Sezession
1. August 2012

Schwierige Lektüre? Eine Replik

Gastbeitrag

49pdf der Druckfassung aus Sezession 49 / August 2012

von Frank Lisson

Wenn ein Autor in seinen Werken dermaßen mißverstanden wird, wie es mir sowohl mit dem Homo Absolutus als auch – und noch mehr – mit der Verachtung des Eigenen bisher erging, muß er sich fragen, woran das liegt: Hat er es nicht vermocht, seine Stoffe dem Leser verständlich zu machen – oder ist der Leser nur nicht bereit, auf die Stoffe einzugehen, weil er gar nicht liest, was dort steht, sondern bloß, was er lesen will?

Daß letzteres durchaus und nicht eben selten vorkommt, zeigt ein vermessener Blick auf die Rezeptionsgeschichte einiger derjenigen Philosophen, zu denen ich eine gewisse geistige Nähe empfinde; man verzeihe mir die Unbescheidenheit dieses Vergleichs: Montaigne wurde als Skeptiker erst im 18. Jahrhundert wahrgenommen, La Mettrie blieb wegen seines Materialismus über ein Jahrhundert lang verketzert und ungelesen, Stirner galt lange als Anarchist, Kierke­gaard bloß als christlicher Schriftsteller, bis man ihn knapp hundert Jahre nach seinem Tod endlich »existentialistisch« zu lesen begann, bei Schopenhauer witterte man lange »dilettantische Willkür« und in Nietzsche wollte man bis 1890 nur den Schüler Schopenhauers mit »extrem aristokratischen Ansichten« sehen, der »überhaupt die Sittlichkeit« leugne; von Spengler, der seinen Erfolg bis heute vor allem einem großen Mißverständnis zu verdanken hat, ganz zu schweigen – sie alle wurden kaum oder erst sehr spät gelesen, vorschnell abgeurteilt oder auf ein bis zwei Begriffe reduziert.

Wie die Rezension von Till Kinzel einmal mehr zeigt, scheint es unmöglich zu sein, aus dem Schatten der Großen herauszutreten, sofern man mit Termini operiert, die von diesen ebenfalls benutzt wurden. Dabei wirkt die Suggestion solcher Schlagworte offenbar derart, daß sie den Blick auf eben jene Begriffe verengt, selbst wenn diese im behandelten Text gar nicht vorkommen! So ist bei Kinzel immer wieder von »Untergang«, »Dekadenz«, »Schicksal« zu lesen – Begriffe, die man in meinem Buch entweder gar nicht (Dekadenz) oder kaum, und wenn, in einem anderen Kontext findet.

Angesichts der zahlreichen und heterogenen Aspekte (siehe abgedrucktes Inhaltsverzeichnis), die ich in Die Verachtung des Eigenen zur Erklärung des Phänomens in einen Zusammenhang zu bringen versuche, wundert mich die Reduktion auf ein paar Reizthemen, wodurch sämtliche Feinheiten, von denen das Buch lebt, verdeckt bleiben. Da werden aus einem großen Mosaik drei, vier Steinchen herausgenommen, die man schon einmal in einem anderen Bild gesehen hat, und in eben jenen gewohnten Kontext gestellt. Man schließt also anhand dieser Steinchen auf das bereits bekannte Bild, das man in sich trägt, obwohl die Steinchen als Bestandteile eines neuen Mosaiks etwas ganz anderes darstellen. Somit entgeht dem Betrachter die Imagination des Ganzen, da sein Blick an einzelnen Steinchen hängenbleibt. Hier also der Versuch einer Klarstellung im einzelnen und der Reihe nach:


 Gastbeitrag

  • Sezession

Nichts schreibt sich
von allein!

Das Blog der Zeitschrift Sezession ist die wichtigste rechtsintellektuelle Stimme im Netz. Es lebt vom Fleiß, von der Lesewut und von der Sprachkraft seiner Autoren. Wenn Sie diesen Federn Zeit und Ruhe verschaffen möchten, können Sie das mit einem Betrag Ihrer Wahl tun.

Bitte überweisen Sie auf das Konto:

Verein für Staatspolitik e.V.
IBAN: DE86 5185 0079 0027 1669 62
BIC: HELADEF1FRI

Oder nutzen Sie paypal:

Kommentare (0)

Für diesen Beitrag ist die Diskussion geschlossen.