Solschenizyn und die Sezession von der Lüge (Fundstücke 17)

Vergeßt die gängigen Begriffsstempel. Es ist überaus einfach, heute als sogenannter "Rechter" einsortiert zu werden.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Es genügt, ein Rea­list zu sein. Es genügt, nicht sen­ti­men­tal zu sein.  Es genügt, sei­nen Augen zu trau­en. Es genügt, die Wahr­heit zu sagen.

Es genügt, nicht zu glau­ben – ein Ket­zer, Athe­ist oder sogar bloß Agnos­ti­ker der herr­schen­den libe­ra­lis­ti­schen Reli­gi­on zu sein (denn um nichts ande­res han­delt es sich). Es genügt, bestimm­te Din­ge zu füh­len und mehr als eine Dimen­si­on im see­li­schen Haus­halt zu besit­zen. Es genügt, Geschichts­kennt­nis­se zu haben, oder kei­nen Fern­se­her zu besit­zen. Und so weiter.

Dabei sind wir ver­streu­ten “Ego non”-Bannerträger des Wes­tens, der heu­te eher Hux­leys als Orwells dys­to­pi­schem Modell folgt, immer noch um vie­les bes­ser dran, als etwa ein Alex­an­der Sol­sche­ni­zyn, des­sen Appell “Lebt nicht mit der Lüge” (1974) ich die­ser Tage wie­der gele­sen habe. Der enor­me exis­ten­zi­el­le Druck und die auch phy­si­sche Gefähr­dung, der sich die sowje­ti­schen Dis­si­den­ten aus­ge­setzt haben, ver­bie­ten jeden direk­ten Ver­gleich mit unse­rer Lage. Den­noch gibt es auch im Zeit­al­ter des “sof­ten” Tota­li­ta­ris­mus eini­ge ins Auge ste­chen­de Parallelen.

Es ist eben­so leicht, sich für einen Sol­sche­ni­zyn zu begeis­tern, wie es schwer ist, sei­nem Bei­spiel und sei­nen Maß­stä­ben zu fol­gen. Es ist rat­sam, sich immer die­ses Abstands bewußt zu blei­ben, allein schon, um sich in Gegen­satz zu den scham­be­frei­ten Schaf­her­den zu set­zen, die sich all­jähr­lich in Dres­den en mas­se wei­ße Rosen ans Revers heften.

Sol­sche­ni­zyn schrieb 1974:

Es gab eine Zeit, da wag­ten wir es nicht, auch nur lei­se zu flüs­tern. Jetzt aber schrei­ben wir im Samis­dat und lesen ihn, wenn wir uns im Rau­cher­zim­mer des Insti­tuts begeg­nen, dann reden wir uns von der See­le: was sie nur für einen Blöd­sinn trei­ben, wohin sie uns noch zerren!

Kom­men man­chem der­lei Sze­nen auch heu­te bekannt vor?

“Was soll­ten wir denn dage­gen tun? Wir haben nicht die Kraft.” Wir sind vom Mensch­li­chen so hoff­nungs­los ent­fernt, daß wir für das täg­li­che küm­mer­li­che Stück­chen Brot alle Grund­sät­ze auf­ge­ben, unse­re See­le, alles, wor­um sich unse­re Vor­fah­ren müh­ten, alle Mög­lich­kei­ten für die Nach­kom­men – um ja nicht unse­re­re jäm­mer­li­che Exis­tenz zu zerrütten.

Kei­ne Här­te, kein Stolz, kein lei­den­schaft­li­cher Wunsch ist uns geblie­ben. Wir fürch­ten nicht ein­mal den all­ge­mei­nen Atom­tod, fürch­ten nicht den Drit­ten Welt­krieg (viel­leicht ver­krie­chen wir uns in ein Mau­se­loch), wir fürch­ten nur die Akte der Zivil­cou­ra­ge! Sich bloß nicht von der Her­de lösen, kei­nen Schritt allei­ne tun – und plötz­lich ohne Weiß­brot, Warm­was­ser­be­rei­ter, ohne Auf­ent­halts­ge­neh­mi­gung für Mos­kau dastehen.

Sol­sche­ni­zyn war bekannt­lich einer der weni­gen, die den Mut zu die­ser “Zivil­cou­ra­ge” (ein heu­te in Deutsch­land trau­rig ent­ehr­tes Wort) auf­brach­ten. Dabei trieb ihn vor allem der Haß auf die Lüge an, der­sel­be, den man auch zwi­schen den Zei­len des Klas­si­kers “Moral und Hyper­mo­ral” (1969) des so küh­len und nüch­ter­nen Arnold Geh­len spü­ren kann. Ein Buch, das nicht von der Sowjet­uni­on, son­dern von der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land han­delt, und das mit die­sen viel­zi­tier­ten Sät­zen endet (in einem Ton­fall, den sich ihr Autor sel­ten geleis­tet hat):

Teuf­lisch ist, wer das Reich der Lüge auf­rich­tet und ande­re Men­schen zwingt, in ihm zu leben. Das geht über die Demü­ti­gung der geis­ti­gen Abtren­nung noch hin­aus, dann wird das Reich der ver­kehr­ten Welt auf­ge­rich­tet, und der Anti­christ trägt die Mas­ke des Erlö­sers, wie auf Signo­rel­lis Fres­co in Orvie­to. Der Teu­fel ist nicht der Töter, er ist Dia­bo­los, der Ver­leum­der, ist der Gott, in dem die Lüge nicht Feig­heit ist, wie im Men­schen, son­dern Herr­schaft. Er ver­schüt­tet den letz­ten Aus­weg der Ver­zweif­lung, die Erkennt­nis, er stif­tet das Reich der Ver­rückt­heit, denn es ist Wahn­sinn, sich in der Lüge einzurichten.

Im fol­gen­den nun ein paar Aus­zü­ge aus Sol­sche­ni­zyns Appell an jene Sowjet­bür­ger, die es nicht wagen, offen zu oppo­nie­ren, die er also zur einer Art “inne­ren” Sezes­si­on und zu einem Min­dest­maß an pas­si­vem Wider­stand auf­ruft ‑jedoch kaum mit einem gemin­dert rigo­ro­sen Anspruch.

Lebt nicht mit der Lüge!
Alex­an­der Sol­sche­ni­zyn, 12. Febru­ar 1974

(…)
Doch nie­mals wird sich etwas von selbst von uns lösen, wenn wir es alle Tag für Tag aner­ken­nen, prei­sen und ihm Halt geben, wenn wir uns nicht wenigs­tens von sei­ner spür­bars­ten Erschei­nung los­rei­ßen. Von der LÜGE. (…)

Und hier liegt näm­lich der von uns ver­nach­läs­sig­te, ein­fachs­te und zugän­gigs­te Schlüs­sel zu unse­rer Befrei­ung: SELBST NICHT MITLÜGEN! Die Lüge mag alles über­zo­gen haben, die Lüge mag alles beherr­schen, doch im kleins­ten Bereich wer­den wir uns dage­gen stem­men: OHNE MEIN MITTUN!

Und das ist der Durch­schlupf im angeb­li­chen Kreis unse­rer Untä­tig­keit! – Der leich­tes­te für uns und der zer­stö­re­risch­te für die Lüge. Denn wenn die Men­schen von der Lüge Abstand neh­men – dann hört sie ein­fach auf zu exis­tie­ren. Wie eine anste­cken­de Krank­heit kann sie nur in den Men­schen existieren.

Wir wol­len nicht aus­schwär­men, wol­len nicht auf die Stra­ße gehen und die Wahr­heit laut ver­kün­den, laut sagen, was wir den­ken – das ist nicht nötig, das ist schreck­lich. Doch ver­zich­ten wir dar­auf, das zu sagen, was wir nicht glauben.
(…)

Unser Weg: IN NICHTS DIE LÜGE BEWUSST UNTERSTÜTZEN! Erken­nen, wo die Gren­ze der Lüge ist (für jeden sieht sie anders aus) – und dann von die­ser lebens­ge­fähr­li­chen Gren­ze zurück­tre­ten! Nicht die toten Knö­chel­chen und Schup­pen der Ideo­lo­gie zusam­men­kle­ben, nicht den ver­mo­der­ten Lap­pen fli­cken – und wir wer­den erstaunt sein, wie schnell und hilf­los die Lüge abfällt, und was nackt und bloß daste­hen soll, wird dann nackt und bloß vor der Welt dastehen.

Somit, laßt uns unse­re Schüch­tern­heit über­win­den, und möge jeder wäh­len: ob er bewuß­ter Die­ner der Lüge bleibt (natür­lich nicht aus Nei­gung, son­dern um die Fami­lie zu ernäh­ren, um die Kin­der im Geist der Lüge zu erzie­hen!), oder ob die Zeit für ihn gekom­men ist, sich als ehr­li­cher Mensch zu mau­sern, der die Ach­tung sei­ner Kin­der und Zeit­ge­nos­sen ver­dient. Und von die­sem Tage an wird er:

- in Zukunft kei­nen ein­zi­gen Satz, der sei­ner Ansicht nach die Wahr­heit ent­stellt, schrei­ben, unter­schrei­ben oder drucken;

- einen sol­chen Satz weder im pri­va­ten Gespräch, noch vor einem Audi­to­ri­um, weder im eige­nen Namen noch nach einem vor­be­rei­te­ten Text, noch in der Rol­le des poli­ti­schen Red­ners, des Leh­rers und Erzie­hers, noch nach einem Büh­nen­ma­nu­skript aussprechen;

- in Male­rei, Skulp­tur und Foto­gra­fie mit tech­ni­schen oder musi­ka­li­schen Mit­teln kei­nen ein­zi­gen fal­schen Gedan­ken, kei­ne ein­zi­ge Ent­stel­lung der Wahr­heit, die er erkennt, dar­stel­len noch beglei­ten, noch im Rund­funk senden.

- weder münd­lich noch schrift­lich ein ein­zi­ges “lei­ten­des” Zitat anfüh­ren, um es jeman­dem recht zu tun, um sich zurück­zu­ver­si­chern, um in der Arbeit Erfolg zu haben, wenn er den zitier­ten Gedan­ken nicht voll­stän­dig teilt oder er kei­ne kla­re Rele­vanz hat;

- sich nicht zwin­gen las­sen, zu einer Demons­tra­ti­on oder einer Ver­samm­lung zu gehen, wenn sie sei­nem Wunsch und Wil­len nicht ent­spricht. Kein Trans­pa­rent, kein Pla­kat in die Hand neh­men oder hoch­hal­ten, des­sen Text er nicht voll­stän­dig bestimmt;

- die Hand nicht zur Abstim­mung für einen Vor­schlag heben, den er nicht auf­rich­tig unter­stützt; nicht offen, nicht geheim für eine Per­son stim­men, die er für unwür­dig oder zwei­fel­haft hält;

- sich zu kei­ner Ver­samm­lung drän­gen las­sen, wo eine zwangs­wei­se ent­stell­te Dis­kus­si­on zu erwar­ten ist;

- eine Sit­zung, Ver­samm­lung, einen Vor­trag, ein Schau­spiel oder eine Film­vor­füh­rung sofort ver­las­sen, wenn Lüge, ideo­lo­gi­scher Unfug oder scham­lo­se Pro­pa­gan­da zu hören sind;

- kei­ne Zei­tung oder Zeit­schrift abon­nie­ren oder im Ein­zel­han­del kau­fen, in der die Infor­ma­ti­on ver­fälscht wird und die ursprüng­li­chen Tat­sa­chen ver­tuscht werden…

Wir haben selbst­ver­ständ­lich nicht alle mög­li­chen und not­wen­di­gen Abwei­chun­gen von der Lüge auf­ge­zählt. Doch wer sich um Rei­ni­gung bemüht,wird mit gerei­nig­tem Blick leicht auch ande­re Fäl­le unterscheiden.

Ja, zunächst wird das nicht glatt­ge­hen. Der eine oder ande­re wird zeit­wei­lig den Arbeits­platz ver­lie­ren. Jun­gen Men­schen, die nach der Wahr­heit leben wol­len, wird das anfangs ihr jun­ges Leben sehr erschwe­ren: denn auch der abge­dro­sche­ne Unter­richt ist vol­ler Lüge. Man muß aus­wäh­len. Für nie­man­den aber, der ehr­lich sein will, bleibt ein Ver­steck: für kei­nen von uns ver­geht auch nur ein Tag, selbst nicht in den unge­fähr­lichs­ten tech­ni­schen Wis­sen­schaf­ten, ohne zumin­dest einen der genann­ten Schrit­te – ent­we­der erfolgt er in Rich­tung auf die Wahr­heit oder in Rich­tung auf die Lüge; in Rich­tung auf geis­ti­ge Unab­hän­gig­keit oder geis­ti­ges Kriechertum.

Wer aber nicht ein­mal zum Schutz sei­ner See­le genü­gend Mut auf­bringt, der soll sich auch nicht sei­ner fort­schritt­li­chen Ansich­ten rüh­men, soll nicht tönen, er sei Aka­de­mie­mit­glied oder Volks­künst­ler, ver­dien­ter Funk­tio­när oder Gene­ral – der soll sich sagen: ich ein Her­den­tier und ein Feig­ling, ich will es nur satt und warm haben.

Sogar die­ser Weg – der gemä­ßigs­te aller Wege des Wider­stan­des- wird für uns Ein­ge­ros­te­te nicht leicht sein. Doch wie­viel leich­ter ist er als Selbst­ver­bren­nung oder Hun­ger­streik: die Flam­me ergreift dei­nen Kör­per nicht, die Augen plat­zen nicht vor Hit­ze, und Schwarz­brot mit Was­ser fin­det sich immer für dei­ne Familie. (…)

Das wür­de kein leich­ter Weg? – doch der leich­tes­te der mög­li­chen. Kei­ne leich­te Wahl für den Kör­per – doch die ein­zi­ge für die See­le. Kein leich­ter Weg – doch gibt es bei uns bereits Men­schen, sogar Dut­zen­de, die seit Jah­ren alle die­se Punk­te durch­hal­ten, die nach der Wahr­heit leben.

Somit: nicht als ers­te die­sen Weg beschrei­ten, son­dern SICH ANSCHLIESSEN! Je leich­ter und je kür­zer uns die­ser Weg scheint, des­to enger ver­bun­den, in des­to grö­ße­rer Zahl wer­den wir ihn ein­schla­gen! Wer­den wir Tau­sen­de sein, dann wird man kei­nem mehr etwas tun kön­nen. Wer­den wir aber Zehn­tau­sen­de sein – dann wer­den wir unser Land nicht wiedererkennen!

Wenn wir aber in Feig­heit zurück­schre­cken, dann soll­ten wir die Kla­ge las­sen, jemand lie­ße uns nicht atmen – das sind wir selbst! Wer­den wir uns wei­ter beu­gen und abwar­ten, dann wer­den unse­re Brü­der von der Bio­lo­gie dafür sor­gen, daß der Augen­blick naht, zu dem man unse­re Gedan­ken liest und unse­re Gene umwandelt.

                           In: Alexander Solschenizyn, “Offener Brief an die sowjetische Führung”, Darmstadt und Neuwied 1974.
Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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Kommentare (12)

Rumpelstilzchen

6. Juni 2013 09:53

Ich freue mich immer auf die Fundstücke, diesmal über die Samisdatfundstücke von Alexander Solschenizyn.

Dies war Anlass, meinerseits Fundstücke zu suchen, die zu diesem Thema passen.
Ich verweise auf das in den 80ziger Jahren vierteljährlich erscheinende Magazin "KONTINENT Ost-West-Forum ", herausgegeben von Cornelia Gerstenmaier. ( antiquarisch zu erhalten)
Dort sind alle Dissidenten und Abweichler des real-existierenden Kommunismus versammelt. Dort sind Texte zu finden, die heute wieder Brisanz haben.
KONTINENTE wurde von der damaligen Linken Westdeutschlands völlig ignoriert, in Frankreich aber beachtet ( von André Glucksmann).

Totalitarismuskritik vom Feinsten kam vor allem aus Polen:
-Czeslaw Milosz, Verführtes Denken
-Leszek Kolakowsky, Der Mensch ohne Alternative,
Falls es keinen Gott gibt
aus der damaligen Tschechoslowakei:
- Vaclav Havel, Die Macht der Ohnmächtigen,
Versuch, in der Wahrheit zu leben
aus Russland:
Wladimir Bukowski, dieser stechende Schmerz der Freiheit

aus der ehemaligen DDR gibt es übrigens kaum eine dermaßen philosophisch grundlegende dissidente Literatur ( das wäre mal ein eigenes Thema)

In diesem Zusammenhang möchte ich aber besonders den Russen
Alexander Sinowjew hervorheben, sein Buch :
Kommunismus als Realität

Dies ist die brilliante Analyse einer realen totalitären Gesellschaft und was erschreckend ist , sie beschreibt auch unsere "softe totalitäre" Gesellschaft haargenau:

" Die Menschen, die die Anlage dazu haben, Abtrünnige zu werden, sind originell, kühn, offen, unabhängig in ihrer Weltanschauung, hervorstechend, das heißt, sie sind am schutzlosesten und am verwundbarsten in sozialer Hinsicht und sind den anderen Mitarbeitern des Kollektivs, jener farblosen Masse, ganz besonders verhaßt."</

" Jene Handlungen, die die verstärkte Aufmerksamkeit des Kollektivs auf sich lenken, werden von diesem nicht objektiv aufgenommen, sondern unterliegen einer Interpretation. Die Mitmenschen schreiben solchen Handlungen bestimmte Motive, Ziele, Ursachen und Folgen zu, das heißt legen ihnen einen bestimmten Sinn bei. Und dann haben sie es in Wirklichkeit nicht mehr mit diesen Handlungen selbst, sondern mit ihrer eigenen Interpretation zu tun . Sie merken nicht, daß sich ihnen dabei die Interpretation aufdrängt, die in der bestimmten Situation und für den größten Teil des Kollektivs am günstigsten ist."(A.S.)

-

Ein Fremder aus Elea

6. Juni 2013 10:53

12. Februar 1974

Das ist ein Tag, nachdem Alex Jones geboren wurde. Seltsamer Zufall.

Ich weiß nicht recht, ob es so hart ist, das durchzuhalten was Solschenizyn da fordert, er scheint an der Lüge zu leiden, und das ist normal ab einem bestimmten Punkt, und wenn es soweit ist, fällt die Nichtbeteiligung an ihr leicht.

Man spürt heute diesen Zwang ja noch nicht so, es wird ja heute noch nicht auf Schritt und Tritt von einem erwartet, seine Zustimmung zum Kollektiv unter Beweis zu stellen.

Es ist einem verboten dies und jenes zu sagen, aber soweit, daß es geboten ist, das Gegenteil dieser Dinge zu sagen, ist es noch nicht.

In sofern erfahren wir heute nicht den Druck, der auf Solschenizyn lastete und können sein Leid nicht so ohne weiteres erfassen.

Vielleicht hat man ja auch die Lehre aus diesem Leiden gezogen und vermeidet es heute, mit einer Menge Schweigender und Nichtmitmachender kann der Kapitalismus wahrscheinlich leben, er bezieht seine Macht ja nicht aus dem Vertretungsanspruch der Massen.

Zamolxis

6. Juni 2013 12:14

Lesenwert: Viktor Kriwulin "Das Ende des Zeitalters der Fische.
Die Wiedergeburt der Meditation aus dem Geist der Moderne: Rußlands religiöse Kunst." Veröffentlicht im FAZ-Magazin im Juli 1993.

ene

6. Juni 2013 13:13

Was Stalker betrifft: ich kann mich an eine Aufführung in West-Berlin erinnern, im Rahmen der Filmfestspiele. Das Publikum saß wie gebannt, diese Bildwelten waren "unerhört". Es wehte einem ein unbekannter Ernst aus diesem Film an. Man fühlte: dieser Mann geht mit anderen existentiellen Fragen um als das westliche Kino sie stellte... Unvergeßlich. Auch die Gesichter im Film. Wann hatte man solche Gesichter im Kino gesehen?

M.L.: So ist es, niemand, der "Stalker" gesehen hat, wird diese Gesichter und Bilder jemals vergessen. Für seinen metaphysischen Ernst, völlig subversiv gegenüber der kommunistischen Ideologie, mußte Tarkowskij auch einen schweren Preis bezahlen. Die sowjetischen Behörden haben ihm seine Künstlerexistenz so sauer wie möglich gemacht, im Schnitt mußte er vier Jahre warten, bis er wieder arbeiten durfte. Als er dann in Italien "Nostalghia" drehte, nutzten sie die Gelegenheit, ihn endgültig loszuwerden. Am Exil ist er dann auch zugrunde gegangen.

Rumpelstilzchen

6. Juni 2013 14:11

@ Fremder aus Elea und allgemein

An der Lüge nicht zu leiden, heißt nicht, dass wir nicht in der Lüge leben.
Wir bemerken es vielleicht gar nicht.

Das Buch "GÄHNENDE HÖHEN" von Alexander Sinowjew ist beklemmender als Orwells 1984. Völlig emotionslos beschreibt Sinowjew das fiktive Land Ibansk (= verfickter Staat) als totalitäres Land und die dort lebenden Menschentypen. Es geht nicht um Lüge und Wahrheit. Solschenyzin ist
in diesem Buch der Typ des "Wahrheitsapostels" , keine moralische Instanz. Es gibt keine moralische Instanz mehr.
In einer Rezension zum 100. geburtstag Sinowjews heisst es :
 
Das Leben Alexander Sinowjews weist uns den russischen Weg des Widerstands gegen soziale Entropie und ideologische Manipulation, gegen globale Gehirnwäsche und Obskurantismus, gegen die Verfälschung unserer Geschichte, gegen auferzwungene Ausweglosigkeit. 
Sein Weg ist der des aktiven Widerstands gegen die Manipulierbarkeit des Evolutionsprozesses der Menschheit.
 
Sein Credo: Wahrheit um jeden Preis. Sein Motto: Der Wahrheit zu dienen. Sein Standard: Die geistige Kultur des Intellekts. Seine Religion: Die Wissenschaft. Seine Welt: Die Gesellschaft mit ihren sozialen Gesetzen, deren Erforschung Alexander Sinowjew sein ganzes Leben gewidmet hatte. Seine Tat: Die Herausforderung des allmächtigen Leviathans. Sein Schicksal: Die Tragödie eines aus seiner Heimat vertriebenen russischen Genies und Propheten. Seine Epoche: Der grosse Evolutions-Umbruch. Seine intellektuelle Tradition: Die kompromisslose Suche nach einer gesellschaftlichen und zivilisatorischen Alternative. Sein Gesetz: Mensch bleiben, indem man gegen den Strom schwimmt.

Inselbauer

6. Juni 2013 14:14

Die "Krebsstation" war ein Kultbuch bei meiner Pinzgauer Verwandtschaft in den 70er-Jahren. Die älplerischen Krebspersönlichkeiten (ich habe es einmal ausgerechnet, seit 1940 sind 80 Prozent meiner mütterlichen Verwandten an Krebs verstorben bzw. haben sich im letzten Stadium umgebracht) nahmen in dieser Prosa eine ganz starke Identifikationsmöglichkeit wahr. Solschenizyn galt denen als Linker, und man versuchte den damaligen sozialdemokratischen Aufbruch irgendwie mit dem metaphysischen Widerstandsgeist des Russen in Verbindung zu bringen.
Wenn ich heute diese Texte, auch den von Ihnen zitierten, lese, nehme ich sie auch als reaktionäre Kampfschriften wahr.

KW

6. Juni 2013 15:01

Ich glaube, von Ulrike Meinhof stammt der Satz: "Wir können sie nicht zwingen, die Wahrheit zu sagen, aber wir können sie zwingen, immer dreister zu lügen."
Man beginnt nicht mehr mitzumachen im System, das ist der erste Schritt, bei mir ist das seit 2000, keine Gleichstrommedien zu kaufen, alles, was dem System dient, zu vermeiden. Wir können nicht mit stolzgeschwellter Brust herumquaken, dazu sind sie zu mächtig, noch. Aber es ist wichtig, sie als Feind auszumachen und durch Passivität zu stören.

Julius

6. Juni 2013 19:00

Es ist überaus einfach, heute als sogenannter „Rechter“ einsortiert zu werden. Es genügt, ein Realist zu sein. Es genügt, nicht sentimental zu sein. Es genügt, seinen Augen zu trauen. Es genügt, die Wahrheit zu sagen.

Wer heute jene weltanschaulichen und politischen Ansichten vertritt, die seit Jahrhunderten selbst noch bis vor ein, zwei Generationen völlig üblich waren, gilt als gefährlicher Extremist. Wie J. Evola in seiner Verteidigungsrede in seinem "Wiederbetätigungsprozess" erklärt hat, waren seine Grundsätze bloß jene, die jede wohlgeborene Person vor der französischen Revolution als gesund und normal angesehen hat. (I miei principi sono solo quelli che prima della Rivoluzione francese ogni persona ben nata considerava sani e normali. ) Weiter meinte Evola, ebenso könnte man Platon, Metternich, Bismarck, den Dante der Monarchia usw. auf die Anklagebank setzen.

karlmartell

6. Juni 2013 22:09

Als Alexander Solschenizyn erfuhr, dass er den Literatur Nobelpreis bekommen sollte, schrieb er eine Rede, die er allerdings selbst nicht halten konnte, deren Wortlaut sich dennoch wie ein Lauffeuer verbreitete -hier ein Ausschnitt-:

„Die Schleuderamplitude der westlichen Gesellschaft nähert sich, von aussen gesehen, dem Grenzwert, jenseits dessen das System metastabil wird und auseinanderfallen muss.
Immer weniger eingehalten durch die Rahmen jahrhundertealter Gesetzlichkeit, schreitet die Gewalt frech und siegreich über die ganze Welt, unbekümmert darum, dass ihre Unfruchtbarkeit schon oft in der Geschichte bewiesen wurde.
Es triumphiert oft nicht die grobe Gewalt selbst, sondern ihre hinausposaunte Rechtfertigung: Die unverschämte Behauptung wird in die Welt geschmettert, dass die Macht alles vermag und die Rechtlichkeit nichts.
Die „Dämonen“ Dostojewskis -früher erschienen sie als provinzieller Alptraum der Phantasie des vorigen Jahrhunderts- kriechen vor unseren Augen über die ganze Welt.“

Für sein Alterswerk, "Die russisch-jüdische Geschichte 1795-1916" und "Die Juden in der Sowjetunion" ab 1917, wurde Solschenizyn speziell im Westen heftig als Revisionist kritisiert. Der Spiegel schrieb seinerzeit: "Der Dichter wagt sich weit auf verminte Gebiete der Geschichtsschreibung."

Alexander Solschenizyn:
"Jedes absichtsvolle Verschweigen in der Geschichte ist unmoralisch und gefährlich."

Carsten

7. Juni 2013 09:13

Es fängt schon damit an, dass man ihre Sprache nicht übernehmen soll. Sage nicht "Migrant", sondern Ausländer. Verbrecher statt "Aktivist", etc. Sprich nie von "Vielfalt und Buntheit". Nenne "Gender-Mainstreaming" Geschlechter-Gleichmacherei. etc.

ene

7. Juni 2013 10:04

off topic -
noch eine Bemerkung über Tarkowskij.

Ja, ihm wurden immer wieder Steine in den Weg gelegt.
Es ist nur die Frage, ob nicht gerade dadurch seinem Werk die Bildmächtigkeit und Kompromißlosigkeit zugewachsen ist. (Diese Bemerkung bitte ausdrücklich nicht als Zynismus von jemandem verstehen, der ruhig hinter seinem Rechner sitzt!). Aber: wäre ein Herr L. nicht nach Eboli verbannt worden - hätte er dann seinen berühmten Roman geschrieben? Wäre der Film "Menschen am Sonntag" das geworden, was er ist, wenn der Regisseur die finanziellen Möglichkeiten gehabt hätte, ihn ganz anders zu drehen?
Die Beispiele sind Legion.
Zugespitzt: tragen nicht gerade umfassende Förderung und optimale Umstände dazu bei - daß zwar alles Mögliche aber nichts wirklich Bemerkenswertes mehr entsteht?

M.L.: Natürlich, viele Künstler wachsen am Widerstand, und dann wächst auch der Widerstand in ihrer Kunst. Tarkowskij ist ein gutes Beispiel dafür.

Rumpelstilzchen

7. Juni 2013 12:46

@ML

Ich weiß nicht, ob im Zeitalter elektronischer Medien "metaphysischer Ernst"
noch vermittelbar ist. Die Sehnsucht danach ist sicher noch vorhanden.

Ein russische Arbeiterin schrieb Tarkowskij zu dessem Film DER SPIEGEL:

"Innerhalb einer einzigen Woche habe ich mir Ihren Film gleich viermal angesehen. Und ich bin nicht etwa bloß ins Kino gegangen, um ihn mir lediglich anzuschauen. Es ging mir vielmehr darum, wenigstens einige Stunden lang ein wirkliches Leben zu leben, es mit wirklichen Künstlern und Menschen zu verbringen...Alles, was mich quält und mir fehlt, wonach ich mich sehne, was mich empört und mir zuwider ist - all das sah ich wie in einem Spiegel in Ihrem Film. Das, was mich bedrückt und das, wovon mir hell und warm wird. All das, was mich leben macht, und all das, was mich zerstört. Zum ersten Mal wurde ein Film für mich zur Realität. Und genau dies ist der Grund, warum ich ihn mir immer wieder ansehe - nämlich um durch und in ihm zu leben."

Und Tarkowskij schreibt über seine Arbeit:

Kunst entsteht und entwickelt sich dort, wo jene ewige, rastlose Sehnsucht nach Geistigkeit, nach einem Ideal herrscht, die die Menschen sich um die Kunst scharen läßt. Es ist ein falscher Weg, den die moderne Kunst eingeschlagen hat, die der Suche nach dem Sinn des Lebens im Namen bloßer Selbstbestätigung abgeschworen hat. So wird das sogenannte schöpferische Tun zu einer seltsamen Beschäftigung exzentrischer Personen, die nur die Rechtfertigung des einmaligen Wertes ihres ichbezogenen Handelns suchen. Doch in der Kunst bestätigt sich die Individualität nicht, sondern sie dient einer anderen, allgemeineren und höheren Idee. Der Künstler ist ein Diener, der sozusagen seinen Zoll für die Gabe entrichten muß, die ihm wie durch ein Wunder verliehen wurde. Der moderne Mensch will sich nicht opfern, obwohl wahre Individualität doch nur durch Opfer erreicht werden kann."

Aus A. Tarkowskij, Die versiegelte Zeit

M.L.: Danke für die Zitate, ich freue mich, daß gleich mehrere Leser auf meinen Tarkowskij-Verweis angesprungen sind. In der aktuellen Druckausgabe der Sezession habe ich auch ein Zitat aus "Nostalghia" untergebracht. Vermittelbar ist alles, wofür ein Empfänger vorhanden ist, das Trägermedium ist da nicht so entscheidend.

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