Karl Kraus

Karl Kraus

Eins meiner Steckenpferde, die Physiognomik, wird heute gemeinhin zu den „Pseudowissenschaften" gezählt. Das kann ruhig stimmen, auch wenn die Liste von Vertretern des phsysiognomischen Zugriffs lang und prominent ist - von der Antike ganz abgesehen, bedienten sich später Albertus Magnus, Dürer, Galen und ungezählte andere solcher Herangehensweise an den Menschen.

Man mag sie als obskure Geheimwissenschaft apostrophieren oder als „Schädelkunde" diskreditieren - ich nenne sie die Lehre vom Antlitz.

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

Wer sich der Phy­sio­gno­mik in abwer­ten­der Absicht bedient, der mag sich in halb-ras­sis­ti­sche Gefil­de bege­ben – anders, wenn man sie als Men­schen­kennt­nis und erwei­ter­te Seh-Schu­le begreift. Wer mir eine Bil­der-Lis­te von, sagen wir, Mit­glie­dern des deut­schen Bun­des­tags vor­legt, dem sag ich, wer Sozi­al­de­mo­krat, wer libe­ral und wer grün ist: Die Tref­fer­quo­te dürf­te bei 90% liegen.

Wenn ich den Pro­to­typ jener Kli­en­tel zeich­nen (kann ich nicht: also als Phan­tom­bild am Poli­zei­rech­ner bas­teln) müß­te, die auf unse­rem Rit­ter­gut den Ver­an­stal­tun­gen des Insti­tuts für Staats­po­li­tik bei­wohnt, käme unge­fähr die Erschei­nung her­aus, die hier links oben Karl Kraus zeigt.

Ob Karl Kraus dabei gewe­sen wäre? Eine Anma­ßung, logisch. Heu­te dür­fen wir den 135. Geburts­tag fei­ern – der 110. Geburts­tag sei­nes publi­zis­ti­schen Kin­des, „Die Fackel” liegt übri­gens nur ein paar Tage zurück. Wiki­pe­dia schreibt:

Unter dem Mot­to Was wir umbrin­gen, das er dem rei­ße­ri­schen Mot­to Was wir brin­gen der Zei­tun­gen ent­ge­gen­hielt, sag­te er der Welt, vor allem der der Schrift­stel­ler und Jour­na­lis­ten, den Kampf gegen die Phra­se an und ent­wi­ckel­te sich zum wohl bedeu­tends­ten Vor­kämp­fer gegen die Ver­wahr­lo­sung der deut­schen Sprache.

Die­ser Karl Kraus, wort­ge­wal­ti­ger Sati­ri­ker, Mis­an­throp, zum Katho­li­zis­mus kon­ver­tier­ter Jude, wech­sel­wei­se Anhän­ger von Sozi­al­de­mo­kra­tie, dann Franz Fer­di­nand, zuletzt von Engel­bert Dol­lfuß, ist einer unse­rer ganz Gro­ßen. Viel Feind – viel Ehr, hier trifft’s den Nagel auf den Kopf. Geblie­ben ist von dem mit Pro­zes­sen über­zo­ge­nen Publi­zis­ten und Dra­ma­tur­gen (Die letz­ten Tage der Mensch­heit), wie so oft, ein gewal­ti­ger Nachruhm.

Pres­se und Phra­se gal­ten ihm als ein Begriff, auf ihn dürf­te das Schmäh­wort „Jour­nail­le” zurück­ge­hen. Ob’s heu­te einen Spruch-Kalen­der ohne Karl-Kraus-Apho­ris­men gibt?
Neh­men wir den:

Ein His­to­ri­ker ist nicht immer ein rück­wärts gekehr­ter Pro­phet, aber der Jour­na­list immer einer, der nach­her alles vor­her gewußt hat.

Oder den:

Die deut­sche Spra­che ist die tiefs­te, die deut­sche Rede die seichteste.

Und, wun­der­schön aus pazi­fis­ti­schen Munde:

Soll­te man, ban­gend in der Schlacht­ord­nung des bür­ger­li­chen Lebens, nicht die Gele­gen­heit ergrei­fen und in den Krieg desertieren?

Ellen Kositza

Ellen Kositza ist Literatur-Redakteurin und Mutter von sieben Kindern.

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