125. Geburtstag Emanuel Hirsch

(Text aus dem Band Vordenker des Staatspolitischen Handbuchs, Schnellroda 2012.)

von Karlheinz Weißmann

Selbst seinem theologischen und politischen Hauptgegner, Karl Barth, erschien er als außergewöhnlich »gelehrter und scharfsinniger Mann«, und für Wolfgang Trillhaas, einen der wenigen, die sich mit ihm wissenschaftlich befaßten, als »der letzte Fürst der … evangelischen Theologie «. Sonst ist der Tonfall der Urteile über Emanuel Hirsch im allgemeinen negativ und scharf verurteilend.

 Gastbeitrag

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Denn Hirsch erscheint als leben­der Wider­spruch zu der The­se, daß der Faschis­mus bzw. Natio­nal­so­zia­lis­mus per se geist­feind­lich und theo­rie­un­fä­hig gewe­sen sei. Der »Nazi-Intel­lek­tu­el­le « (Robert P. Erick­sen) hat­te sich 1933 – wie sonst nur noch Hei­deg­ger, Schmitt oder Benn – rück­halt­los auf die Sei­te Hit­lers und des NS-Regimes gestellt und anders als die Genann­ten sei­ne Posi­ti­on auch nicht mehr revi­diert. Als jun­ger Dozent und seit 1921 als Pro­fes­sor für Kir­chen­ge­schich­te galt Hirsch in ers­ter Linie als Trä­ger der von sei­nem Leh­rer Karl Holl ein­ge­lei­te­ten »Luther­re­nais­sance «. Aller­dings war bei Hirsch in der Nach­kriegs­zeit schon eine gewis­se Akzent­ver­schie­bung zu erken­nen, die man im Grun­de nur als Neu­auf­nah­me libe­ra­ler Vor­stel­lun­gen deu­ten konn­te. Er beton­te jeden­falls, daß es not­wen­dig sei, zwi­schen der »Dia­lek­ti­schen Theo­lo­gie« und dem »jun­gen Luther­tum« zu vermitteln.

Ein Grund für sei­ne Bemü­hun­gen in die­se Rich­tung war weni­ger theo­lo­gi­scher, eher poli­ti­scher, im Grun­de theo­lo­gisch-poli­ti­scher Natur. Denn Hirsch gehör­te zu denen, die nicht nur unter der Kriegs­nie­der­la­ge und dem Ver­sail­ler Ver­trag lit­ten, son­dern die auch nicht ver­wan­den, daß das August­er­leb­nis von 1914 ohne blei­ben­de Bedeu­tung für die Volks­ge­mein­schaft geblie­ben war. Schon in sei­nem 1920 erschie­ne­nen Buch Deutsch­lands Schick­sal – das bis 1925 drei Auf­la­gen erleb­te – hat­te er sei­ne Posi­ti­on unmiß­ver­ständ­lich zum Aus­druck gebracht und sich als Ver­tre­ter der Kon­ser­va­ti­ven Revo­lu­ti­on zu erken­nen gege­ben. Aller­dings war Hirschs Kri­tik der Wei­ma­rer Repu­blik in der Hin­sicht gemä­ßigt, daß er die Legi­ti­mi­tät der neu­en Ver­hält­nis­se prin­zi­pi­ell aner­kann­te, vor­aus­ge­setzt, sie erwie­sen sich tüch­tig, den Deut­schen zum Wie­der­auf­stieg zu ver­hel­fen. Bis zum Beginn der drei­ßi­ger Jah­re hielt Hirsch an die­ser Posi­ti­on fest und galt neben dem ihm eng ver­bun­de­nen Paul Alt­haus als füh­ren­der Kopf der Jung­kon­ser­va­ti­ven im deut­schen Protestantismus.

Öffent­lich bekann­te er sich bis 1932 zur DNVP, nahm dann aller­dings vor der Reichs­prä­si­dent­schafts­wahl gegen Hin­den­burg und für Hit­ler Stel­lung. Der Vor­gang erreg­te Auf­se­hen und führ­te zu schar­fen Angrif­fen auf Hirsch, die ihn aber unbe­ein­druckt lie­ßen. Er begrün­de­te in dem Buch Von christ­li­cher Frei­heit (1934) sei­nen Schritt theo­lo­gisch und ver­wies auf die Not­wen­dig­keit der wagen­den Ent­schei­dung. Zwi­schen Hirschs theo­lo­gi­schen Auf­fas­sun­gen und denen eini­ger sei­ner schärfs­ten Geg­ner bestand aller­dings nicht sel­ten eine struk­tu­rel­le Ähn­lich­keit. Denn es gab bei ihm nicht nur die Nähe zu allen, die dar­auf beharr­ten, daß Got­tes Han­deln für den Chris­ten in der Geschich­te ables­bar blei­ben müs­se, son­dern auch eine Art Deckungs­gleich­heit mit dem Pro­gramm der »Ent­my­tho­lo­gi­sie­rung« und der Vor­stel­lung vom »mün­di­gen Christentum«.

Was den ers­ten Punkt betrifft, so hat Hirsch nicht nur dezi­diert zuguns­ten Bult­manns Stel­lung genom­men und ver­langt, daß jene »mythen­zer­stö­ren­de Refle­xi­on« vor­an­ge­trie­ben wer­de, die mit der his­to­ri­schen Bibel­kri­tik ihren Anfang genom­men habe. Es gibt bei ihm auch For­mu­lie­run­gen, die fast denen Bon­hoef­fers glei­chen, der im Kern wie Hirsch davon aus­ging, daß sich das »Wahr­heits­ver­ständ­nis« seit der Auf­klä­rung ein für alle­mal ver­än­dert habe und die tra­dier­ten Vor­stel­lun­gen von Gott, Kir­che und Glau­be nicht mehr auf­recht­zu­er­hal­ten sei­en. Daß das alles gemein­hin über­se­hen wird, hat in ers­ter Linie damit zu tun, daß die theo­lo­gi­sche Ent­wick­lung Hirschs in den drei­ßi­ger und frü­hen vier­zi­ger Jah­ren ver­deckt wird durch die Hart­nä­ckig­keit, mit der er an sei­ner Auf­fas­sung von Got­tes Tat an Hit­ler und dem Natio­nal­so­zia­lis­mus fest­hielt und die Vor­stel­lung ver­tei­dig­te, daß sich mit Hil­fe der »Glau­bens­be­we­gung Deut­sche Chris­ten« (DC) der not­wen­di­ge kirch­li­che Neu­an­satz bewerk­stel­li­gen lasse.

Tat­säch­lich war Hirsch – abge­se­hen von Ger­hard Kit­tel – der ein­zi­ge evan­ge­li­sche Theo­lo­ge von Rang, der zur DC hielt, und in sei­ner Zeit als Dekan der Göt­tin­ger Theo­lo­gi­schen Fakul­tät, wo er 1936 den Lehr­stuhl für Sys­te­ma­tik über­nom­men hat­te, ver­such­te er auch das Pro­gramm des Reichs­kir­chen­mi­nis­te­ri­ums gegen alle Wider­stän­de der »Beken­nen­den« durch­zu­set­zen. Nach sei­nem Rück­tritt als Dekan, 1939, zog Hirsch sich zwar weit­ge­hend auf die wis­sen­schaft­li­che Arbeit zurück, aber dar­aus kann nicht auf einen Gesin­nungs­wan­del geschlos­sen wer­den. Das gute Dut­zend Bücher, das er zwi­schen 1933 und 1943 abfaß­te, dien­te vor allem dem Zweck, eine Bilanz der Ent­wick­lung des Chris­ten­tums zu zie­hen und die Fra­ge zu klä­ren, wel­che Wege in Zukunft noch gang­bar sei­en. In die­sen Zusam­men­hang gehört auch das für jeden Theo­lo­gen bis heu­te unver­zicht­ba­re Hilfs­buch zum Stu­di­um der Dog­ma­tik (1937).

Man muß die außer­or­dent­li­che Leis­tung Hirschs auch ange­sichts der Tat­sa­che wür­di­gen, daß er schon in sei­ner Jugend ein Auge ver­lo­ren hat­te und auf dem ande­ren seit Beginn der drei­ßi­ger Jah­re erblin­det war. Als er am 30. Mai 1945 einen Antrag stell­te, wegen Dienst­un­fä­hig­keit aus dem Amt zu schei­den, war der eigent­li­che Grund aller­dings, daß er die Ent­na­zi­fi­zie­rung umge­hen woll­te. Es gab spä­ter Ver­su­che, ihn regu­lär zu eme­ri­tie­ren, die aber alle fehl­schlu­gen. Hirsch hat trotz­dem sei­ne wis­sen­schaft­li­che – und in stei­gen­dem Maß – sei­ne schrift­stel­le­ri­sche Tätig­keit fortgesetzt.

Abge­se­hen davon, daß sei­ne Haupt­wer­ke wegen ihres Rangs immer wei­ter erschie­nen und eini­ge neue­re Arbei­ten – etwa die magis­tra­le, fünf Bän­de umfas­sen­de Geschich­te der neue­ren evan­ge­li­schen Theo­lo­gie (1949– 1954) oder Haupt­fra­gen christ­li­cher Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie (1963) – ohne Zögern von gro­ßen Ver­la­gen in deren Pro­gramm auf­ge­nom­men wur­den, hat­te Hirsch eine Art »Gemein­de« (um den Ver­lag »Die Spur«), die auch eine ambi­tio­nier­te, bis in die Gegen­wart fort­ge­setz­te Gesamt­aus­ga­be vor­an­trieb, und ähn­lich wie Schmitt einen »Hof« und einen enge­ren Kreis von Anhän­gern, die sich um den gro­ßen Ver­fem­ten sam­mel­ten und mehr oder weni­ger offen zu ihm bekannten.

Schrif­ten: Fich­tes Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie im Rah­men der phi­lo­so­phi­schen Gesamt­ent­wick­lung Fich­tes, Göt­tin­gen 1914; Chris­ten­tum und Geschich­te in Fich­tes Phi­lo­so­phie, Tübin­gen 1920; Deutsch­lands Schick­sal, Göt­tin­gen 1920; Die gegen­wär­ti­ge geis­ti­ge Lage, Göt­tin­gen 1934; Christ­li­che Frei­heit und poli­ti­sche Bin­dung, Ham­burg 1935; Hilfs­buch zum Stu­di­um der Dog­ma­tik, 1937 (4. Aufl. 2002); Die Umfor­mung des christ­li­chen Den­kens in der Neu­zeit, Tübin­gen 1938; Geschich­te der neu­ern evan­ge­li­schen Theo­lo­gie im Zusam­men­hang mit den all­ge­mei­nen Bewe­gun­gen des euro­päi­schen Den­kens, 5 Bde., Güters­loh 1949–54 (5. Aufl. 1975); Haupt­fra­gen christ­li­cher Reli­gi­ons­phi­lo­so­phie, Ber­lin 1963.

Lite­ra­tur: Ulrich Barth: Die Chris­to­lo­gie Ema­nu­el Hirschs, Ber­lin 1992; Robert P. Erick­sen: Theo­lo­gen unter Hit­ler: Das Bünd­nis zwi­schen evan­ge­li­scher Dog­ma­tik und Natio­nal­so­zia­lis­mus, Mün­chen 1986; Joa­chim Ring­le­ben (Hrsg.): Chris­ten­tums­ge­schich­te und Wahr­heits­be­wußt­sein: Stu­di­en zur Theo­lo­gie Ema­nu­el Hirschs, Ber­lin 1991.

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