Sezession
13. Juni 2013

Agamben und die deutschen Professoren (1)

Gastbeitrag / 8 Kommentare

von Heino Bosselmann

Giorgio Agamben ist vielleicht das, was man in der Aufklärung einen Popularphilosophen nannte. Im besten Sinne! Solche wandten sich von der Schulphilosophie ab und der Öffentlichkeit zu. Sie schrieben allgemeinverständlich und praxisorientiert vorzugsweise moralische Traktate. Die Professoren warfen ihnen Eklektizismus und unakademische Verflachung vor, Kant etwa eine „Volksbegrifflichkeit“, die allzu unkritisch verfuhr.Qualifizierte Popularphilosophie steht gegenwärtig hoch im Kurs. Offenbar gibt es innerhalb der großen Sinnkrise Europas ein Bedürfnis danach, hintergründig und aufs Wesen zielend zu fragen. Gut so! Insofern sind Autoren wie Peter Sloterdijk, Rüdiger Safranski, Christoph Türcke und selbst solche Individualisten wie der allzu pauschal links verortete Slavoj Zizek  für die Leserschaft immens wichtig und bildsam.

Giorgio Agamben wird in Deutschland seit 2002 verstärkt gelesen. Sein „Homo sacer“ faszinierte schon deswegen, weil er Auschwitz und Guantanamo in einem Band behandelt – als sehr verschiedene Ausdrucksformen des tendenziell totalitären Zugriffs von Staaten auf den Einzelnen in dessen Reduzierung auf das nackte Leben, die nuda vita. Indem er zeigt, wie die souveräne Macht nach dem bloßen, dem nackten Leben greift, indem er von einer „Koinzidenz von Gewalt und Recht“ spricht, nimmt Agamben u. a. die Freund-Feind-Theorie Carl Schmitts auf, stellt darüber hinaus aber auch Bezüge zu Heidegger, Benjamin, Arendt und Foucault her – dies alles vor dem Hintergrund neuer Bedrohungen. Eindeutige Lektüreempfehlung! Nur ein Zitat:

„Das ist die Stärke und zugleich der innerste Widerspruch der modernen Demokratie: Sie schafft das heilige Leben (den vogelfreien homo sacer, der nach römischem Recht nicht geopfert werden kann, aber getötet werden darf – H.Bo.) nicht ab, sondern zersplittert es, verstreut es in jedem einzelnen Körper, um es zum Einsatz in den politischen Konflikten zu machen. (…) Derjenige, der sich später als Träger der Menschenrechte und mit einem merkwürdigen Oxymoron als das neue souveräne Subjekt (…) präsentieren wird, kann sich als solches nur dadurch konstituieren, daß er die souveräne Ausnahme wiederholt und in sich selbst corpus, das nackte Leben, isoliert.“


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Kommentare (8)

Gustav Grambauer
13. Juni 2013 09:20

Ob Agamben weiß, wie frontal er allein mit der Erwähnung des Begriffs "Homo Sacer" das "Legitimatinsdefizit" der BRD angreift? Es wimmelt ja in der "BRD" bereits von sogenannten StaSeVes Müller, Meier, Schulze, und der entsprechende rechtsfreie Raum weitet sich bereits mehr und mehr aus:

https://info.kopp-verlag.de/hintergruende/deutschland/gerhard-wisnewski/aufstand-gegen-bussgeldbescheide-immer-mehr-buerger-lehnen-zahlung-ab.html

Das Rechtsinstitut des "Bürgerlichen Todes" war des Pudels Kern von Bismarcks Kulturkampf - und natürlich von Bismarcks Personenstandsrecht:

https://www.youtube.com/watch?v=2RI5dvXPWeY

(Anders als dem Macher dieses Streifens wäre mir allerdings egal, ob ich von den Pfaffen oder vom Staat versklavt werde.)

- G. G.

Sascha
13. Juni 2013 14:05

"... Demos als ein leerer Signifikant. Diese Leerstelle ist aber kein Defizit, sondern die Quelle einer produktiven Energie, denn sie muß fortwährend durch Repräsentationen gefüllt werden."

Das weckt Lust zum Übersetzen: Das Volk hat eh nichts zu sagen. Das ist aber kein Problem, im Gegenteil, die Politiker können sich dann frei und voller Energie ausdenken, wie sie das Volk "repräsentieren".

ene
13. Juni 2013 15:01

Fortsetzung der obigen Übersetzung:

... Und da keiner weiß, was Europa eigentlich ist, kann man ständig etwas Neues daraus machen. Und zwar das, was wir uns so vorstellen und worüber wir so diskutieren. Dabei bleibt alles immer im Fluß.

Heinrich Brück
13. Juni 2013 15:36

Die Unschuld der Europäer ist schon lange dahin. Diese Unschuld
wiederzugewinnen, darum geht es.
Kinder fangen ganz unschuldig an, aber sie müssen als
Versuchskaninchen einer linken Utopie (eher Dummheit) sehr
schnell erwachsen werden. Diese Zerstörung der Kindheit,
geopfert einem materialistischen Weltbild, macht nachdenklich,
aber das Leben wird sich hier sein Territorium zurückerobern.
Wahrscheinlich hinken diesmal die Philosophen hinterher.
In der linken Weltanschauung fehlt die menschliche Seele, und
hätte der Mensch keine Seele, oder könnte die Seele ewig einem
unerträglichen Zustand ausgesetzt werden, dann hätten wir
wirklich ein Problem.
Die linken Glücksversprechungen entstammen einem seichten
Idealismus, der schon längst seinen Enthusiasmus eingebüßt hat.
Wenn die lügenhafte Sprache mit dem Denken nicht mehr in
Übereinstimmung zu bringen ist, der gesunde Menschenverstand
eine Grenze zieht, fängt das Leben an leer und sinnlos zu werden,
und dann muß eine Änderung vorgenommen werden. Alles andere
nämlich würde zu Krankheit und Tod führen, und hier sind die
Jüngeren, weil unreflektiert in ihrem naiven Egoismus,
widerspruchsfreier. Sie werden gezwungen zu unterscheiden, und
deshalb ist die jüngere Generation nicht mehr so verrückt wie ihre
Vorgängergenerationen, die in ihren Differenzierungs-
wahnvorstellungen zu Tode zerfallen sind.
Die Sezession hat eine Reinigung der Definitionen, eine
Identitätsleistung sondergleichen, auf den Weg gebracht, und in
diesem Sinne darf der wirklichkeitsnahen Zukunft durchaus eine
optimistische Chance gewährt werden.
Die Stimmung hat sich schon gedreht, nur die Sprache fehlt, der
große Roman sozusagen.
Im Schatten des leeren Ausdrucks bekommt der Staat es bald mit
dem vollen Inhalt zu tun. Dann folgt auf die Logik die Wahrheit.

Pit
13. Juni 2013 21:38

Der Unfug solcher Aussagen liegt nicht in den Aussagen selbst; ich stimme den Aussagen in mancherlei zu. Der Unfug liegt...: in der Weigerung hinzuschauen was wirklich passiert, in der bewußt-absichtsvollen Verquasung zur Verschleierung dessen was wirklich passiert:

-"Politik der gegenseitigen Solidarisierung": freiwillige Solidarisierung? Oder..: erzwungene Solidarisierung? Dürfen sich die Leute frei entscheiden, mit wem sie solidarisch sein wollen? Oder wird es ihnen nicht vielmehr...: vom Betreuungsstaat aufgezwungen? Schindluder mit dem Wort" Solidarität" ist das

-"sich die Mitgliedstaaten gegenseitig erst einmal besser kennenlernen": und bedeutet das, daß die Gäste nach dem Kennenlernen....: auf alle Ewigkeit bleiben? Bleiberecht haben? Staatlich gewährleistetes Bleiberecht und wer dem nicht zustimmt, der wird mit der ganzen Gewalt des Staates verfolgt? Schindluder mit den Worten "gegenseitig",
"Kennenlernen"

-"erweist sich der Demos als ein leerer Signifikant", "Leitvorstellung": wer bestimmt denn, wer der "Demos" ist? Wer bestimmt denn die "Leitvorstellung"? Die ist....: irgendwie automatisch klar, implizit: alles was gutmenschlich ist. Und wieder: wer dem nicht zustimmt, der wird mit der ganzen Gewalt des Staates verfolgt.

Ja, sehr gut: eine "Leerstelle" kann tatsächlich eine "Quelle einer produktiven Energie" sein, welche "kulturellen Imagination" provoziert:
und genau das sind NICHT die Fragen!
Das ist die Verschleierungstaktik: Sinnvolles mit Illegitimem vermischen und die eigentlichen, strittigen Fragen zukleistern:
angeblich kommen da also Menschen unterschiedlichen kulturellen Hintergrundes zusammen, und aus der Reibung geschieht neue kulturelle Imagination.
In Wirklichkeit: werden Deutschen, WEIL sie Deutsche sind, die Köpfe eingetreten und werden in ganz Deutschland Deutsche, WEIL sie Deutsche sind, in ihrem eigenen Land verfolgt. DAS ist die Wirklichkeit, von der in Feigheit und Korruptheit die liberale Professorenschaft nicht zu reden wagt.

ExilantCH
13. Juni 2013 22:11

Herr Bosselmann,
es ist immer wohltuend, Ihre Beiträge zu lesen! Bei Ihnen hat man nicht den Eindruck, dass hinter Ihren intellektuellen Bemühungen letztlich das etwas chicker verpackte Vorurteil und Ressentiment der (klein)-bürgerlichen AfD-Rechten steckt.
Auch die intellektuelle Rechte sollte sich durch Agambens Artikel herausgefordert fühlen. Schliesslich geht Agamben nicht pauschal gegen Deutschland vor, sondern beschreibt mit "Deutschland" nur ein herrschendes ökonomisches EU-Regime, das natürlich deutsche Leser irritiert ("Wie könnte ich die lateinische Kultur der deutschen entgegenstellen..." , FAZ vom 25.05.13 Agamben im Gespräch mit Dirk Schümer). Das kann man falsch finden, doch zielt seine Kritik am "posthistorischen Vegetieren" (ebd.) ja auf vertrautes, kulturelles Gebiet. Agamben könnte zum Philosophen der Identitären Bewegung werden, wenn wir Lateinisches und Germanisches endlich mal nicht reflexhaft gegeneinander ausspielen. Alle Meisterdenker der Rechten - von Nietzsche bis Jünger - hatten diese Dialektik von Germanischem und Romanischem verstanden; die, die es nicht verstanden haben, waren eben der Rede ebenso wenig wert wie heutige eifernde Forenschreiberlinge und libertär-islamophobe PI- oder Achse-des-Guten-Blogger.
"Linke" Theoretiker wie Derrida oder auch Agamben haben den Meisterdenkern der "konservativen Revolution" oft viel zu verdanken gehabt, warum sollten sich intellektuelle Rechte nicht endlich produktiv auf linke Philosophen einlassen? Es gilt, von der Linken nicht nur Protest- und Stilformen zu kopieren, sondern mit ihr in einen offenen Dialog einzutreten. Man soll nicht so tun, als ob die Linke alles via PC dominiere, auch sie steckt in einer ziemlichen Krise. Kapitalismuskritik und Identitätsfrage ist dann nur eine Frage des Ranges, tendenziell austauschbar. Freilich muss wie bei Germanischem und Romanischem die Dialektik von Eigenem und Fremden erstmal verstanden werden. Keine Identität ohne Empathie mit dem Anderen! Eine Identität, die aus Musealisierung und Abwehr besteht, hat tatsächlich jeden Anspruch auf Zeitgenossenschaft verwirkt. Es scheint mit etwa ein humanes Gebot, das der Anspruch eines Bürgerkriegsflüchtlings auf Gastrecht schwerer wiegt als die irritationslose "Reinheit" meiner deutschen Identität.

Theosebeios
14. Juni 2013 11:12

Ich bewundere Herrn Bosselmanns Talent, hier immer wieder interessante Debatten auszulösen -- selbst wenn diese manchmal grobschlächtig ausfallen. Und ob Konservative Humor haben, wie Sie in einem aktuellen JF-Beitrag fragen (oder infrage stellen?), wird doch auf unterhaltsame Weise durch die "Übersetzungen" von SASCHA und ENE beantwortet!

Zu den Agamben-Zitaten möchte ich mich jetzt nicht äußern, da ich durch meine Grobschlächtigkeit diesbezüglich schon Herrn Menzel vor einigen Wochen gekränkt habe. Mit Zitaten oder Interviews ist das so eine Sache. Natürlich findet man bei vielen gelungene Sätze, die angenehm in konservativen Dickschädeln widerhallen, denn jeder hat ja (irgendwo) recht (sinngemäß: Wilhelm Reich). Mein habituelles Misstrauen gegen linke Rhetorik hindert mich vermutlich daran, das eine oder andere gedankliche Prunkstück richtig zu würdigen. Man sollte jedoch bedenken, dass aus einer Schwalbe noch kein Sommer abgeleitet werden kann, aus einem interessanten Theorem noch keine positive Gesamteinschätzung. Und für diese gilt aus meiner Sicht das Motto dieses Forums (auf der Startseite).

Und natürlich, EXILANT, haben linke Denker konservativen eine Menge zu verdanken! Was wären viele linksintellektuelle Skribenten ohne Heidegger und erst recht ohne Hegel (den ich für einen Konservativen halte)? Wenn Sie aber drum glauben, die täten das auch so sehen und Sie könnten mit ihnen "in einen offenen Dialog eintreten", halte ich das für einen fundamentalen Irrtum. Aber -- versuchen Sie's mal, jeder muss seine Erfahrungen machen. Bei u n s können Sie vielleicht mit Ihrer These,

Kapitalismuskritik und Identitätsfrage ist dann nur eine Frage des Ranges, tendenziell austauschbar

Gehör finden, bei denen gewiss nicht. Ich halte sie überdies für fundamental falsch, wenn ich das aus meiner kleinbürgerlich Sicht so schlicht sagen darf. Genauso gut könnten Sie behaupten, dass Körperhaut und Mantel tendenziell austauschbar seien. Das funktioniert nur, wenn Sie in des Kaisers neuen Kleidern wandeln.

Und noch ein Chapeau! für Herrn Brück! Scharfsinnige Kommentare gibt es hier viele, aber nur wenig optimistische, das ist endlich mal einer, vielen Dank!

Zamolxis
14. Juni 2013 12:16

Vier Aspekte der Verfassungstheorie Agambens:

Souveranität, Macht, Ausnahmezustand und Wiedereroberung des Byzanzs.

Giorgio Agamben entwickelt Carl Schmitts Souveranitätstheorie weiter.
Agamben spricht in diesem Zusammenhang von einem "Paradox der Souvernität", denn der Souverän steht zugleich außerhalb und innerhalb der Rechtsordnung", Giorgio Agamben, "Homo sacer. Die souveräne Macht und das nackte Leben", Suhrkamp, Berlin, 2002, S. 25.

Aufgrund dieses paradoxalen Charakters der Souvernität, des Umstands, dass sie zugleich außerhalb und innerhalb der Rechtsordnung steht, teilt sich die souveräne Macht in eine rechtssetzende (konstituierende) und eine rechtswahrende (konstitutierte) Gewalt, wobei der Souverän trotz dieser Teilung mit beiden Elementen in Verbindung bliebt. Der Ausnahmezustand liegt latent unter jeder Ordnung. Lesenswert: Martin Ludwig Hofmann, "Die Wiederkehr der Gewalt", S. 251, 260, "Der Staat", Berlin, 2005.

Die Souveranitätslehre Agambens basiert auf Popitz Machtdefinition. Demnach subsumiert sich Gewalt als erste Grundform der Machtausübung. Diese Grundformen lauten wie folgt: verletzende Aktionsmacht, instrumentelle Macht, autoritative Macht und datensetzende Macht. Quelle: Heinrich Popitz, Phänomene der Macht, 2. Auflage, 1992.

Agamben unterteil Europa in drei Macht- und Kultursphären: das germanische Europa, das lateinische Europa und das slawische Europa. Viktor Kriwulin, der konservative Denker der russischen Samiszdat, unterteilt Europa ebenfalls in drei Macht- und Kultursphären: das katholisch-protestantische Europa, das byzantinische Europa und das 3. Rom, das rusisschsprachige Europa. Kriwulin begründet seine Einteilung auf Grund des religiösen Fundaments. Dieses Fundament ist für spätere Entwicklung der sozialen Ordnung massgebend.

Kriwulin hat 1994 die Wiedergründung, Rückkehr und Wiedereroberung des Byzanzs. Zufall oder Schicksaltag der Geschichte, der Volksaufstand vom Taksimplatz begann am Jahrestag (29.05.1453) der Eroberung Constantinopels. Am Morgen des 30.05.2013 demonstrierten junge sekuläre Türken für Meinungs-, Demonstrations-, und Religionsfreiheit.

Die Zeitachse der konservativen Reconquista beinhaltet vier Zeitparameter: 1453, 1813, 1913 und 2013.

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