Sezession
19. Juni 2013

Tanacetum vulgare

Gastbeitrag / 15 Kommentare

132_tanacetum_vulgare_rainfarn_common_tansyvon Heino Bosselmann

Gemeiner Rainfarn ist ein wucherndes und zählebiges Kraut, eine wintergrüne Halbrosettenpflanze, die fast einen Meter tief wurzelt und sich als Kriechwurzler sogar vegetativ vermehrt. Faszinierend, was für eine Überlebensstrategie eine Pflanze entwickelt. Sie bildet stark riechende Öle: Campher, Borneol, Thujon. Und diverse Bitterstoffe. Mit dem Vorteil, daß das Weidevieh sie verschmäht.Mit dem Nachteil: Weil das Pferd den Rainfarn stehenläßt, wuchert er und muß gemäht werden, damit er sich nicht ausbreitet und die anderen Wiesenpflanzen dominiert. Da sein Sproß extrem zäh ist, braucht man eine Motorsense für einen Vormittag Rainfarn-Mahd. Der starke fünfkantige Nylon-Mähfaden zerdrischt und verhäckselt alles.

Man steht als Mäher in dem frischen, urgesund anmutenden Duft und denkt: Sind es eigentlich die Maschinen selbst, die den Menschen veranlassen, ratzekahl mit der Natur aufzuräumen oder gar auf seinesgleichen loszugehen? Ist den Maschinen irgendwie verflixt-mephistophelisch als Prädikat eingeschrieben, welches Unheil sie zuweilen bereiten? Nicht mal des Rainfarns würden wir Herr, gäbe es nicht rabiate Technik. Wir wollen immer Herr werden über irgendwas.

Sicher, am Anfang mag eine ingenieurtechnische Idee stehen. Bevor Hiram Maxim 1885 das erste Maschinengewehr vorstellte, beschäftigte er sich in Maine mit dem Bau von Kutschen und Instrumenten und war dann Chefingenieur der First Electric Lighting Company. Als ihm jemand erzählte, daß in Europa Spannungen herrschten, die einen Krieg erwarten ließen, ging er nach London und richtete sich dort eine Waffenwerkstatt ein. Zwanzig Nationen rüsteten ihre Streitkräfte mit dem Maxim-Gewehr aus, das mit fünfhundert Schuß in der Minute über die Feuerkraft von 100 einfachen Gewehren verfügte.

Und es gibt schrecklichere Beispiele für Erfindungen, die aus irgendeinem Motiv heraus ersonnen wurden, dann aber wegen ihrer fürchterlichen Möglichkeiten ein Eigenleben zu beginnen scheinen. Alle Massenvernichtungsmittel bildeten so ihre Geschichte aus, oft sehr weit entfernt von der Intention ihres Erfinders. Der mitunter – wie Andrej Sacharow – durch deren Wirkung geläutert wurde.

Blödsinnig, wird es heißen, eine Motorsense mit Maschinengewehren, Giftgas und der sowjetischen Wasserstoffbombe zu vergleichen. Tatsächlich? Nie und nimmer würde ich den Rainfarn auf ca. einem Hektar mit einer Handsense gemäht haben! Keinesfalls hätte ich die auf dem alten Hof lagernden alten Eichen- und Robinienpfähle allein mit der Bügelsäge zu Brennholz verarbeitet. Ich besorgte das mit einer exzellenten Kettensäge. Die technische Möglichkeit verlangt nach tatsächlicher Wirklichkeit.

Hiram Maxim wurde von Queen Victoria in den Ritterstand erhoben. Er brachte es auf 271 Patente und erfand sogar eine Mausefalle. Sein Sohn übrigens den Schalldämpfer für Waffen, der später adaptiert für Autos genutzt wurde.

Was wollte ich eigentlich sagen? – Dem Rainfarn hat seine gesamte Evolution gegen die Motorsense nichts genützt – nicht sein harter Sproß, nicht die tiefe Wurzel, nicht die Bitterstoffe. Ich lese, die Pflanze wurde volkstümlich auch Gülde oder Westenknöpfle genannt. Ihrer kleinen festen Korbblüten wegen. Die benutzten Kinder früher als Spielgeld.

Durch ihren intensiven Geruch hält das Kraut Ungeziefer fern, beispielsweise den Kartoffelkäfer. Man soll es in Särge gelegt und Leichentücher damit getränkt haben. Zusammen mit Alaun ergeben die Blütenknöpfe ein dunkelgelbes Färbemittel; sogar ein dunkelgrünes kann man mit Eisensulfat herstellen. Von den Pflanzen leben Raupen, etwa die der Rainfarn-Mönch, der Smaragdspanner und Eulenfalter. Was für schöne Namen! Die Sackträgermotte ist sogar gänzlich auf Rainfarn spezialisiert.

Eine erstaunliche Pflanze. Wie nützlich. Und doch ist sie hier jetzt abgemäht und wird kompostiert. Weil das Pferd sie nicht frißt. Weil sie stört. Weil es diese famose Motorsense gibt, mit über einem Kilowatt Leistung. Das sind beinahe eineinhalb Pferdestärken.


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Kommentare (15)

Raskolnikow
19. Juni 2013 07:31

Erheblichster Einspruch!

"Nie und nimmer" hätten Sie den Rainfarn gesenst? Natürlich lasse ich Sie thun, was Sie belieben, aber bei uns giebt es die sobenannten Heidesensen, in südlicheren Gegenden heißt man sie Forstsensen. Es sind treffliche Modelle von "Hahnenkopf" oder "Schwalbensensen" erhältlich!

Glauben Sie mir, lieber Herr Bosselmann, damit machen Sie uns für zwei Tage den Tolstoi und der Hektar ist tanacetum-frei. Als Sportler könnten Sie die Operation in ihren Trainingsplan implicieren und als Dichter ...

Wohlwollend betrachte ich immer die Schnitter von meinem Fensterchen hier oben, wahre Chevaliers der Wiesen, und Groll werfen meine Basiliskenäuglein auf diese schrecklich lärmenden Motorsenser. Nein, nein, Herr Bosselmann!

Und um fürbaß ein wenig weiter oberhalb zu conversieren: alle Gegner des verächtlichen Deutschen Reinheitsgebotes haben sicher keinen Schaden gelitten, wenn ich sie in Kenntnis setze, dass der Rainfarn in freieren Zeiten dem Biere zugesetzt war! Gemeinsam mit Tollkirsche, Bilsenkraut und allerlei anderen erhabenen Ingredecien ergab das ein wirklich "geistig" zu nennendes Getränk ...

Ahoi,

R.

Weltversteher
19. Juni 2013 07:50

Naja, Pferde sind so ziemlich die schlechtesten Weidepfleger. Wenn der Mensch die Schwerpunkte so ungünstig legt, muß er hernach die Fehler seines Denkens mit (Maschinen-)Gewalt ausbügeln. Das kennen wir doch auf vielen Gebieten.
Mit Weitblick planen, die ganze Schöpfung bedenken, Leben und leben lassen!

Heino Bosselmann
19. Juni 2013 07:56

Wohl wahr! Aber: 1.) Der Rainfarn wird schon wieder. 2.) Vorher pflegten hier Schafe die Weide. Und ließen rein nichts mehr stehen. – Ihr zweiter Satz trifft hier tatsächlich auf die gesamte Großflächenwirtschaft zu: Alle Brachflächen sind wieder einbezogen, weil "Energiepflanzen" angebaut werden. Die Abnahme der Artenvielfalt ist sichtlich spürbar.

Heino Bosselmann
19. Juni 2013 08:05

Dem Biere? Als Bittermittel? Hätte die DDR-Brauindustrie wissen sollen, um keine Hopfenimporte nötig zu haben. (Ging ja die Legende, man bitterte das Hell schon mit Rindergalle …). Im übrigen: Motorsense ist freilich Banaussigkeit und Ausdruck von Unkultur. Ansonsten wird hier von Hand gemäht. Schön runde Schwünge im morgenfeuchten Gras einüben. Noch dies: Ich hatte beim Wegraspeln des "Unkrauts" wirklich den Eindruck, daß Technik aus ihrer reinen Funktionalität heraus mitunter den Frevel befördert oder dazu verlockt. PS: Rainfarn soll die Heilpflanze des Achilles gewesen sein…

Waldgänger
19. Juni 2013 09:42

Herr Bosselmann, danke für diese schöne Kolumne.
Beginnend im Kleinen findet sich oft der Weg zu tiefsinnigen und größeren Gedanken.

Karl Eduard
19. Juni 2013 10:27

Niemand muß etwas tun, nur weil es die technischen Möglichkeiten gibt. Das ist eine lahme Ausrede.

Vor der Anschaffung der Motorsense steht nämlich die gedankliche Auseinandersetzung damit. Wer so ein Ding kauft, der ist auch bereit, Kahlmahd zu machen. Also bitte kein Gejammer. Und auch wer so ein Ding besitzt, muß nicht alles mähen, was ihm vor die Flinte kommt. Aber es brummt und flutscht halt so schön und wenn man mal dabei ist ... . Da kommt dann das Kind im Manne durch.

Aber was wird hier eigentlich beklagt? Daß der Mensch sich das Leben leichter macht, in dem er sein Gehirn bemüht? Ja, wer möchte nicht gerne ohne Wasserclosett, Dusche und Kühlschrank auskommen oder den Supermarkt? Oder die Möglichkeit, über kilometerweite Entfernungen mit Freunden zu kommunizieren, ohne die Post einem Boten anvertrauen zu müssen? Zurück zur Natur, raus aus der Stadt, leben wir usprünglich und weben unsere Kleidung selbst, wobei die Frau das Spinnrad unablässig dreht und irgendjemand auch den Flachs oder die geschorene Wolle vorbehandeln muß.

Früher war nicht alles besser aber ursprünglich. Kinder sind barfuß zur Schule gelaufen und haben am nachmittag Ziegen gehütet und Antibiotika waren ein Fremdwort. Niemand wird aber daran gehindert, wieder so zu leben. Wenn er es kann. Die meisten Menschen der modernen Zivilisation wären materiell oder geistig dazu gar nicht mehr in der Lage. Und warum sollen sie auch?

Inselbauer
19. Juni 2013 10:45

Meine Tante hat eine Blaubeeren-Plantage. Dort müssen laufend die Farne ausgerissen werden. Das erledigt die Olympia-Veteranin mit den Händen, gebückt, in Gummistiefeln, und sie braucht dazu ein paar China-Arbeitshandschuhe die Woche. Ihren Mann hat sie früher, weil das "gesund" sein soll, immer barfuß über den Wurzelboden des steilen Waldstücks vor der Plantage laufen lassen um Erfrischungen zu bringen. Natürlich hat er sich immer wieder man den Mittelfußknochen gebrochen, musste aber die Zähne zusammenbeißen. Er hat sich schließlich erschossen.
"Off Topic" nennt man das bei PI (...) ich finde es gut als Kommentar zu Ihrer Motorsense

Halmeimer
19. Juni 2013 11:12

"Blödsinnig, wird es heißen, eine Motorsense mit Maschinengewehren, Giftgas und der sowjetischen Wasserstoffbombe zu vergleichen. Tatsächlich? Nie und nimmer würde ich den Rainfarn auf ca. einem Hektar mit einer Handsense gemäht haben! Keinesfalls hätte ich die auf dem alten Hof lagernden alten Eichen- und Robinienpfähle allein mit der Bügelsäge zu Brennholz verarbeitet. Ich besorgte das mit einer exzellenten Kettensäge. Die technische Möglichkeit verlangt nach tatsächlicher Wirklichkeit."

Man könnte spekulieren dass es ja genau die moderne Gesellschaft mit ihrem gewaltig angeschwollenen Energie-, Rohstoff- und Kapitaleinsatz ist, die es uns erlaubt, mit unserem Muskelschmalz so sparsam umzugehen. Wenn Sie das Brennholz oder die Weide tatsächlich brauchen (und nicht dank globaler Lebensmittellogistik und Zentralheizung nur als Hobby pflegen), dann behelfen Sie sich auch mit Bügelsäge oder "normaler" Sense.

Pardon wenn das jetzt doppelt erscheinen sollte, beim ersten Sendeversuch "hing" das Netz kurz.

Inspektor Dreyfuß
19. Juni 2013 11:44

Das Maschinengewehr, die gezogene Artillerie mit Brisanzgeschossen, der Stacheldraht haben, genauso wie deren technische Überwindung, das gepanzerte Automobill den "Ersten" Weltkrieg auf dem Schlachtfelde wesentlich beeinflußt; die "Stinger" hat auf dem Rücken der Afghanen die Rote Armee vertrieben, bzw. deren Hind-Helikopter; und nicht das getrennte Maschieren besiegte die KuK-Armee bei Königgrätz, sondern die rechtzeitige Einführung des Zündnadelgewehres.

Frank Lisson hat also ganz recht. Was ist, das ist. Ob es einem schmeckt oder nicht. Und niemand hier verzichtet freiwillig auf das Automobil oder den "Rechner".
Schöne Optik ist es, das heißen als heißen zu bezeichnen. Mehr nicht.

Der "Rechner" und dessen Netzwerke werden das Sein bestimmen. Und zwar zu unserem Vorteil. Es handelt sich um das erste Massenkomunikationsmittel, das zweigleisig ist. Thing, Kanzel, Bibel und Buchdruck, Massendruck, Radio, Fernsehgerät. Alles wurde jeweils vom "Beeindruckenderen" überflügelt. So auch heute.
Und einige Medien eignen sich zur Massenbeeinflussung, andere dienen gegensätzlicherweise der Vielfalt. Freie Rede, Buch- und Massendruck waren schwer zu beherrschen. Kanzel, Radio und Fernsehen sind die Mittel der Massenbeherrschung.
Das Internet ist zumindest noch derzeit das Medium der "Entherrschung" derjenigen, die bisher mittels TV-Röhre die Massen beherrschten. Selbstverständlich folgt darauf die nächste "Reformation" und zwar unausweichlich.
Wem es nicht gefällt, soll doch bitte mit der Sense weiter seinen Rasen schneiden und seinen Computer verschenken.

Diese Leute nehmen sich selbst von der Metapolitik aus. Sie verkörpern deren Gegenteil. Das Ende. Das Ende wird nicht von denjenigen bereitet, die das Ende aktiv befördern, also vom jeweiligen Feind, sondern von jenen, die aufgehört haben, sich mit dem Feind auseinanderzusetzen und ihn in der Macht zu überflügeln.

Inselbauer
19. Juni 2013 12:07

Monsieur Dreifüßler, wer das Maul in Richtung Technik gar so weit aufmacht, verrät damit, dass er keine gar zu enge Beziehung zur Technik hat. Wer täglich für früh bis spät und bis auf Klo vernetzt ist, entwickelt durchaus die Vorstellung, dass sich eine ganze Reihe von Schweinereien ohne Technik nicht ereignen würden. Es ist mir eine Freude, mich von der "Metapolitik" auszunehmen und niemanden mehr zu überflügeln. Ob Krummschwert oder Laserpistole, Konflikte werden nicht durch Bastler entschieden.
Die österreichische Armee ist bei Königgrätz geschlagen worden, weil man einfach die Schnauze voll hatte von der überdehnten Grenze, das ist alles. Bei den Halb-Balkanesen finden keine "Entscheidungsprozesse" statt, dort lässt man innerlich los und "verliert" dann. Das soll ja auch preussischen Menschen manchmal so gehen, wenn sie die Arschbacken nicht mehr zusammenkneifen wollen.

Inspektor Dreifuß
19. Juni 2013 17:54

Natürlich werden alle Kämpfe durch "Loslassen" entschieden. Nachdem die Vorstellung der Unmöglichkeit der Vermeidung der eigenen Niederlage Kraft gewonnen hat. Damit nimmt die Vorstellung (häufig fälschlich) das erwartete Ende voraus. Bei dem "Loslassen" handelt es sich um die Vorwegnahme des aufgrund harter Fakten vermuteten Ergebnisses: Die Aussichtlosigkeit des eigenen Handelns.

Alle militärischen Handlungen zielen ja auf die Psyche der Gegner mittels der Schaffung von Fakten und Dynamiken, selbst schon im Frieden.

Diesen kleinen gedanklichen Schritt hätten Sie selbst noch vollziehen können.

Marina
19. Juni 2013 18:49

Seltsam!
Ich dachte immer, die österreichische Armee bei Königgrätz wurde geschlagen, weil sie Vorderladergewehre hatte, und nicht wie die Preußen Hinterlader.
Gruß!

Grau
19. Juni 2013 19:51

Nun, so sehr überlegen waren die Zündnadelgewehre (zugleich Hinterlader) den Vorderladern nicht und schon gar nicht in allen Belangen (z.B. der nur ca. halben Reichweite).
Das war off topic - Entschuldigung dafür.

Karl Eduard
20. Juni 2013 14:50

Nein, natürlich waren die Zündnadelgewehre nicht so sehr überlegen. Sie hatten nur eine weit höhere Feuergeschwindigkeit, der Preuße konnte also mehrmals Feuern, während der Gegner noch im Ladevorgang war, er mußte für den Ladevorgang nicht Stehen und bot ein kleineres Ziel.

Die Reichweite war bei Königgratz Wurscht, da sich der Kampf im durchschnittenen und bewaldeten Gelände abspielte und die Österreicher auf den Bajonettkampf konditioniert waren. Ehe die dichten Kolonnen heran waren, waren sie zumeist demoralisiert und zerstreut.

Grau
20. Juni 2013 21:34

Nun, ich lasse Ihnen die alte Preußenmär doch gerne (nur was nutzt die weit (?) höhere Feuergeschwindigkeit im Walde?)
Vielleicht birgt das Zündnadelgewehr ja sogar ein Gleichnis für die Motorsense.

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