4. Juni 2013

45. Todestag Alexandre Kojève

Gastbeitrag

9783935063562(Text aus dem Band Vordenker des Staatspolitischen Handbuchs, Schnellroda 2012.)

von Harald Seubert

Alexandre Kojève kam als russischer Immigrant im Jahr 1920 nach Deutschland. Er studierte in Berlin und Heidelberg europäische und fernöstliche Philosophie. Bei Karl Jaspers wurde er im Jahr 1931 mit einer Untersuchung über den russischen Religionsphilosophen Wladimir Solowjew promoviert.

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Von 1933 bis 1939 hielt er am Collège de France den legendären Vorlesungszyklus über Hegels Phänomenologie des Geistes, der ihn berühmt machen sollte.

Er übernahm diese Vorlesungstätigkeit von dem Wissenschaftsphilosophen Alexandre Koyré, der zunächst über Hegels Religionsphilosophie gelehrt hatte. Der kairos für diese Vorlesungen war einzigartig: Hegels frühes Hauptwerk war seinerzeit nicht ins Französische übersetzt und die Kenntnis Hegelschen Geschichtsdenkens markierte in einer durch mathematische Demonstrationsideale, Cartesianismus und neuerdings Neukantianismus geprägten philosophischen Landschaft eine ungeheure Zäsur, die im Leben vieler von Kojèves einstigen Hörern Epoche machen sollte. Darunter waren Raymond Aron, Georges Bataille, Pierre Klossowski, Jacques Lacan, Maurice Merleau- Ponty, Raymond Queneau und der spätere maßgebliche französische Hegel- Forscher Eric Weil.

Queneau edierte 1947 die Nachschriften unter dem Titel Introduction à la lecture de Hegel (die deutsche, gekürzte Version Hegel. Eine Vergegenwärtigung seines Denkens erschien in einer Übersetzung Iring Fetschers). Es ist unverkennbar, daß Kojève Hegel in einer apokalyptischen, zugleich von Heideggers Existenzdenken inspirierten Blickrichtung liest. Zentrum seiner Deutung ist das Herr-Knecht-Kapitel, also Hegels Dialektik des Kampfes um Anerkennung. In der sinnlichen Gewißheit, der Wahrnehmung und dem Verstand bezieht sich der Geist passiv betrachtend auf seinen Gegenstand selbst. Diese Bewußtseinsformen gehen damit dem Selbstbewußtsein voraus. Auch (animalische) Begierde, die sich darauf richtet, Gegenstände in ihre Verfügung zu bringen, führt nicht zu dem Erwachen von Selbstbewußtsein. Dies geschieht erst, wo sich die eigene Begierde auf eine andere Begierde richtet – ein Nichtseiendes – und sich an ihr bricht. Damit aber ist, wie Kojève zeigt, zugleich der Übergang in Geschichts- und Machtverhältnisse verbunden.

Der Kampf um Anerkennung ist Kampf auf Leben und Tod. In ihm zeigt sich mithin eine dem Verhältnis von Freund und Feind im Sinne Carl Schmitts verwandte Struktur. Wenn der Kampf mit dem Tod beider Protagonisten endet, so bleibt die Anerkennung aus, ebenso wenn einer der Protagonisten zurückbleibt. Denn Anerkennung kann nur von einem eigenständigen, lebendigen anderen ausgehen. Es bleibt die Möglichkeit der Unterwerfung – der Situierung des asymmetrischen Verhältnisses von Herr und Knecht. Das unterjochte Selbstbewußtsein ist eo ipso nicht gleichrangig, so daß der Herr am Knecht nicht er selbst werden kann. Er reduziert sich auf den Genuß der Welt. Um so größer wird seine Abhängigkeit vom Knecht, der damit zum Selbstbewußtsein gelangt und sich gegen seinen Herrn richten kann. Dies ist für Kojève die geistige Grundsituation der Französischen Revolution, deren Idee, eine Gesellschaft freier, einander wechselseitig anerkennender Bürger, zugleich das Ende der Geschichte bezeichnet, aber durch Napoleon realisiert und vollstreckt wurde.

Mit Napoleon, so Kojève, tritt die Welt in einen nachhistorischen, weltstaatlichen Zustand ein. Die großen ideologischen Kämpfe des 20. Jahrhunderts sieht er nicht nur in dem Streit zwischen Links- und Rechtshegelianern vorgezeichnet. Sie sind überdies Nachbeben dieses Endes, wenngleich Kojève in der Zeit der großen Säuberungen kurzzeitig Stalin den welthistorischen Rang hatte zuerkennen wollen, den Hegel in Napoleon sah. Mithin ist auch Francis Fukuyamas These vom »Ende der Geschichte «, formuliert nach dem Ende der Ost-West-Auseinandersetzung, nichts anderes als eine arbiträr liberale Realisierung der Kojèveschen Hegel-Interpretation.

Offensichtlich ist diese Hegel-Deutung ebenso einflußreich wie verkürzend: weder die Tektonik des Objektiven Geistes (Recht-Moralität-Sittlichkeit mit dem Staat als Schlußpunkt) noch erst recht der absolute Geist spielen darin eine maßgebliche Rolle. Kojève unternimmt es vielmehr, mit Hegel die Situation des 20. Jahrhunderts zu deuten. Mit der Geschichte endet für Kojève auch die eigenständige Philosophie, die Möglichkeit der Rede, die Neues sagt. Man tritt, ähnlich wie in Gehlens Diagnose, in einen posthistorischen Zustand ein – und es bleiben nur mehr zwei Arten von Snobismus, der des animalischen »american way of life« und der elitäre des Selbstopfers im Harakiri der Samurai. Kojève folgte dieser Diagnose auch in seiner Existenz: Er zog sich aus der Philosophie zurück und wirkte bis zu seinem Tod als hochrangiger Verwaltungsbeamter des französischen Wirtschafts- und Finanzministeriums für die OECD.

Bereits 1951 hatte ihm Raymond Queneau in dem Schlüsselroman Der Sonntag des Lebens ein Denkmal gesetzt. Das Kojèvesche Alter ego denkt »im allgemeinen an Nichts, wenn aber doch, am liebsten an die Schlacht von Jena«. Nachgelassene Arbeiten, darunter ein dreibändiger Großessay, Essai d’une histoire raisonnée de la philosophie païenne (1966–1974), und eine Kant-Monographie, sind nur Rahmungen dieser zentralen, zugleich existentiell beglaubigten Philosophie. Von ihr legte Kojève ein Jahr vor seinem Tode noch einmal eine provozierende Probe ab, indem er im Juni 1967 unmittelbar vor Herbert Marcuses bejubeltem Auftritt an der FU Berlin einen Vortrag mit dem unverfänglich akademischen Titel »Was ist Dialektik? Die Struktur der Rede« hielt und darin die Grundthese vom Ende der Geschichte wiederholte.

Eher noch schlagender ist es, daß Kojève im Fokus der Pariser Mai-Unruhen 1968 starb, als die These einer unveränderbar kristallisierten Geschichte noch einmal durch Praxis widerlegt werden sollte, faktisch indes nur bestätigt wurde.

Schriften: Introduction à la lecture de Hegel, Paris 1947; Essai d’une histoire raisonnée de la philosophie païenne, 3 Bde., Paris 1966, 1972, 1973; Kant, Paris 1973; Le concept, le temps et le discours, Paris 1990; Esquisse d’une phénoménologie du droit (1943), Paris 1981; L’athéisme, Paris 1998; La notion de l’autorité (1942), Paris 2004; Überlebensformen, Berlin 2007.

Literatur: Dominique Auffret: Alexandre Kojève, Paris 1990; Vincent Descombes: Das Selbe und das Andere. 45 Jahre Philosophie in Frankreich 1933–1978, Frankfurt a. M. 1987; Günther Rösch: Philosophie und Selbstbeschreibung: Kojève, Heidegger, Berlin 2010; Ulrich J. Schneider: Der französische Hegel, Berlin 2007.


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