Agamben und das lateinische Imperium

Nils Minkmar hat allen „Grund zur Sorge“. Das liegt nicht nur an der Reaktion der französischen Jugend auf die Homo-Ehe und die Politik von François Hollande. Auch in anderen südeuropäischen Staaten kündigen sich Umwälzungen einer Größenordnung an, die wir uns heute noch nicht vorstellen können.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

Der bri­ti­sche Euro­pa­ab­ge­ord­ne­te Nigel Fara­ge der immer erfolg­rei­che­ren UK Inde­pen­dence Par­ty (UKIP) hat vor eini­gen Wochen sogar vor einer gewalt­sa­men Revo­lu­ti­on im Süden Euro­pas gewarnt. Die wirt­schaft­li­che Situa­ti­on der Euro-Staa­ten sei so kata­stro­phal, daß die Aus­wir­kun­gen der Revo­lu­ti­on defi­ni­tiv auch in den Tei­len Euro­pas spür­bar wären, in denen die Men­schen noch glau­ben, ihre „Hei­le Welt“ wer­de ewig halten.

Doch Vor­sicht! Allein eine schlech­te Ent­wick­lung der Wirt­schaft und sozia­le Pro­ble­me wer­den den Impuls zur Lösung der euro­päi­schen Kri­se nicht lie­fern. Das Gan­ze ist kein Selbst­läu­fer, wie das Bei­spiel Spa­ni­en mit einer Jugend­ar­beits­lo­sig­keit von über 50 Pro­zent belegt. Der Autor Car­los Wefers Ver­á­ste­gui hat das ein­drucks­voll im Lau­fe des letz­ten Jah­res beschrie­ben. Der unideo­lo­gi­sche, sozia­le Pro­test der Bewe­gung „15. Mai“ (auch bekannt als „Los Indi­gna­dos” , die „Empör­ten”) hält zwar bis heu­te an, aber er ist harm­los, weil er schnell zu einer typisch demo­kra­ti­schen Spiel­wie­se ver­kom­men ist:

Unfä­hig, sich poli­tisch arti­ku­lie­ren zu kön­nen, rich­te­ten es sich die „Empör­ten” in den Innen­städ­ten häus­lich ein. Sie bil­de­ten uto­pi­sche Sied­lun­gen und Zelt­städ­te, in denen immer wie­der die­sel­ben end­lo­sen Dis­kus­sio­nen, zum Bei­spiel über Räte­de­mo­kra­tie mit Direkt­ak­kla­ma­ti­on, zu ver­neh­men waren. Ein­zel­ne Stim­men, die for­der­ten, die Mon­ar­chie König Juan Car­los´ abzu­schaf­fen, waren aber in der Min­der­zahl. Nur mit Pla­kat­ak­tio­nen, immer wie­der beglei­tet von der pro­gram­ma­ti­schen Beteue­rung der eige­nen Gewalt­lo­sig­keit, war nichts zu errei­chen. Der 15‑M war damit, im schlimms­ten Sinn des Wor­tes, harmlos.

2011 star­te­te die Bewe­gung „15. Mai“ furi­os. Inter­es­sant ist, daß es damals den meis­ten Demons­tran­ten noch ver­gleichs­wei­se gut ging. Inzwi­schen hat sich das geän­dert: Die Bewe­gung ist tot, und den jun­gen Leu­ten geht es wirk­lich schlecht. Ver­á­ste­gui sieht den Grund dafür in der Schul­den­fal­le, die der spa­ni­schen Jugend zum Ver­häng­nis wur­de. Die Jugend habe sich in den Jah­ren des Wohl­stan­des ver­schul­det, um sich ein ange­neh­mes Leben zu gön­nen. Die Schul­den waren solan­ge kein Pro­blem, wie jeder Arbeit hat­te. Mit der Arbeits­lo­sig­keit schnapp­te dann die Fal­le zu und rui­nier­te gan­ze Familien.

Als Aus­weg bie­tet sich seit­her für vie­le nur noch eine Aus­wan­de­rung – vor­zugs­wei­se nach Deutsch­land – an. Der spa­ni­sche Staat, die Euro­päi­sche Uni­on und Deutsch­land unter­stüt­zen die­se Plä­ne, weil sie ein gemein­sa­mes Inter­es­se dar­an haben, daß es ruhig bleibt. Die Rech­nung ist ein­fach: Wer aus­wan­dert, betei­ligt sich nicht am Auf­stand. In wel­che unge­wis­se Zukunft die Aus­wan­de­rungs­wil­li­gen ent­las­sen wer­den, schil­dert Ver­á­ste­gui mit eige­nen Erfah­run­gen von einem Eures-Work­shop „Leben und Arbei­ten in Deutsch­land“ eben­so: Es gehe dabei nicht um Hil­fe für die Arbeits­lo­sen, son­dern die Inter­es­sen der „deut­schen“ Wirt­schaft. Mas­sen­haft sol­len Men­schen nach Deutsch­land kom­men, ohne daß sie sich sicher sein kön­nen, hier­zu­lan­de auch eine Arbeit zu finden:

Wor­um es tat­säch­lich geht, ist der Über­mut und die Tyran­nei der Wirt­schaft, die kei­ne Natio­na­li­tä­ten und Gren­zen mehr kennt, die Men­schen nicht „für voll“ nimmt, und durch sys­te­ma­ti­sche und selek­ti­ve Zuwan­de­rung die Löh­ne der Inlän­der, sprich der Deut­schen, zu drü­cken sucht. Was den „deut­schen Arbeits­markt“, der mir plötz­lich nicht mehr so deutsch vor­kommt, betrifft, so steht fest, dass die­ser sei­nen Nut­zen aus dem Zer­fall des spa­ni­schen Gemein­we­sens zieht. So wie es die Spa­ni­er selbst mit ande­ren Natio­nen gemacht haben, als es ihnen noch gut ging.

Wenn Ange­la Mer­kel die­ser Tage von einem „Bin­nen­markt im Arbeits­markt“ spricht, dann hat sie die sys­tem­er­hal­ten­de, aber iden­ti­täts­zer­stö­ren­de Wir­kung die­ser For­de­rung garan­tiert im Blick. Nur aus einer fes­ten Gemein­schaft her­aus ent­steht nach­hal­ti­ger Wider­stand. Ein ein­sa­mer Spa­ni­er in Ber­lin hin­ge­gen wird gegen nichts rebel­lie­ren. Er wird im bes­ten Fall ver­su­chen, unter Ein­satz sei­ner Ellen­bo­gen das Bes­te für sich her­aus­zu­ho­len und sich in die neue Gesell­schaft zu integrieren.

Wer nach einer Begrün­dung für unse­re schwie­ri­gen meta­po­li­ti­schen Bemü­hun­gen sucht, soll­te sich dies immer vor Augen hal­ten: Sozia­le Schief­la­gen und fehl­kon­stru­ier­te Wäh­run­gen kön­nen mit der rich­ti­gen Staats­tech­nik behan­delt wer­den. Selbst wenn die Ret­tungs­stra­te­gie schief­geht, haben die Herr­schen­den häu­fig immer noch Ober­was­ser, weil kei­ne ech­ten Alter­na­ti­ven am Hori­zont auftauchen.

Wel­che Alter­na­ti­ven für Euro­pa gibt es aber nun – gera­de für den erschüt­ter­ten Süden?

Der ita­lie­ni­sche Phi­lo­soph Gior­gio Agam­ben hat im März in sei­nem Hei­mat­land und Frank­reich eine beach­tens­wer­te Debat­te los­ge­tre­ten, die inzwi­schen auch in Deutsch­land ange­kom­men ist. In Anleh­nung an Alex­and­re Kojè­ve schlug er die Bil­dung eines „latei­ni­schen Impe­ri­ums“ vor,  bestehend aus Ita­li­en, Spa­ni­en und an der Spit­ze Frank­reich. Die­ses Impe­ri­um sol­le sich als Bewah­rer der euro­päi­schen Kul­tur und Lebens­form der Wirt­schafts­macht Deutsch­land ent­ge­gen­stel­len. Agam­ben bringt also den alt­be­kann­ten Gegen­satz von Kul­tur und Zivi­li­sa­ti­on ins Spiel und wen­det ihn so, daß der Süden mit dem durch­öko­no­mi­sier­ten Nor­den (Deutsch­land und das angel­säch­si­sche Reich) bre­chen müs­se, um zu eige­ner Iden­ti­tät und Stär­ke zu gelangen:

Nicht nur ergibt es kei­nen Sinn, von einem Grie­chen oder einem Ita­lie­ner ver­lan­gen zu wol­len, dass er wie ein Deut­scher lebt, doch selbst wenn das mög­lich wäre, wür­de es zum Ver­schwin­den eines Kul­tur­guts füh­ren, das vor allem in einer Lebens­form liegt. Und eine poli­ti­sche Ein­heit, die Lebens­for­men lie­ber igno­riert, ist nicht nur zu kur­zer Dau­er­haf­tig­keit ver­dammt, son­dern bringt es nicht ein­mal fer­tig, sich als sol­che dar­zu­stel­len – wie Euro­pa sehr elo­quent beweist.

Jür­gen Kau­be von der FAZ hat Agam­ben dar­auf­hin vor­ge­wor­fen, mit „aggres­si­ven natio­na­len Ste­reo­ty­pen“ zu spie­len. In der Über­schrift bezeich­net er ihn despek­tier­lich als „Ber­lus­co­nis Phi­lo­soph“, der „kru­de The­sen“ lie­be. Als Replik zu die­sem Kom­men­tar hat die FAZ vor weni­gen Tagen ein Gespräch mit Agam­ben geführt, das es in sich hat, weil er sei­ne The­sen kon­kre­ti­siert. Agam­ben schwächt zunächst den Vor­wurf des Natio­na­lis­mus ab:

In Euro­pa liegt die Iden­ti­tät jeder Kul­tur immer schon an den Gren­zen. Ein Deut­scher wie Winckel­mann oder Höl­der­lin kann grie­chi­scher sein als ein Grie­che. Und ein Flo­ren­ti­ner wie Dan­te kann sich genau­so deutsch füh­len wie der schwä­bi­sche Kai­ser Fried­rich II. Genau dar­in besteht ja Euro­pa: in die­ser Ein­zig­ar­tig­keit, die immer wie­der die natio­na­len und kul­tu­rel­len Gren­zen überschreitet.

War­um dann das „latei­ni­sche Impe­ri­um“? Agam­ben bestrei­tet beharr­lich das Vor­han­den­sein von Euro­pa als eigen­stän­di­ger poli­ti­scher Grö­ße. Denn:

Der kleins­te Nen­ner von Einig­keit wird noch erreicht, wenn Euro­pa als Vasall der Ver­ei­nig­ten Staa­ten auf­tritt und an Krie­gen teil­nimmt, die in kei­ner Wei­se im gemein­sa­men Inter­es­se lie­gen, vom Volks­wil­len mal ganz zu schwei­gen. Sowie­so glei­chen diver­se Grün­der­staa­ten der EU – wie etwa Ita­li­en mit sei­nen zahl­rei­chen ame­ri­ka­ni­schen Mili­tär­ba­sen – eher Pro­tek­to­ra­ten als sou­ve­rä­nen Staa­ten. In der Poli­tik und beim Mili­tär gibt es ein atlan­ti­sches Bünd­nis, aber sicher kein Europa.

Die Idee vom „latei­ni­schen Impe­ri­um“ soll viel­mehr hel­fen, die kul­tu­rel­le Ein­heit zurück­zu­ge­win­nen und die wirt­schaft­li­chen Zwän­ge zurück­zu­drän­gen. Es gehe dabei nicht „gegen Deutsch­land“, son­dern um die Zer­stö­rung der „his­to­ri­schen Identität“:

Indem sie die deut­schen Städ­te bom­bar­dier­ten, wuss­ten die Alli­ier­ten auch, dass sie die deut­sche Iden­ti­tät zer­stö­ren konn­ten. In glei­cher Wei­se zer­stö­ren Spe­ku­lan­ten heu­te mit Beton, Auto­bah­nen, Hoch­ge­schwin­dig­keitstras­sen die ita­lie­ni­sche Land­schaft. Damit wird uns nicht nur ein­fach ein Gut geraubt, son­dern unse­re his­to­ri­sche Identität.

Die Wir­kung von Agam­bens meta­po­li­ti­scher Atta­cke liegt in der Dreis­tig­keit begrün­det, in Zei­ten einer Wirt­schafts­kri­se ähn­lich wie in Frank­reich wie­der damit anzu­fan­gen, nicht allein über die sozia­len Pro­ble­me zu spre­chen, son­dern das Grund­sätz­li­che anzu­pa­cken. Er spricht in dem Inter­view von den euro­päi­schen „Kul­tu­ren und Lebens­for­men“, die durch einen Rück­griff auf die Geschich­te bewahrt wer­den müß­ten. Dabei müs­se man gera­de eine „Musea­li­sie­rung der Ver­gan­gen­heit“ verhindern:

Ganz offen­sicht­lich sind heu­te in Euro­pa Kräf­te am Werk, die unse­re Iden­ti­tät mani­pu­lie­ren wol­len, indem sie die Nabel­schnur zer­stö­ren, die uns noch mit unse­rer Ver­gan­gen­heit ver­bin­det. Statt­des­sen sol­len die Unter­schie­de ein­ge­eb­net wer­den. Euro­pa kann aber nur unse­re Zukunft sein, wenn wir uns klar­ma­chen, dass es erst ein­mal unse­re Ver­gan­gen­heit bedeu­tet. Und die­se Ver­gan­gen­heit wird zuneh­mend liquidiert.

In der letz­ten Ant­wort des Gesprächs weist Agam­ben dar­auf­hin, daß es die Auf­ga­be Euro­pas sein könn­te, die mensch­li­chen Hand­lun­gen jen­seits der ein­sei­ti­gen Fokus­sie­rung auf die Öko­no­mie neu zu orga­ni­sie­ren. Das klingt nach Décrois­sance, einer nach­hal­ti­gen Wachs­tums­zu­rück­nah­me zuguns­ten der Kul­tur, und ist der Kern des Anlie­gens von Agamben.

Kau­be hat mit sei­ner Kri­tik also voll­kom­men dane­ben gezielt. Dabei wäre es so ein­fach gewe­sen, die Idee des „latei­ni­schen Impe­ri­ums“ mit Hil­fe Agam­bens frü­he­rer poli­ti­scher Ant­wor­ten zu zer­pflü­cken. In der Gesell­schafts­ana­ly­se war er schon immer nah bei uns, die Ant­wor­ten hin­ge­gen waren voll­kom­men ande­re. Agam­ben sieht einen Sie­ges­zug der Belie­big­keit. Doch anders als wir wen­det er dies in sei­ner Essay­samm­lung Mit­tel ohne Zweck. Noten zur Poli­tik ins Posi­ti­ve. Für die euro­päi­sche Staa­ten­welt wünscht er sich, daß sie sich zuguns­ten von „ater­ri­to­ria­len“ und „extra­ter­ri­to­ria­len“ Räu­men auf­löst, damit die „Drei­ei­nig­keit von Staat-Nati­on-Ter­ri­to­ri­um“ auf­hört zu exis­tie­ren. An ande­rer Stel­le schreibt Agam­ben, daß er die belie­bi­ge Gesell­schaft als lie­bens­wert emp­fin­de. Belie­big­keit bedeu­te, das Gelieb­te so zu akzep­tie­ren, wie es ist.

Wie sich dies mit dem „latei­ni­schen Impe­ri­um“ ver­trägt, muß die eigent­li­che Fra­ge an Agam­ben sein. Soll­te er sie nicht zufrie­den­stel­lend beant­wor­ten kön­nen, lie­ße dies auch einen wich­ti­gen Schluß zu: Zumin­dest die klu­gen Seis­mo­gra­phen (zu denen Agam­ben zählt) mer­ken im ent­schei­den­den Moment, im Ernst­fall, sehr schnell, daß es jetzt nicht mehr auf ihre theo­re­ti­schen Kon­struk­te ankommt. Es zählt nur noch, sich ent­schie­den für eine Sache, näm­lich die Ver­tei­di­gung des Eige­nen, ein­zu­set­zen.

Felix Menzel

Felix Menzel ist Chefredakteur des Schülerblogs blauenarzisse.de.

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Kommentare (15)

Ein Fremder aus Elea

4. Juni 2013 09:36

Nun ja, ich denke der Hintergrund dieser Äußerungen besteht darin, daß Agamben davon ausgeht, daß Deutschland, selbst wenn es da wollte, eine Politik der europäischen Identitäten nicht unterstützen kann, weil es nicht souverän ist, und somit das romanische Europa zum Bruch und zum feindlichen Gegensatz aufruft.

Oder, um es kürzer zu sagen, wenn die angelsächsische Welt der Feind ist, dann muß auch Deutschland der Feind sein, da es eine Provinz derselben ist.

Rumpelstilzchen

4. Juni 2013 10:20

"Seit mehr als zwei Jahrhunderten konzentriert sich die Energie des Menschen auf die Ökonomie. Vieles deutet darauf hin, dass für den homo sapiens vielleicht der Moment gekommen ist, die menschlichen Handlungen jenseits dieser einzigen Dimension neu zu organisieren. Das alte Europa kann gerade da einen entscheidenden Beitrag für die Zukunft leisten."
(Giorgio Agamben)

" Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern". Karl Marx , 11. Feuerbachthese

Konservatives Manifest
Ein Gespenst geht um in Europa, aber wer glaubt noch an Gespenster ?

Die Kommunisten und Kapitalisten haben die Welt verändert bis zum Ruin,
Es kommt darauf an , sie zu bewahren.

Nach einer Studie "Telefonica Global Millenial" treibt junge Europäer die Sorge um die Zukunft um, wobei traditionelle Werte wie Familie wichtiger sind als Geld und Karriere.
Es gibt eine DImension neben der reinen Ökonomie, begründet in der Traditon Europas.

eulenfurz

4. Juni 2013 12:29

@Rumpelstilzchen

Es gibt eine DImension neben der reinen Ökonomie, begründet in der Traditon Europas.

Das ganze Leben war "Ökonomie", zu allen Zeiten, und wahrscheinlich früher mehr als in heutiger Zeit, in welcher für fast jeden Westeuropäer mehrere Tagesstunden für müßiggängerischen Fernsehkonsum bleiben oder in welcher Faulpelze von Staats wegen auch durchgefüttert werden, wenn sie keinen einzigen Handschlag machen.

Früher bestand die "Ökonomie" im Jagen oder Pflügen und Schuften und (R)ackern, und zwar von früh bis spät. Die heute beklagte "Ökonomisierung" ist lediglich die effektivere Nutzung der Ressource "Zeit", ermöglicht bspw. durch eine rigorose Arbeitsteilung, welche den einzelnen Zahnrädern allerdings auch den Sinn der "Job"-Tätigkeit verschließen und zu Unzufriedenheit führen kann.

Das muß man also schon so konstatieren, daß erst die Möglichkeit des Müßigganges zu Kultur und Zivilisation führte und letzten Endes im gesellschaftlichen Zerfall endet.

Soziale Schieflagen und fehlkonstruierte Währungen können mit der richtigen Staatstechnik behandelt werden.

"Soziale Schieflagen"? Was man dem einen gibt, nimmt man immer dem anderen. Was "sozial" und "gerecht" ist, hängt vom Blickwinkel desjenigen ab, der erhält oder abgibt.

"Richtige Staatstechnik"? Die Machthaber handeln aus ihrer Sicht richtig, bspw. auf Geburtenverweigerung mit Sklavenimporten zu reagieren.

Steffen

4. Juni 2013 12:32

Mit der Annahme, dass Europa in seiner jetzigen politisch ökonomischen Gestaltung nicht mehr lange existieren wird, weil es dies besonders in ökonomischer Hinsicht nicht mehr kann, stellt sich mir folgende Frage: wohin sollten sich die Gewichte denn verlagern? Neben einem "lateinischen Imperium" auch ein germanisches? Mit den Briten wird es dahingehend einige Probleme geben, die bleiben an Nordamerika heften, wie ein Holzbock am Hund - oder verschiebt sich die Gewichtung eher in mittel- bis osteuropäische Gegenden? Vielleicht löst sich diese Problematik auch unter dem Paradigma, dass ein deutscher Staat, bzw. eine deutsche Nation wie wir sie heute kennen nicht mehr existieren wird, weil sie ebenfalls nicht mehr existieren kann - eine zweimonatige Rundreise durch Deutschland hat mir ein weiteres mal aufgezeigt, wie unterschiedlich doch die Interessen im Volk sind, sofern man in einigen Gegenden nicht von Völkern sprechen müsste - ich halte es für geradezu unmöglich, den jetzigen Zustand dieses Landes in einer Zukunft zu denken, in der Geld ein knappes Gut ist und Sozialstaat wohl undefiniert bleibt, vom Wohlfahrtsstaat selbstredend ebenso.
Kann überhaupt ein Zerbrechen unserer Nation, infolge von soz. und ökon. Verwerfungen, im Interesse der Deutschen sein?

rosenzweig

4. Juni 2013 14:10

"Früher bestand die „Ökonomie“ im Jagen oder Pflügen und Schuften und (R)ackern, und zwar von früh bis spät."
Sicher? In den letzten Jahren ist die Greuelpropaganda der Aufklärungsdemagogen, betreffend das dunkle ach so dunkle Mittelalter, demontiert worden. Heute wissen wir, daß in dieser Zeit die Menschen, zum ersten Mal in der Geschichte, nicht unterernährt waren. Und ca.126 Tage im Jahr waren Feiertage. Ein Vierteljahr war Feiertag. Die Kathedralen wurden von freien Menschen in ihrer Freizeit zur Ehre und zum Ruhm Gottes erbaut. Ein Wunder, nicht wahr, gemessen an dem niedrigen Stand der Produktivkraft im Vergleich zu heute. Die Welt damals war nicht ökonomisiert, weil die die Menschen in dieser Zeit eines nicht hatten, nämlich Schulden. Die mußten sich keine Gedanken darüber machen, ob sie den Pfingstmontag abschaffen sollten, um Griechenlands Schulden zahlen zu können.

Karl

4. Juni 2013 14:53

Deutschland symbolisiert im heutigen Europa die Verdrängung aus dem Erbe, die systematische Entkulturierung, die Untreue gegenüber der Herkunft. Das von beiden Jalta-Komplizen auseinandergenommene Deutschland war das Labor der Amnesie, ein Symbol für den gemeinsam von UdSSR und USA gestarteten Versuch einer Auslöschung der europäischen Identität. Das Vaterland Goethes, Mozarts, Hölderlins wurde zur Figur des europäischen kulturellen Martyriums, wurde der Ort, wo sich die vorsätzliche und programmierte Zerstörung der kulturellen und nationalen Identität am wirksamsten herausgestellt hat. Darum wird möglicherweise aus Deutschland der stärkste Widerstand gegen diese identitäre Entwurzelung hervorgehen; eine Bewegung, die vielleicht zur Volksbewegung werden und das übrige Europa nach sich ziehen wird .... Der Verlust der kulturellen Identität, der den Europäern droht, sowie der Versuch, sie um ihre Herkunft – insbesondere ihre »griechische«, »homerische« – zu bringen, bildet die akuteste Gefahr, uns aus der Geschichte zu verdrängen, an uns einen endgültigen Ethnozid zu begehen, und zwar mit einer schrecklicheren Wirksamkeit als die politisch-militärische Neutralisierung oder die wirtschaftliche Kolonisierung, denen wir ebenfalls zum Opfer gefallen sind.

Man muß die nationalen, europäischen Identitäten vereinigen, sie als einander ergänzend betrachten und sie nicht gegenüberstellen. Man wird um so mehr ein Deutscher, Franzose oder Italiener sein, als man ein Europäer ist, und um so mehr ein Europäer, als man mit seiner deutschen, französischen oder italienischen Identität verbunden ist; selbst wenn ein »Deutscher« zu sein nicht genau das gleiche bedeutet wie ein »Franzose« zu sein. Es gilt demnach, die nationale Identität von oben (Europa) zu ergänzen und von unten (die Region) zu verankern. Diese »identitäre Gymnastik« wird übrigens in Frankreich am meisten Probleme aufwerfen, weil die französische Nation leider allzu oft ihren Nationalismus entweder als Universalismus (wie heute die USA) oder als Opposition zu ihren Nachbarn auslegte, in beiden Fällen nach einem antieuropäischen Schema. Alles ist aber immer möglich: War die »gaullistische« Ideologie – die es wiederzubeleben gälte – nicht im Grunde zugleich von dem Regionalismus und dem Bau eines blockfreien Europa-der-Nationen angezogen, in dem die französische Identität zur Behauptung der europäischen Macht beitragen sollte?

„Diese Unternehmung muß von Eliten geführt werden, die Scharfsinn, unerschütterliche Ausdauer und vor allem unendliche Geduld aufweisen. Der eigentlichen Bekehrung des »Volkes« muß die Bildung einer Minderheit vorausgehen, die ihre Tradition zurückzugewinnen weiß, die innerlich wagt, die Fesseln des Egalitarismus und der tausendjährigen Ideologie des okzidentalen Humanitarismus zu brechen.“
„Der Urheber solcher Ideen, der Vorkämpfer dieser Verwandlung des europäischen Bewußtseins, dieser regenerierenden Umkehrung der Geschichte war Nietzsche, der die Ansicht vertrat, daß ein geschichtlicher Wieder-Anfang nur von ihm ausgehen könnte. Nietzsche hatte vorausgesehen, daß seine Nachfolger den Aufschwung der egalitär-nihilistischen Bewegung nicht aufhalten könnten, und forderte uns auf, als aktive Nihilisten die Fortsetzung dieses Prozesses bis zur Fäulnis zu wünschen. Nietzsche hatte vorausgesehen, daß sich die Europäer in das verwandeln würden, was sie heute geworden sind: in »köstliche Sklaven«.“
„Nietzsches Aufruf an die Europäer, den tausendjährigen Nihilismus des Judäo-Christentums zu überwinden, den egalitären Zyklus – wenn historisch möglich – aufzugeben und in dem Surhumanismus die Regenerierung ihrer Geschichte sowie die Rückkehr zu ihrer Identität zu erfahren – dieser Aufruf nimmt die Form eines Mythos (des »surhumanistischen Mythos«, den Wagner und Heidegger formulierten) an, das heißt die denkbar realitätsschwerste und stärkste Form.“
„Warum ein Mythos? Weil zu einer Zeit, wo alles Gedachte von jüdisch-christlichen und egalitären Werten geprägt ist, die surhumanistische Botschaft der neuen europäischen Identität – will sie die Geister nicht erschrecken – in einer irrationalen und verschlüsselten Form dargelegt werden muß, die mehr die Sensibilität als den Intellekt anspricht. Eine Regenierung des europäischen Paganismus, eine historische Verwirklichung des Surhumanismus, eine Überwindung des westlichen Egalitarismus setzen nämlich, wie Nietzsche es ausdrücklich betonte, eine Umwertung aller bislang angenommenen Werte voraus.“

„Die Anhänger einer europäischen Regenierung durch Überwindung und Lossagung vom Judäo-Christentum und Egalitarismus werden also bei ihren metapolitischen und kulturellen Unternehmungen darauf achten müssen, diesen »Anteil des Mythos«, der im Dunkeln den Rückgriff schützt, zu bewahren.“

Der neoeuropäische Geist muß sich die schöpferische Seele des Mittelalters zum Vorbild nehmen. Diese nahm die ungeheure Herausforderung auf, auf den Zusammensturz der gigantischen römischen Welt zu folgen, der bei dem Ausmaß der Katastrophe das Ende aller europäischen Kultur/Zivilisation hätte nach sich ziehen können. Trotz der Umwälzung, die den Übergang von der römischen zur mediävalen Welt hervorrief, blieb die europäische Identität nämlich verwandelt und sich identisch zugleich. Den gleichen Übergang, den gleichen Bruch müssen wir nunmehr vollziehen: uns verwandeln, um unsere Identität zu bewahren; mit der progressistischen »Tradition« brechen, um unser eigenes Wesen zu bewahren.

Ein Fremder aus Elea

4. Juni 2013 15:48

„Richtige Staatstechnik“? Die Machthaber handeln aus ihrer Sicht richtig, bspw. auf Geburtenverweigerung mit Sklavenimporten zu reagieren.

- eulenfurz

Ist das so? Welche Machthaber zu welchem Zweck?

Wenn Sie damit meinen, daß es gut für die BIP-Entwicklung ist, das wage ich zu bezweifeln. All diese Anwürfe... bestenfalls stecken noch kurzfristige Interessen dahinter, aber zumeist wahrscheinlich der reine Vernichtungswille.

Sieht man den Leuten doch auch an, der ganze Lebensstolz steckt in zerstörerischen Taten, die Sorte geht doch in die Millionen.

Theosebeios

4. Juni 2013 16:28

Herr Menzel, ich schätze Ihre Artikel sehr, aber eine "beachtliche Debatte" zum Stichwort "lateinisches Imperium"? Falls das von Berlusconi angestoßen sein sollte, will er damit etwa, ganz unsachlich gesprochen, ein neues Zeichen seiner Lebensfreude senden? Das ist doch eine Schnapsidee. Wer spricht denn da Latein? Und "Imperium" -- wo denen das Wasser bis zum Halse steht?

Von dem Herrn Agamben weiß ich nicht viel, auch weiß ich nicht, wie er diesen Gedanken im Italienischen ausgedrückt haben mag:

Beliebigkeit bedeute, das Geliebte so zu akzeptieren, wie es ist

Das klingt mehr nach einem Partyspruch von Berlusconi.

Demo Goge

4. Juni 2013 17:47

'Lateinisches Imperium' ???
Das Ding hat doch schon einen Namen: PIGS.

Ach ja, da ist Frankreich noch nicht mit dabei, na dann eben: france PIGS - und viel Spaß bei der weltpolitischen Imperiererei wünsch' ich!

Und die ökonomische Essenz dieses Kulturbeitrages war: Kauf das Buch 'Die Verteidigung des Eigenen' ?!

Schnippedilderich

4. Juni 2013 19:52

Wo ist der Unterschied, ob Deutschland seine Milliarden an Länder im Süden leistet oder gleich an ein lateinisches Imperium? Sicher, letztere Zahlweise hätte etwas von alteuropäischer Grandezza ...

Luise Werner

4. Juni 2013 22:04

"Das ganze Leben war „Ökonomie“, zu allen Zeiten, und wahrscheinlich früher mehr als in heutiger Zeit ... Früher bestand die „Ökonomie“ im Jagen oder Pflügen und Schuften und (R)ackern, und zwar von früh bis spät. Die heute beklagte „Ökonomisierung“ ist lediglich die effektivere Nutzung der Ressource „Zeit“, ermöglicht bspw. durch eine rigorose Arbeitsteilung, welche den einzelnen Zahnrädern allerdings auch den Sinn der „Job“-Tätigkeit verschließen und zu Unzufriedenheit führen kann."

@ eulenfurz

In Michel Houellebecqs "Ausweitung der Kampfzone" gibt es die Stelle, als der Held, Michel, auf Dienstreise abends am Meer steht und über das schwere Leben der Fischer vor hundert Jahren sinniert. Ein wohl sehr hartes und eintöniges und zuweilen auch kurzes Leben, wie er findet; und ein für ihn keineswegs beneidenswertes oder erstrebenswertes Leben. Und doch ist dies die Stelle im Buch, wo Michel seine ganze jämmerliche Existenz als erfolgloser Durchschnittshedonist besonders hart empfindet.
Und ob er sie beneidet, die Fischer! Eingebunden in ein Ganzes voller gegenseitiger Abhängigkeiten. Eingebettet in das Korsett religiöser Verrichtungen. Wie selbstverständlich Frau und Kinder am Hals - die eigene Familie, als Familie unter vielen Familien. Verpflichtungen, Ärger und Not. ABER: Ein Leben, was die Sinnfrage gar nicht erst stellt. Unter seinesgleichen, denen man sich nicht erklären muss. Bei sich. Mit einer Identität.
Dies wird Michel klar, dem lustlosen EDV-Systembetreuer aus einer Pariser Hochhaussiedlung, ohne Frau, ohne Freund, ohne Familie, ohne irgendeine Bindung oder Verpflichtung. Ohne Identität.

Rumpelstilzchen

5. Juni 2013 09:31

@Rosenzweig
Danke für Ihren Beitrag

In der abendländischen Geschichte waren Kirchen und Kathedralen in der Tat die einzigen großen Gemeinschaftsleistungen, die sich von Anbeginn jedem ökonomischen Nutzen verweigert haben.
Heute sind die großen Dome Europas Museen ( wie Herr Agamben feststellt) und erfüllen einen ökonomischen Aspekt. Sie werden von Touristen aus aller Welt überrollt und bringen Geld.
Die Großmoscheen in Europa sind dagegen keine Museen, sondern von Leben erfüllt. Im Unterschied zu Domen haben sie von Anfang an ökonomischen Nutzen, sind nicht Gemeinschaftsleistungen einzelner Muslime, sondern durch viel Geld aus entsprechenden Ländern gesponsert.
In ihnen wird nicht nur Gott verehrt, sondern auch Politik gemacht und im Umfeld Geschäfte.

Was die Schuldenfreiheit früherer Zeiten betrifft, ist zu empfehlen das Buch von Daniel Graeber: Debt - the first 5000 years. inwischen auch auf deutsch.

blixa

5. Juni 2013 14:00

Karl, Ihre Einlassung liest sich teiweise wie aus einer Propraganda-Broschüre der EU- Kommission: " nationalen Identitäten vereinigen" - das macht die EU täglich durch Totalharmonisierung und Gleichschaltung. Und dann kommt natürlich noch die unvermeidliche "Region" , sprich ein bisschen Folklore, die uns von den Eurokraten noch belassen wird, um Identität zu simulieren, die aber als politische Einheit völig irrelevant und keinerlei Widerstand zum Brüsseler Zentralisierungswahn zu leisten imstande ist .

Was soll mich eigentlich mit den Griechen von heute (von den i.Ü. die wenigsten die Nachfahren der GRiechen der Antike sein dürften) verbinden? Mit Leuten, die auf Kosten anderer leben und uns dafür auch noch als Nazis beschimpfen?

Wenn schon Europäer , dann allenfalls Nordeuropäer...

Nihil

6. Juni 2013 02:13

@Blixa: Nein, das ganze Europa muss es sein. Das hat überhaupt nichts mit dem antieuropäischen Konstrukt "EU" zu tun. Ich stimme Ihnen völlig bezüglich der Griechen zu: Sind das überhaupt Griechen? Ich meine nein, denn sie verhalten sich nicht wie Griechen, sondern wie jämmerliche Kommunisten (Barbaren!). Europa ist zu stark vernetzt, hat einen gemeinsamen kulturellen Ursprung im Indoeuropäertum (Das ist unser Mythos!) und bildet auch anthropologisch eine Gemeinschaft *in Vielfalt*. Die Wiedergeburt Europas wird allerdings von Mittel-, Nord- oder Osteuropa ausgehen, wohl nicht vom Süden. Es wird unsere Aufgabe sein den Süden wieder europäisch zu machen. Er wird eine Teil eines wahrhaften Paneuropas sein.

eulenfurz

6. Juni 2013 06:43

@Luise Werner
Vielen Dank für die Ausführungen, aber das "Jagen oder Pflügen und Schuften und (R)ackern, und zwar von früh bis spät" war keineswegs pejorativ konnotiert, sondern genau in dem Sinne, den Sie darlegen.

@Ein Fremder aus Elea
Ja, das ist so. Schieren Vernichtungswillen zu unterstellen, ist wohl zuviel Verschwörungstheorie, verschiedene Äußerungen in die Richtung begründen sich wohl eher in einem dafaitistischen Lifestile.

Die Rechnung hat wohl noch kein Volkswirt offiziell gemacht, ob die vergesellschafteten Kosten der Importierten die bei Bildung und Erziehung von Kindern eingesparten gesellschaftlichen Kosten (auch Produktivausfall der potentiellen Mütter) aufwiegen. Aus dem Bauch heraus: Ja, das tun sie. Kurzfristig.

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