Sezession
6. Juni 2013

Solschenizyn und die Sezession von der Lüge (Fundstücke 17)

Martin Lichtmesz / 12 Kommentare

samisdatVergeßt die gängigen Begriffsstempel. Es ist überaus einfach, heute als sogenannter "Rechter" einsortiert zu werden. Es genügt, ein Realist zu sein. Es genügt, nicht sentimental zu sein.  Es genügt, seinen Augen zu trauen. Es genügt, die Wahrheit zu sagen.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Es genügt, nicht zu glauben - ein Ketzer, Atheist oder sogar bloß Agnostiker der herrschenden liberalistischen Religion zu sein (denn um nichts anderes handelt es sich). Es genügt, bestimmte Dinge zu fühlen und mehr als eine Dimension im seelischen Haushalt zu besitzen. Es genügt, Geschichtskenntnisse zu haben, oder keinen Fernseher zu besitzen. Und so weiter.

Dabei sind wir verstreuten "Ego non"-Bannerträger des Westens, der heute eher Huxleys als Orwells dystopischem Modell folgt, immer noch um vieles besser dran, als etwa ein Alexander Solschenizyn, dessen Appell "Lebt nicht mit der Lüge" (1974) ich dieser Tage wieder gelesen habe. Der enorme existenzielle Druck und die auch physische Gefährdung, der sich die sowjetischen Dissidenten ausgesetzt haben, verbieten jeden direkten Vergleich mit unserer Lage. Dennoch gibt es auch im Zeitalter des "soften" Totalitarismus einige ins Auge stechende Parallelen.

Es ist ebenso leicht, sich für einen Solschenizyn zu begeistern, wie es schwer ist, seinem Beispiel und seinen Maßstäben zu folgen. Es ist ratsam, sich immer dieses Abstands bewußt zu bleiben, allein schon, um sich in Gegensatz zu den schambefreiten Schafherden zu setzen, die sich alljährlich in Dresden en masse weiße Rosen ans Revers heften.

Solschenizyn schrieb 1974:

Es gab eine Zeit, da wagten wir es nicht, auch nur leise zu flüstern. Jetzt aber schreiben wir im Samisdat und lesen ihn, wenn wir uns im Raucherzimmer des Instituts begegnen, dann reden wir uns von der Seele: was sie nur für einen Blödsinn treiben, wohin sie uns noch zerren!

Kommen manchem derlei Szenen auch heute bekannt vor?

"Was sollten wir denn dagegen tun? Wir haben nicht die Kraft." Wir sind vom Menschlichen so hoffnungslos entfernt, daß wir für das tägliche kümmerliche Stückchen Brot alle Grundsätze aufgeben, unsere Seele, alles, worum sich unsere Vorfahren mühten, alle Möglichkeiten für die Nachkommen - um ja nicht unserere jämmerliche Existenz zu zerrütten.

Keine Härte, kein Stolz, kein leidenschaftlicher Wunsch ist uns geblieben. Wir fürchten nicht einmal den allgemeinen Atomtod, fürchten nicht den Dritten Weltkrieg (vielleicht verkriechen wir uns in ein Mauseloch), wir fürchten nur die Akte der Zivilcourage! Sich bloß nicht von der Herde lösen, keinen Schritt alleine tun - und plötzlich ohne Weißbrot, Warmwasserbereiter, ohne Aufenthaltsgenehmigung für Moskau dastehen.

Solschenizyn war bekanntlich einer der wenigen, die den Mut zu dieser "Zivilcourage" (ein heute in Deutschland traurig entehrtes Wort) aufbrachten. Dabei trieb ihn vor allem der Haß auf die Lüge an, derselbe, den man auch zwischen den Zeilen des Klassikers "Moral und Hypermoral" (1969) des so kühlen und nüchternen Arnold Gehlen spüren kann. Ein Buch, das nicht von der Sowjetunion, sondern von der Bundesrepublik Deutschland handelt, und das mit diesen vielzitierten Sätzen endet (in einem Tonfall, den sich ihr Autor selten geleistet hat):

Teuflisch ist, wer das Reich der Lüge aufrichtet und andere Menschen zwingt, in ihm zu leben. Das geht über die Demütigung der geistigen Abtrennung noch hinaus, dann wird das Reich der verkehrten Welt aufgerichtet, und der Antichrist trägt die Maske des Erlösers, wie auf Signorellis Fresco in Orvieto. Der Teufel ist nicht der Töter, er ist Diabolos, der Verleumder, ist der Gott, in dem die Lüge nicht Feigheit ist, wie im Menschen, sondern Herrschaft. Er verschüttet den letzten Ausweg der Verzweiflung, die Erkenntnis, er stiftet das Reich der Verrücktheit, denn es ist Wahnsinn, sich in der Lüge einzurichten.

Im folgenden nun ein paar Auszüge aus Solschenizyns Appell an jene Sowjetbürger, die es nicht wagen, offen zu opponieren, die er also zur einer Art "inneren" Sezession und zu einem Mindestmaß an passivem Widerstand aufruft -jedoch kaum mit einem gemindert rigorosen Anspruch.


Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Kommentare (12)

Rumpelstilzchen
6. Juni 2013 09:53

Ich freue mich immer auf die Fundstücke, diesmal über die Samisdatfundstücke von Alexander Solschenizyn.

Dies war Anlass, meinerseits Fundstücke zu suchen, die zu diesem Thema passen.
Ich verweise auf das in den 80ziger Jahren vierteljährlich erscheinende Magazin "KONTINENT Ost-West-Forum ", herausgegeben von Cornelia Gerstenmaier. ( antiquarisch zu erhalten)
Dort sind alle Dissidenten und Abweichler des real-existierenden Kommunismus versammelt. Dort sind Texte zu finden, die heute wieder Brisanz haben.
KONTINENTE wurde von der damaligen Linken Westdeutschlands völlig ignoriert, in Frankreich aber beachtet ( von André Glucksmann).

Totalitarismuskritik vom Feinsten kam vor allem aus Polen:
-Czeslaw Milosz, Verführtes Denken
-Leszek Kolakowsky, Der Mensch ohne Alternative,
Falls es keinen Gott gibt
aus der damaligen Tschechoslowakei:
- Vaclav Havel, Die Macht der Ohnmächtigen,
Versuch, in der Wahrheit zu leben
aus Russland:
Wladimir Bukowski, dieser stechende Schmerz der Freiheit

aus der ehemaligen DDR gibt es übrigens kaum eine dermaßen philosophisch grundlegende dissidente Literatur ( das wäre mal ein eigenes Thema)

In diesem Zusammenhang möchte ich aber besonders den Russen
Alexander Sinowjew hervorheben, sein Buch :
Kommunismus als Realität

Dies ist die brilliante Analyse einer realen totalitären Gesellschaft und was erschreckend ist , sie beschreibt auch unsere "softe totalitäre" Gesellschaft haargenau:

" Die Menschen, die die Anlage dazu haben, Abtrünnige zu werden, sind originell, kühn, offen, unabhängig in ihrer Weltanschauung, hervorstechend, das heißt, sie sind am schutzlosesten und am verwundbarsten in sozialer Hinsicht und sind den anderen Mitarbeitern des Kollektivs, jener farblosen Masse, ganz besonders verhaßt."</

" Jene Handlungen, die die verstärkte Aufmerksamkeit des Kollektivs auf sich lenken, werden von diesem nicht objektiv aufgenommen, sondern unterliegen einer Interpretation. Die Mitmenschen schreiben solchen Handlungen bestimmte Motive, Ziele, Ursachen und Folgen zu, das heißt legen ihnen einen bestimmten Sinn bei. Und dann haben sie es in Wirklichkeit nicht mehr mit diesen Handlungen selbst, sondern mit ihrer eigenen Interpretation zu tun . Sie merken nicht, daß sich ihnen dabei die Interpretation aufdrängt, die in der bestimmten Situation und für den größten Teil des Kollektivs am günstigsten ist."(A.S.)

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Ein Fremder aus Elea
6. Juni 2013 10:53

12. Februar 1974

Das ist ein Tag, nachdem Alex Jones geboren wurde. Seltsamer Zufall.

Ich weiß nicht recht, ob es so hart ist, das durchzuhalten was Solschenizyn da fordert, er scheint an der Lüge zu leiden, und das ist normal ab einem bestimmten Punkt, und wenn es soweit ist, fällt die Nichtbeteiligung an ihr leicht.

Man spürt heute diesen Zwang ja noch nicht so, es wird ja heute noch nicht auf Schritt und Tritt von einem erwartet, seine Zustimmung zum Kollektiv unter Beweis zu stellen.

Es ist einem verboten dies und jenes zu sagen, aber soweit, daß es geboten ist, das Gegenteil dieser Dinge zu sagen, ist es noch nicht.

In sofern erfahren wir heute nicht den Druck, der auf Solschenizyn lastete und können sein Leid nicht so ohne weiteres erfassen.

Vielleicht hat man ja auch die Lehre aus diesem Leiden gezogen und vermeidet es heute, mit einer Menge Schweigender und Nichtmitmachender kann der Kapitalismus wahrscheinlich leben, er bezieht seine Macht ja nicht aus dem Vertretungsanspruch der Massen.

Zamolxis
6. Juni 2013 12:14

Lesenwert: Viktor Kriwulin "Das Ende des Zeitalters der Fische.
Die Wiedergeburt der Meditation aus dem Geist der Moderne: Rußlands religiöse Kunst." Veröffentlicht im FAZ-Magazin im Juli 1993.

ene
6. Juni 2013 13:13

Was Stalker betrifft: ich kann mich an eine Aufführung in West-Berlin erinnern, im Rahmen der Filmfestspiele. Das Publikum saß wie gebannt, diese Bildwelten waren "unerhört". Es wehte einem ein unbekannter Ernst aus diesem Film an. Man fühlte: dieser Mann geht mit anderen existentiellen Fragen um als das westliche Kino sie stellte... Unvergeßlich. Auch die Gesichter im Film. Wann hatte man solche Gesichter im Kino gesehen?

M.L.: So ist es, niemand, der "Stalker" gesehen hat, wird diese Gesichter und Bilder jemals vergessen. Für seinen metaphysischen Ernst, völlig subversiv gegenüber der kommunistischen Ideologie, mußte Tarkowskij auch einen schweren Preis bezahlen. Die sowjetischen Behörden haben ihm seine Künstlerexistenz so sauer wie möglich gemacht, im Schnitt mußte er vier Jahre warten, bis er wieder arbeiten durfte. Als er dann in Italien "Nostalghia" drehte, nutzten sie die Gelegenheit, ihn endgültig loszuwerden. Am Exil ist er dann auch zugrunde gegangen.

Rumpelstilzchen
6. Juni 2013 14:11

@ Fremder aus Elea und allgemein

An der Lüge nicht zu leiden, heißt nicht, dass wir nicht in der Lüge leben.
Wir bemerken es vielleicht gar nicht.

Das Buch "GÄHNENDE HÖHEN" von Alexander Sinowjew ist beklemmender als Orwells 1984. Völlig emotionslos beschreibt Sinowjew das fiktive Land Ibansk (= verfickter Staat) als totalitäres Land und die dort lebenden Menschentypen. Es geht nicht um Lüge und Wahrheit. Solschenyzin ist
in diesem Buch der Typ des "Wahrheitsapostels" , keine moralische Instanz. Es gibt keine moralische Instanz mehr.
In einer Rezension zum 100. geburtstag Sinowjews heisst es :
 
Das Leben Alexander Sinowjews weist uns den russischen Weg des Widerstands gegen soziale Entropie und ideologische Manipulation, gegen globale Gehirnwäsche und Obskurantismus, gegen die Verfälschung unserer Geschichte, gegen auferzwungene Ausweglosigkeit. 
Sein Weg ist der des aktiven Widerstands gegen die Manipulierbarkeit des Evolutionsprozesses der Menschheit.
 
Sein Credo: Wahrheit um jeden Preis. Sein Motto: Der Wahrheit zu dienen. Sein Standard: Die geistige Kultur des Intellekts. Seine Religion: Die Wissenschaft. Seine Welt: Die Gesellschaft mit ihren sozialen Gesetzen, deren Erforschung Alexander Sinowjew sein ganzes Leben gewidmet hatte. Seine Tat: Die Herausforderung des allmächtigen Leviathans. Sein Schicksal: Die Tragödie eines aus seiner Heimat vertriebenen russischen Genies und Propheten. Seine Epoche: Der grosse Evolutions-Umbruch. Seine intellektuelle Tradition: Die kompromisslose Suche nach einer gesellschaftlichen und zivilisatorischen Alternative. Sein Gesetz: Mensch bleiben, indem man gegen den Strom schwimmt.

Inselbauer
6. Juni 2013 14:14

Die "Krebsstation" war ein Kultbuch bei meiner Pinzgauer Verwandtschaft in den 70er-Jahren. Die älplerischen Krebspersönlichkeiten (ich habe es einmal ausgerechnet, seit 1940 sind 80 Prozent meiner mütterlichen Verwandten an Krebs verstorben bzw. haben sich im letzten Stadium umgebracht) nahmen in dieser Prosa eine ganz starke Identifikationsmöglichkeit wahr. Solschenizyn galt denen als Linker, und man versuchte den damaligen sozialdemokratischen Aufbruch irgendwie mit dem metaphysischen Widerstandsgeist des Russen in Verbindung zu bringen.
Wenn ich heute diese Texte, auch den von Ihnen zitierten, lese, nehme ich sie auch als reaktionäre Kampfschriften wahr.

KW
6. Juni 2013 15:01

Ich glaube, von Ulrike Meinhof stammt der Satz: "Wir können sie nicht zwingen, die Wahrheit zu sagen, aber wir können sie zwingen, immer dreister zu lügen."
Man beginnt nicht mehr mitzumachen im System, das ist der erste Schritt, bei mir ist das seit 2000, keine Gleichstrommedien zu kaufen, alles, was dem System dient, zu vermeiden. Wir können nicht mit stolzgeschwellter Brust herumquaken, dazu sind sie zu mächtig, noch. Aber es ist wichtig, sie als Feind auszumachen und durch Passivität zu stören.

Julius
6. Juni 2013 19:00

Es ist überaus einfach, heute als sogenannter „Rechter“ einsortiert zu werden. Es genügt, ein Realist zu sein. Es genügt, nicht sentimental zu sein. Es genügt, seinen Augen zu trauen. Es genügt, die Wahrheit zu sagen.

Wer heute jene weltanschaulichen und politischen Ansichten vertritt, die seit Jahrhunderten selbst noch bis vor ein, zwei Generationen völlig üblich waren, gilt als gefährlicher Extremist. Wie J. Evola in seiner Verteidigungsrede in seinem "Wiederbetätigungsprozess" erklärt hat, waren seine Grundsätze bloß jene, die jede wohlgeborene Person vor der französischen Revolution als gesund und normal angesehen hat. (I miei principi sono solo quelli che prima della Rivoluzione francese ogni persona ben nata considerava sani e normali. ) Weiter meinte Evola, ebenso könnte man Platon, Metternich, Bismarck, den Dante der Monarchia usw. auf die Anklagebank setzen.

karlmartell
6. Juni 2013 22:09

Als Alexander Solschenizyn erfuhr, dass er den Literatur Nobelpreis bekommen sollte, schrieb er eine Rede, die er allerdings selbst nicht halten konnte, deren Wortlaut sich dennoch wie ein Lauffeuer verbreitete -hier ein Ausschnitt-:

„Die Schleuderamplitude der westlichen Gesellschaft nähert sich, von aussen gesehen, dem Grenzwert, jenseits dessen das System metastabil wird und auseinanderfallen muss.
Immer weniger eingehalten durch die Rahmen jahrhundertealter Gesetzlichkeit, schreitet die Gewalt frech und siegreich über die ganze Welt, unbekümmert darum, dass ihre Unfruchtbarkeit schon oft in der Geschichte bewiesen wurde.
Es triumphiert oft nicht die grobe Gewalt selbst, sondern ihre hinausposaunte Rechtfertigung: Die unverschämte Behauptung wird in die Welt geschmettert, dass die Macht alles vermag und die Rechtlichkeit nichts.
Die „Dämonen“ Dostojewskis -früher erschienen sie als provinzieller Alptraum der Phantasie des vorigen Jahrhunderts- kriechen vor unseren Augen über die ganze Welt.“

Für sein Alterswerk, "Die russisch-jüdische Geschichte 1795-1916" und "Die Juden in der Sowjetunion" ab 1917, wurde Solschenizyn speziell im Westen heftig als Revisionist kritisiert. Der Spiegel schrieb seinerzeit: "Der Dichter wagt sich weit auf verminte Gebiete der Geschichtsschreibung."

Alexander Solschenizyn:
"Jedes absichtsvolle Verschweigen in der Geschichte ist unmoralisch und gefährlich."

Carsten
7. Juni 2013 09:13

Es fängt schon damit an, dass man ihre Sprache nicht übernehmen soll. Sage nicht "Migrant", sondern Ausländer. Verbrecher statt "Aktivist", etc. Sprich nie von "Vielfalt und Buntheit". Nenne "Gender-Mainstreaming" Geschlechter-Gleichmacherei. etc.

ene
7. Juni 2013 10:04

off topic -
noch eine Bemerkung über Tarkowskij.

Ja, ihm wurden immer wieder Steine in den Weg gelegt.
Es ist nur die Frage, ob nicht gerade dadurch seinem Werk die Bildmächtigkeit und Kompromißlosigkeit zugewachsen ist. (Diese Bemerkung bitte ausdrücklich nicht als Zynismus von jemandem verstehen, der ruhig hinter seinem Rechner sitzt!). Aber: wäre ein Herr L. nicht nach Eboli verbannt worden - hätte er dann seinen berühmten Roman geschrieben? Wäre der Film "Menschen am Sonntag" das geworden, was er ist, wenn der Regisseur die finanziellen Möglichkeiten gehabt hätte, ihn ganz anders zu drehen?
Die Beispiele sind Legion.
Zugespitzt: tragen nicht gerade umfassende Förderung und optimale Umstände dazu bei - daß zwar alles Mögliche aber nichts wirklich Bemerkenswertes mehr entsteht?

M.L.: Natürlich, viele Künstler wachsen am Widerstand, und dann wächst auch der Widerstand in ihrer Kunst. Tarkowskij ist ein gutes Beispiel dafür.

Rumpelstilzchen
7. Juni 2013 12:46

@ML

Ich weiß nicht, ob im Zeitalter elektronischer Medien "metaphysischer Ernst"
noch vermittelbar ist. Die Sehnsucht danach ist sicher noch vorhanden.

Ein russische Arbeiterin schrieb Tarkowskij zu dessem Film DER SPIEGEL:

"Innerhalb einer einzigen Woche habe ich mir Ihren Film gleich viermal angesehen. Und ich bin nicht etwa bloß ins Kino gegangen, um ihn mir lediglich anzuschauen. Es ging mir vielmehr darum, wenigstens einige Stunden lang ein wirkliches Leben zu leben, es mit wirklichen Künstlern und Menschen zu verbringen...Alles, was mich quält und mir fehlt, wonach ich mich sehne, was mich empört und mir zuwider ist - all das sah ich wie in einem Spiegel in Ihrem Film. Das, was mich bedrückt und das, wovon mir hell und warm wird. All das, was mich leben macht, und all das, was mich zerstört. Zum ersten Mal wurde ein Film für mich zur Realität. Und genau dies ist der Grund, warum ich ihn mir immer wieder ansehe - nämlich um durch und in ihm zu leben."

Und Tarkowskij schreibt über seine Arbeit:

Kunst entsteht und entwickelt sich dort, wo jene ewige, rastlose Sehnsucht nach Geistigkeit, nach einem Ideal herrscht, die die Menschen sich um die Kunst scharen läßt. Es ist ein falscher Weg, den die moderne Kunst eingeschlagen hat, die der Suche nach dem Sinn des Lebens im Namen bloßer Selbstbestätigung abgeschworen hat. So wird das sogenannte schöpferische Tun zu einer seltsamen Beschäftigung exzentrischer Personen, die nur die Rechtfertigung des einmaligen Wertes ihres ichbezogenen Handelns suchen. Doch in der Kunst bestätigt sich die Individualität nicht, sondern sie dient einer anderen, allgemeineren und höheren Idee. Der Künstler ist ein Diener, der sozusagen seinen Zoll für die Gabe entrichten muß, die ihm wie durch ein Wunder verliehen wurde. Der moderne Mensch will sich nicht opfern, obwohl wahre Individualität doch nur durch Opfer erreicht werden kann."

Aus A. Tarkowskij, Die versiegelte Zeit

M.L.: Danke für die Zitate, ich freue mich, daß gleich mehrere Leser auf meinen Tarkowskij-Verweis angesprungen sind. In der aktuellen Druckausgabe der Sezession habe ich auch ein Zitat aus "Nostalghia" untergebracht. Vermittelbar ist alles, wofür ein Empfänger vorhanden ist, das Trägermedium ist da nicht so entscheidend.

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