27. Mai 2013

Dominique Venner und die 54. Sezession

Götz Kubitschek / 1 Kommentar

Sez54Zu einem Zeitpunkt, da neun Zehntel des konservativen Milieus ihre Hoffnung auf einen Wahl­erfolg der »Alternative für Deutschland« setzen, erlaubt sich die Sezession ein Themenheft zur »Reaktion«. Die mögliche Diskussion über das Unzeitgemäße oder sogar Abseitige solcher Planungsentscheidungen wird redaktionsintern gar nicht geführt:

Götz Kubitschek ist Verleger (Antaios) und seit 2003 verantwortlicher Redakteur der Sezession.

Derlei Themensetzungen beweisen, daß »Sezession« tatsächlich eine Distanz von den Erregungswellen der Tagespolitik bedeutet. Sezession (als Lebensprinzip und als konkretes Zeitschriftenprojekt): Das ist das Eigentliche, das immer gilt, auch wenn gerade irgendwo eine Rakete gestartet oder ein Luftballon aufgepustet wird.

Ernst Jünger absolvierte während des Zweiten Weltkriegs zwei vollständige Lektüredurchgänge der Bibel, man kann das in den Strahlungen nachvollziehen. Unser Autor Martin Lichtmesz wird im September ein kaplaken mit dem Titel Warum ich die Bibel lese vorlegen, und sein Antrieb ist kein anderer als jener, der seinen berühmten Vorgänger zur Lektüre führte: Vergewisserung bewährter Grundlagen und Maßstäbe in unübersichtlicher Zeit.

Lesen Sie also, was wir über das reaktionäre Lebensprinzip zu sagen haben. Was Sie letztlich aus der Lektüre »machen«, ist unerheblich: Der Ertrag daraus wird Ihnen zur Verfügung stehen, wenn Sie ihn brauchen.

Indem der 79jährige Historiker Dominique Venner sich am 21. Mai in der Kathedrale Notre Dame zu Paris erschoß, reagierte er radikal auf den Weg ins Verderben, den sein Vaterland und Europa seit Jahrzehnten beschreiten. Er reagierte dabei nicht so, wie es uns das liberale System und die offene Gesellschaft nahelegen: ertragend, selbstkritisch, ausweichend, akzeptierend, weich, anknüpfungsbereit.

Venners Reaktion war überlegt, symbolisch, männlich, frei und hart. Sie war schockierend für all jene, die das Leben quantitativ und nicht qualitativ, individualistisch und nicht eingebettet, hedonistisch und nicht in erster Linie als Dienst auffassen. Was Venner am Altar der Kathedrale tat, begreift man entweder sofort oder gar nicht: Es umgibt sein Leben und seine Argumentation mit der Aura radikaler Unabhängigkeit und jäher Fremdheit, und alle Versuche, seine Tat zu instrumentalisieren, sind peinlich und müssen scheitern, auch jene von unserer Seite. Man muß schweigen können beim Blick auf etwas, das so weit entfernt von dem ist, was wir uns vorgenommen und was wir Tag für Tag zu tun haben.

Kommentare (1)

Waldgänger
27. Mai 2013 18:48

Sezession,
Abspaltung als aktive Handlung.
Nicht nur das passive konservative Bejammern der traurigen Gegenwart, sondern das Bewahren von Grundsätzen und persönlicher Haltung auch in Zeiten der Niederlage.
Und das Suchen nach Möglichkeiten der Re-Aktion!

Ich freue mich auch, dass Sie Ernst Jünger erwähnt haben.
Sein "Waldgang" ist ja im Grunde eine einzige Anleitung zur Sezession und zum Wahren von individueller Freiheit und Würde.

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