Sezession
5. Juni 2013

F 5

Gastbeitrag

fuenfvon Heino Bosselmann

Durch meine Kindheit und Jugend verlief eine Straße, die mehr als andere Deutschland trennte und vereinte – die Bundesstraße 5, damals die Fernverkehrsstraße 5 der DDR. In einer Richtung, nordwestlich, Hamburg, in der anderen, südöstlich, Berlin.

Das eine unerreichbar, das andere fremd. In der Mitte meine spröde Heimat, die Prignitz, wo niemand angehalten hätte, würde sich dort nicht die einzige Raststätte für West-Transitreisende befunden haben.

Mit „Intershop“. In Quitzow, einem Dörfchen, das seinen Namen vom berühmtesten, also berüchtigtsten Raubrittergeschlecht Brandenburgs hat, von Theodor Fontane im Band „Fünf Schlösser“ der „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ beschrieben.

Mein Vater war direkt an dieser Straße als Landarbeiterkind aufgewachsen, in Glövzin. Er hatte als Zehnjähriger 1945 zunächst erlebt, wie amerikanische Tiefflieger über der „Berlin-Hamburger“ dahinjagten und die langsame, nicht abreißende Prozession nach Westen ziehender Flüchtlingstrecks wie nach Lust und Laune in einem furchtbaren Spiel beschossen.

Als die Rote Armee erwartet wurde, saß er mit einem Dutzend Leuten, die plötzlich verstummt schienen, in einem Bunker, wie man nur so sagte, denn vielmehr war’s eine eilig im Hof ausgehobene Grube, deren Boden mit Koffern voll Hausrat ausgelegt war, auf denen schließlich alle eingezwängt und verkrümmt kauerten, verzagte Menschlein mit ihren über Generationen weitergegebenen Habseligkeiten, leise atmend, aber mit furchtsamem Herzschlag und kaltfeuchten ineinandergekrallten Handflächen eine werdende Großmacht erwartend, die ihnen allen wahrscheinlich den Garaus machen würde. So nahmen sie es vorbeugend an.

Arme Verlierer in einem kümmerlichen Rattennest. Den Tod auf ihrem bißchen brüchigen Besitz erwartend. Wo sonst? Nach oben war das Loch nur mit dünnem Wellblech abgedeckt. Draußen hörte man den Frühlingsruf der Meisen und das hohe Zirpen der vorbeifliegenden ersten Schwalben in diesem Jahr. So übersichtlich und einfach sah das Ende aus, das Ende des Reiches also und vielleicht gleich überhaupt das Ende von allem. Mein Vater hörte, wie jemand ein Gebet murmelte, was im protestantischen Glövzin bisher selten zu hören war, am hellichten Tag schon gar nicht.

Am 2. Mai war die Rote Armee da. Zunächst weder mit Panzern noch auf Lastwagen, sondern auftauchend in einer riesigen Herde von Pferden, die von den Soldaten schon auf den anderen märkischen Dörfern und einfach vom Weideland herunter zusammengetrieben waren. Eine Wolke von dampfenden, stampfenden Pferdeleibern, ein Steppenereignis, das diese fremden Menschen mit ihren olivgrünen Uniformen heranwehte. Das kleine Dorf wimmelte plötzlich von Pferden, die wie herrenlos herumliefen, aber den wenigen Leittieren folgten, die beritten waren. So stellte man sich eine Kosakenaktion am Don oder Dnepr vor, weniger einen Krieg.

Nach den Kohl- und Kaschamahlzeiten der Feldküchen floß der Wodka, die Ziehharmonikas begannen zu spielen, und unter ihren Klängen wurden die Frauen gejagt, die sich aus den Verstecken gewagt hatten, um, gestern noch Herrinnen über Scheuer und Faß, sich mit verschränkten Armen vor ihren Besitz zu stellen. Am Abend des Sieges über Glövzin waren nicht wenige von ihnen geschändet und die Männer und Wohnzimmer ohne Uhren. Nichts tickte mehr, das Warten hatte ein Ende. Man war angekommen im ersten Jahr danach. Obwohl niemand wußte, wohin sie einen tragen würde, verging sie wieder, die Zeit, denn die Zeit brauchte gar keine Uhren.


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