Sezession
20. Juni 2013

60. Todestag Hendrik de Man

Gastbeitrag

9783935063562(Text aus dem Band Vordenker des Staatspolitischen Handbuchs, Schnellroda 2012.)

von Luc Pauwels

Der Flame De Man war sowohl sozialistischer Theoretiker von Weltformat als auch Vertrauensmann des belgischen Königs Leopold III., Professor mit großbürgerlichem Hintergrund und Vorsitzender der belgischen sozialistischen Partei. Die Synthese von Nationalismus und Sozialismus die er suchte, war nicht die der deutschen Nationalsozialisten – wenn es die überhaupt gab.

Sein „Kultursozialismus“ war konservativ, die soziale Ordnung, die er anstrebte, revolutionär. Im politischen Tagesgeschäft war er denkbar ungeschickt, seine Kollaboration mit den Deutschen ein Fiasko, das er schon 1941 enttäuscht beendete. De Man bezog nach dem Schulabschluß die Universität Gent, aber die verwies ihn 1905 wegen Beteiligung an einer Kundgebung zu Gunsten der russischen Arbeiterrevolte. Er reiste daraufhin nach Deutschland, wurde Redakteur der Leipziger Volkszeitung und kam so in persönlichen Kontakt mit führenden Sozialdemokraten wie August Bebel, Karl Kautsky, Karl Radek, Rosa Luxemburg und Otto Bauer.

Im Reich konnte er sein Studium abschließen und promovierte zum Dr. phil., gleichzeitig gründete er 1907 mit Karl Liebknecht und Ludwig Frank die Sozialistischen Jugend-Internationale, deren erster Sekretär er wurde. Während eines Semesters an der Universität Wien geriet der Flame de Man in den Bann des Austromarxismus, der den Sozialismus mit der Lösung der Nationalitätenfrage verknüpfen wollte. Dann zog er für ein Jahr nach England (1910), fasziniert von der englischen Arbeiterbewegung, die den Marxismus ablehnte.

Zurück in Belgien beauftragten die Sozialisten ihn mit der Leitung der Zentrale für Arbeitererziehung. Als 1914 der französische Sozialistenführer und Pazifist Jean Jaurès ermordet wurde, reiste De Man mit dem SPD-Vorsitzenden Hermann Müller nach Paris, um sich der – vergeblichen - Friedensoffensive der Sozialisten aller Länder anzuschließen. In seine Heimat zurückgekehrt, meldete De Man sich als Freiwilliger zur belgischen Armee. Spartanisch erzogen, paßte er sich rasch dem Frontleben an und wurde Offizier. In seiner Freizeit unterrichtete er analphabetische Soldaten. Der Krieg an sich war ihm tief zuwider. Im Auftrag der Regierung begab er sich 1917 mit dem sozialistischen Staatsminister Vandervelde nach Russland, weil man einen deutsch-russischen Separatfrieden fürchtete. Während der Reise begegnete er Trotzki, Lenin und Thomas Masaryk.

Während des Krieges hatte sich De Man endgültig vom Marxismus gelöst, erkannte aber auch die Sackgasse, in die der Reformismus führte. Er schlug den Sozialisten jetzt einen „Kultursozialismus“ vor, einen „dritten Weg“ insofern, als Kultur nicht mehr als „Überbau“ begriffen wurde wie bei Marx, nicht mehr als metapolitische Vorstufe der Macht wie bei Gramsci, sondern als Ziel der sozialen Emanzipation und als „Kampf um die Seele“.

1926 veröffentlichte De Man dann bei Eugen Diederichs sein Hauptwerk Zur Psychologie des Sozialismus, in dem er zum ersten Mal den Kultursozialismus als Ziel und den „Planismus“ als Methode systematisch darstellte. Übersetzt in 26 Sprachen, fand das Buch weltweit Widerhall. De Man verwarf jetzt die mechanistische Geschichtsauffassung des historischen Materialismus, da „die letzte Instanz eine voluntaristische Instanz“ ist, der Wille ist grundlegend. Infolge seiner klaren Absage an den Klassenkampf, formulierte er seinen neuen Sozialismus als ethisch-kulturelle Aufgabe, nicht einer Klasse, sondern aller Völker. Eigeninitiative und Konkurrenz wollte er in seine Gesellschaftsvision integrieren, er setzte auf „die autonome Organisation der Berufsinteressen, d. h. den Korporatismus, statt auf zentralisierten bürokratischen Zwang, d. h. Etatismus“.

Später (1934) forderte er alle Sozialisten ausdrücklich auf, den Korporatismus nicht den Reaktionären zu überlassen. 1929 wurde De Man Lehrbeauftragter für Sozialpsychologie an der Universität Frankfurt. Er versuchte sich außerdem auf kultureller Ebene mit dem Festspiel "Wir!": Sprechchöre kombinierte er hier auf avantgardistische Weise mit Filmfragmenten, Orchester und Gesang. Die Uraufführung in Frankfurt, am 1.Mai 1932, mit 2.000 Mitwirkenden und 18.000 Zuschauern, wurde ein großer Erfolg. Allerdings arbeitete die politische Entwicklung im Reich gegen ihn und seine Vorstellungen. Anfang 1933 wurden die Bücher De Mans in Frankfurt öffentlich verbrannt. Trotzdem lud man ihn im Mai 1933 ein, seine Lehrtätigkeit weiterzuführen, was er ablehnte, „bis es in Deutschland wieder unbeschränkte Lehrfreiheit gibt“. Er kehrte nach Brüssel zurück und lehrte jetzt Sozialpsychologie an der Université Libre de Brüssel.


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