Wach ablösen!

49pdf der Druckfassung aus Sezession 49 /August 2012

Man müßte einmal einen Bildband für Freunde des schwarzen Humors herausgeben, eine Art »Worst of« der schwachsinnigsten und häßlichsten Kunstwerke im öffentlichen Raum. Material dafür findet sich heute schon in jedem Provinznest. Wozu überhaupt noch Kunst gemacht wird und was der Sinn von Plastiken in der Fußgängerzone sein soll, weiß indessen kein Mensch mehr. Kunstkritik und Kunstpraxis haben sich ins Beliebige aufgelöst. Die Bevorzugung von Formanarchie, Ironie, Miserabilismus und Verweigerungsgeste ist zum unhinterfragten Selbstläufer geworden.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

Die Gewis­sen­haf­tig­keit, mit der sich vor sech­zig Jah­ren ein Hans Sedl­mayr um die Fra­ge nach der »Wahr­heit« der Kunst bemüh­te, wirkt auf uns heu­ti­ge Abge­brüh­te gera­de­zu rüh­rend. Ein Bild kön­ne etwa nur dann wirk­lich »schön« genannt wer­den, wenn es neben dem hand­werk­li­chen Kön­nen auch »eine Bezie­hung zur Seins­ord­nung«, zur Wahr­heit, ein­ge­he, wenn also dem Bild­ge­halt ange­mes­se­ne, adäqua­te Bild­mit­tel ent­spre­chen. Ein Schin­ken etwa, der Hit­ler als edlen Kreuz­rit­ter zeigt, wird zu Recht als Pro­pa­gan­da­kitsch wahr­ge­nom­men; mit einem Löwen kann man nicht die Sanft­mut oder Feig­heit sym­bo­li­sie­ren, und mit einer Hure oder einem Mist­hau­fen nicht die Rein­heit. Gäbe es das Kri­te­ri­um der Ange­mes­sen­heit von Form und Inhalt nicht, wür­de es logi­scher­wei­se auch kei­ne iro­ni­sche, komi­sche, sati­ri­sche, absur­de, »dia­lek­ti­sche« oder gar offen »dia­bo­li­sche« Kunst geben.

Ver­ges­sen und ver­schmäht sind die klas­si­schen Auf­ga­ben der Kunst, etwa spie­le­risch die Sin­ne zu erfreu­en und zu berau­schen, dem Erha­be­nen und Idea­len eine Gestalt zu ver­lei­hen, den Men­schen über das All­zu­mensch­li­che und Ver­gäng­li­che zu erhe­ben. Dage­gen ist »Kunst« mitt­ler­wei­le zum Syn­onym für Mies­ma­che­rei, »Dekon­struk­ti­on«, »Gags«, Stüm­per­haf­tig­keit und öde Ego­trips gewor­den. Öffent­li­che Kunst ist heu­te Teil eines sub­ven­tio­nier­ten Psy­cho­kriegs gegen die Refu­gi­en der See­le. Die Kunst ist kei­ne see­li­sche Kraft­quel­le mehr, sie ist zum Feind über­ge­lau­fen, der dem Men­schen stän­dig zuflüs­tert, daß es kei­nen Gott gebe und er ein mise­ra­bles, zufäl­li­ges Stück Zell­ma­te­rie sei. Sein Bedürf­nis nach dem Schö­nen, Monu­men­ta­len und Idea­len ist von der Wer­bung kana­li­siert wor­den, denn als Kon­sum­an­reiz sind die­se Din­ge gera­de noch gut genug.

Der All­tag der Men­schen ist indes­sen nicht weni­ger lang­wei­lig, müh­sam und depri­mie­rend als frü­her; sie sel­ber sind nicht schö­ner, gesün­der, voll­kom­me­ner, mora­li­scher, unsterb­li­cher gewor­den. Hät­ten sie nicht die Fähig­keit, abzu­stump­fen und abzu­schal­ten, sie müß­ten sich nach jeder Fahrt in einer über­füll­ten, ver­dreck­ten U‑Bahn die Köp­fe ein­schla­gen. Je fein­füh­li­ger ein Mensch ist, um so mehr muß er sich gegen die ubi­qui­tä­ren Atta­cken abgren­zen: Jede Häß­lich­keit, jede Dumm­heit, jede Gemein­heit nagt an sei­ner See­le und Lebens­kraft, zer­mürbt sei­nen men­ta­len Schutzschild.

Ich stel­le mir nun all die müden und mür­ri­schen Arbeit­neh­mer vor, die früh­mor­gens mit der Wie­ner U‑Bahn zur Arbeit fah­ren und spät­abends wie­der zurück­keh­ren, gereizt und erschöpft, um sich dann in der Sta­ti­on »Muse­ums­quar­tier« von den dort aus­ge­han­ge­nen Blei­stift­zeich­nun­gen des Rudi Wach (geb. 1934) beläs­ti­gen las­sen zu müssen.

Aus der Pres­se­aus­sen­dung der Wie­ner Lini­en: »Die 18 span­nungs­ge­la­de­nen über­le­bens­gro­ßen Zeich­nun­gen wei­sen bereits auf die Ein­zig­ar­tig­keit die­ses Ortes hin. Auch für den durch­fah­ren­den Fahr­gast wird sofort klar, daß er sich hier in einem Brenn­punkt der Kunst befin­det, dem er sich nicht ent­zie­hen kann.« Das klingt nicht umsonst wie eine Dro­hung. Die Bil­der zei­gen gekrümm­te, düs­ter­schwar­ze Lemu­ren­ge­stal­ten mit klo­bi­gen, augen- und gesichts­lo­sen Schä­deln auf hals­lo­sen, wuls­tig-wel­ken Kar­tof­fel­wurst­kör­pern, mit gebrech­li­chen, ver­dreh­ten, ske­lett­dün­nen Glied­ma­ßen und rie­si­gen, vie­hi­schen Klau­en­hän­den und ‑füßen. All dies ist von solch ätzen­der, aus­ge­such­ter, durch­trie­be­ner Scheuß­lich­keit, daß es bei­nah schon bos­haft wirkt.

Die Figu­ren zei­gen kei­ne Spur von Vita­li­tät: sie sind rei­ne Kopf­ge­bur­ten, mau­se­tot, Gespens­ter, die um ihre eige­ne Lee­re krei­sen. Woll­te Wach mit die­sem Gru­sel­ka­bi­nett Angst, Dämo­nie, Ent­frem­dung dar­stel­len, wie Kubin, Bacon oder Giger? Weit gefehlt! Der Künst­ler selbst will damit nach eige­ner Aus­sa­ge dem »Wesen des Men­schen Gestalt geben«, der Zyklus nennt sich »Lauf der Geschöp­fe« und ist als eine Art mys­ti­sche Lob­prei­sung der Schöp­fung und »Ener­gie­feld der Kunst« gedacht: »Nichts ist so viel­fäl­tig und ein­zig­ar­tig wie das Lebendige.«

Das kann man von sei­ner mono­to­nen Fol­ge blut­lee­rer Figu­ren nicht gera­de sagen. Der »Ster­ben­de« etwa sieht nahe­zu iden­tisch aus wie der »Tan­zen­de«, der »Gaben­brin­gen­de«, die »Ver­füh­ren­de«, die »Bewußt­wer­dung« und der »Hir­te«: über­all die glei­chen Ges­ten, die glei­chen frei­schwe­bend abge­win­kel­ten Kör­per­hal­tun­gen und die glei­chen gro­tes­ken Lei­ber. Huma­no­ide, Pflan­zen und Tie­re sehen aus wie demi­ur­gisch hin­ge­knö­del­te Gedärm- und Hack­fleisch­skulp­tu­ren – Ekel­alp­träu­me wie aus einem Film von Lynch oder Cronenberg.

Wach hat es sogar geschafft, die Gestalt des Tie­res zu ver­häß­li­chen und jeg­li­cher Anmut zu berau­ben. Jeden Tag gehen Tau­sen­de Men­schen an die­sen »span­nungs­ge­la­de­nen« opti­schen Kör­per­ver­let­zun­gen vor­bei, und die meis­ten wer­den wahr­schein­lich gar nicht mehr hin­gu­cken. Zur Kunst pflegt der Mann auf der Stra­ße ohne­hin ein eher iro­ni­sches Ver­hält­nis, erst recht zur »zeit­ge­nös­si­schen«. Wer aber hin­guckt, kann zumin­dest fol­gen­des erken­nen: daß noch der optisch ver­un­glück­tes­te, lächer­lichs­te und stump­fes­te rea­le Mensch leben­di­ger, ein­zig­ar­ti­ger, »viel­fäl­ti­ger« und vor allem mehr »Geschöpf« ist als Rudi Wachs Spukgestalten.

Martin Lichtmesz

Martin Lichtmesz ist freier Publizist und Übersetzer.

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