd-kon­for­mis­tisch von der “schlim­men Ges­te eines Gestör­ten” sprach.

Die­se “Initia­to­rin” tritt übri­gens unter einem Pseud­onym auf, das offen­bar aus einer Trans­ves­ti­ten-Show geklaut wur­de: “Fri­gi­de Bar­jot” ist eine nicht all­zu sub­ti­le Ver­ball­hor­nung von “Bri­git­te Bar­dot”, und heißt soviel wie “fri­gi­de Durch­ge­knall­te”. Bar­jot, die aus dem Show-Biz kommt und auch äußer­lich reich­lich “durch­ge­knallt” (oder gar “gestört”?) wirkt,  ist das weib­li­che Pen­dant zu Bep­pe Gril­lo, und hat auch mal ein die Bar­dot par­odie­ren­des Lied mit dem Titel “Fais-moi l’a­mour avec deux doigts” (das las­se ich mal unüber­setzt), was unter ihren vie­len kon­ser­va­tiv-katho­li­schen Anhän­gern sicher ein belieb­ter Schla­ger ist.

Fast könn­te man hier den Ver­dacht einer “con­trol­led oppo­si­ti­on” schöp­fen. Man kann “Bar­jots” Namen kaum zitie­ren, ohne das Gefühl zu haben, in einer Live-Sati­re oder einer Sze­ne aus Ras­pails “Heer­la­ger der Hei­li­gen” gelan­det zu sein. Das gibt auch Hoff­gaar­ds Anru­fung der Kron­zeu­gin eine nicht umko­mi­sche Note. “Ven­ner hat sich erschos­sen, aber Fri­gi­da Zie­ge  und Lady Gaga fin­den das gestört und uncool, Klap­pe zu, Affe tot.”

Im April die­ses Jah­res bezeich­ne­te “Bar­jot” Frank­reich übri­gens als “Dik­ta­tur” (Wie unter Stauf­fen­berg? Wie in Tibet?), und scheu­te nicht vor mar­ki­gen, womög­lich radi­ka­lis­mus­ver­dacht­er­we­cken­den Sprü­chen zurück:  “Hol­lan­de veut du sang, il en aura ! ” – “Hol­lan­de will Blut sehen, und das wird er bekom­men!” Blut? Jenes Blut etwa, das nun tat­säch­lich vor dem Altar von Not­re-Dame geflos­sen ist?

Und einer sol­chen Figur läuft die “kon­ser­va­ti­ve fami­li­en­be­ja­hen­de Bewe­gung” Frank­reichs hinterher.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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