Sezession
1. August 2012

Lissons Verachtung des Eigenen

Gastbeitrag

49pdf der Druckfassung aus Sezession 49 / August 2012

von Till Kinzel

In seinem neuen Buch über Die Verachtung des Eigenen. Ursachen und Verlauf des kulturellen Selbsthasses in Europa stellt der Berliner Kulturphilosoph Frank Lisson die Frage nach den Ursachen des Untergangs einer Kultur.

Er fragt aber auch nach den Ursachen dafür, warum eine bestimmte Kultur, die nach der von Griechen und Römern geprägten antiken Welt entstand und die er mit einer gewissen Idiosynkrasie die abendländische nennt, eine weltweit einzigartige Dynamik entfaltet hat. Weiter fragt er, warum diese Kultur heute der Vergangenheit angehöre, da sie sich nämlich seiner These nach in eine Zivilisation verwandelt habe. Sein Thema ist, kurz gesagt, der Untergang des Abendlandes im Sinne Oswald Spenglers, mit dessen Denken sich Lisson intensiv auseinandergesetzt hat (Oswald Spengler. Philosoph des Schicksals, Schnellroda 2005). Fürwahr keine Kleinigkeit!

Bereits diese Fragestellungen zeigen, daß Lisson in seiner Kulturphilosophie aufs Ganze geht. Aufs Ganze zu gehen ist das vornehmste Recht der Philosophie, und dieses Recht nimmt Lisson für sich in Anspruch, wenn er als freier Geist im Sinne Nietzsches und Schopenhauers spricht. Lisson versteht sich als Denker außerhalb des akademischen juste milieu, in dem man allzumeist nicht aufs Ganze blickt, sondern auf das Detail, die Reputation und die Drittmittelanschlußfähigkeit – und alles meist im Rahmen einer wie auch immer näher zu bestimmenden politischen Korrektheit. Damit knüpft Lisson ebenso wie mit seiner Diagnose, wir lebten heute »nach den Kulturen«, an seinen kulturphilosophischen Entwurf Homo Absolutus (2008) an. Während aber dieses Buch eine eher kaleidoskopische Form hat und aus teils längeren »Aphorismen« im Stile Nietzsches besteht, unternimmt Lisson nun in Die Verachtung des Eigenen den Versuch einer systematischeren Analyse und bietet eine Erzählung davon, wie es zu dem so eigenartigen Selbsthaß kommen konnte, der seiner Meinung nach unsere nachkulturelle Welt präge.

Aus dem philosophischen Interesse am freien Denken heraus verweigert sich Lissons Kulturkritik auch einer gegenläufigen Dogmatisierung, die auf eine politische Korrektheit von rechts hinauslaufen würde. Nun könnte man meinen, daß eine solche nach Lage der Dinge ohnehin nicht zu erwarten ist – doch eine solche rechte politische Korrektheit wäre Lisson, das darf man wohl sagen, im letzten ebenso zuwider wie eine linke Hegemonie. Lisson will und sucht den geistigen Streit um das Wesentliche – zu Recht, weil Auseinandersetzung und radikale Kritik in der Sache selbst ein Prinzip abendländischer Geistigkeit darstellen.

Weil es Lisson um die großen Zusammenhänge geht und die Darstellung des kulturellen Selbsthasses zugleich auch eine Wertung einschließt, ist jede Kritik seiner Darstellung vor ein großes Problem gestellt. Denn einerseits könnte sie sich daranmachen, im Detail zu zeigen, was an der Analyse stimmt und was nicht; sie könnte andererseits aber auch das Hauptaugenmerk darauf legen, ob die Analysen Lissons im großen und ganzen stimmig sind. Zuletzt wird man aber auch fragen müssen, ob man den Wertungen Lissons, die teils implizit und teils explizit vorgetragen werden, zustimmen kann oder soll. Es ist an diesem Punkt, daß sich die Geister scheiden werden – und darin liegt der Hauptwert des Buches von Lisson.

Jede Analyse des Abendlandes und seines Schicksals kommt nicht umhin, die Diagnose Nietzsches ernst zu nehmen, die einen engen Zusammenhang von Abendland, Tod Gottes und Nihilismus erkannte oder herstellte. Wie etwa Carlo Gentili herausgearbeitet hat, sind für Nietzsche abendländische Tradition und Nihilismus im Grunde Synonyme (Nietzsches Kulturkritik zwischen Philologie und Philosophie, Basel 2010, S. 204). Daraus folgen auch für Lisson entscheidende Weichenstellungen im Denken: Weil auch das Christentum als essentieller Bestandteil des sogenannten Abendlandes in letzter Instanz mit dem Nihilismus im Sinne Nietzsches in eins fällt, kann die Krise des Abendlandes auch nicht durch einen Sprung zurück ins Christentum behoben oder abgewendet werden. Der Untergang des Abendlandes, den Nietzsches »Schüler« Spengler und mit ihm Frank Lisson diagnostiziert, ist in dieser Perspektive eine Tatsache, an der es nichts zu deuteln und im Grunde auch nichts zu ändern gibt. Er ist nämlich nicht nur eine Tatsache unter anderen, sondern unabwendbares Schicksal.


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